selpers - Mit der Erkrankung am Leben teilnehmen. Was ich für mich tun kann.

Selbst aktiv werden

Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Ihre Gesundheitsrisiken und ihr Gesundheitsverhalten unterscheidet sich jedoch deutlich von dem der Männer. selpers möchte den Oktober zum Anlass nehmen, Sie in unserem Blog rund um das Thema Frauengesundheit zu informieren.

Den Beginn macht hierbei ein Interview mit Claudia Petru, Vorsitzende der Frauen- und Brustkrebshilfe Österreich, über Brustkrebs und das, was betroffene Frauen brauchen.

selpers: Frau Petru, Brustkrebs ist ja eine sehr häufige Frauenkrebsart. Wie viele Frauen sind davon betroffen?

Frau Petru: Man kann in Österreich im Groben sagen, dass jede achte Frau irgendwann im Leben die Diagnose Brustkrebs erhält.

selpers: Wer ist besonders gefährdet, Brustkrebs zu bekommen?

Frau Petru: Wie bei vielen Krebserkrankungen hat es etwas mit dem Alter zu tun. Ab dem 50. Lebensjahr ist die Zunahme dieser Krankheiten deutlich höher als in jüngeren Jahren. Aber es gibt natürlich auch junge Frauen, die betroffen sind, die jüngste, von der ich weiß, ist 19 Jahre alt. Das bleibt uns natürlich stärker im Gedächtnis, in der Mehrzahl sind es aber ältere Frauen. Das ist der eine Faktor. Dann gibt es aber noch weitere Risikofaktoren: Frauen, die früh ihre erste Periode bekommen und spät die letzte, bei denen sich also hormonell über lange Zeit viel tut, sind gefährdet. Auch Frauen, die keine Kinder bekommen. Der Faktor Übergewicht ist auch ein Thema. Ein Teil der Fälle ist auch genetisch bedingt. Und – last but not least – spielt auch das Thema Ernährung eine wichtige Rolle.

selpers: Daraus leiten sich schon verschiedene Maßnahmen ab, mit denen man vorbeugen könnte, oder?

Frau Petru: Genau! Übergewicht abbauen, sich gesund ernähren, nur wenig Alkohol trinken, sich bewegen, das sind die wichtigsten Faktoren.

selpers: Wie unterstützt die Frauenkrebshilfe als Patientenorganisation die Betroffenen? Was bieten Sie an?

Frau Petru: Wir wollen die Selbstverantwortlichkeit jeder Person stärken, das ist unser oberstes Gebot. Das Wissen um die Krankheit und um Dinge, die damit zusammenhängen, muss an die Betroffenen und ihre Angehörigen herangetragen werden. Dazu veranstalten wir 14-tägig Informationsveranstaltungen zu unterschiedlichen Themen. Weil wir wissen, dass Gesundheit nicht ausschließlich von der Medizin abhängt, sondern auch das Umfeld, soziale Kontakte und andere Faktoren eine Rolle spielen, sind wir dabei sehr breit aufgestellt.

Wir hatten zum Beispiel mal ein Lachyogaseminar, wir haben mal eine Mentaltrainerin zu Gast oder eine Psychologin, einen Bewegungstrainer und so weiter. Wir versuchen, das hochzuhalten, was uns stärkt, statt immer auf die Schwächen zu schauen. Dann versuchen wir, den Betroffenen in einer Krise zur Seite zu stehen. Wir bieten ernährungstherapeutische und soziale Unterstützung und helfen aber auch bei der Beratung: Wie beantragt man einen Behindertenstatus oder eine vorübergehende Invaliditätspension zum Beispiel. Dann versuchen wir auch im kleinen Rahmen ganz praktisch zu helfen, wenn jemand zum Beispiel dringend eine Waschmaschine braucht und sie sich nicht leisten kann, oder jemand braucht ein Tablet, weil er so oft im Krankenhaus sein muss. Solche kleinen Möglichkeiten, mit denen wir den Menschen schöne Stunden bereiten können, unterstützen wir ganz konkret.

Und dann gibt es noch die Menschen, die eine Aufgabe brauchen. In den ersten sechs oder neun Monaten hat man als Brustkrebspatientin ein volles Programm mit Untersuchungen und Behandlungen. Manche können dann in den Job zurückkehren, bei anderen funktioniert das nicht mehr oder sie sind vielleicht sowieso schon aus dem Job draußen. Wir haben oft Frauen, die nach einer Erkrankung nach einem Sinn suchen. Das alte Leben gibt es nicht mehr, man ist um viele Erfahrungen reicher geworden. Aber diese müssen erst mal eingeordnet werden, das Vertrauen in den eigenen Körper muss wiederhergestellt werden und man muss zu einem neuen Leben finden. Mit anderen Betroffenen zusammen zu sein und über diese Probleme zu reden, kann dann sehr hilfreich sein.

selpers: Was bedeutet es heute für eine Frau, wenn sie eine Brustkrebsdiagnose bekommt? Wie gut ist das behandelbar?

Frau Petru: Brustkrebs ist eine Krebsart, bei der es im Vergleich zu anderen Krebs-Arten einen unglaublichen Fortschritt gibt. Nahezu halbjährlich tut sich eine neue Therapieoption  auf, sodass dieser Krebs im Vergleich zu anderen sehr gut behandelbar ist. Trotzdem ist es für eine Frau natürlich ein gewaltiger, dramatischer Einschnitt ins Leben.

selpers: Was wollen Sie Frauen mitgeben? Was ist hilfreich, wenn man eine Brustkrebsdiagnose bekommt?

Frau Petru: Ich möchte ihnen sagen, dass es weitergeht. Die Diagnose Krebs hatte vor 20, 30 Jahren eine andere Dimension als heute. Und dass man selbst etwas beitragen kann, das ist wichtig. Die Person im weißen Kittel ist nicht die, die einen heilen wird. Man muss auch selbst aktiv werden. Den einen Part für die Gesundung hat die Medizin und der zweite, mindestens so große Part der Behandlung liegt in uns selbst. Den gilt es zu wecken.

Wir danken für das Gespräch.

Claudia Petru, MPH
Vorsitzende der Frauenkrebshilfe
Diätologin

Interview wurde geführt von:  Birgit Oppermann.

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