Was bedeutet fortgeschrittener Eierstockkrebs?
Also wichtig ist, dass die Medizin leider alte Worte nutzt. Man spricht von geringem Risiko, hohem Risiko, frühen Stadium, fortgeschrittenen Tumorstadium. Was aber ganz wichtig ist, bevor ich das versuche zu erklären, ist, dass die Prognose – und das ist ja die Frage dahinter – nicht nur von dem Tumorstadium aus zu beschreiben ist, sondern dass das Thema Prognose immer was mit Tumorbiologie zu tun hat; mit dem Stadium 1 ist besser als 2, 2 ist besser als 3, 3 ist besser als 4, aber auch insbesondere mit dem Ergebnis nach der Operation. Und, welche Nebenerkrankungen liegen noch vor? Sprechen wir über Herzschwäche, über Bluthochdruck, über eine Zuckerkrankheit im Diabetes? Nur dann kann man die Gesamtprognose beschreiben. Mit „fortgeschritten“ beim Eierstock-, Eileiter und Bauchfellkrebs meint man klassischerweise alles, was über einem Stadium 2 ist. Die Grenze zwischen einem frühen und fortgeschrittenen Tumorstadium sind Tumor-Absiedelungen bis zum Becken, da, wo die Knochen sich zeigen und drüber, dann ist es also eher Stadium 3; und alles, was im kleinen Becken ist – so heißt der Raum zwischen Blase und Darm und Beckenwände – ist dann eher ein Stadium 1 oder 2. Trotzdem noch mal nur die Prognose über das Tumorstadium zu beschreiben ist falsch.
Welche Symptome können bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs und Metastasen auftreten?
Wichtig ist erstmal zu beschreiben, dass Eierstockkrebs nicht eine Erkrankung ist. Ganz verschiedene tumorbiologische Untertypen werden zusammengefasst als Eierstockkrebs. Wir haben einmal die große Gruppe, die nennen sich High Grade. Das sind Tumoren, die eher schnell wachsen. Und dann gibt es die zweite Gruppe, die eher jüngere Frauen betrifft, die Low Grade Karzinome. Und bei diesen Low Grade Karzinomen, die so heißen, weil sie langsam wachsen, haben wir das bei den jüngeren Frauen auch mit einem anderen Symptom. Das sind meistens zu Zufallsbefunde bei der Routineuntersuchung. Die Frau mit dem High Grade Karzinom , die hat häufig eine Odyssee hinter sich. Viele Monate Druck auf die Blase, Unwohlsein, häufiger Stuhlgang oder Verstopfung, Schmerzen im Bauchraum – und zwar häufig wegen dem Bauchwasser. Jeder von uns hat Bauchweh. Aber das normale Bauchfell, diese Haut zieht das Wasser wieder zurück. Wenn aber am Bauchfell etwas ist, wie Tumorzellen, die den Aufsaugprozess blockieren, dann kommt es zum Stau, zu Bauchwasser und daher auch zu Symptomen, die manchmal auch mit Luftnot vergesellschaftet sein können. Weil Luftnot da ist, weil eben das Bauchwasser einmal den Bauch voll macht und zweitens aber auch Wasser in der Lunge als Nachbarorgan resultiert. Die Symptome sind unterschiedlich. Deswegen: Immer dann, wenn Schmerzen nach einigen Wochen nicht weggehen, ist unsere Empfehlung, eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt aufzusuchen. Wichtig ist, dass sich beim Eierstockkrebs die meisten Tumorknoten – das können manchmal 100, 200, 300 Knoten sein – eigentlich im Bauchraum konzentrieren. Es ist selten so, dass zum Beispiel oben ein Lymphknoten , der sogenannte Virchow-Lymphknoten, vergrößert ist bei Tumoren aus dem Bauch heraus. Es ist selten, dass jemand Knochenmetastasen hat, ganz anders als beim Brustkrebs. Es ist selten, dass jemand Lebermetastasen hat und gelb wird, das passiert sehr selten. Das ist eher beim Darmkrebs so und es ist auch selten, dass man andere Metastasen im Gewebe der Lunge hat, nicht das Lungenwasser, und ganz, ganz unwahrscheinlich und selten ist, dass jemand Hirnmetastasen hat. Die meisten Beschwerden kommen durch die Absiedelung auf dem Bauchfell, weil das Bauchfell an der Bauchwand ist, aber auch auf der Blase und am Darm, und damit die Beweglichkeit des Darms beeinträchtigt wird. Das sind die häufigsten Symptome beim Eierstockkrebs.
Welche Therapien gibt es bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs und welche passt zu mir?
Früher war das ganz leicht. Eine Operation für alle, eine Chemotherapie für alle. Das ist aber lange vorbei und sollte auch vorbei sein, weil heutzutage existiert bei dem Thema Eierstockkrebs das sogenannte Drei-Säulen-Konzept: Drei-Säulen-Konzept meint die erste Säule, die Operation, mit dem Ziel, alle Tumorknoten zu entfernen. Die zweite Säule ist nach einem Abstand von 2 bis 8 Wochen eine Chemotherapie, die in der Regel eine Halbwertszeit von wenigen Tagen hat. Und die dritte Säule meint die sogenannte Erhaltungstherapie , Also heute gibt es viele Therapieoptionen und deswegen haben wir es auch in der deutschen Leitlinie formuliert, als Sollempfehlung gilt die sogenannte Erhaltungstherapie. Das heißt, jede Patientin mit einem fortgeschrittenen Eierstock-, Eileiter oder Bauchfellkrebs sollte nach einer Erhaltungstherapie fragen. Also woher weiß ich aber, ob eine Therapie die richtige ist? Wann macht es Sinn, eine Zweitmeinung einzuholen? Ich denke, dass es ganz elementar ist, dass wir nie allein eine Therapie festlegen sollten, sondern immer die Frage stellen: Was gibt es für Optionen? Und deswegen ist meine Empfehlung, dass Sie zum einen mit einem zertifizierten gynäkologischen Krebszentrum verbunden sind. Das zweite ist, dass Sie schauen, ob diese Institution an klinischen Studien teilnimmt, weil man hat das untersucht, auch in Deutschland, dass, wenn man in eine Klinik oder eine Praxis geht, die an Studien teilnimmt, die Wahrscheinlichkeit, dass dort die beste Standardtherapie erfolgt, nachweislich viel, viel höher ist, als wenn Sie in eine Institution gehen, die nie an Studien teilnimmt. Das hat was damit zu tun, dass das so ein Marker ist. Ein Hinweis ist, dass sich da Leute damit beschäftigen, in Fortbildung sind, kontrolliert werden usw. Und was ganz wichtig ist, ist, dass es eben auch Ärztinnen und Ärzte sind, die sich da jeden Tag wissenschaftlich beweisen, indem sie an Studien teilnehmen, aber auch ihre Ergebnisse veröffentlichen. Deswegen ist das so relevant, dass man, wenn man eine Zweitmeinung einholt, genau diese Fragen stellt: Wie häufig machen Sie das? Sind Sie zertifiziert, in einem Zentrum, bieten Sie klinische Studien an? Und was sind denn die verschiedensten Therapieoptionen? Selbst wenn das nicht in Ihrer Klinik vor Ort verfügbar ist, darum geht es.
Was sind die wichtigsten Ziele der Therapie?
Also grundsätzlich, wenn eine Patientin zu mir kommt, ist die Heilung das Ziel. Trotzdem kann man es natürlich nicht bei allen versprechen. Und, was auch noch mal ganz wichtig ist, ist, dass eine Heilung nach mehreren Jahren – nach 5 Jahren klassischerweise – nach oben, nach hinten geschoben wird. Deswegen spreche ich eher von Heilsamkeit. Unabhängig davon gibt es Situationen, wo eine Heilung unwahrscheinlich ist. Und glauben Sie mir, ich beschäftige mich schon seit sehr vielen Jahrzehnten damit. Es ist in der Regel nie ausgeschlossen, aber es gibt Situationen – wenn jemand ganz viele Metastasen im Gewebe hat, in der Leber, in der Lunge schwach ist, sich kaum bewegen kann, 20 Kilo Gewebe abgenommen hat – dann ist die Heilung unwahrscheinlich. Da kann es sehr gut sein, dass man sich da nur auf die Symptome konzentriert, wo aber auch die Lebensqualität natürlich von ganz besonderer Bedeutung ist. Aber das sollten Sie auch mit den Ärzten durchaus besprechen. Auch wenn der Tumor wiederkommt, gibt es Langzeitüberleben. Aber ist die Therapie, die ich jetzt gerade kriegen soll, tatsächlich belegt, dass sie das Leben länger macht? Oder gibt es denn Daten, dass sie eben das sogenannte progressionsfreie Überleben verbessert? Und ich kann Ihnen nur sagen, einige Therapien zeigen den Vorteil und einige nicht. Und das ist ganz wichtig, finde ich, dass Sie das mit Ihren Ärztinnen und Ärzten auch besprechen. Auch wenn das den Ärzten meistens schwerfällt, darauf einzugehen.
Hier geht es zum Video-Interview: „Therapieoptionen bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs“