Die Behandlungsmöglichkeiten beim Rückfall des Multiplen Myeloms haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Besonders die sogenannten Antikörper-Therapien und Zelltherapien eröffnen heute neue Chancen: Sie greifen Myelomzellen gezielt an und aktivieren gleichzeitig das Immunsystem.
Moderne Therapieansätze beim Rezidiv des Multiplen Myeloms
Medikamente, die direkt in die Myelomzellen eingreifen
Diese Wirkstoffe zielen auf die Krebszellen selbst ab und stören lebenswichtige Abläufe in deren Innerem. Dazu zählen neben den Proteasom-Inhibitoren auch die Immunmodulatoren. Mehr zu diesen Therapien erfahren Sie in der Lektion Therapiemöglichkeiten beim Rezidiv des Multiplen Myeloms
Therapien, die das Immunsystem gezielt aktivieren
Hierbei wird das körpereigene Abwehrsystem genutzt, um die Myelomzellen gezielt zu erkennen und zu zerstören:
Monoklonale Antikörper
Monoklonale Antikörper sind spezielle Eiweißstoffe, die im Labor hergestellt werden. Sie können bestimmte Merkmale auf der Oberfläche von Myelomzellen erkennen – so, wie ein Schlüssel genau in ein Schloss passt. Wenn der Antikörper an die Myelomzelle andockt, markiert er sie für das Immunsystem. Dadurch wissen die körpereigenen Abwehrzellen: Diese Zelle gehört hier nicht hin – und können sie gezielt zerstören. Diese Behandlung unterstützt also das Immunsystem dabei, die Krebszellen selbst zu bekämpfen. Monoklonale Antikörper werden meist als Infusion oder Spritze unter die Haut verabreicht. Oft werden sie mit anderen Wirkstoffen kombiniert, damit die Therapie noch besser wirkt.
Die Therapie erfolgt in bestimmten, meist ein- bis vierwöchigen Abständen. Die Infusionsdauer ist anfangs länger. Sie kann nach mehreren Verabreichungen deutlich kürzer werden.
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate kombinieren zwei Wirkprinzipien in einem Medikament. Wie die monoklonalen Antikörper erkennen sie Myelomzellen ganz gezielt über ein Oberflächenmerkmal. Zusätzlich tragen sie einen Wirkstoff, den sie beim Andocken direkt in die Krebszelle einschleusen. So wird die Krebszelle von innen heraus zerstört, während gesundes Gewebe weitgehend geschont bleibt. Diese Therapie nutzt also die zielgerichtete Erkennung der Antikörper – verstärkt durch die Wirkung eines zusätzlichen Medikaments, das präzise an Ort und Stelle wirkt. Man kann sagen: Der Antikörper dient als „Transportfahrzeug“, das den Wirkstoff genau an den richtigen Ort bringt.
Diese Medikamente werden in der Regel intravenös gegeben. Verabreicht wird diese Therapie in bestimmten Intervallen, häufig alle drei bis vier Wochen, als Infusion. Im weiteren Behandlungsverlauf können sich diese Abstände jedoch verlängern.
Bispezifische Antikörper
Bispezifische Antikörper sind moderne Medikamente, die dem Immunsystem helfen, die Myelomzellen zu erkennen und anzugreifen. Sie können sich gleichzeitig an zwei verschiedene Zellen binden: an eine Myelomzelle und an eine T-Zelle, also eine Abwehrzelle des Körpers. Der bispezifische Antikörper verbindet diese beiden Zellen miteinander – wie eine Art Vermittler. Dadurch merkt die T-Zelle: Hier ist etwas, das ich bekämpfen muss – und zerstört die Myelomzelle gezielt.
Diese Medikamente werden als Infusion gegeben oder als Spritze unter die Haut und haben vielen Patient:innen nach einem Rückfall neue, wirksame Behandlungsoptionen eröffnet. Zu Beginn kann die Therapie zunächst stationärerfolgen, um mögliche Reaktionen des Immunsystems gut überwachen zu können. Danach kann die Behandlung in regelmäßigen Abständen ambulant fortgesetzt werden.
CAR-T-Zelltherapie
Die CAR-T-Zelltherapie ist eine besonders innovative Form der Immuntherapie. Hierbei werden Patient:innen eigene Abwehrzellen (T-Zellen) entnommen. Im Labor werden diese so verändert, dass sie auf ihrer Oberfläche eine neue „Erkennungsantenne“ tragen, mit der sie gezielt Myelomzellen aufspüren. Diese spezialisierten Zellen werden anschließend vermehrt und als einmalige Infusion wieder zurückgegeben. Im Körper erkennen sie nun nicht mehr Viren, sondern Myelomzellen – und bekämpfen sie hochwirksam.
Da die Behandlung sehr individuell und komplex ist, erfolgt sie in spezialisierten Kliniken und erfordert in der Regel einen stationären Aufenthalt von 2-4 Wochen. Während dieser Zeit wird genau überwacht, wie die Therapie wirkt und ob Nebenwirkungen auftreten. Nach der Entlassung folgen engmaschige Nachsorgetermine, um sicherzustellen, dass die Zellen weiter aktiv bleiben und mögliche Spätreaktionen rechtzeitig erkannt werden.
Die CAR-T-Zelltherapie gilt heute als eine der effektivsten Behandlungen beim Rezidiv des Multiplen Myeloms. Sie kann in Deutschland ab dem ersten Rückfall eingesetzt werden und hat gezeigt, dass sie bei vielen Patient:innen zu tiefen und langanhaltenden Remissionen führt. Wichtig zu wissen: Die CAR-T-Zelltherapie ist eine einmalige Therapie, die aus einer einzigen Infusion besteht und keine dauerhafte Behandlung erfordert.
Kombinationstherapien
Um die Wirksamkeit zu erhöhen und Resistenzbildungen zu vermeiden, werden häufig mehrere dieser Wirkstoffe kombiniert. So wird die Erkrankung aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig bekämpft.
Wann kommt welche Therapie zum Einsatz?
Welche Therapieform beim Rezidiv eines Multiplen Myeloms gewählt wird, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Mehr zur Therapiewahl erfahren Sie in der Lektion „Therapieentscheidung beim Rezidiv des Multiplen Myeloms“. Grundsätzlich gilt:
Proteasom-Inhibitoren und Immunmodulatoren gehören meist zu den ersten Medikamenten beim Rückfall und werden oft miteinander kombiniert.
Monoklonale Antikörper kommen häufig bereits früh im Rezidiv zum Einsatz, besonders wenn sie in der Ersttherapie noch nicht verwendet wurden.
Auch Antikörper-Wirkstoff-Konjugate sind in Deutschland ab dem ersten Rückfall zur Behandlung zugelassen.
Bispezifische Antikörper werden aktuell eher bei späteren Rückfällen eingesetzt. Die Zulassung einer sehr effektiven Kombinationstherapie für eine Behandlung des ersten Rezidivs soll bald folgen.
Die CAR-T-Zelltherapie ist in Deutschland ab dem ersten Rezidiv zugelassen und wird vor allem in spezialisierten Zentren angewendet, wenn eine intensive, einmalige Therapie sinnvoll erscheint.
In den meisten Fällen werden heute Kombinationstherapien eingesetzt – also mehrere Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Dadurch kann das Myelom von verschiedenen Seiten gleichzeitig bekämpft werden, was die Wirksamkeit deutlich erhöht. Welches Vorgehen in Ihrer Situation am besten geeignet ist, entscheidet Ihr Behandlungsteam gemeinsam mit Ihnen – basierend auf medizinischen Kriterien, bisherigen Erfahrungen und Ihren persönlichen Wünschen.
Portkatheter
Da viele moderne Therapien über Infusionen verabreicht werden, kann in manchen Fällen ein sogenannter Portkatheter sinnvoll sein. Dieser kleine, unter der Haut liegende Zugang erleichtert wiederholte Infusionen und schont die Venen. Ihr Behandlungsteam bespricht mit Ihnen, ob das in Ihrer Situation empfehlenswert ist. Mehr zum Portkatheter finden Sie in der Schulung „Verabreichungsformen in der Onkologie“ unter der Lektion „Intravenöse Krebstherapie“.
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• Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO): Leitlinie Multiples Myelom, Stand 2024
• American Cancer Society: Multiple Myeloma – Treatment of Relapsed Myeloma, 2023
• Cancer Research UK: Remission and relapse in myeloma, 2024
• Onkopedia Leitlinien: Multiples Myelom – Empfehlungen der DGHO, abrufbar unter onkopedia.com.
• Deutsche Krebsgesellschaft e.V.: Multiples Myelom – Informationen für Patientinnen und Patienten.
• Deutsche Krebshilfe: Blutkrebs – Multiples Myelom.
• Robert Koch-Institut (RKI): Krebs in Deutschland – Multiples Myelom, Epidemiologie und Verlauf.
• European Hematology Association (EHA): Guidelines for the diagnosis and management of multiple myeloma.
• National Comprehensive Cancer Network (NCCN): Clinical Practice Guidelines in Oncology: Multiple Myeloma (Version 2025).
• Rajkumar, S.V. (2022): Multiple Myeloma: 2022 update on diagnosis, risk stratification, and management. American Journal of Hematology, 97(8).
• Kumar, S. et al. (2021): Treatment of relapsed multiple myeloma: Current approaches and new strategies. Blood Cancer Journal, 11(7).
Die Behandlung erfolgt ohne einen nächtlichen Aufenthalt im Krankenhaus.
Antikörper
(Immunoglobuline)
Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
Bispezifische Antikörper
Bispezifische Antikörper sind im Labor hergestellte Eiweiße. Sie können sich gleichzeitig an eine Myelomzelle und an eine körpereigene Abwehrzelle binden. Dadurch bringen sie die Abwehrzelle direkt an die Myelomzelle heran, damit diese bekämpft wird. Bispezifische Antikörper werden als fertiges Medikament gegeben. Es müssen also keine Zellen entnommen und im Labor verändert werden.
Immuntherapie
Therapie, die das Immunsystem beeinflusst und bei verschiedenen Erkrankungen, wie z.B. Krebs, eingesetzt wird. Je nach Krankheitsursache kann das Immunsystem gehemmt, stimuliert oder durch die Gabe von Antikörpern verändert werden.
Infusion
Verabreichung einer Flüssigkeit (mit oder ohne darin gelösten Medikamente) über einen Zugang in ein Blutgefäß.
intravenös
(Abkürzung: IV)
Medikamente, Flüssigkeiten oder Nährstoffe werden über eine Vene in den Blutkreislauf eingebracht. Dazu wird eine Spritze oder eine Infusion mit einer Nadel oder einem Katheter verwendet.
Kombinationstherapien
Behandlungsmethoden, bei denen mehrere verschiedene Arten von Medikamenten oder Therapien zusammen verwendet werden, um eine Krankheit zu behandeln. Anstatt nur eine einzelne Behandlung zu verwenden, werden verschiedene Ansätze kombiniert, um bessere Ergebnisse zu erzielen.
Monoklonale Antikörper
Monoklonale Antikörper sind im Labor hergestellte Antikörper, welche spezifisch auf einzelne Bindungsstellen bestimmter Antigene abzielen. Sie können zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten verwendet werden.
Rezidiv
(Rückfall)
Wiederauftreten einer Krankheit nach zunächst erfolgreicher Behandlung mit Heilung oder Verbesserung.
stationär
Vor oder nach der Behandlung befindet sich die Patientin/der Patient mindestens eine Nacht im Krankenhaus.
T-Zellen
Untergruppe der weißen Blutkörperchen und ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems.
Zulassung
Die (Arzneimittel-)Zulassung ist eine von den Behörden erteilte Genehmigung, die benötigt wird, um ein Medikament oder Therapieverfahren öffentlich anbieten zu können. Sie wird erst erteilt, sobald durch klinische Studien nachgewiesen wurde, dass das Arzneimittel sicher und wirksam ist.
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