Welche Untersuchungen führen zur Diagnose?
Die häufigsten Auffälligkeiten, die dazu führen, dass die Diagnose Polycythaemia Vera gestellt wird, sind meist Zufallsbefunde beim Hausarzt. Oft wird aus Routinegründen oder zur Vorbereitung anderer Eingriffe ein Blutbild gemacht, und dabei fallen erhöhte Werte auf. Bei der Polycythaemia Vera sind typischerweise alle drei Zellreihen erhöht – weiße Blutzellen, rote Blutzellen und auch die Thrombozyten. Am auffälligsten ist dabei die stark erhöhte rote Zellreihe. Ganz oft rechnet der Patient damit gar nicht, aber der Hausarzt erkennt die Auffälligkeiten und überweist dann zur Abklärung an den Hämatologen. Natürlich können auch Symptome wie Nachtschweiß, Gewichtsverlust oder Knochenschmerzen der Grund sein, warum man beim Hausarzt vorstellig wird. In Kombination mit dem Blutbild führt das dann ebenfalls zur Überweisung an den Facharzt. Der Hämatologe wird Sie zunächst begrüßen und Ihnen eine ganze Reihe von Fragen stellen. Dabei geht es vor allem um typische Symptome und darum, ob und seit wann Sie Veränderungen bemerkt haben. Auch ob Sie im Alltag überhaupt etwas von den veränderten Blutwerten spüren, wird er erfragen. Anschließend erfolgt eine Blutentnahme. Zum einen wird dabei das Blutbild untersucht, teilweise auch unter dem Mikroskop, um zu sehen, ob Vorläuferzellen ins Blut ausgeschwemmt werden. Zum anderen wird das Blut in ein Speziallabor geschickt, um auf die sogenannte Jak-2-Mutation getestet zu werden, die für die Erkrankung charakteristisch ist.
Braucht es weitere Untersuchungen, um Polycythaemia Vera sicher diagnostizieren zu können?
Zur Bestätigung der Diagnose einer Polycythaemia Vera gehört in der Regel auch eine Knochenmarkpunktion. Dabei kann man erkennen, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist – ob es sich um ein Frühstadium handelt oder ob bereits eine Verfaserung im Knochenmark vorliegt. Diese sogenannte Fibrose kann sich im Laufe der Jahre verstärken. In Einzelfällen ist es zwar möglich, die Diagnose auch ohne Knochenmarkpunktion zu stellen. Grundsätzlich empfehlen wir aber fast immer, diese Untersuchung durchzuführen – auch, um vor Beginn einer Therapie einen Ausgangswert zu haben.
Welche Informationen sind nach der Diagnose besonders wichtig?
Nach der Diagnose wird Ihr Arzt mit Ihnen über zwei ganz normale Schritte sprechen, die bei jedem Patienten eingeleitet werden. Zum einen verschreibt er Ihnen ASS, also ein Medikament, das die Blutgerinnung hemmt. Es wirkt so, dass sich die Blutplättchen schlechter zusammenlagern können, und dadurch werden die Fließeigenschaften des Blutes verbessert. Zum anderen weiß man, dass das Risiko für Thrombosen, Schlaganfälle oder Herzinfarkte sinkt, wenn man den roten Blutwert unter einen bestimmten Wert senkt – und zwar durch sogenannte Aderlässe. Deshalb bekommen alle Patienten mit Polycythaemia Vera regelmäßige Blutbildkontrollen, bei denen geschaut wird, dass der Hämatokritwert unter 45 % bleibt. Ein Aderlass bedeutet, dass Ihnen eine bestimmte Menge Blut aus der Vene entnommen wird. Wie oft das nötig ist, hängt davon ab, wie hoch Ihr Ausgangswert ist und wie groß Ihre Reserven sind. Am Anfang wird meist häufiger Blut abgenommen, später im Verlauf dann nur noch, wenn der Hämatokrit wieder über 45 % steigt.
Was sind meine nächsten Schritte nach der Diagnose?
Nach der Diagnose einer Polycythaemia Vera bleibt Ihr Hämatoonkologe Ihr primärer Ansprechpartner. Gemeinsam mit ihm legen Sie fest, wie häufig Sie vor allem am Anfang zur Blutbildkontrolle kommen müssen. Das hängt davon ab, wie hoch Ihre aktuellen Hämatokrit- und Blutwerte sind und ob nur Aderlässe oder auch eine zusätzliche medikamentöse Therapie notwendig ist. Sobald die Werte im Zielbereich liegen, werden die Kontrollen in der Regel alle drei Monate durchgeführt. Was können Sie selbst tun, um mit der Polycythaemia Vera gut zurechtzukommen? Wichtig ist, dass Sie Risikofaktoren für Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte minimieren. Das bedeutet: möglichst nicht rauchen, Medikamente, die Thrombosen fördern können, mit Ihrem Arzt besprechen, und insgesamt auf Bewegung und gesunde Ernährung achten. Eisenpräparate als Nahrungsergänzungsmittel sollten Sie ausdrücklich vermeiden, weil sie die Produktion roter Blutzellen anregen – und genau das wollen wir bei dieser Erkrankung verhindern.
Hier geht es zum Video-Interview: „Diagnose und nächste Schritte“