4. Neurostimulation bei Epilepsie

Einsatz

Bei der Neurostimulation schützen Schrittmacher Gehirnzellen vor Fehlentladungen. Vier von zehn Betroffene haben im Anschluss seltener epileptische Anfälle.

Schrittmacherarten bei Epilepsie

Es werden zwei Schrittmacherarten bei Epilepsie unterschieden.

  • Vagusnerv-Stimulation: Der Schrittmacher befindet sich auf einem Nerven außerhalb des Gehirns. Da der Nerv auch Fasern enthält, welche von peripher ins Gehirn verlaufen, kann der Schrittmacher Einfluss auf die Gehirnzellen nehmen.
  • Tiefe-Hirn-Stimulation: Der Schrittmacher befindet sich im Gehirn selbst. Dort nimmt er Einfluss auf Gehirnzellen.

Für wen Neurostimulation sinnvoll ist

Die Neurostimulation allein führt nur sehr selten zur vollständigen Anfallsfreiheit. Sie kann eine medikamentöse Therapie jedoch oft ergänzen. In folgenden Fällen kann dies sinnvoll sein:

  • Wenn 1-2 Medikamente allein nicht stark genug wirken, kann eine Neurostimulation zusätzliche Besserung bringen.
  • Wenn die Nebenwirkungen der Medikamente vermindert oder gestoppt werden sollen. Neurostimulation führt zum Beispiel fast nie zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit.
  • Wenn Begleiterkrankungen vorliegen, kann Neurostimulation diese manchmal ebenfalls bessern. Parkinsonsymptome (und selten Depressionssymptome) werden zum Beispiel durch Neurostimulation vermindert.

Mehr Informationen zu Neurostimulation und Depression finden Sie unter „Unterstützung der Therapie bei Epilepsie“.

Erfolgswahrscheinlichkeit von Neurostimulation bei der Behandlung von Epilepsie

Neurostimulation senkt in etwa vier von zehn Fällen die Anfallshäufigkeit. Vollkommene Anfallsfreiheit wird durch Neurostimulation allein aber nur in 5 – 8 % der Fälle erreicht.

Wie lange dauert es, bis Schrittmacher wirken?

Grundsätzlich funktionieren Schrittmacher, sobald sie eingesetzt worden sind. Um eine möglichst wirksame Behandlung zu erzielen, wird Ihre behandelnde Ärztin/Ihr behandelnder Arzt den Schrittmacher aber Schritt für Schritt für Sie individuell einstellen.

Bis die optimale Einstellung gefunden ist, dauert es im Durchschnitt 6 – 12 Monate. Erst dann kann die volle Wirkung des Schrittmachers beurteilt werden.

Responsive Hirnstimulation: Der selbststeuernde Schrittmacher

Schrittmacher bei Epilepsie geben kontinuierlich Reize an die Gehirnzellen ab. Dadurch sind die Gehirnzellen sozusagen „schon beschäftigt“ und weniger empfänglich für die Reize, die zu Anfällen führen.

Gezielter wirkt die sogenannte Responsive Hirnstimulation, bei der Schrittmacher sich anbahnende Anfälle erkennen und gezielt unterbinden. Droht kein Anfall, ruhen die Schrittmacher einfach.

Bisher ist die Responsive Hirnstimulation in Deutschland und Österreich noch nicht zugelassen. In den USA wird sie jedoch seit Jahren erfolgreich angewandt.

Ablauf

Schrittmacheroperationen bei Epilepsie werden in der Regel durch Neurochirurginnen und Neurochirurgen durchgeführt. Wo der Schrittmacher eingesetzt wird, hängt unter anderem von Anfallsart, -häufigkeit und PatientInnenwunsch ab.

Der Einsatz von Hirnschrittmachern bei Epilepsiechirurgie

Schrittmacher gegen Epilepsie werden in der Regel von Neurochirurginnen/Neurochirurgen eingesetzt. Schrittmacher, die direkt ins Gehirn eingesetzt werden, werden ausschließlich von ihnen eingesetzt. Die Operation dauert in der Regel bis zu sechs Stunden. Nach der Operation erholen sich Betroffene meist innerhalb eines Tags.

Wann welche Neurostimulation gewählt wird

Welche Form der Neurostimulation eingesetzt wird, hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Um welche Anfallsart handelt es sich?
  • Wie häufig treten die Anfälle auf?
  • Welche Art der Neurostimulation wünscht sich die/der Betroffene?

Eine Gehirnoperation ist im Allgemeinen aufwendiger als eine Operation am restlichen Körper. Lassen Sie sich durch Ihre behandelnde Ärztin/Ihren behandelnden Arzt individuell zu Möglichkeiten und Risiken einzelner Eingriffe beraten.

Nebenwirkungen und Risiken

Schrittmacher am Vagusnerv können gelegentlich zu Heiserkeit und Kitzeln führen, während Schrittmacher im Gehirn meist kaum bemerkt werden. Alle 5 – 8 Jahre sollten Schrittmacher ausgetauscht werden.

Risiken einer Neurostimulation

Jeder operative Eingriff birgt Risiken. Wie bei allen operativen Eingriffen kann es auch beim Einsetzen des Schrittmachers zu Blutungen und Infektionen kommen. Schwere Komplikationen, die eine Auswechslung des Schrittmachers erfordern, sind aber sehr selten.

Nebenwirkungen einer Neurostimulation

Die Neurostimulation kann Nebenwirkungen haben.

Mögliche Nebenwirkungen der Vagusnerv-Stimulation:

  • Kitzeln im Rachen
  • Leichtes Hüsteln
  • Heiserkeit

Mögliche Nebenwirkungen der Tiefe-Hirn-Stimulation:

  • Unangenehme Empfindungen
  • Depressive Verstimmungen

Neurostimulatoren austauschen

Schrittmacher benötigen Strom und müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Moderne Schrittmacher müssen etwa alle 5 – 8 Jahre ausgetauscht werden. Bei der Tiefe-Hirn-Stimulation gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit, die Schrittmacher über Induktion zu laden, sodass ein Austausch noch seltener erfolgt.

Schrittmacherwartung: Kein Grund zur Sorge!

Einigen Betroffenen bereitet der Gedanke Sorge, alle 5 – 8 Jahre die Schrittmacher warten lassen zu müssen. Eine Schrittmacherwartung ist aber kein erneuter Schrittmachereinsatz!

Beim Batterietausch wird tatsächlich nur der Generatorteil Ihres Schrittmachers bearbeitet. Es geht also lediglich um den kleinen Apparat unter Ihrem Brustmuskel – die zahlreichen Anschlüsse am Vagusnerv oder gar im Gehirn bleiben in der Regel unberührt.

Überdies entwickeln sich die Schrittmacher ständig weiter, sodass die Abstände zwischen Ihren Schrittmacherwartungen langfristig wahrscheinlich größer werden dürften.

Geprüft: Prim. Priv.-Doz. Dr. Tim J. von Oertzen: Stand 19.08.2022, ON_13893_19092022 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.