1. Behandlungsmöglichkeiten bei Gliomen

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei niedriggradigen Gliomen?

Niedriggradige Gliome fallen in die Klassifikation der diffusen Gliome vom adulten Typ, insbesondere die sogenannten Astrozytome oder Oligodendrogliome Grad II, die anhand einer bestimmten Mutation klassifiziert werden. Die Behandlung von niedriggradigen Gliomen richtet sich nach mehreren Faktoren. Dazu zählen vor allem die Art des Tumors, seine Lage im Gehirn und bestimmte genetische Merkmale.

Der erste Behandlungsschritt ist in der Regel eine Operation. Das Ziel dabei ist die vollständige oder teilweise Entfernung des Tumors. Ist das nicht möglich, wird eine Gewebeprobe (Biopsie ) entnommen. Patholog:innen untersuchen diese anschließend mikroskopisch, um die genaue Tumorart zu bestimmen. Patholog:innen sind spezialisierte Fachärzt:innen, die Gewebeproben untersuchen – meist unter dem Mikroskop. Dabei erkennen sie, ob es sich um einen gutartigen oder bösartigen Tumor handelt und welche Eigenschaften dieser hat. Ihre Befunde sind entscheidend für die Wahl der passenden Therapie.

Danach bespricht ein interdisziplinäres Tumorboard das weitere Vorgehen. In einigen Fällen sind nach der Operation zunächst keine weiteren Therapieschritte, sondern nur regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig. Abhängig von den Ergebnissen der Gewebeuntersuchung unter dem Mikroskop kann auch eine Strahlen- oder Chemotherapie empfohlen werden. Wenn bestimmte genetische Veränderungen vorliegen, kommt eine zielgerichtete Behandlung mit dem Wirkstoff Vorasidenib in Frage.

Wie schnell nach der Diagnose sollte die Behandlung beginnen?

Der Zeitpunkt für den Beginn einer Behandlung hängt bei niedriggradigen Gliomen von verschiedenen Faktoren ab. Eine sofortige Therapie ist nicht immer notwendig. In vielen Fällen kann nach der Operation zunächst abgewartet werden, ohne dass sich das negativ auf den Verlauf auswirkt.

Das genaue Vorgehen richtet sich unter anderem nach dem Alter, dem Allgemeinzustand und den Beschwerden. Auch die Ergebnisse der Operation spielen eine wichtige Rolle. Bei jüngeren Patient:innen mit gutem Allgemeinzustand und ohne neurologische Symptome ist ein späterer Therapiebeginn oft gut vertretbar.

Eine frühere Behandlung wird dann empfohlen, wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen. Dazu zählen:

  • ein eingeschränkter Allgemeinzustand oder neurologische Symptome (z. B. Sprachstörungen oder Sehbeschwerden),

  • das Vorliegen einer schwer behandelbaren Epilepsie (sogenannte therapierefraktäre Epilepsie),

  • ein größerer Tumorrest nach der Operation.

In manchen Fällen kommt auch eine zielgerichtete Therapie mit Vorasidenib infrage. Das ist eine Behandlung, die gezielt gegen bestimmte Veränderungen in den Tumorzellen wirkt. Sie kann so dazu beitragen, das Tumorwachstum zu bremsen und andere Therapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie zunächst hinauszögern. Die Entscheidung wird gemeinsam im interdisziplinären Tumorboard getroffen und in der neuroonkologischen Ambulanz mit Ihnen besprochen.

Was ist das Ziel der Therapie bei einem niedriggradigen Gliom?

Niedriggradige Gliome wachsen in der Regel langsam und lassen sich häufig gut behandeln. Auch nach einer erfolgreichen Operation bleiben jedoch vereinzelt Tumorzellen im Gehirngewebe zurück, die nicht vollständig entfernt werden können.

Das Hauptziel der Behandlung ist es, das Wachstum der verbliebenen Tumorzellen zu bremsen und die Erkrankung über viele Jahre möglichst stabil zu halten. Man spricht hier von einer sogenannten chronischen Verlaufsform: Das Gliom ist nicht heilbar, aber in vielen Fällen über lange Zeit gut behandelbar. Auch nach einer optimal verlaufenen Resektion verbleiben mikroskopisch Tumorzellen im Gehirn, weshalb eine vollständige Entfernung aller Tumorzellen niemals möglich ist.

Neben der Tumorkontrolle ist es ebenso wichtig, die Lebensqualität und neurologischen Funktionen so gut wie möglich zu erhalten.

Wie unterscheidet sich die Behandlung je nach Stadium bzw. je nach Art des Glioms?

Je nach Art und Verhalten des Glioms kann die Behandlung sehr unterschiedlich aussehen. Besonders wichtig ist dabei die genaue Einteilung des Glioms gemäß der aktuellen WHO-Klassifikation.

Niedriggradige Gliome entsprechen Tumoren des WHO-Grad 2. Tumore des WHO-Grad 3 zählen bereits zu den höhergradigen Gliomen und weisen ein aggressiveres Wachstum auf. Die Einteilung liefert wichtige Hinweise darauf, wie aktiv der Tumor ist und ob eine frühe Behandlung notwendig ist. Bei einem Grad 2 Gliom kann oft mit einer weiteren Therapie abgewartet werden. Zeigen spätere Kontrolluntersuchungen ein Tumorwachstum, kommen ebenso eine Strahlen- und Chemotherapie in Frage.

Was bedeutet der WHO-Grad bei Hirntumoren?

Die WHO teilt Hirntumoren in vier Grade ein. Diese Einteilung hilft Ärztinnen und Ärzten einzuschätzen, wie schnell ein Tumor wächst und wie er behandelt werden kann.

  • WHO-Grad I: Gutartiger Tumor, wächst sehr langsam. Meist heilbar durch eine Operation.
    Beispiel: Schwannom
  • WHO-Grad II: Ebenfalls gutartig, wächst aber langsam in gesundes Gewebe hinein. Kann wiederkommen.
    Beispiel: Oligodendrogliom
  • WHO-Grad III: Bösartiger Tumor, wächst schneller. Die Lebenserwartung ist meist verkürzt.
    Beispiel: Anaplastisches Astrozytom
  • WHO-Grad IV: Sehr bösartiger Tumor, wächst sehr schnell. Eine Heilung ist oft nicht möglich.
    Beispiel: Glioblastom

Was bedeutet IDH-mutiert?

In der modernen Medizin schaut man bei Hirntumoren auch auf bestimmte Gene. Ein wichtiger Faktor ist das sogenannte IDH-Gen. Wenn dieses verändert ist („IDH-mutiert“), kann das Hinweise auf den Verlauf der Krankheit geben – oft ist er dann günstiger. Glioblastome haben diese Veränderung nicht, andere Gliome wie Astrozytome oder Oligodendrogliome dagegen schon.

Mehr über die verschiedenen Gliom-Arten, ihre Entstehung, typische Symptome und den Umgang mit der Erkrankung im Alltag erfahren Sie in unserer Schulung „Gliome verstehen“.

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    Geprüft OÄ Dr.in Bernadette Calabek-Wohinz Stand: September 2025 | Quellen und Bildnachweis
    Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.
    Biopsie
    Entnahme von verdächtigen Gewebeproben, um eine Krebserkrankung oder entartete Zellen zu diagnostizieren. Gewebeproben werden je nach Organ mit verschiedenen Techniken entnommen und unter dem Mikroskop beurteilt.
    Chemotherapie
    Behandlung mit Medikamenten (Zytostatika), die das Wachstum von Krebszellen hemmen sollen.
    Glioblastom
    Ein bösartiger Hirntumor, der zur Gruppe der Gliome zählt. Diese Art der Hirntumore entstehen aus den Stützzellen des Gehirns (Gliazellen). Das Glioblastom ist der häufigste unter den Hirntumoren.
    Resektion
    Operative Entfernung von Gewebe oder Organteilen.
    Tumor
    („Geschwulst“)
    Lokalisierte Vermehrung von Körpergewebe durch unkontrolliertes Wachstum von gutartigen oder bösartigen Zellen. Bösartige Tumore können in umliegendes Gewebe einwachsen und in entfernte Organe streuen. Der Begriff Tumor wird auch verwendet für eine Schwellung von Gewebe z.B. durch Einlagerung von Flüssigkeit im Rahmen von Entzündungsprozessen oder Blutungen.
    Tumorboard
    Ein Team aus medizinischen Expert:innen und Therapeut:innen verschiedenster Fachrichtungen. Sie treffen sich regelmäßig, um sich über Patient:innen mit einer Krebserkrankung auszutauschen und die für die jeweiligen Patient:innen bestmögliche Therapie zu empfehlen.
    zielgerichtete Therapie
    Behandlung, die spezifisch auf genetische Mutationen, Proteine oder das Gewebeumfeld abzielt, das das Krebswachstum fördert.