Die Diagnose eines niedriggradigen Glioms wirft oft viele Fragen auf. Um gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam die nächsten Schritte zu planen, sollten Sie gut über Ihre Erkrankung und die möglichen Therapieformen informiert sein.
Einleitung durch OÄ Dr.in Bernadette Calabek-Wohinz
Mein Name ist Bernadett Calabek-Wohinz. Ich bin Neurologin am Universitätsklinikum St. Pölten und auf das Fachgebiet der Neuroonkologie spezialisiert. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen behandle ich Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen die Behandlungsmöglichkeiten bei niedriggradigen Gliomen näherbringen – einschließlich der potenziellen Nebenwirkungen und der verschiedenen Therapieoptionen, die uns zur Verfügung stehen.
Hier geht es zur Einleitung des Kurses: „Niedriggradige IDH-mutierte Gliome behandeln“
Behandlungsmöglichkeiten bei Gliomen
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei niedriggradigen Gliomen?
Niedriggradige Gliome fallen in die Klassifikation der diffusen Gliome vom adulten Typ. Darüber werden wir heute sprechen, insbesondere über die sogenannten Astrozytome oder Oligodendrogliome Grad II, die anhand einer bestimmten Mutation klassifiziert werden, auf die ich später im Zusammenhang mit der zielgerichteten Therapie noch eingehen werde. Darüber hinaus kann man diese Gliome auch danach unterteilen, ob bestimmte Chromosomenverluste vorliegen oder nicht. Der erste wichtige Schritt in der Behandlung von Gliomen ist die Operation. Dabei wird beurteilt, ob eine vollständige Resektion , eine Teilresektion oder lediglich eine Biopsie möglich ist. Im Anschluss wird im interdisziplinären Tumorboard entschieden, ob eine Strahlen- oder Chemotherapie oder auch eine zielgerichtete Therapie, zum Beispiel mit dem Medikament Vorasidenib, begonnen werden soll oder kann.
Wie schnell nach der Diagnose sollte die Behandlung beginnen?
Wie schnell eine Behandlung bei niedriggradigen Gliomen nach der Diagnosestellung, also nach der Operation, erfolgen sollte, hängt unter anderem von bestimmten Risikofaktoren ab. Zu diesen Risikofaktoren zählen unter anderem das Alter der Patientinnen und Patienten, der neurologische Status beziehungsweise die neurologische Klinik und Symptomatik, der Allgemeinzustand sowie das Vorliegen einer sogenannten therapierefraktären Epilepsie. Bei einer eher niedrigen Risikostufe – etwa bei einem Alter unter 40 Jahren und einem sehr guten neurologischen Zustand sowie Allgemeinzustand – kann mit einer weiterführenden Therapie noch zugewartet werden. Mit Vorasidenib, einer neuen zielgerichteten Therapie gegen die IDH-Mutation, kann nach der Operation auch unmittelbar mit dieser Behandlung begonnen werden, sodass eine Strahlen- und Chemotherapie zunächst zurückgestellt werden kann. Bei älteren Patientinnen und Patienten, die bereits neurologische Verschlechterungen oder Defizite aufweisen, unter einer therapierefraktären Epilepsie leiden und bei denen ein großer Tumorrest besteht, sollte im interdisziplinären Tumorboard die Empfehlung für eine Strahlen- und nachfolgende Chemotherapie besprochen werden.
Was ist das Ziel der Therapie bei einem niedriggradigen Gliom?
Niedriggradige Gliome sind letztlich eine Erkrankung des gesamten Gehirns, da die Tumorzellen auch nach einer sehr gelungenen vollständigen Resektion mikroskopisch weiterhin vorhanden sind und in das umliegende Gehirngewebe infiltrieren. Ziel der Therapie bei niedriggradigen Gliomen ist es, das Tumorwachstum beziehungsweise die Ausbreitung der Tumorzellen zu verhindern und die Erkrankung über viele Jahre möglichst stabil zu halten. Auch nach einer optimal verlaufenen Resektion verbleiben mikroskopisch Tumorzellen im Gehirn. Das diffuse Gliom ist dadurch gekennzeichnet, dass es das Gehirn flächig infiltriert, weshalb eine vollständige Entfernung aller Tumorzellen niemals möglich ist. Aus diesem Grund kann es, wenn keine weiterführende Therapie eingeleitet wird, zu erneutem Tumorwachstum kommen. Im Vordergrund steht daher die Stabilisierung des Tumorgeschehens, sodass die Erkrankung letztlich als chronische Erkrankung betrachtet werden kann.
Wie unterscheidet sich die Behandlung je nach Stadium bzw. je nach Art des Glioms?
Die Behandlung unterscheidet sich danach, ob es sich in erster Linie um ein Grad-II- oder ein Grad-III-Gliom handelt. Bei einem Grad-III-Gliom wird in der Regel eine Therapie mit Strahlen- und Chemotherapie begonnen beziehungsweise empfohlen. Bei einem Grad-II-Tumor wird zunächst beurteilt, wie es dem Patienten geht, wie alt er ist, ob während der Operation ein gutes Resektionsausmaß erzielt werden konnte, ob neurologische Symptome vorliegen und ob es vertretbar ist, mit einer weiterführenden Therapie nach der Operation zunächst zuzuwarten. Sollte der Tumor in den darauffolgenden bildgebenden Verlaufskontrollen eine Progression, also ein Fortschreiten, zeigen, wird eine Therapie eingeleitet – insbesondere dann, wenn zuvor außer der Operation noch keine weitere Behandlung erfolgt ist.
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Wahl der Therapie bei Gliomen
Wie wird entschieden, welche Therapie die richtige für mich ist?
Welche Therapie für Patientinnen und Patienten mit niedriggradigen Gliomen die richtige ist, wird im sogenannten interdisziplinären Tumorboard entschieden. Dabei kommen Fachärztinnen und Fachärzte aus den Bereichen Neurochirurgie, Onkologie , Neurologie, Radiologie , Strahlentherapie und Nuklearmedizin zusammen – zum Beispiel einmal pro Woche – und besprechen die Befunde sowie die jeweiligen Therapieentscheidungen. Diese Entscheidungen sind sehr individuell und richten sich nach den jeweiligen Befunden, dem Ergebnis der Operation und der histologischen Diagnose. Die individuell abgestimmten Therapieempfehlungen werden anschließend gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten in der Ambulanz besprochen. Häufig beginnt der Behandlungsweg für Betroffene mit einer Bildgebung , die eine Raumforderung im Gehirn oder Rückenmark zeigt. In solchen Fällen stellt die Neurochirurgie meist den ersten Kontakt dar und koordiniert daraufhin alle weiteren interdisziplinären Behandlungsschritte.
Welche Informationen sind für die Entscheidung relevant und was sollte ich der Ärztin / dem Arzt unbedingt mitteilen?
Wenn Sie in die neuroonkologische Ambulanz kommen, um Befunde und mögliche weitere Therapieoptionen zu besprechen, ist es für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wichtig zu wissen, ob es beispielsweise Tumorerkrankungen in der Familie gibt. Ebenfalls von Bedeutung ist die sogenannte Außenanamnese. Das bedeutet, dass Angehörige oder Familienmitglieder schildern, wie die ersten Symptome begonnen haben – insbesondere dann, wenn man sich selbst nicht mehr genau daran erinnern kann oder sie nur unvollständig beschreiben kann. Dies ist auch bei jüngeren Patientinnen und Patienten von Bedeutung, denn niedriggradige Gliome betreffen häufig Menschen zwischen 30 und 40 Jahren. In diesem Zusammenhang ist es für uns auch wichtig zu erfahren, ob ein Kinderwunsch bereits abgeschlossen ist oder ob dieser noch besteht, um gegebenenfalls fertilitätserhaltende Maßnahmen in die Planung der Behandlung einzubeziehen. Sollte beispielsweise eine Chemotherapie notwendig werden, ist es zudem wichtig, über geeignete Verhütungsmethoden zu sprechen und diese zu erläutern.
Was kann ich als Patient:in bei der Therapiewahl mitentscheiden?
Patientinnen und Patienten können bei der Therapie jederzeit mitentscheiden. Wir Neuroonkologinnen und Neuroonkologen beraten sie ausführlich und sprechen Therapieempfehlungen aus – basierend auf unserem besten Wissen, Gewissen und den geltenden medizinischen Leitlinien . Dabei klären wir auch über mögliche Risiken und Nebenwirkungen der jeweiligen Behandlung auf und erläutern, was im Verlauf der Therapie auf Sie zukommen kann. Letztlich liegt die Entscheidung über die Therapie jedoch bei Ihnen. Es ist Ihr Körper, und selbstverständlich haben Sie das letzte Wort darüber, welche Schritte unternommen werden.
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Chirurgische Therapie bei Gliomen
Wann kommt bei einem Gliom eine OP in Frage?
Wenn in der Bildgebung, meist durch eine Magnetresonanztomographie, eine Raumforderung festgestellt wird, muss im nächsten Schritt evaluiert werden, ob eine Biopsie, eine Teilresektion oder eine vollständige Resektion möglich und sinnvoll ist. Die Operation stellt einen sehr wichtigen Schritt dar, da sie das Tumorgewebe liefert, das anschließend analysiert werden kann, um überhaupt festzustellen, um welche Art von Tumor es sich handelt. Aus diesem Grund kommt eine Operation grundsätzlich für fast alle Patientinnen und Patienten in Betracht. Die Entscheidung, ob eine Biopsie, eine Teilresektion oder eine vollständige Resektion durchgeführt wird, wird im weiteren Verlauf individuell getroffen.
Wie läuft eine OP bei einem Gliom ab?
Der Erstkontakt für Patientinnen und Patienten erfolgt häufig über die Neurochirurgie. In diesem Rahmen werden sie ausführlich über die Möglichkeiten und den Ablauf einer Operation informiert. In der Regel erhält man vor dem Eingriff ein bestimmtes Medikament zum Schlucken, das bewirkt, dass der Tumor während der Operation fluoresziert. Da Gliome intraoperativ oft schwer abzugrenzen sind, ist dieses Mittel von großer Bedeutung, um den Chirurginnen und Chirurgen eine möglichst vollständige Resektion zu ermöglichen. In vielen Zentren besteht außerdem die Möglichkeit, während der Operation ein sogenanntes intraoperatives MRT durchzuführen – teilweise auch mehrmals –, um das Ausmaß der Tumorentfernung noch weiter zu optimieren und so viel Tumorlast wie möglich zu entfernen. Zur Erhaltung der Sprache sowie weiterer höherer kognitiver Funktionen besteht in einigen spezialisierten Zentren zudem die Option einer sogenannten Wachoperation.
Wie lange muss ich nach der OP im Krankenhaus bleiben?
Nach einer Operation am Gehirn ist es häufig möglich, das Krankenhaus bereits nach wenigen Tagen, zum Beispiel nach fünf Tagen, wieder zu verlassen.
Welche Risiken birgt eine OP?
Wie jede Operation birgt auch eine Operation am Gehirn Risiken. Dazu zählen beispielsweise Einblutungen oder Nachblutungen, Wundheilungsstörungen, Infektionen oder neurologische Verschlechterungen, die durch eine Verletzung auch gesunden Gehirngewebes entstehen können. Die Komplikationsraten sind jedoch an spezialisierten Zentren sehr gering. Die meisten Patientinnen und Patienten überstehen eine solche Operation sehr gut. Nach dem Eingriff werden sie regelmäßig von den Neurochirurginnen und Neurochirurgen kontrolliert und untersucht, um frühzeitig festzustellen, ob eine neurologische Verschlechterung aufgetreten ist.
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Strahlentherapie bei Gliomen
Was ist eine Strahlentherapie und wie wirkt sie?
Eine Strahlentherapie basiert auf der Wechselwirkung zwischen ionisierenden Strahlen und dem Gewebe. Dabei kommen verschiedene Strahlenquellen zum Einsatz. Das Ziel der Strahlentherapie lässt sich grob in drei Phasen unterteilen. Im Wesentlichen geht es darum, den Tumor abzutöten, indem die Tumorzellen an der Zellteilung und Vermehrung gehindert werden. Durch die Strahlentherapie sollen die Tumorzellen zerstört und ihr Wachstum nachhaltig verhindert werden.
Wann kommt bei einem Gliom eine Strahlentherapie in Frage?
Bei einem niedriggradigen Gliom kommt eine Strahlentherapie dann in Frage, wenn das Abwarten nach einer Operation aufgrund verschiedener Risikofaktoren nicht gerechtfertigt erscheint. Das bedeutet, wenn die Befürchtung besteht, dass das Tumorwachstum schneller voranschreiten könnte, wird die Strahlentherapie im Tumorboard diskutiert und gegebenenfalls empfohlen.
Welche Nebenwirkungen können bei der Strahlentherapie auftreten und was kann ich dagegen tun?
Durch die Strahlentherapie kann es zu vermehrter Müdigkeit und schneller Erschöpfung kommen. Außerdem kann sich ein sogenanntes Hirnödem verstärken, das neurologische Verschlechterungen oder Symptome verursachen kann. In solchen Fällen besteht die Möglichkeit einer Kortisontherapie zum Schlucken, meist mit dem Wirkstoff Dexamethason. Dadurch wird das Hirnödem reduziert und die neurologischen Symptome können sich verbessern. Es gibt sowohl akute als auch späte Nebenwirkungen der Strahlentherapie, die teilweise erst Jahre später auftreten können. Diese können sehr mild sein, aber auch stärkere neuropsychologische Symptome umfassen. Zudem besteht die Möglichkeit der Entstehung einer sogenannten Strahlennekrose, die häufig schwer von einem Tumorrezidiv, also einem Wiederauftreten des Tumors, zu unterscheiden ist.
Was ist das Ziel der Strahlentherapie bei einem Gliom?
Das Ziel der Strahlentherapie, die eine wichtige Säule in der Behandlung von Gliomen darstellt, ist es, den Tumor über einen langen Zeitraum zu stabilisieren und sein Wachstum zu verhindern.
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Medikamentöse Therapie bei Gliomen
Wann kommt bei einem Gliom eine medikamentöse Behandlung in Frage?
Bei niedriggradigen Gliomen kommt eine medikamentöse Behandlung häufig nach abgeschlossener Strahlentherapie in Form einer Chemotherapie zum Einsatz. Zudem besteht die Möglichkeit, eine sogenannte zielgerichtete Therapie zu nutzen. Dabei handelt es sich um einen Blocker der IDH-Mutation, die für diese niedriggradigen Gliome typisch ist, um so ein weiteres Tumorwachstum zu verhindern.
Wann sollte die medikamentöse Therapie begonnen werden?
Die medikamentöse Therapie kann nach einer Operation mit einer zielgerichteten Therapie beginnen. Eine Chemotherapie wird oft nach abgeschlossener Strahlentherapie durchgeführt. Ist eine Strahlentherapie nicht möglich, kann auch eine alleinige Chemotherapie nach der Operation eingesetzt werden. Haben Patientinnen und Patienten eine Operation hinter sich gebracht und entwickelt sich nach einigen Jahren ein Tumorfortschritt, kann die Chemotherapie auch erst dann nach einer erfolgten Strahlentherapie begonnen werden.
Welche Medikamente können bei einem Gliom eingesetzt werden?
Für die Behandlung niedriggradiger Gliome steht derzeit das sogenannte Vorasidenib zur Verfügung. Vorasidenib ist ein Blocker der IDH-Mutation, die für niedriggradige Gliome typisch ist. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass durch den Einsatz dieser zielgerichteten Therapie der Tumor nach der Operation, sofern zuvor keine weitere Behandlung wie Strahlen- oder Chemotherapie erfolgt war, am Wachstum gehindert werden konnte. Dadurch ließ sich auch eine Verzögerung der Strahlen- und Chemotherapie sowie der damit verbundenen Nebenwirkungen erreichen. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die Chemotherapie. Bei sogenannten Oligodendrogliomen wird nach einer Strahlentherapie häufig ein sogenanntes PCV-Schema empfohlen, das aus drei verschiedenen Wirkstoffen besteht. Bei Astrozytomen, aber auch bei Oligodendrogliomen, wird ebenfalls oft eine Chemotherapie mit Temozolomid eingesetzt.
Wie läuft eine medikamentöse Therapie bei einem Gliom ab?
Eine medikamentöse Therapie bei niedriggradigen Gliomen erfolgt ambulant , sodass keine stationäre Behandlung notwendig ist. Die Patientinnen und Patienten besuchen die neuroonkologische Ambulanz, erhalten regelmäßige Laborkontrollen, zum Beispiel Blutbildkontrollen, und bekommen die Medikamente entweder per Rezept oder beim PCV-Schema als Infusion verabreicht. In der Regel handelt es sich um Medikamente zum Schlucken. Sowohl Vorasidenib als auch Procarbazin und CCNU sind Medikamente, die oral eingenommen werden können. Das V im PCV-Schema steht für Vincristin, das intravenös verabreicht wird. Alle Behandlungsmaßnahmen können und werden ambulant durchgeführt.
Welche Nebenwirkungen können bei der Chemotherapie auftreten und was kann ich dagegen tun?
Bei Chemotherapien, aber auch bei zielgerichteten Therapien können Nebenwirkungen auftreten. Besonders bei Chemotherapien kann es zu Übelkeit, Blutbildveränderungen und Magen-Darm-Beschwerden kommen. Die Übelkeit lässt sich mit speziellen Medikamenten unterdrücken, die Ärztinnen und Ärzte in der onkologischen Ambulanz vor Beginn der Chemotherapie verschreiben. Da Chemotherapien das Blutbild stark beeinflussen können, sind regelmäßige Laborkontrollen erforderlich. Diese können sowohl in den Ambulanzen als auch beim Hausarzt oder bei der Hausärztin durchgeführt werden. Vorasidenib zeigte ein gutes Verträglichkeitsprofil, dennoch sind regelmäßige Laborkontrollen notwendig, da insbesondere die Leberwerte ansteigen können. Das Medikament wirkt anders als klassische Chemotherapien: Es blockiert die IDH-Mutation und verhindert dadurch das Wachstum der Tumorzellen, während eine Chemotherapie darauf abzielt, Tumorzellen durch Hemmung ihrer Zellteilung zu zerstören. Patient:innen sollten Rücksprache halten, wenn Symptome wie Durchfall, Bauchschmerzen oder Benommenheit auftreten.
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Watch and Wait bei Gliomen
Was ist eine „Watch and Wait“-Strategie und wann wird sie bei einem Gliom empfohlen?
Unter „Watch and Wait“ oder „Watchful Waiting“ versteht man, dass nach einer Operation und der gesicherten Diagnose eines niedriggradigen Glioms zunächst auf eine weitere Therapie, also Strahlen- oder Chemotherapie, verzichtet werden kann. Doch wann ist es vertretbar, mit einer Therapie zuzuwarten? Das ist in der Regel dann der Fall, wenn der Patient oder die Patientin jünger als 40 Jahre alt ist, sich in einem guten allgemeinen und neurologischen Zustand befindet und eine vollständige oder weitgehende Tumorresektion erreicht wurde. In solchen Fällen kann man bei Grad-2-Tumoren, sei es ein Astrozytom Grad 2 oder ein Oligodendrogliom Grad 2, zunächst auf eine weiterführende Therapie verzichten. Da mittlerweile auch eine zielgerichtete Therapie mit Vorasidenib zur Verfügung steht, könnte das Konzept des „Watch and Wait“ in Zukunft zunehmend in den Hintergrund treten. Denn Vorasidenib ist ein Medikament, das weder eine Strahlen- noch eine Chemotherapie darstellt und dennoch das Tumorwachstum über einen langen Zeitraum wirksam hemmen kann. Dadurch lässt sich eine belastendere Therapie mit Strahlen und Chemotherapie möglicherweise deutlich hinauszögern.
Welche Befunde und Symptome werden bei „Watch und Wait“ von meiner Ärztin / meinem Arzt überwacht?
Sowohl im Rahmen von „Watch and Wait“ als auch bei Patientinnen und Patienten, die sich bereits in Behandlung befinden, werden regelmäßige bildgebende und klinische Verlaufskontrollen durchgeführt. Unter bildgebender Kontrolle versteht man in erster Linie Magnetresonanztomographien (MRT) des Gehirns. In einigen Zentren besteht zudem die Möglichkeit, ergänzend eine spezielle PET-Untersuchung, also eine nuklearmedizinische Bildgebung, durchzuführen. Diese Untersuchungen erfolgen zunächst in dreimonatigen Abständen und später im Verlauf alle sechs Monate. Bei den weiteren Ambulanzbesuchen wird auch eine klinische Verlaufskontrolle durchgeführt. Patientinnen und Patienten werden zudem ausdrücklich dazu aufgefordert, sich bei Auftreten neuer oder ungewohnter Symptome, bei beunruhigenden Veränderungen oder dem subjektiven Eindruck einer allgemeinen oder neurologischen Verschlechterung, sowie bei einer Zunahme epileptischer Anfälle, jederzeit in der neuroonkologischen Ambulanz vorzustellen. Eine solche Wiedervorstellung ist in diesen Fällen jederzeit möglich und medizinisch absolut sinnvoll.
Worauf sollte ich als Patient:in während des „Watch and Waits“ besonders achten?
Man sollte aufmerksam darauf achten, ob es vermehrt zu epileptischen Anfällen kommt oder ob man den Eindruck hat, zunehmende Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen zu entwickeln, also neuropsychologische Defizite oder Schwierigkeiten. Auch Beobachtungen des familiären Umfelds können dabei hilfreich sein. Ebenso ist es wichtig, auf neu auftretende Kopfschmerzen zu achten, die man in dieser Form zuvor nicht kannte. In all diesen Fällen ist eine Wiedervorstellung in der Ambulanz jederzeit sinnvoll und notwendig.
Hier geht es zum Video-Interview: „Watch and Wait bei Gliomen“
Unterstützende Maßnahmen bei der Gliom-Therapie
Was kann ich selbst tun, um die Behandlung zu unterstützen?
Um die Behandlung bestmöglich zu unterstützen, ist es wichtig, einen gesunden Lebensstil zu pflegen und zu versuchen, den Alltag so gut wie möglich zu gestalten. Auch ein Wiedereinstieg ins Berufsleben ist bei der Diagnose eines niedriggradigen Glioms durchaus möglich. Viele Patientinnen und Patienten sind in der Lage, ihren beruflichen Alltag nach einer Therapie wieder gut aufzunehmen. Ein stabiles familiäres Umfeld kann dabei eine große Unterstützung sein. Ebenso hilfreich ist der Austausch mit Freundinnen, Freunden und Familienangehörigen sowie die Inanspruchnahme von Beratung und Behandlung durch Psychoonkologinnen und Psychoonkologen. Dies ist besonders empfehlenswert, da es sich um eine onkologische Erkrankung des Gehirns handelt, die häufig mit zahlreichen sozialrechtlichen, persönlichen und emotional noch nicht verarbeiteten Fragen und Herausforderungen im Alltag einhergeht.
Wie können mich Angehörige und Freund:innen bei der Therapie unterstützen?
Ein Austausch mit Familienmitgliedern sowie mit Freundinnen und Freunden ist sehr wichtig, auch wenn der Umgang damit individuell sehr unterschiedlich sein kann. Manche Betroffene sprechen offen über ihre Krankheit, während andere lieber Abstand davon nehmen oder nicht ständig daran erinnert werden möchten. Ein offenes Ohr und Verständnis seitens der Angehörigen sind in jedem Fall von großer Bedeutung. Oft benötigen jedoch nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst, sondern auch deren Familien zusätzliche psychoonkologische Unterstützung, um gemeinsam einen guten Umgang mit der Situation zu finden.
Welche Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Betroffenen gibt es?
In Österreich gibt es mehrere Angebote im Bereich der Selbsthilfegruppen. Ich verweise dabei besonders gerne auf die Österreichische Krebshilfe, da man dort nicht nur Selbsthilfegruppen, sondern auch Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich der Psychoonkologie sowie der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie finden kann.
Habe ich nach Abschluss oder während der Gliom-Therapie Anspruch auf eine Rehabilitation?
Oftmals ist es sinnvoll, eine neurologische und/oder onkologische Rehabilitation in Anspruch zu nehmen. In der Regel wird diese auch bewilligt. Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten besonders dann eine Rehabilitationsmaßnahme, wenn neurologische Symptome vorliegen, da sich sowohl kognitive Einschränkungen als auch andere neurologische Defizite durch gezielte Maßnahmen gut behandeln lassen. Der richtige Zeitpunkt für eine Rehabilitation ist häufig erst nach Abschluss einer Therapie sinnvoll, beispielsweise nach Beendigung einer Chemotherapie. Sollte jedoch ausschließlich eine Operation erfolgt sein, kann auch im Anschluss daran ein Rehabilitationsantrag gestellt werden.
Hier geht es zum Video-Interview: „Unterstützende Maßnahmen bei der Gliom-Therapie“
Meine Nachricht an Sie
Scheuen Sie sich nicht, Ihre behandelnden Neuroonkologinnen und Neuroonkologen jederzeit zu kontaktieren. Die Erkrankung, die sich oft über viele Jahre hinweg erstreckt, ist letztlich eine chronische Erkrankung, mit der Sie lernen müssen zu leben. Wir stehen Ihnen dabei zur Seite – Sie sind mit dieser Diagnose nicht allein. Wenden Sie sich bei allen Fragen vertrauensvoll an Ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Das ist von großer Bedeutung.
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