7. Depression verstehen – alle Fragen

Depression ist eine häufige psychische Erkrankung. Um die Krankheit besser verstehen zu können beantwortet Prim.a Dr.in Christa Radoš, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, hier die häufigsten Fragen zur Depression.

Was ist eine Depression?

Was ist eine Depression?

Eine Depression ist eine psychische Erkrankung. Eine psychische Erkrankung ist eine Krankheit wie andere Krankheiten auch, wie körperliche Erkrankungen, wie Bluthochdruck, wie Zuckerkrankheit, und ist auch als solche zu behandeln.

Es kann jeden treffen. Es hat nichts zu tun mit dem Alter, mit der Bildung, mit der sozialen Schicht, und es ist eine sehr häufige Erkrankung. Es ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, aber auch eine der häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung überhaupt.

Was passiert bei einer Depression?

Bei einer Depression ändert sich für den Betroffenen sehr viel, insbesondere wenn es um eine schwerere Depression geht.

Die ganze Welt ist wie in einen Schatten gefallen, und plötzlich scheint man Dinge anders zu beurteilen, anders zu erleben. Und in seiner ganzen Emotionalität, in seinem Denken sind Menschen dann total verändert.

Um was für eine Art der Erkrankung handelt es sich bei der Depression?

Wie schon gesagt, ist die Depression eine psychische Erkrankung.

Krankheiten können jeden treffen. So ist es auch mit der Depression. Es muss auch keinen Anlass dafür geben. Niemand ist schuld an einer Depression. Es gibt also keinen Grund, sich zu schämen oder von der anderen Seite auf Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, in irgendeiner Weise herabzusehen.

Welche Arten von Depression werden unterschieden und was macht sie aus?

In den wissenschaftlichen Klassifizierungssystemen, aber auch im klinischen Beurteilen unterscheidet man die Depressionen in erster Linie nach dem Schweregrad, aber nicht z.B. nach der Ursache. Es gibt leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. Die schwersten Formen der Depression nennt man Depressionen mit psychotischen Merkmalen. Das bedeutet, dass die Realitätswahrnehmung sogar verloren geht und die Realität so übertrieben negativ beurteilt wird, dass Menschen zum Beispiel glauben, Schuld auf sich geladen zu haben, obwohl das gar nicht stimmt, oder materiell zu verarmen, obwohl das auch nicht objektivierbar ist. Das sind dann Menschen, die wirklich sehr, sehr schwer krank sind.

Man teilt die Depression auch ein in akut verlaufende, chronisch verlaufende oder auch in sogenannte Rezidivierende, das heißt Depressionen, die öfter wieder auftreten.

In der angloamerikanischen Terminologie spricht man oft von einer Major Depression, also von einer sozusagen Hauptdepression oder großen Depression. Damit meint man mittelschwere bis schwere depressive Episoden.

Eine andere Depressionsform wäre die Dysthymie, die auch zur Depression gezählt werden kann. Das ist ein eher leichteres Störungsbild mit nicht so schweren Symptomen, das sich aber sehr chronisch oder dauerhaft hinziehen kann.

Was ist eine depressive Episode?

Eine depressive Episode ist, wie der Name schon sagt, eine Episode, die einen definierten Anfang und ein Ende hat. Und das ist auch recht charakteristisch für die Depression, dass das kein Dauerzustand ist, wie zum Beispiel bei einem Menschen, der aus irgendeinem Grund chronisch unglücklich ist. Die meisten Menschen können ganz gut zuordnen, wann ihre Depression begonnen hat — nicht auf den Tag genau, aber schon zu einem Zeitraum, wo sie gesagt haben: „Da hat sich alles für mich verändert. Da habe ich mich verändert.“

Und irgendwann hört zum Glück auch eine depressive Episode einmal auf. Und dann tritt wieder Schritt für Schritt, das geht natürlich nicht von heute auf morgen, es tritt Schritt für Schritt wieder eine gesündere Wahrnehmung, ein gesünderes Verhalten bis hin zur Vollremission, wie wir dazu sozusagen, bis zum Zustand der vollständigen Gesundheit wieder auf.

Wie lässt sich Depression von anderen psychischen Erkrankungen wie z.B. Angststörung oder Burn-Out unterscheiden?

Depressive Symptome im Sinne von Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebsstörung gibt es auch bei anderen psychischen Erkrankungen, allerdings nicht so ausgeprägt wie beim Vollbild der Depression.

Ängste auf der anderen Seite können auch bei der Depression wieder dabei sein. Wenn man einfach nichts mehr leisten kann, wenn man keinen Antrieb, keine Energie mehr hat, wird man natürlich dann auch ängstlich und verliert sein Selbstvertrauen.

Ich sage ganz gern, dass Depression und Ängste Geschwister sind. Angststörungen wie zum Beispiel Panikstörungen, die in der Bevölkerung ja auch recht bekannt sind, unterscheiden sich dadurch, dass hier die Ängste ganz im Vordergrund stehen und bei der Depression eben eher Antriebsmangel, Energieverlust und schlechte Stimmung sowie ganz wichtig die Freudlosigkeit, dass Dinge, die früher Freude bereitet haben, keine Freude mehr machen.

Angststörung und Depression kommen übrigens auch nicht so selten gemeinsam vor.

Ein paar Worte zum Burn-Out: Burn-Out ist ja nach der internationalen Klassifikation eigentlich kein Krankheitsbegriff. Burn-Out gilt als ein Faktor, der den Gesundheitszustand wesentlich beeinflussen kann. Burn-Out verläuft in Stadien, und man spricht vom Burn-Out, wenn es zu einer zunehmenden Erschöpfung kommt. Leichte Stadien des Burn-Outs mit Abgeschlagenheit, Lustlosigkeit hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt. Und jeder weiß auch ganz genau genau, was ihm oder ihr in so einer Situation am besten hilft, zum Beispiel sich ein paar Tage frei zu nehmen, sich seinen Hobbys zu widmen, sich um die Familie, um die Haustiere zu kümmern. Wenn das aber weiter fortschreitet, kann es krankheitswertig werden und kann dann im Endeffekt sogar zu einer Depression führen.

Wie viele Menschen leiden an Depressionen und wird die Erkrankung häufiger?

Depressionen sind eine häufige Erkrankung. Aufgrund Studien aus verschiedenen Ländern und auch Daten aus Österreich kann man davon ausgehen, dass jeder Fünfte im Laufe seines Lebens irgendwann einmal eine depressive Episode erleidet. Davon sind manche häufiger betroffen, und bei manchen bleibt es bei einem einmaligen Ereignis. Es ist also ungefähr gleich häufig wie die Zuckerkrankheit oder der Bluthochdruck.

Über das Zunehmen der Depression gibt es unter Umständen ein bisschen widersprüchliche Daten. Im Großen und Ganzen bleibt die Anzahl der depressiven Menschen, wie wir aus Versicherungsdaten wissen oder aus Studien. seit Jahren ungefähr gleich.

Dass es sich in früheren Jahren etwas gesteigert hat, hat wahrscheinlich weniger damit zu tun, dass die Krankheit häufiger wird, als dass mehr Leute um Hilfe ansuchen und somit sichtbar werden. Vor 30, 40 Jahren ist man vermutlich wegen einer Depression nicht zum Arzt gegangen. Das heißt: Die Dunkelziffer war früher höher.

Wer ist besonders gefährdet, an einer Depression zu erkranken?

Eine Depression kann jeden treffen. Wir wissen, dass Frauen häufiger von Depressionen betroffen sind als Männer. Das hat unter Umständen auch mit hormonellen Faktoren zu tun. Aber prinzipiell kann es jeden in jedem Lebensalter treffen, junge Leute, ältere Leute.

Was kann ich tun, um nicht an einer Depression zu erkranken?

Es kann natürlich trotz aller Vorsicht passieren. So wie bei anderen Krankheiten auch, ist ein gesunder Lebensstil auch förderlich, um nicht psychisch zu erkranken, nicht nur körperlich. Das heißt: Ein halbwegs regelmäßiges Leben zu führen, auch auf seine körperliche Gesundheit als auch ausreichend Schlaf zu achten, ist sicher von Vorteil, auch in dieser Hinsicht.

Grundsätzlich gibt es keine Risikogruppen im engeren Sinn. Aber Menschen, die empfindsam auf Stress reagieren, sind mehr gefährdet.

Was man tun kann, ist, dass man schaut, einen vernünftigen Umgang mit Stress und Ausgleichen mit Ressourcen zu pflegen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Was ist eine Depression?”

Symptome der Depression

An welchen Symptomen erkenne ich eine Depression?

Die Symptomatik einer Depression ist sehr vielfältig und kann auch sehr unterschiedlich sein. Deswegen ist sie oft für Betroffene und Angehörige gar nicht so leicht zu erkennen. Aber es sind immer drei Hauptsymptome, die Leitsymptome, wie wir Mediziner dazu sagen:

  • Das eine ist die Antriebsstörung, die den Patienten als Energiemangel erscheint, einfach keine Kraft mehr zu haben, bis hin gar keine Kraft mehr zu haben, sich aus dem Bett zu bewegen, keine Energie mehr zu haben, seinen Haushalt, seine täglichen Verrichtungen zu tun.
  • Das zweite ist die schlechte Stimmung. Depression muss nicht unbedingt mit trauriger Stimmung einhergehen, es kann auch eine gereizte Stimmung sein oder eine, auf Österreichisch sagt man Wurschtigkeits-Stimmung, so eine innere Gleichgültigkeit. Nichts berührt mich mehr.
  • Und das dritte Symptom, das wahrscheinlich, falls jemand von Ihnen betroffen sein sollte, Ihnen oder Ihrem Umfeld als erstes auffallen wird, ist die Freudlosigkeit. Das heißt: Dinge, die früher Freude bereitet haben, denen man sich gerne gewidmet hat, Interessen oder auch die Freude bei der Arbeit geht verloren. Man kann nichts mehr daraus beziehen, und man macht die Dinge dann auch gar nicht mehr.

Das heißt: Diese drei Symptome sind die Hauptsymptome.

Dann gibt es noch eine Menge Nebensymptome, die unterschiedlich häufig und unterschiedlich ausgeprägt im individuellen Fall sind.

  • Dazu gehören zum Beispiel Schlafstörungen,
  • Ängste.
  • Bei mittelschweren und schweren Depressionen kommt es sehr häufig zu sogenannten kognitiven Störungen. So nennen wir das in der Medizin. Das bedeutet Denkstörungen, die sich in erster Linie als Konzentrationsstörungen manifestieren. Die betroffenen Patienten haben das Gefühl, sich nichts mehr merken zu können. Sie kommen dann oft in die Beratung, zu den Untersuchungen, weil sie sogar befürchten, an einer Demenz zu leiden. Sie sagen: „Ich lese die Zeitung immer wieder und merke mir den Artikel nicht“, oder so etwas.

Falls Sie jemanden kennen, der depressiv ist oder selbst betroffen sind und solche Symptome bei sich bemerken, brauchen Sie vor so etwas keine Angst zu haben. Das ist typisch, weil sozusagen die inneren Prozesse, dieses Gedankenkreisen, das auch recht typisch ist, Ihr Gehirn so in Anspruch nimmt, dass Sie sich, auch wenn Sie sich bemühen, nicht gut auf Dinge konzentrieren können. Und dann speichern Sie die auch nicht ab und haben dann Gedächtnisstörungen.

Wie verändern sich mein Erleben und mein Verhalten durch eine Depression?

Erleben und Verhalten verändern sich durch eine Depression, so wie wenn ein Schatten über Ihr Leben und über Sie fallen würde. Es ist wirklich eine schlimme Erkrankung, wenn sie stärker ausgeprägt ist. Alles scheint Grau in Grau. Nichts mehr macht Freude. Ich habe scheinbar keine Kraft mehr, keine Lust mehr am Leben. Das heißt: Das prägt natürlich das innere Erleben. Nicht nur die Gefühle, sondern die ganze Weltwahrnehmung wird Grau in Grau, und das Verhalten ändert sich dadurch auch. Wenn ich keine Energie habe, keine Lust mehr habe zu etwas, werde ich sehr passiv, einsilbig, unter Umständen zurückgezogen, kleinste Dinge machen Mühe. Und wenn Sie das bei sich beobachten oder bei Angehörigen, sollte das auf jeden Fall ein Alarmzeichen sein, dass man sagt: Jetzt braucht man professionelle Hilfe.

Welche körperlichen Beschwerden und Erkrankungen begleiten eine Depression?

Die Depression betrifft den ganzen Menschen. Es gibt da den Begriff der Psychosomatik, das heißt die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele. Unser Gehirn steuert sowohl körperliche wie auch seelische Prozesse. Dann ist es kein Wunder, dass bei einer schweren psychischen Erkrankung auch der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen wird.

  • Das spielt sich sozusagen nicht nur im Kopf und in den Emotionen ab, sondern der ganze Körper kann sich irgendwie schwerer anfühlen.
  • Es gibt auch körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel ein Engegefühl im Hals, das sogenannte Globusgefühl. Der Volksmund spricht vom „Kloß im Hals“.
  • Es können Magen-Darm-Beschwerden sein.
  • Der Appetit kann sich verändern.
  • Der Schlaf ist in aller Regel gestört. Entweder grübelt man und kann nicht einschlafen oder wird in der Nacht wach oder sehr frühzeitig wach.
  • Schmerzzustände, die vielleicht ohnedies schon vorhanden sind, werden typischerweise viel quälender und intensiver wahrgenommen.
  • Und durch die Anspannung des Körpers können sich auch Kopf- oder Rückenschmerzen einstellen.

Sind die Symptome immer gleich stark ausgeprägt?

Die Symptome können ganz, ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die Leitsymptome der Depression, die drei Hauptsymptome — Stimmungsverschlechterung, Antriebsstörung und Freudlosigkeit – sind immer vorhanden, aber individuell in sehr unterschiedlichem Maße.

Alle anderen Symptome können ganz, ganz stark variieren, so dass jede Depression individuell zu beurteilen ist und ein anderes Gesicht haben kann.

Wie unterscheiden sich die Symptome bei Frauen und Männern?

Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Depression bei Frauen verstärkt vorkommt. Man ist sich da nicht ganz sicher, womit es zusammenhängt und ob da nicht ein paar Verzerrungen dabei sind.

Frauen fällt es leichter, über eine psychische und emotionale Störung zu sprechen, weil wir von Kindesbeinen an gewöhnt sind, als Mädchen schon über unsere Gefühle mit anderen zu kommunizieren. Männer tun sich da schon von ihrer Erziehung, von ihrem Selbstanspruch viel schwerer. Das heißt aber auch, dass Frauen natürlich viel eher um Hilfe ansuchen, wenn sie bei sich psychische Veränderungen bemerken. Männer brauchen da eher oft ein bisschen Unterstützung von ihrem Umfeld.

Die männliche Depression kann auch gleich ausschauen wie bei Frauen, genauso wie wir es bisher besprochen haben.

  • Es gibt aber eine Sonderform, die dann oft gar nicht als Depression erkannt wird, weil sie anders aussieht: Männer leiden bei ihren Gefühlsstörungen oft weniger unter dieser depressiven Verstimmung im Sinn von Traurigkeit und Rückzug, sondern da kann es eher oft zu Gereiztheit und sogar aggressiven Zuständen bis hin manchmal sogar zu Wutanfällen kommen, die eigentlich zu dem Menschen nicht passen. Das ist die Form der schlechten Stimmung, wie sie sich bei Männern manifestieren kann.
  • Männer neigen dazu, sich eher zurückzuziehen, unter Umständen reinzukippen in die Arbeit, sich reinzusteigern in Hobbys, in Sport. Das bis zu sehr exzessiv zu betreiben, wie sie es sonst nicht machen, könnte auch ein Alarmzeichen sein.
  • Es ist generell so, dass gelegentlich Depression mit dem Hausmittel Alkohol bekämpft wird, der kurzfristig zu helfen scheint. Und Alkoholmissbrauch im Zuge von Depressionen kommt auch bei Männern sehr viel häufiger vor als bei Frauen.

Wie unterscheiden sich die Symptome bei jungen und älteren Menschen?

Grundsätzlich haben junge und ältere Menschen durchaus ähnliche Symptome, da gibt es keine großen Unterschiede. Die Problematik der Depression beim älteren und überhaupt beim vielleicht betagten und hochbetagten Menschen ist, dass die Depression bei dieser Gruppe sehr, sehr viel seltener erkannt wird. Rückzug und traurige Stimmung werden gerade von Jüngeren einem alternden Menschen als unter Umständen fast natürlicher Zustand zugeschrieben. Das heißt: Man hält die Symptome der Depression fälschlicherweise für Folgen des Alters.

Natürlich kommen im Alter zusätzliche Belastungsfaktoren dazu, wie zum Beispiel Einsamkeit und Isolation, die eine Depression begünstigen können, aber auch körperliche Erkrankungen, die den Menschen zu schaffen machen. Zunehmende Einschränkung der Beweglichkeit, Schmerzzustände können eine Depression verschärfen und verstärken.

Grundsätzlich ist eine Depression in jedem Alter gleich gut behandelbar. Nur bei den älteren Menschen, wenn sie traurig und zurückgezogen sind, sollte man besonders genau hinschauen und sich nicht dazu verleiten lassen, die Depressionssymptome als Symptome eines normalen Alterungsprozess zu missdeuten.

Kann man trotz unterschiedlicher Symptome immer von der gleichen Erkrankung sprechen?

Die Symptome können individuell sehr unterschiedlich sein, das hat auch mit Persönlichkeitsmerkmalen der Menschen zu tun. Aber die Leitsymptome Antriebsmangel, Stimmungsverschlechterung und Freudlosigkeit sind schon sehr charakteristisch und verbinden sozusagen auch die unterschiedlichen Formen und Erscheinungsformen der Depression.

Worin liegt der Unterschied zwischen Depression und sich deprimiert zu fühlen?

Zwischen deprimiert sein und einer echten depressiven Erkrankung ist der Unterschied in der Intensität und auch im zeitlichen Ablauf. Das heißt: Deprimiert war schon jeder, weswegen vielleicht auch jeder glaubt zu wissen, wie sich eine Depression anfühlt. Das hat aber damit nichts zu tun. Deprimiert ist man entweder aus gutem Grund, dann gibt es ein sinnvolles Ganzes, oder man fühlt sich halt mal ein paar Tage lustlos, schlecht drauf. Länger als eine Woche oder so sollte das Ganze ja nicht dauern, und dann wird es auch von selbst wieder gut.

Wenn man deprimiert ist, ist auch der Selbstwert und das Gefühl der Selbstwirksamkeit nicht beschädigt, was bei der Depression sehr wohl der Fall ist.

Depression dauert auch deutlich länger und ist meistens dann auch intensiver.

Wie kann ich Trauer und Depression unterscheiden, wenn es mir gerade sehr schlecht geht?

Akute Trauer aus einem Anlass, aus einem Verlusterleben, aus zum Beispiel einem Todesfall fühlt sich sehr, sehr ähnlich an und manifestiert sich fast ident einer Depression. Im Unterschied zur Depression steht sie aber in einem angemessenen Verhältnis zu einem Trauerfall, und es wäre falsch, das gleich zu pathologisieren.

Man hat immer versucht, auch Zeitfenster festzumachen: Wie lange darf sozusagen eine physiologische Trauerreaktion dauern? Da gibt es verschiedene Meinungen. Der Volksmund, der es meistens ganz gut durchblickt, spricht ja von einem Trauerjahr. Das ist schon lange und bezieht sich halt doch auf sehr erhebliche Verluste. Grundsätzlich ähneln sich Trauer und Depression. Allerdings ist es bei der Trauer so, dass eben zum Anlass ein direkter Bezug besteht und dass abseits dieses Anlasses Menschen durchaus auch aufheiterbar sind, ablenkbar sind. Sie können sich dann nach einer gewissen Phase der Gewöhnung auch wieder Dingen widmen, die ihnen Freude machen, auch wenn die Trauer weiterhin da ist und sie vielleicht weiter weinen müssen, wenn sie an einen bestimmten Menschen oder ein geliebtes Haustier denken.

Aber ein weiterer Unterschied ist, dass bei der Depression der Selbstwert tief beschädigt ist und man sich nicht mehr selbstwirksam erlebt. Bei der Trauer ist es nicht so, da ist der Selbstwert dadurch eigentlich unbeschädigt.

Wie hängen Depression und Angst zusammen?

Depression und Angst hängen sehr eng zusammen, sie lassen sich auch gar nicht so klar voneinander trennen.

Wenn man sagt „Depression als Krankheit“, ist es eine Art Überbegriff. Wenn man sagt „die depressive Stimmung“, dann kann dies sehr wohl Ängste wachrufen, wenn man sich vorstellt, so wie wir es jetzt schon besprochen haben, wie ein depressiver Mensch sich fühlt, was der für Symptome hat. Dann gehören Ängste eigentlich dazu: Wird das jemals wieder anders? Der depressive Mensch glaubt, er hat sich verändert, kann sich eine Veränderung gar nicht vorstellen. Da ist gerade für die Angehörigen sehr wichtig, Mut zu machen und zu sagen: „Das ist eine Depression, die hört auch wieder auf“, und nicht in den Ängsten zu sehr mitzuschwingen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Symptome der Depression”

Entstehung der Depression

Wie kommt es zu einer Depression?

Eine Depression ist neurobiologisch gesehen eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Darüber werden wir sicher dann auch noch ein bisschen genauer sprechen. Das heißt, bestimmte Stoffwechselprozesse, die im Gehirn regelhaft ablaufen in bestimmten Zentren des Gehirns, sind gestört, sind nicht im Gleichgewicht.

Dafür kann es Auslöser geben, muss es aber nicht. Es kann eine Stoffwechselstörung, so wie bei einer Schilddrüsen-Erkrankung sozusagen von sich aus entstehen. Es kann aber auch, und das spielt meistens schon eine Rolle, Stressfaktoren geben, die diesen Prozess sozusagen anstoßen oder zumindest begünstigen.

Belastungen müssen nicht zu einer Depression führen können es aber. Genauso wie man weiß, dass es auch Menschen gibt, die so resilient, d.h. so widerstandsfähig sind, dass sie sogar schwere traumatische Erfahrungen mit angemessener Trauer dann gut überstehen können, ohne eine Depression zu haben. Und andere Menschen, die, wir sagen dazu vulnerabler, also verletzlicher, empfindsamer sind, auf Belastungen unter Umständen mit einer depressiven Erkrankung reagieren können.

Wir bringen das in einem medizinischen Modell in einen Zusammenhang. Das hat den komplizierten Namen Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Das heißt, je höher die Empfindsamkeit ist, die Empfindlichkeit gegenüber Stress, das ist teilweise genetisch bedingt, aber auch durch Vorerfahrungen im Leben, desto geringer muss der Stress sein, der eine psychische Erkrankung auslösen kann.

Was sind Schutz- und Risikomaßnahmen bei Depressionen?

Ich fange mal mit den Schutzfaktoren an. Welche Menschen sind widerstandsfähig gegen Depressionen? Wir sagen dazu resilient. Das sind Menschen,

  • die ein gutes Selbstwertgefühl haben,
  • die gut mit Stress umgehen können,
  • die ein gut funktionierendes soziales Netzwerk haben,
  • die es gut schaffen, auch angemessen über ihre Gefühle zu sprechen.

Die sind resilienter gegenüber Depressionen, übrigens auch gegenüber anderen psychiatrischen Erkrankungen. Garantie ist es keine. Es kann auch diese Menschen treffen.

Risikofaktoren sind, wenn man so will, das Gegenteil davon:

  • Menschen, die unsicher sind in ihrem Selbstwert,
  • Menschen, die negative Erfahrungen gemacht haben,
  • Menschen, die Traumata erlitten haben, egal ob in der Kindheit oder im späteren Leben, sind anfälliger für Depressionen,
  • und Menschen, die wenig soziale Unterstützung vorfinden.

Kann Depression vererbt werden?

Depression ist keine Erbkrankheit, das heißt, es gibt keine Depressions-Gene, die von einem Elternteil auf ein Kind weitergegeben werden.

Was man sehr wohl weiß, ist, dass die Disposition, also die Neigung, psychische Erkrankungen zu bekommen und Depressionen zu bekommen, schon in der Familie liegen kann. Oft gibt es eben Familienmitglieder, die depressiv, wir sprechen da wirklich aber nur von den nahen Verwandten, das heißt erstgradige Verwandte in erster Linie. Da kann eine bestimmte Neigung, an Depressionen zu leiden, vererbt werden, insbesondere wenn Stressfaktoren dazukommen.

Aber alle, die depressiv sind und Kinder haben, brauchen jetzt keine Angst zu haben, dass sie das unbedingt an ihre Kinder weitergegeben haben. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch.

Natürlich hört man oft: Ist das jetzt wirklich vererbt? Oder hat es zum Beispiel mit negativen Vorerfahrungen der Eltern zu tun, die sie unbewusst vielleicht an ihre Kinder weitergeben, oder mit frühkindlichen Erfahrungen? Wenn eine zu Depressionen neigende Mutter oder ein Vater Kinder z.B. sehr abhält davon, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, dann ist das wahrscheinlich für die psychische Entwicklung nicht günstig. Auch solche Faktoren spielen natürlich eine Rolle.

Depression ist ein typisches Beispiel für eine multikausale Erkrankung, die von vielen Faktoren beeinflusst werden kann und ausgelöst werden kann.

Was sind Krisen und welche Rolle spielen sie bei der Entwicklung einer Depression?

Krise ist ein sehr allgemeiner Begriff. Ohne Krisen gibt es keine menschliche Entwicklung. Wir alle haben Reifungskrisen. Das fängt mit der Pubertät an und geht eigentlich durch unser ganzes Leben, dass wir manchmal schwierige Erfahrungen machen oder in einen neuen Lebensabschnitt eintreten und spüren, dass es uns dann psychisch nicht so gut geht, weil wir uns dann vielleicht einfach verunsichert fühlen oder Erfahrungen machen, die nicht so angenehm sind. Solche Krisen können sich zuspitzen, natürlich auch abhängig vom Auslöser. Wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, wenn eine Partnerschaft in die Brüche geht, wenn ich einen Todesfall erleben muss, dann gehört eine Krise eigentlich dazu.

Dass Krise eine Chance ist, ist schon ein Allgemeinplatz. Das ist aber auch sehr wahr, weil ich mir durch das Überwinden einer Krise meiner seelischen Kräfte natürlich stark bewusst werde. Aber Krisensituationen sind immer ein Risiko, dass ich das unter Umständen auch nicht bewältige, das ist auch keine Schande, eine Krisenintervention vielleicht brauche. Manchmal genügen ein paar Gespräche. Aber es kann auch eine Krise in eine Depression münden.

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld?

Das soziale Umfeld spielt eine enorme Rolle. Depressive fühlen sich hilflos, sie haben auch keine Perspektive und können sich auch nicht vorstellen, dass der Zustand wieder mal enden wird. Da ist eine beruhigende und unterstützende Haltung des sozialen Umfelds eine große Hilfe.

Sollten Sie Angehörige von Depressionspatienten sein, können Sie sehr viel tun, indem Sie nicht zu viel tun.

Fragen Sie den Betroffenen wirklich, wobei Sie ihm behilflich sein können und was er eher nicht braucht. Was er nicht braucht in aller Regel sind gute Ratschläge, Beispiele aus dem eigenen Leben, die unter Umständen belastend sein können, wenn der Betroffene es eben genau nicht schafft. Das ist ja die Krankheit.

Ganz, ganz ungünstig ist es, ans positive Denken zu appellieren. Das ist so, wie wenn Sie einem Blinden sagen, ob er die schönen Farben eines Bildes nicht erkennen kann. Das ist der Kern der Erkrankung.

Was Sie tun können, ist einfach für die Betroffenen da zu sein, ihnen zu helfen, ihren Alltag zu organisieren, professionelle Hilfe zu organisieren. Denken Sie an die Antriebsstörung. Auch kleine Schritte sind für den Betroffenen oft eine große Herausforderung. Und da können Sie unterstützend wirken.

Bieten Sie sich an als Gesprächspartner, aber überfordern Sie den Patienten nicht.

Welche körperlichen Erkrankungen können eine Depression auslösen?

Das ist ein bisschen ein Henne-Ei- Prinzip. Man weiß, dass körperliche Erkrankungen oft mit depressiven Erkrankungen gemeinsam einhergehen. Unter Umständen gibt es sogar neurobiologisch gemeinsame Stoffwechselbahnen, die da eine Rolle spielen. Es geht also nicht nur um die Krankheitsbewältigung, um das Coping, wie es in der Psychologie genannt wird. Krankheiten, die häufig gemeinsam mit Depressionen auftreten, sind zum Beispiel die Zuckerkrankheit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Zustand nach Schlaganfall. Bei diesen Patienten ist durch viele Studien belegt, dass die Depressionswahrscheinlichkeit eine höhere ist.

Auch Krebspatienten haben eine hohe Inzidenz. Jeder zweite Krebspatient soll an einer Depression leiden. Und das wird, ähnlich wie ich es vorhin bei den alten Menschen gesagt habe, dann oft nicht erkannt, weil man sagt: „Dass ein Krebspatienten traurig und verzweifelt ist, keine Energie hat, ist ja wohl normal. Ich würde mich auch fürchten.“ Man weiß aber, dass diese Symptome bei einer Behandlung der Depression deutlich besser werden und dass die Patienten sich dann auch leichter tun, ihre onkologischen Therapien gut zu bewältigen. Also bitte gerade bei körperlich Kranken auch immer genau hinschauen, ob nicht vielleicht auch eine Depression mit dabei ist.

Was sind Neurotransmitter und welche Funktionen haben sie?

Neurotransmitter werden übersetzt als Botenstoffe. Es sind hormonartige Substanzen, die in unserem Gehirn biologisch vorkommen, und die Übertragung Prozesse an den Synapsen, das heißt an den Überträgerstellen im Nervensystem mediieren, also die dabei beteiligt sind.

Es gibt eine Reihe von Neurotransmittern, die charakteristischerweise in bestimmten Hirnregionen vorkommen. Die drei wichtigsten, die bei der Depression eine Rolle spielen. Es gibt noch viel, viel mehr, die auch bei ganz anderen Prozessen eine Rolle spielen, bei der Bewegung und so weiter.

  • Für die Depression besonders wichtig und am bekanntesten ist wahrscheinlich das Serotonin, dem zugeschrieben wird, eher für eine Art von innerer Gelassenheit zuständig zu sein, für eine gute Stressbewältigung.
  • Das Dopamin, das für die Freude sozusagen zuständig ist. Dopamin fließt überall dort, wenn wir gerade etwas tun, was uns sehr erfreut und sehr begeistert.
  • Und das Noradrenalin, das für die Energie zuständig ist.

Das heißt: Diese drei Neurotransmitter spiegeln eigentlich die drei Hauptsymptome der Depression wider.

Was mir wichtig ist, wenn wir über Botenstoffe sprechen: Man hat sehr oft so die Vorstellung, und die ist auch naheliegend: Die Depression ist so eine Art Mangelerkrankungen an einem Botenstoff. Das heißt: Es fehlt eine Substanz. Und das werden wir auch sehr oft von den Patienten gefragt: Soll man nicht zum Beispiel Serotonin in irgendeiner natürlichen Form zuführen? Dann würde die Depression besser werden. Das ist gut belegt, dass es kein Transmittermangel ist. Die Transmitter sind schon da. Und das ist auch ganz ein hochkomplexes Geschehen, das da im Gehirn passiert. Es ist das Zusammenspiel und die Funktion gestört und nicht eine Frage der Menge oder des Fehlens einer Substanz.

Was verändert sich bei einer Depression im Körper und sind diese Veränderungen von Dauer?

Eine Depression spielt sich aber nicht nur im Gehirn ab auf der Ebene der Neurotransmitter, sondern nimmt den ganzen Körper sozusagen mit in Beschlag. Es verändert sich vor allem das vegetative Nervensystem, das aus Sympathikus und Parasympathikus gebildet wird, die sich steuern, die sozusagen alle Organfunktionen steuern, abhängig von der psychischen Befindlichkeit. So kann man es, glaube ich, verkürzt erklären.

Zum Beispiel ist das vegetative Nervensystem dafür verantwortlich, ob ihr Herz schnell schlägt oder langsam, aber nicht, dass es schlägt. Das macht es sozusagen automatisch. Oder auch wie Ihr Magen-Darm-Stoffwechsel funktioniert, oder ob Sie stark schwitzen. Das vegetative Nervensystem kann von einer Depression enorm in Mitleidenschaft gezogen werden. Das heißt, der Körper kann, wie man so sagt, alle Stückchen spielen und alle möglichen körperlichen Beschwerden auch machen.

Es gibt neuere Forschungen, die einen Subtyp der Depression definieren, das heißt eine Untergruppe von bestimmten Depressionen, wo wahrscheinlich Entzündungsprozesse im Körper ablaufen. Wenn Sie sich vorstellen, wenn Sie z.B. an Grippe erkrankt sind, dann ist es ein Zustand, der in der psychischen Befindlichkeit der Depression durchaus ähnelt: Man zieht sich zurück, man ist ruhebedürftig, man mag nicht reden, man mag nichts unternehmen. Also unter Umständen spielen solche Entzündungsprozesse im Gehirn eine Rolle.

Ein weiteres Thema, das derzeit stark erforscht wird, ist die Rolle des Mikrobioms im Darm, das heißt die natürlichen Keime, die wir im Darm haben. Auch die sollen einen Einfluss auf die Stimmung haben und unter Umständen bei manchen Formen der Depression eine Rolle spielen. Aber hier sind die Ergebnisse noch nicht so weit, dass man daraus irgendwelche Schlüsse für die Praxis wirklich ableiten kann.

Kann ich Neurotransmitter selbst beeinflussen?

Eine sehr häufige Frage, die Sie sich wahrscheinlich selbst auch stellen, ist: Wenn ich über Neurotransmitter nachdenke, kann ich irgendwas tun, um den Stoffwechsel zu verbessern? Das Beste, was Sie tun können, sind, falls Ihnen Antidepressiva verordnet werden, die zu nehmen, weil die genau dort ansetzen an diesen Prozessen. Die ersetzen nicht die Neurotransmitter, sondern die aktivieren sie zum Beispiel.

Verhaltensweisen haben einen bedingten Einfluss. So wie ich vorhin erwähnt habe, wenn Sie etwas tun, was Sie mit großer, großer Freude und Begeisterung erfüllt, dann ist das Dopamin gerade sehr, sehr aktiv. Stress aktiviert z.B. Noradrenalin, und deswegen gibt es ja auch die Begriffe Eustress, guter Stress, und Distress, schädlicher Stress. Das heißt: Bis zu einem gewissen Maß wird der Stress durchaus anregend und motivierend erlebt. Nur Vorsicht: Über diese Verhaltensweisen können Sie nicht die Depression ansteuern, weil wir kommen dort genau hinein, was der Depressive eben nicht kann, weil es eben nicht funktioniert. Und wenn er sich jetzt dazu zwingt, irgendwas zu tun, was ihm sonst Freude bereitet hat, wird nicht das Dopamin fließen, sondern er wird eher Insuffizienzgefühle erleben, weil er eben keine Freude empfindet und weil er das eben momentan nicht schafft.

Hier geht es zum Video-Interview: „Entstehung der Depression”

Diagnose der Depression

An wen kann ich mich mit meinen Beschwerden wenden?

Als allererstes glaube ich, ist es ganz, ganz sinnvoll, mit nahestehenden Menschen mal drüber zu sprechen, bevor wir jetzt zu den Health Professionals kommen, wo Sie Rückmeldung bekommen „Komme ich dir auch verändert vor?“ Das ist ein wichtiger Schritt.

Aber dann geht es natürlich sehr bald um die Frage: Professionelle Hilfe – wo gehe ich dahin?

Was ist ein Psychiater oder eine Psychiaterin? Das ist einfach ein Facharzt für Psychiatrie. Das heißt, Psychiater haben Medizin studiert und danach eine sechsjährige Facharztausbildung absolviert, wo sie alles über psychische Erkrankungen und deren Behandlung lernen.

Und in dieser Facharztausbildung ist auch eine komplette Psychotherapie-Ausbildung inkludiert. Also wenn Sie ärztliche Hilfe brauchen, und ich vertrete schon die Meinung, dass jeder, der krank ist, zumindest einmal einen Arzt konsultieren sollte und dessen Meinung und Sichtweise hören. Erster Ansprechpartner wäre dann sehr oft der Hausarzt, aber heutzutage hat nicht jeder Mensch mehr einen Hausarzt, mit dem man wirklich auch spricht und den Familienarzt, der die Familie kennt. Wenn Sie das Glück haben, so einen Arzt zu haben, ist das wahrscheinlich Ihr erster Ansprechpartner.

Welche Berufsgruppen spielen noch eine Rolle? Es gibt Psychologinnen und Psychologen. Psychologen haben ein Universitätsstudium absolviert, das auch Wissen über sämtliche Funktionen der Psyche beinhaltet und auch über psychische Erkrankungen. Psychologen, die in der Praxis arbeiten, haben eine Zusatzausbildung als klinische und Gesundheitspsychologen. Das heißt, die haben auch eine Ausbildung gemacht, meistens in Krankenhäusern, wo sie wirklich Experten sind auch für psychische Erkrankungen. Sie sind aber im Gegensatz zu den Psychiatern keine Ärzte und können auch keine Medikamente verschreiben. Sie sind aber eine Berufsgruppe, die ebenso wie die Ärzte sehr, sehr erfahren und versiert in der Diagnostik zum Beispiel sind.

Eine sehr heterogene, unterschiedliche Gruppe ist die Gruppe der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die können ihre Psychotherapie-Ausbildung entweder jetzt seit neuestem auch in universitären Einrichtungen, früher waren es Vereine machen. Es gibt sehr unterschiedliche Richtungen der Psychotherapie. Nicht alle Richtungen sind für die Depressions-Behandlung gleich gut geeignet. Psychotherapeuten können auch aus sehr medizinfernen Berufen unter Umständen kommen und auch wenig Ahnung von psychischer Erkrankung aus der Praxis haben. Aber manche sind wieder hoch erfahren. Das ist sehr unterschiedlich. Und da macht es schon Sinn sich zu erkundigen, zu wem ich da gehe und auch welche Psychotherapie-Methode hier angewandt wird. Weil es gibt Psychotherapie-Methoden, die sehr langfristig angelegt sind, wo Menschen sich wirklich sehr gründlich besser kennenlernen können. Und das macht wahrscheinlich bei einer akuten Depression keinen Sinn.

Psychotherapie und Medikation wirken übrigens harmonisch zusammen und ergänzen sich optimal. Aus der praktischen Erfahrung man dabei sagen muss: Wenn jemand eine sehr schwere Depression hat, ist er oft gar nicht in der Lage, noch eine Psychotherapie zu machen. In der Psychotherapie müssen Sie sich ja auch mit Ihren Defiziten, mit leidvollen Erlebnissen aus Ihrer Geschichte auseinandersetzen. Und ich glaube, es ist unschwer vorstellbar, dass jemand, der akut depressiv ist, da den ungünstigsten Zeitpunkt in seinem Leben dafür vorfindet, sich mit dem auseinanderzusetzen, gar nicht dazu in der Lage ist. Zu einem späteren Zeitpunkt, wo die Depression schon abgeklungen oder gebessert ist, kann sowas aber sehr sinnvoll sein.

Ein Beruf, den ich hier nicht so dazu zähle, aber der sehr breit auch hinein geht manchmal in diese Beratung, sind die Lebens- und Sozialberater, die aber per se gesetzlich keine kranken Menschen beraten und behandeln dürfen.

Und hinein spielt auch noch der große Bereich der Esoterik, der in unserer Gesellschaft sehr beliebt ist. Wenn Ihnen irgendetwas hilft aus diesem Bereich, dann nehmen Sie es ruhig in Anspruch. Aber bitte suchen Sie einen Profi aus, der sich wirklich auch mit Schulmedizin und mit psychischen Erkrankungen auskennt, wenn der Verdacht auf so eine Erkrankung gegeben ist.

Worauf sollte ich bei der Suche nach einer/m AnsprechpartnerIn achten?

Das Wichtigste ist, dass der Ansprechpartner, die Ansprechpartnerin zu Ihnen persönlich passt und dass Sie sich dort wohlfühlen.

Das ist kein Mensch, der Sie durch Ihr Leben begleiten wird. Sie müssen nicht befreundet sein. Das wäre sogar eher kontraproduktiv. Aber es muss jemand sein, mit dem Sie ein gutes Gesprächsverhältnis haben und wo, wie man so schön sagt, die Chemie stimmt. Das ist, glaube ich, das Primäre. Und da würde ich auch durchaus, wenn Sie sich noch nicht wohlfühlen, eine Alternative, eine zweite Meinung einholen. Ansonsten glaube ich, sind alle diese Berufe, die wir vorhin aufgezählt haben, qualifiziert, da ihren Beitrag zu leisten.

Wie spreche ich am besten mit Familie und Freunden über meine Beschwerden?

Wie es dem Verhältnis zu dem jeweiligen Menschen angemessen ist. Aber gehen Sie offen damit um, Sie müssen sich nicht schämen. Sie müssen auch die anderen nicht schonen. Sie sind erkrankt und halten Sie sich bitte immer wieder vor Augen: Es ist eine Krankheit. Sie haben nichts falsch gemacht und Sie sind auf keinen Fall schuld, dass so was passiert ist. Das heißt, Sie können auch offen dazu umgehen. Versuchen Sie, ich rate das immer, so damit umzugehen, wie wenn Sie eine körperliche Erkrankung hätten, wie wenn Sie Magenprobleme hätten. Und sagen Sie Ihren engsten Angehörigen auch, wie sie Ihnen helfen können. Bitten Sie Ihren Angehörigen, Ihnen etwas abzunehmen. Sie sind meistens froh, wenn sie was für Sie tun können. Und scheuen Sie sich auch nicht zu sagen: „Das, was du mir jetzt alles erklärst, kann ich jetzt im Moment gar nicht verarbeiten. Das ist mir zu viel.“ Oder: „Bitte gib mir keine Ratschläge. Das, was dir damals geholfen hat, wie du deine Scheidung hinter dir hast, passt für mich jetzt gar nicht. Das belastet mich eher nur. Ich kann mich jetzt auf deine Geschichte gar nicht einlassen. Und zwar nicht, weil ich dir nicht nahe sein möchte, sondern weil ich mir in meiner Beziehungsgestaltung momentan schwer tue.“

Was erwartet mich beim ersten Arztbesuch?

Wenn Sie zum Arzt gehen, speziell zum Psychiater, wird Sie erwarten, dass der Arzt sich mit Ihnen wirklich fundiert auseinandersetzt. Das heißt, er wird Ihnen viele Fragen stellen. Er muss nicht Ihre Lebensgeschichte kennen. Er wird Sie mal erzählen lassen, wie das Ganze begonnen hat und warum Sie überhaupt herkommen. Und wird dann mit gezielten Fragen nachhaken. Um eine Depression gut einstufen zu können, fragen wir aktiv nach manchen Symptomen. Wenn Sie sagen: „Ich schlafe schlecht“, wird der Arzt vielleicht fragen: „Geht es eher ums Einschlafen, oder wachen Sie frühzeitig auf? Oder können Sie nicht durchschlafen? Wenn Sie nicht einschlafen können, was hindert Sie am Einschlafen? Grübeln Sie viel? Kreisen die Gedanken?“

Der Arzt wird auch viele Fragen stellen: „Wie lange bemerken Sie das schon? In welchem Ausmaß bemerken Sie das schon?“ Diese Fragen helfen dem Arzt nicht nur, Sie persönlich besser kennenzulernen, sondern auch wirklich Ihr Krankheitsbild gut einzustufen.

Zeit, auch beim Arzt, ist immer in irgendeiner Weise beschränkt. Das heißt, es ist hilfreich, wenn man sich vielleicht selbst auch ein bisschen auf den Arztbesuch vorbereitet, vielleicht ein bisschen sich Aufzeichnungen macht, was wichtig wäre.

Gut wäre, wenn Sie Medikamente nehmen, wenn Sie genau Bescheid wissen, wie die heißen und in welcher Dosis und warum Sie die einnehmen. Das wird der Arzt Sie wahrscheinlich fragen. Er wird Sie auch nach Ihren körperlichen Erkrankungen fragen.

Und wenn Sie wichtige Fragen haben, schreiben Sie sich die vorher auch auf. Gerade für einen depressiven Menschen ist der Arztbesuch, oft gerade der erste Besuch, oft ein großer Stress und nachher kommt man dann drauf: „Eigentlich wollte ich das noch fragen, das habe ich jetzt vergessen“.

Und kein Arzt wird etwas dagegen haben, wenn Sie sich während dem, was er Ihnen erklärt, auch vielleicht ein bisschen Notizen machen.

Welche Untersuchungen werden durchgeführt?

Die psychiatrische Untersuchung besteht eigentlich in einem Gespräch. Und dieses Gespräch, wenn es besonders gut gemacht wird, wird Ihnen wie ein ganz natürliches Gespräch vorkommen. Aber der Arzt fragt, wie wir schon erklärt haben, ganz bestimmte Symptombereiche und ganz bestimmte Dinge ab, der braucht, um eine Diagnose stellen zu können.

Körperliche Untersuchungen: Es wird vielleicht eine orientierende neurologische Untersuchung mit Reflexprüfung stattfinden, und dann macht der Arzt sich ein Bild und wird unter Umständen weitere Untersuchungen anordnen. Es gibt körperliche Erkrankungen, die einer Depression sehr ähneln können, wie zum Beispiel Anämie, Blutarmut, oder Schilddrüsenstörungen. Falls hier ein Verdacht besteht, wird der Arzt dann Blutuntersuchungen anordnen oder vielleicht eine Computertomographie, aber das muss nicht zwingend der Fall sein.

Welche Rolle spielen körperliche Untersuchungen?

Wie schon gesagt, sind körperliche Untersuchungen nicht immer notwendig, außer um andere Erkrankungen auszuschließen. Eine Depression diagnostiziert man, wie wir sagen, klinisch, das heißt nach Ihrem Erscheinungsbild und nach Ihren Symptomen und nicht aufgrund irgendwelcher Werte, zum Beispiel im Blut.

Es gibt alle möglichen Tests, die eher so ein bisschen aus der Alternativmedizin oft kommen, die Hinweise geben sollen auf das Stresslevel und so weiter. Die braucht man aber nicht, um eine Depression zu diagnostizieren. Die können auch in die Irre führen.

Sehr beliebt ist bei manchen Ärzten auch die Kontrolle des Serotoninspiegels. Das scheint naheliegend zu sein, weil das Serotonin so eine große Rolle bei der Depressionsentstehung spielt, bringt aber eigentlich nichts, wenn das Serotonin, das im Blut ist, nichts über den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn aussagt. Die meisten Serotoninzellen haben wir im Darm und nicht im Gehirn. Das heißt, unter Umständen ist es aussagekräftiger, wie Ihr Darm funktioniert, als ob Sie eine Erkrankung im Gehirn haben. Also da kommen dann irgendwelche Richtwerte über einen Serotoninmangel heraus. Wenn man den behebt, kann es nichts schaden. Aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Placebo-Effekte sind.

Welche psychologischen Tests gibt es und wie laufen diese ab?

Es gibt eine Reihe von psychologischen Tests, die speziell dafür entwickelt wurden, eine Depression nicht nur zu diagnostizieren, sondern auch ihr Ausmaß zu messen. Bekannte Tests sind zum Beispiel die Hamilton Depression Scale, das ist wahrscheinlich die meist verwendete, oder Montgomery-Asberg Scale. Das sind alles Skalen, in denen genau das passiert, was ohnedies bei der Untersuchung geschieht, nämlich die Symptome abgefragt werden. Und dann gibt es sogenannte Cut-Off-Werte, das heißt bestimmte Werte, ab da ist eine Depression wahrscheinlicher, ab da ist sie gesichert.

Diese Tests sind eigentlich für die Diagnose einer Depression nicht erforderlich, weil die nichts anderes aussagen, wie das, was man auch im ärztlichen klinischen Gespräch findet. Und eine Depression ist für erfahrene Diagnostiker so ein typischer Zustand, dass es meistens keine Tests braucht. Manchmal werden Tests eingesetzt, um den Therapieerfolg zu evaluieren. Und natürlich haben Tests eine enorme Bedeutung, um wissenschaftlich auf dem Gebiet zu arbeiten. Die sind international die gleichen.

Wenn Differenzialdiagnosen, also unterschiedliche Diagnosen, die vielleicht auch in Frage kämen und die keine körperlichen Diagnosen sind, vielleicht andere psychiatrische Erkrankungen, wie auch die Depression in Form einer bipolaren Störung oder ob es vielleicht um eine beginnende Demenz handeln könnte, wovor sich jetzt niemand fürchten muss, der vielleicht hier zusieht und eine Depression hat. Aber wenn der Arzt das vermutet, werden man meistens dann psychologische Tests gemacht.

Was wird getestet und welche Fragen erwarten mich?

Bei diesen Tests werden in erster Linie Symptome abgefragt, also weniger Dinge, die aus ihrem Leben oder individuell wichtig sind, sondern eben

  • Wie ist der Schlaf?
  • Wie ist der Antrieb?
  • Haben Sie negative Gedanken?
  • Haben Sie Suizidgedanken?
  • Wie hat sich sozusagen Ihr Leistungsniveau verändert?

Und das beantworten Sie dann. Das sind standardisierte Tests. Das heißt, sie nicht auf Sie persönlich zugeschnitten, sondern es sind allgemeine Fragen.

Und es sind keine Tests wie eine Prüfung. Sie können auch da nichts falsch machen. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass Sie nicht mit Angst zu seinem Test gehen. Es ist nur eine Einschätzung und auch nicht sozusagen ein Beweis für irgendetwas.

Sollte ich mich auf diesen Test vorbereiten?

Sie können sich auf diese Tests gar nicht vorbereiten und sollen sich auch nicht vorbereiten. Wie gesagt, das ist keine Prüfung, die Sie bestehen oder nicht bestehen können. Es soll einfach Ihren psychischen Zustand gut abbilden und das gelingt am besten, wenn Sie vollkommen unvoreingenommen herangehen.

Es ist schon hilfreich, wenn Sie halbwegs ausgeschlafen und ausgeruht sind. Und wenn Sie aufgrund Ihrer Depression, und das ist gar nicht so selten der Fall, sich nicht in der Lage fühlen, so einen Test überhaupt zu machen, dann sagen Sie das ruhig. Dann wird man das auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, weil der Test dann wahrscheinlich eh nicht sehr aussagekräftig wäre.

Was bedeutet das Testergebnis dann für mich und das weitere Vorgehen?

Ich würde es gern erweitern. Es geht gar nicht so um das Testergebnis der psychologischen Tests, sondern um die Diagnose der Depression überhaupt. Das Testergebnis steht ja nur im Zusammenhang. Da kommt jetzt wahrscheinlich nichts ganz Überraschendes heraus, was nicht vorher sich ohnedies schon abgezeichnet hat.

Ich glaube, es bedeutet auch mal über die Diagnose sich zu informieren, durchaus Fragen zu stellen, sowohl dem Psychologen als auch dem Arzt, mit dem Sie da in Kontakt sind: „Was bedeutet das jetzt für mich? Wie sehr soll ich mich aktivieren, oder soll ich mich eher schonen? Wie kann ich mich jetzt gut auf diese Erkrankung einstellen?“ Und natürlich wird sich daran auch ein Gespräch über die Behandlungsmöglichkeiten anschließen.

Sollte ich Selbsttests durchführen?

In Zeiten des Internets machen natürlich viele Menschen sich auch im Internet schlau, und das ist auch ganz in Ordnung. Nur wissen wir natürlich, dass wir im Internet eine Mischung aus korrekten und Fehlinformationen finden. Deswegen, glaube ich, geht da eh jeder hoffentlich vorsichtig damit um.

Es gibt eine Menge psychologischer Tests, die auch im Internet als Selbsttest angeboten werden. Das kann man auch gerne machen, um selber eine Einschätzung zu kriegen. Aber Tests können auch falsche Ergebnisse bringen. Und man muss auch wissen, welcher Test für wen passt und zu welchem Stadium zu wem passt. Das heißt, wenn Sie so ein Testergebnis haben, speziell wenn es schlecht ausgefallen sein sollte, bitte besprechen Sie das mit einem Psychologen, Psychologin oder mit einem Arzt, damit Sie da nicht unnötig verunsichert werden.

Hier geht es zum Video-Interview: „Diagnose der Depression”

Verlauf der Depression

Gibt es typische Verlaufsformen bei Depressionen?

Die typischen Verlaufsformen der Depression sind derart, dass es meistens schon einen erkennbaren Anfang und ein erkennbares Ende hat. Die Verlaufsform unterscheidet sich dann sehr durch den Schweregrad. Ansonsten können die Episoden natürlich auch sehr unterschiedlich lang sein.

Wie lang dauert eine Depression?

Eine Depression kann leider eine sehr langwierige Erkrankung sein. Sie kann relativ akut und fulminant verlaufen, aber auch einen chronischeren Verlauf nehmen. Auch unbehandelt endet in aller Regel, leider gibt es Ausnahmen, aber meistens endet die Depression auch von selbst wieder. Das kann aber monatelang dauern. Wenn sie entsprechend behandelt wird, dauert es entsprechend kürzer.

Man muss aber schon sagen, dass das, bis eine Behandlung anspricht, 2, 3 Wochen zu veranschlagen sind. Nach 3 bis 4 Wochen sollten Sie sich dann schon deutlich besser fühlen und wieder einiges von Ihren Fähigkeiten zurückgewonnen haben. Bis Sie sich ganz wieder wie der oder die Alte fühlen, können schon 2 Monate vergehen.

Sollte diese Besserung in den ersten 3-4 Wochen nicht eintreten, ist es auch kein Grund zu verzweifeln. Es gibt viele, viele Behandlungsoptionen, und da muss man einfach einen anderen Weg einschlagen.

Die Behandlung einer Depression aufgrund dieser Schwierigkeit und dadurch, dass sich auch durch egal ob es jetzt Psychotherapie-Gespräche oder Medikamente sind, das Gehirn natürlich nicht von einem Tag auf den anderen reagiert, braucht leider viel Geduld von den Betroffenen, von ihrem Umfeld, aber auch von uns Behandlern. Und man muss einfach dranbleiben, denn fast allen Menschen kann man wirklich sehr gut helfen. Aber es dauert manchmal seine Zeit.

Welche Risiken birgt die Erkrankung?

Das eine Risiko ist, dass es nicht erschöpfend behandelt wird. Das heißt, wenn man sich zu früh mit einer Besserung zufrieden gibt und mit der Behandlung zu früh wieder aufhört, dann ist das Risiko des Wiederauftretens ein sehr großes. Wir sprechen von einer Remission, wenn alle Symptome verschwunden sind, und dann sollte man die Therapie noch eine Weile fortsetzen. Der Arzt wird Ihnen sagen, wie lange.

Aber wenn noch Restsymptome da sind, zum Beispiel wenn die Schlafstörung weiter besteht oder eine starke Unruhe noch weiter besteht, ist das Risiko für einen Rückfall einfach ein höheres. Das heißt, das muss man wirklich immer schauen, dass man die Behandlung und auch die Weiterbehandlung auch nach dem Abklingen der Symptome ausreichend und gut gestaltet.

Ein Risiko, über das wir hier sprechen müssen, ist natürlich auch das Suizidrisiko. In Österreich sterben immer noch dreimal so viele Menschen durch Suizid wie durch den Straßenverkehr. Aber es ist in den letzten Jahrzehnten enorm besser geworden. Das heißt, in allen Bundesländern gibt es Suizid-Präventionsprogramme. Man unternimmt wirklich viel.

Aber im individuellen Fall können Suizidgedanken schon auftreten. Und die sind auch nicht immer gleich brandgefährlich. Das heißt: Wenn Betroffene mal drüber nachdenken: „Wenn das immer so weiter geht, würde ich eigentlich nicht mehr gerne leben“, ist das eigentlich ein nachvollziehbarer Gedanke. Scheuen Sie sich nicht, darüber zu sprechen. Wenn diese Gedanken häufiger werden, drängender werden, konkreter werden, ist auf jeden Fall wirklich Grund für professionelle Hilfe. Und das möglichst schnell. Suizidalität ist nie eine Einbahnstraße, sondern ein suizidaler Mensch ist in einem Ambivalenzkonflikt. Er möchte ja leben und wieder gesund werden, sieht sich aber nicht drüber aufgrund des momentanen Zustands. In diesem Zustand braucht ein Mensch auf jeden Fall Unterstützung und professionelle Hilfe. Und die Angehörigen sollen sich nicht scheuen, auch danach zu fragen: „Hast du manchmal Gedanken, dass du nicht mehr leben möchtest“ und einen offenen Diskurs darüber führen. Man braucht keine Angst haben, dass man jemand danach fragt und ihn dadurch erst auf die Idee bringt. Die Gedanken sind in der Regel dann schon da, und man sollte dann eher sich darauf konzentrieren, die angemessene Hilfe zu organisieren.

Welche Chancen bieten die Therapiemöglichkeiten?

Therapie kann sehr vielfältig ausschauen. Jeder bekommt seine maßgeschneiderte Therapie, das können Medikamente sein, die bei mittelschwerer oder schwerer Depression eigentlich immer eine Rolle spielen, die bei der Symptomerleichterung helfen. Es kann Psychotherapie sein, es können unterstützende Gespräche sein, es können Gruppengespräche sein, also vielfältig und meistens so eine Kombination aus all dem. Die Therapie kann ambulant gemacht werden. In schweren Fällen kann eine stationäre Therapie, wo das alles sehr fokussiert angeboten wird, der richtige Weg sein.

Die Therapien sind alle wissenschaftlich evaluiert und bieten sehr gute Chancen, dass eine Heilung eintritt. Das heißt, die Depression gilt als eine zwar nicht schnell zu behandelnde, aber sehr gut zu behandelnde Erkrankung. Also unbedingt eine Behandlung anstreben.

Sind Depressionen vollständig heilbar?

Ich tue mich immer schwer, wenn man von Krankheiten, die sehr langwierig sind, die chronisch werden können, von Heilbarkeit zu sprechen. Wie viele Erkrankungen in der Medizin sind denn heilbar? Ist Asthma heilbar? Ist Bluthochdruck heilbar? Depression ist eine Erkrankung, die sehr, sehr gut behandelbar ist und die vollkommen verschwinden kann. Insofern ist sie heilbar.

Depressionen haben aber leider die Angewohnheit, dass sie wiederkommen können. Und ungefähr die Hälfte aller Betroffenen erleben irgendwann, das kann Jahre später sein, auch einmal eine weitere Episode.

Kann die Depression von selbst verschwinden?

In aller Regel verschwindet die Depression auch irgendwann von selbst. Das kann allerdings sehr, sehr lange dauern, Monate bis ein, zwei Jahre, habe ich schon gehört. Und je länger die Depression dauert, desto mehr manifestieren sich auch diese Stress-Symptome im Gehirn, und desto schwerer wird es dann wirklich wieder ein ganz normales Leben zu führen und sich wieder völlig zu entspannen.

Wie häufig kommt es bei Depressionen zu Rückfällen?

Es ist bekannt, dass Depressionen auch Rückfälle haben können. Und was man aus Studien weiß: In der Hälfte aller Fälle kommt es irgendwann einmal zu einer zweiten Episode. Das kann Jahre später sein, das kann im ersten Jahr sein nach dem Auftreten der Erkrankung. Rückfälle gibt es. Meistens ist es aber so, dass die Strategien, die beim ersten Mal geholfen haben, auch dann wieder gut greifen. Und je früher man mit der Behandlung anfängt, desto besser ist die Chance, das auch rasch wieder loszuwerden.

Was können Folgen einer Depression sein?

Eine Depression ist eine zutiefst verunsichernde existenzielle Erfahrung. Das muss man sich schon vor Augen halten. Ich spreche jetzt von den eher schwereren Depressionen. Das heißt, eine Depression per se ist schon eine Krise im Leben und etwas, womit man nicht gerechnet hat. So was kann Spuren hinterlassen natürlich. So was macht Angst, vor allem, ob es wiederkommen kann. So ist es aber auch eine große Chance. Und ich habe immer wieder über Depressionspatienten erlebt, dass sie dann nachher, wenn sie wieder zu Kräften gekommen sind, viele Dinge in ihrem Leben neu beurteilen, neu evaluieren für sich:

  • Passt das alles noch so für mich?
  • Brauche ich Veränderungen?
  • Muss ich in meiner Arbeitswelt, in meinem Umgang mit anderen Menschen was verändern?
  • Der Klassiker schlechthin ist: Sollte ich vielleicht im Neinsagen besser werden?

Das heißt, auf lange Sicht können Patienten aus der Erfahrung der Depression auch Schlüsse ziehen, dass manche Dinge vielleicht nicht optimal waren für das eigene Stressmanagement und dann, vielleicht wirklich unter Hilfe auch einer Psychotherapie, aber auch mithilfe der Angehörigen oder ganz von alleine, Schritte setzen, dass sie zu einem besseren Selbstwertgefühl und zu einer besseren Selbstwirksamkeit kommen.

Welche Folgen kann die Erkrankung für die Erwerbsfähigkeit haben?

Depression ist eine Erkrankung. Bei vielen Krankheiten ist man nicht arbeitsfähig. Und es ist keine Schande, wegen einer Depression nicht arbeitsfähig zu sein. Deswegen sind Sie nicht untüchtig, nicht irgendwie schwach oder dumm. Also solche Zuschreibungen hört man dann oft. Das heißt, wenn Sie nicht arbeitsfähig sind aufgrund Ihrer Depression, und ab einer mittelschweren Depression ist das in der Regel der Fall, dann empfiehlt es sich wirklich, dass Sie sich auch krankschreiben lassen.

Aufgrund der langwierigen mancher Verläufe können das durchaus auch längere Krankenstände sein. Aber Sie können auch wieder einsteigen ins Erwerbsleben und dann wieder so leistungsfähig sein, wie Sie es zuvor waren. Aber nehmen Sie eine Depression im Vergleich so wie wenn Sie eine schwere Lungenentzündung hatten oder sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen haben. Da können Sie auch nicht schon wieder nach 14 Tagen zur Arbeit gehen. Beraten Sie sich mit Ihrem Arzt und gehen Sie erst dann wieder die Stressbelastung des Erwerbslebens ein, wenn Sie wirklich wieder fit dafür sind.

Wie beeinflusst die Erkrankung zwischenmenschliche Beziehungen?

Beziehungen in einem größerem Umfeld, unsere Freunde, unsere Familie sind für uns üblicherweise etwas, was uns mit Freude erfüllt, was Spaß macht, was schön ist zusammenzukommen.

Das kann in der Depression rasch zu viel sein. Es empfiehlt sich, die Kontakte eher auf den innersten Kreis zu beschränken, eher größere Runden für die erste Zeit zu meiden und auch Ihren Freunden zu erklären, dass Sie im Moment nicht so fit sind und dass Sie vielleicht bei gewissen Unternehmungen mal lieber nicht dabei sein wollen. Wenn Sie es gerne wollen, natürlich. Aber viele Depressive machen dann die Erfahrung: „Dieses Familienfest, das war mir einfach zu viel. Ich war nachher ganz fertig.“ Also gehen Sie mit dem auch da wieder so mit sich rum, wie Sie es auch sonst tun würden, wenn Sie krank sind.

Wie beeinflusst die Erkrankung die Partnerschaft?

Die Depression ist durchaus ein Prüfstein für Beziehungen, weil es für einen Partner sehr verunsichernd sein kann, wenn jemand sich plötzlich so verändert. Unter Umständen stellt man dann auch Dinge in der Beziehung in Frage. Treffen Sie keine Entscheidungen oder keine, ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse unter dem Einfluss der Depression.

Menschen, die an einer Depression leiden, bewerten Dinge sehr viel negativer, als sie es sonst tun würden. Und das sollte man dann irgendwie nicht zu ernst nehmen.

Seien Sie füreinander da. Erleben Sie Ihren Partner in der Depression als Unterstützungsperson, aber ohne dass Sie die Dinge aktiv in die Beziehung vielleicht einbringen können, die Sie sonst gewohnt sind.

Wenn wir schon bei der Partnerschaft sind: Depression kann sich auf die Sexualität natürlich auch erheblich auswirken. Im Zuge der Lustlosigkeit kann es natürlich auch zu sexueller Lustlosigkeit kommen, was Partner auch sehr verunsichern kann. Auch manche Medikamente können Nebenwirkungen haben, die sich auf die Sexualität auswirken. Bitte sprechen Sie mit dem Arzt offen darüber und sprechen Sie mit Ihrem Partner offen darüber. Der Arzt wird auch gerne Ihren Partner oder Partnerin in die Gespräche mit einbeziehen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Verlauf der Depression”

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Geprüft Prim.a Dr.in Christa Radoš: Stand 09.02.2022 / TR_8867_17112021 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.