Welche Arten von Erhaltungstherapie gibt es bei Eierstockkrebs und warum sind sie wichtig?
Ja, Erhaltungstherapie ist extrem wichtig. Wir sind froh, dass wir seit einigen Jahren beim fortgeschrittenen Eierstockkrebs Erhaltungstherapien anbieten können. Es ist hier wichtig, bei der Ersterkrankungs-Situation, der fortgeschrittenen Erkrankung, die drei Säulen der Therapie, die Operation, die Chemotherapie und eben auch die Erhaltungstherapie zu nennen.
Für die Erhaltungstherapie gibt es zwei verschiedene Wirkstoffgruppen. Einmal ganz wichtig, ein Antikörper , der die Gefäßneubildung beeinflusst. Und hier ist es so, dass man dieses Präparat, was über die Vene gegeben wird, typischerweise alle drei Wochen schon parallel zur Chemotherapie geben sollte und anschließend dann, nach Abschluss der sechs Zyklen Chemotherapie, gibt es eine Fortführung der alleinigen Antikörpertherapie für insgesamt 15 Monate.
Es gibt aber erfreulicherweise auch – was ein Meilenstein ist, in der Systemtherapie und was die Erhaltungstherapie anbelangt – die sogenannten PARP-Inhibitoren , die PARP-Hemmer. Was heißt das? Das sind Tabletten, typischerweise sehr gut verträglich, die Enzyme, bestimmte Proteine hemmen und die DNA-Reparatur beeinflussen. Die Erfolgsgeschichte dieser PARP-Inhibitoren hat begonnen bei Patienten, die eine BRCA1 oder 2 Mutation haben, weil sich hier eine fulminante Verbesserung des Gesamtüberlebens gezeigt hat, bei eben erfreulicherweise auch sehr, sehr guter Verträglichkeit. Und hier ist wichtig, dass man diese Tabletten, diese PARP-Inhibitoren nicht parallel zur Chemotherapie geben sollte, sondern erst nach Abschluss der Chemotherapie. Und in der Erstliniensituation haben wir hier drei verschiedene Möglichkeiten der PARP-Inhibitoren, mit unterschiedlicher Länge der Therapie – 2 bis 3 Jahre, je nach Präparat. Hier ist auch nochmal wichtig, dass Patienten auch die Möglichkeit einer Kombination dieser Antikörpertherapie mit dem PARP-Inhibitor haben. Da ist aber wichtig, dass diese Kombination von beiden Präparaten nur dann zugelassen ist, wenn Patienten eine BRCA1 oder 2 Mutation haben oder wenn eine HRD-Positivität vorliegt.
Wie sieht ein typischer Tag mit einer Erhaltungstherapie bei Eierstockkrebs aus?
Ein typischer Tag mit Erhaltungstherapie beim Eierstockkrebs kann natürlich sehr individuell sein. Es hängt davon ab, was die Patientinnen für eine Erhaltungstherapie bekommen. Wenn sie eben eine Antikörpertherapie bekommen, dann wird diese Infusion alle drei Wochen gegeben. Das heißt, wenn gerade dieser Tag ansteht, dass sie dann in eine Praxis gehen oder eben ins Krankenhaus, um die Infusion zu bekommen, sind sie dann sozusagen unter ärztlicher Aufsicht. Wenn ich nun eine Erhaltungstherapie mit Tabletten mache, dann kommt es natürlich drauf an, wird es kombiniert mit dem Antikörper, wo dann letztendlich natürlich auch das gleiche Management ist? Wenn ich „nur“ diese Tabletten, diese PARP-Inhibitoren gebe, muss ich mir im Klaren sein – starte ich das erste Mal mit dieser Therapie- dann muss man sich am Anfang engmaschiger beim Arzt vorstellen. Da empfehlen wir in den ersten vier Wochen wöchentlich kurz zum Arzt zu gehen, dass man sich austauscht: Wie ist die Verträglichkeit? Wie geht es mir? Wenn jemand, gerade in der Rezidiv-Situation, über viele Jahre unter dieser Therapie ist, dann ist natürlich klar, dass man dann bei guter Verträglichkeit die Abstände, in denen sich die Patienten beim Arzt direkt wieder vorstellen, auch nochmal strecken kann, dann auch bis zu drei Monate. Uns ist wichtig, dass man darüber spricht, wie bedeutend diese Erhaltungstherapie ist, weil wir zeigen konnten, dass das progressionsfreie Überleben signifikant damit verlängert werden konnte. Und deswegen ist es so wichtig, dass man natürlich auch „bei der Stange bleibt“. Und wichtig ist mir auch, dass man möglichst wenig in einer Praxis, in einem Krankenhaus ist und dass man seinen normalen Alltag eben möglichst so gestaltet, möglichst wenig an die Erkrankung zu denken.
Wie kann ich die Erhaltungstherapie gut in meinen Alltag integrieren?
Also ich denke ganz wichtig – gerade bei einer Tablettentherapie – ist, dass man daran erinnert wird, dass man eben immer zur gleichen Zeit eine bestimmte Routine hat. Viele Patienten sagen, sie nutzen ihr Smartphone, dass sie sich auch Mal „einen Wecker stellen“, dass sie es eben nicht vergessen. Ganz wichtig ist eben: Sollte es doch Mal vergessen werden, dass man dann nicht sagt, am nächsten Tag nehme ich dann zwei, sondern dass man dann natürlich am nächsten Tag wieder zur geeigneten Zeit weitermacht. Auch natürlich nochmal entscheidend: Dass man letztendlich diese Therapie auch annimmt, dass man sagt: wie kann man sie dementsprechend in den täglichen Alltag integrieren? Ja, dass man bestimmte Abläufe hat – also so eine Erinnerung, bei der man dementsprechend dran denkt, bei der man eben vielleicht vorm Zubettgehen bestimmte Rituale hat, sodass man dann die Tabletten nicht vergisst. Das ist natürlich wesentlich einfacher bei einer Therapie, die über die Vene gegeben wird. Da muss ich dann natürlich logischerweise zum Arzt gehen, um mir das geben zu lassen. Also es ist natürlich klar, dass damit auch eine bessere Überwachbarkeit hat: Ist der Patient, ist die Patientin gekommen und ist es dann letztendlich auch verabreicht worden? Aber da ist mir auch besonders wichtig, dass man im engen Kontakt ist. Wenn Mal ein Urlaub ansteht, wenn eine Familienfeier ansteht, dass man auch darüber sprechen kann und diese geplanten Abstände wie bei der Infusionstherapie, diese drei Wochen, auch Mal eine Woche verschieben kann. Wichtig ist die Lebensqualität, dass man da einfach schöne Ereignisse, Urlaub oder ein besonderes Ereignis, eine Familienfeier oder ein Event einplant. Und es ist für die Psyche extrem wichtig.
Wie gehe ich mit unvorhergesehenen Ereignissen im Tagesablauf um?
Ja, wie gehe ich denn damit um – was ja zwangsläufig früher oder später auftritt, bei einer langen Therapie – wie geht man mit unvorhergesehenen Ereignissen um: Termine, Müdigkeit, Mattigkeit, Fatigue ? Ganz klar, dass man schauen sollte: Ist es nur ein kurzzeitiges Ereignis? Dann kann man die Therapie sicherlich auch Mal kurzzeitig pausieren. Aber wichtig ist, dass man dann eben mit dem Arzt oder der Ärztin spricht: Was sind die Probleme? Wie kann ich sie optimieren? Was kann man unterstützend tun, manchmal mit Medikamenten, aber manchmal – Stichwort Müdigkeit – ist es auch gut, sportlicher Aktivität, körperlicher Betätigung, Yoga und Hobbys nachzugehen, sich mit Freunden zu treffen, mit Familienangehörigen. Letztendlich sollte das Ziel sein, gerade in der Erhaltungstherapie, dass man so wenig wie irgend möglich an die Erkrankung denkt und nur so kurzzeitig wie irgend möglich aus seiner Routine herausmuss, und sich dann eben zu den Kontrollterminen beim Arzt, der Ärztin vorstellt.
Hier geht es zum Video-Interview: „Erhaltungstherapie bei Eierstockkrebs im Alltag“