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Kurs Hämophilie verstehen: Lektion 4 von 5

Vererbung von Hämophilie

Video Transkript

Wie kommt es zu Hämophilie?

Die Hämophilie ist eine klassische vererbte Erkrankung, bei der das Faktor-VIII- beziehungsweise Faktor-IX-Gen, das am X-Chromosom lokalisiert ist, verändert ist. Das kann nur ein Austausch einer Aminosäure sein, es kann aber auch ein Fehlen eines Stücks des Gens sein oder ein falscher Abschreibemodus, ein verkehrter, das ist zum Beispiel eine häufige Veränderung. Es ist eine klassische genetische X-chromosomal gebundene Erkrankung.

Warum betrifft die Erkrankung in der Regel nur Jungen bzw. Männer?

Die genetische Eigenschaft ist auf dem Faktor-VIII- und Faktor-IX-Gen lokalisiert, und diese Gene wiederum sind auf dem X-Chromosom, auf dem weiblichen Geschlechtschromosom lokalisiert. Da Männer und Jungen nur ein X Chromosom haben, wird diese Erkrankung bei hauptsächlich Männern und Burschen manifest.

Können auch Frauen an Hämophilie erkranken?

Im Prinzip können auch Frauen an Hämophilie erkranken, wenn zum Beispiel der Vater ein Hämophilie-Patient ist und die Mutter eine Überträgerin. Aber Sie können sich schon vorstellen: Hämophilie ist eine seltene Erkrankung. Also dass noch dieser Zufall eintritt, das ist äußerst selten. Es gibt wenige Frauen mit Hämophilie. Aber sie sind sehr selten.

Was es aber schon zu beachten gibt, ist, dass Überträgerinnen auch verminderte Faktoren haben können und damit ein Bild ähnlich einer leichten Bluterkrankheit.

Was sind Überträgerinnen und worauf müssen diese achten?

Überträgerinnen sind die Frauen, die auf einem X-Chromosom die, ich möchte es so bezeichnen, Eigenschaft „Hämophilie“ tragen. Und wenn dann der Zufall es will, dass dieses X-Chromosom an einen Jungen weitergegeben wird, dann tritt bei dem Kind eine Hämophilie auf.

Die Patientinnen, die eigentlich keine sind, sondern sie sind Überträgerinnen, können aber eine Verminderung der Faktoren VIII oder IX haben und damit auch ein Bild, das dem Bild der leichten Hämophilie sehr ähnlich ist, nämlich Blutungen nach Operationen oder Verletzungen.

Was ist bei einer geplanten Schwangerschaft zu beachten?

Bei einer geplanten Schwangerschaft ist zu beachten, dass die betroffene Frau einmal weiß, ob sie Überträgerin ist oder nicht. Und sie sollte selbstverständlich auch wissen, welche Form der Hämophilie überhaupt in der Familie vorhanden ist — ist es eine leichte Form, oder ist es eine schwere Form? Das ist für die Entscheidung sehr wichtig.

Wenn die Überträgerin selbst eine Faktoren-Verminderung hat, ist für die Frau selbst es wichtig, die Faktoren-Messung vor der Geburt zu machen.

Und es ist auch wichtig, dass die Frau und ihr Partner sich überlegen, wie sie eventuell mit einem hämophilen Kind umgehen möchten, ob sie überhaupt eine vorgeburtliche Diagnostik möchten, ob sie eine Sicherung dieser Diagnose möchten, oder ob sie einfach ein Kind akzeptieren, unabhängig ob eine Diagnose „Hämophilie ja oder nein“ vorliegt.

Vererbung von Hämophilie auf den Punkt gebracht

Hämophilie ist eine klassische X-chromosomale Erkrankung, und es sind hauptsächlich oder fast ausschließlich Jungen und Männer betroffen, da sie ja nur ein X-Chromosom haben.

Wichtig für eine Schwangerschaft ist, dass sich die Überträgerin über ihren Status als Überträgerin bewusst ist und dass eine bewusste Entscheidung für eine vorgeburtliche Untersuchung gefällt wird, möglichst schon vor einer Schwangerschaft, aber dann zumindest in der ersten Phase der Schwangerschaft.

Und für die Überträgerin ist sehr wichtig: Sie sollte wissen, dass auch sie eine leichte Verminderung von Faktor VIII oder Faktor IX haben kann und damit auch Blutungen nach bestimmten Situationen, zum Beispiel Operationen.

„Vererbung von Hämophilie“ ist eine Initiative von Octapharma. In dieser Lektion erfahren Sie, wie Hämophilie übertragen wird, wer die Hauptbetroffenen sind und worauf Sie bei einer Schwangerschaft achten müssen. Octapharma legt als weltweit tätiges Familienunternehmen großen Wert darauf an Gesundheitslösungen zu arbeiten, die das Leben von Menschen verbessern und für mehr Lebensqualität sorgen.

Chromosomal verursachte Hämophilie

Der genetische Defekt liegt bei der Hämophilie auf dem X-Chromosom. Besitzt eine Mutter ein krankes X-Chromosom, so besteht ein 50-prozentiges Risiko, dass ihre Söhne ebenfalls erkranken. Die männlichen Nachkommen hämophiler Väter sind hingegen alle gesund, da sie ausschließlich das gesunde Y-Chromosom erhalten und nicht das kranke X-Chromosom. Die Töchter an Hämophilie erkrankter Väter bekommen alle das betroffene X-Chromosom. Erhalten sie zusätzlich aber ein zweites gesundes X-Chromosom von ihrer Mutter, erkranken sie meist in milderer Ausprägung an Hämophilie. Da sie zeitlebens das veränderte X-Chromosom vom Vater in sich tragen, können sie dieses an ihre Söhne weitergeben. Sie werden daher als Überträgerinnen (Konduktorinnen, „Carrier“) bezeichnet. Der Schweregrad der Hämophilie wird innerhalb einer Familie konstant weitervererbt. Hat ein Großvater die leichte Form der Hämophilie, wird auch sein Enkel die leichte Form haben, während die Nachkommen schwerer Hämophiler ebenfalls an der schweren Ausprägung leiden. Die Töchter hämophiler Männer sind alle Konduktorinnen. Ihre Nachkommen haben eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, als Junge an Hämophilie zu erkranken bzw. als Mädchen Überträgerin zu sein. Allerdings können auch Konduktorinnen bei Operationen und Verletzungen zu stärkeren Blutungen neigen. Ebenso sind verstärkte Regelblutungen und Blutungskomplikationen nach der Entbindung möglich. Die Ausprägung dieser Blutungsneigung ist von der individuellen Höhe der Faktor-Konzentration im Blut der Überträgerin abhängig. Sehr oft wird eine Hämophilie A oder B bei einem Kind diagnostiziert, ohne dass die Mutter Konduktorin ist. In diesen Fällen ist die Veränderung der Erbsubstanz (Mutation) neu entstanden. Bei Hämophilie A tritt eine solche Spontanmutation in der Hälfte aller Fälle auf.

Erworbene Hämophilie

Die erworbene Hämophilie ist relativ selten und tritt meist in hohem bis sehr hohem Alter auf. Sie resultiert aus immunologischen Vorgängen und betrifft Schätzungen zufolge jährlich rund 1,5 von einer Million Menschen. Allerdings leiden diese Patienten häufig unter sehr schweren Blutungen, wodurch ihre Sterblichkeitsrate um acht bis 22 Prozent erhöht ist. Die spontanen Blutungen betreffen meist die Haut, die Schleimhäute, die Weichteile und das Muskelgewebe. Blutungen in die Gelenkzwischenräume sind hingegen verhältnismäßig selten. Die Hauptursache für die erworbene Hämophilie liegt in der Entwicklung von Autoantikörpern gegen den Gerinnungsfaktor VIII, beispielsweise infolge von Krebserkrankungen.

Warum betrifft die Hämophilie fast keine Mädchen beziehungsweise Frauen?

Die Gefahr für eine Hämophilieerkrankung bei Mädchen besteht dann, wenn der Vater ein Hämophiliepatient ist und die Mutter Überträgerin. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Spontanmutation im X-Chromosom des Vaters bei einer Carrier-Mutter. Unter diesen speziellen Umständen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Tochter von ihrer Mutter das merkmalstragende X-Chromosom erhält und somit selbst Bluterin wird, bei 50 Prozent. Allerdings ist diese Konstellation äußerst selten, sodass es nur vereinzelte, unzureichend dokumentierte Fälle der Hämophilie bei Frauen gibt. Eine weitere, ebenfalls seltene Möglichkeit, als Frau an Hämophilie zu erkranken, besteht im Zusammenhang mit dem Turner-Syndrom, bei dem nur ein X-Chromosom vorhanden ist, oder in einer partiellen oder vollständigen Inaktivierung des gesunden X-Chromosoms. Entscheidet sich eine Konduktorin für eine Schwangerschaft, ist ein guter Kontakt zwischen Hämostaseologe und Geburtshelfer wichtig. Sind bei ihr die Gerinnungsfaktoren vermindert, ist es wichtig, vor der Geburt des Kindes die vorliegende Menge an Faktor zu bestimmen. Sind Sie Hämophiliepatient oder Überträgerin besteht bei Kinderwunsch ein Anspruch auf eine ausführliche Beratung durch einen Hämophilie-Spezialisten. Dieser informiert Sie über die Risiken für das Kind und leitet gegebenenfalls Maßnahmen für eine komplikationslose Entbindung ein. Außerdem können Sie mit ihm besprechen, ob bereits pränatal abgeklärt werden soll, ob das Kind betroffen ist.

Inhalte wurden in Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Dr. Pabinger-Fasching entwickelt: Stand Jänner 2017

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