Wie stark kann ich bei einem Rückfall des Multiplen Myeloms bei der Wahl meiner Therapie mitentscheiden?
Heutzutage sind wir in der glücklichen Situation, dass wir immer anstreben, unsere Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Also wir als Behandler geben natürlich eine Empfehlung ab, aber wir wollen auch immer verstehen, in welcher Situation befindet sich der/die Patient:in und wir nehmen auch gerne auch noch die Familie und Angehörige mit dazu, weil wir eben eine so große Auswahl an Therapien haben, dass es auch immer ganz individuell darauf ankommt, wie die letzte Therapie vertragen worden ist? Was ist das gemeinsame Ziel? Es kann auch gerade zum Beispiel bei älteren Patienten sein. Man muss nicht immer die maximal intensivste Therapie geben. Manchmal ist auch eine etwas nebenwirkungsärmere Therapie die bessere Wahl, weil man damit auch in der Regel das Myelom gut kontrolliert, ohne es vielleicht jetzt dauerhaft in Remission zu bringen. Aber man kann es gut kontrollieren. Das heißt, es ist immer eine individuelle Abwägung. Die Therapien haben ja auch die Eigenschaft, dass sie Nebenwirkungen produzieren, die dann vielleicht in der nächsten Linie mitberücksichtigt werden müssen. Also wir versuchen da immer gemeinsam darüber zu sprechen und wollen auch immer sie als Patienten mitnehmen, weil wir sagen, jemand, der weiß, was da gerade mit einem veranstaltet wird, der hat natürlich auch ein viel besseres Verständnis, sich dann in den wichtigen Situationen richtig zu verhalten.
Wie unterscheiden sich Remission und Kontrolle der Krankheit?
Im Prinzip sind beides positive Begriffe. Die Kontrolle besagt aber letztendlich, dass die Erkrankung gerade nicht weiter voranschreitet. Kann aber auch bedeuten, dass wir eine Myelomerkrankung haben, die gerade schon deutlich nachweisbar ist, aber sich nicht weiter vervielfältigt oder einfach sozusagen da konstant gehalten wird. Die Remission bedeutet wirklich, dass wir die Krankheitslast signifikant senken konnten. Und da gibt es auch wiederum eine internationale Definition der Myelom Fachgesellschaft, die verschiedene Stufen der Tiefe dieser Remission definiert. Und das eine ist, dass einfach die Leichtkette um wahlweise 50 % oder 90 % abfällt. Das ist etwas, was man sehr leicht mit dem Blut testen kann. Das Beste, was wir prinzipiell vom Ansprechen her immer erreichen wollen, ist, dass auch im Knochenmark mit den modernsten Technologien kein Myelom mehr gefunden werden kann. Das nennen wir eine negative minimale Resterkrankung. Also in diesem Fall ist was Negatives was Positives. Wir können keine minimale Resterkrankung mehr erkennen. Das bedeutet, dass wir uns zum Beispiel 1 Million Zellen im Knochenmark angucken und da kein Myelom mehr finden. Das ist das Beste, was wir in der Remissionstiefe erreichen können. Das ist aber in der Regel noch mal deutlich tiefer als das, was eine alleinige Kontrolle bedeutet.
Welche persönlichen Lebensfaktoren sollte ich bedenken, bevor ich mich für eine Therapie entscheide?
Die Lebensfaktoren, die bei der Entscheidung zu einer Therapie eine Rolle spielen, sind vielfältig. Wir müssen uns da immer gemeinsam Hinsetzen mit Ihnen als Patient und herausfinden: Was sind die Faktoren, die bei Ihnen individuell eine Rolle spielen? Familie im Umkreis, Verwandte, Freunde, die im Zweifelsfall mal helfen können. Wenn wir jetzt sagen das soziale Netz ist nicht ideal, dann machen wir vielleicht nicht ganz so eine intensive Therapie, die aber auch im Umkehrschluss weniger Nebenwirkungen, weniger Risiken mit sich bringt. Wohingegen, wenn wir wissen, es gibt ein gutes Netz, dann können wir auch beispielsweise heutzutage schon aufwendigere Therapien, teilweise auch schon die modernen Immuntherapien in einer ambulanten Situation applizieren, ohne dass sie die ganze Zeit unter stationärer Überwachung sein müssen. Das ist für uns der wichtigste Faktor. Der andere Aspekt ist zu schauen: Was haben Sie noch für Nebenerkrankungen? Wir sagen immer, das Myelom ist zwar eine wichtige Erkrankung aus unserer Perspektive, aber wir verstehen natürlich auch, dass es nicht die alleinige Erkrankung ist. Myelom betrifft in der Regel auch Patienten mit einem fortgeschrittenen Lebensalter. Da hat man in der Regel nicht nur die eine Erkrankung. Das heißt, wir müssen auch immer schauen, was ist sonst noch so zu sagen und was ist gesundheitlich bisher passiert. Und das hilft uns auch manchmal zu entscheiden welche Therapie geben wir? Ist das Herz gesund beispielsweise? Dann wissen wir, dass wir aus dem Vollen schöpfen können. Ist das Herz nicht gesund, gibt es gewisse Substanzen, wo man zumindest mit einer dosisreduzierten Form arbeiten müsste? Das sind so typische Aspekte, die wir immer abfragen. Und ansonsten natürlich Sportlichkeit, körperliche Aktivität, gesunde Ernährung. Das sind Dinge, die wir uns in dem Gesamtkontext anschauen. Wir wollen sie nicht nur mit ihrem Myelom behandeln, wir wollen sie als Gesamtperson behandeln und immer alles berücksichtigen.
Wie plane ich am besten für eine Therapie voraus?
Wenn Sie nun in der Sprechstunde sind oder waren und von Ihrem Arzt erfahren, dass Sie ein Rezidiv bekommen, dann ist ein Punkt, wo es wieder mehr um die Frage geht: Was kann ich logistisch bestmöglich dazu beitragen, dass meine Erkrankung wieder in ruhigere Fahrwasser kommt? Sie kennen es vielleicht von den vorherigen Therapielinien , die Sie durchlaufen haben. Es gibt immer mal wieder Punkte, wo der Arzt/die Ärztin einem relativ wenig Flexibilität zubilligt. Das ist immer dann, wenn die Erkrankung aktiv ist. Und genau so eine Situation liegt ja beim Rezidiv auch vor. Und dann ist es in der Regel sehr wichtig, dass man mit engmaschigen Terminen die Erkrankungslast runterdrückt. Wir haben mittlerweile auch die Option, dass wir häufig unseren Patienten im Rezidiv eine Car T Zell Therapie anbieten können. Da gibt es feste Termine, die eingehalten werden müssen, beispielsweise die Absammlung der T Zellen und die Rückgabe der T Zellen. Das sind Termine, die auch heute an sogenannten Car T Zellzentren, in der Regel Universitätskliniken oder großen städtischen Häusern stattfinden müssen. Und rundherum müssen wir trotzdem eine überbrückende Therapie machen. Die machen wir hier in Würzburg sehr gerne in Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen und in den Praxen haben sie dann wiederum mehr Flexibilität. Aber es ist schon immer so als Regel: Immer dann, wenn die Erkrankung aktiv ist, möchten die Behandler eine gewisse Logistik abstimmen mit Ihnen als Patienten und immer dann, wenn wir wieder die Erkrankung etwas besser kontrolliert haben, haben sie wieder mehr Freiheiten.
Wie kann ich mich gut auf das Arztgespräch zur Therapieentscheidung vorbereiten?
Die bestmögliche Vorbereitung auf einen Termin bei uns, wenn sie mit einem Rezidiv diagnostiziert wurden oder ein Rezidiv vermutet wird, ist insbesondere zu verstehen. Was ist bisher in Ihrer Krankheitsgeschichte passiert? Deswegen sind wir immer dankbar, wenn Sie idealerweise alle Ihre sieben Sachen und Unterlagen dabei haben und uns mitbringen können. Und ansonsten finden wir es auch immer ganz gut: Vier Ohren hören mehr als Zwei, wenn Sie vielleicht noch einen vertrauten Familienangehörigen Freund dabeihaben. Das hilft uns auch immer sehr, weil man dann das Gefühl hat, ein gemeinsames Gespräch zu haben. Und unsere Erfahrung ist in der Regel auch, dass man leider als Betroffener in der Stresssituation, in der man dann häufig steckt, Fragen, die man vorher noch genau wusste, die man sich gern aufgeschrieben hätte, dann nicht mehr erinnern kann und dann vielleicht jemand Vertrautes genau noch weiß: „Ach, das wolltest du auch noch fragen.“ Und dann freut man sich – „Du bist dabei. Zum Glück hast du mich dran erinnert.“ Und das ist aus unserer Sicht das Wichtigste. Was sind auch noch weitere Dinge? Man kann sich natürlich informieren. Das Internet ist eine reichhaltige Ressource, die aber auch natürlich viel Mist schreibt. Deswegen ist das immer schwierig. Es gibt mittlerweile sehr gute Portale für Patienten speziell entwickelt, die alle Studieninformationen für die Erkrankung, Multiples Myelom und auch andere Onkologische Erkrankungen zusammenfassen. Da kann man sich informieren, welche Studien an welchen Zentren angeboten werden? Und wenn man dann schon mal eine ungefähre Orientierung hat, dann greifen wir auch gerne diese Informationen auf und besprechen das mit Ihnen. Auch wenn das jetzt keine eindeutige Empfehlung Richtung klinische Studie sein muss. Das würden wir einfach mit Ihnen besprechen und dann schauen, passt das für Sie oder wäre eine Therapie außerhalb der Studie für Sie vielleicht nicht günstiger?
Hier geht es zum Video-Interview: „Auf die Therapieentscheidung vorbereiten“