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Kurs Rheumatoide Arthritis verstehen: Lektion 5 von 7

Verlauf und Begleiterscheinungen der rheumatoiden Arthritis

So unterschiedlich wie die Symptome bei rheumatoider Arthritis (= chronische Polyarthritis) sind, so verschieden gestaltet sich auch der individuelle Erkrankungsverlauf. In dieser Lektion klären wir Fragen zur Heilbarkeit, zur Prognose, zu Komplikationen und zu Langzeitfolgen der chronischen Polyarthritis. Außerdem erfahren Sie, was ein Rheumaschub ist, wie lange dieser normalerweise andauert und wie die rheumatoide Arthritis sich auf Ihren Alltag auswirkt.

Video Transkript

Was kann im Anschluss an die Diagnose auf mich zukommen?

Wenn bei Ihnen eine rheumatoide Arthritis neu diagnostiziert wird, dann wird Ihnen zuallererst einmal das Krankheitsbild ausführlich erklärt werden und es wird mit Ihnen ausführlich über die empfohlene und notwendige medikamentöse Behandlung gesprochen.

Eine medikamentöse Behandlung ist deshalb in der Frühphase besonders wichtig, weil wir gelernt haben, dass eine frühzeitig behandelte rheumatoide Arthritis in einigen Fällen völlig zum Stillstand gebracht werden kann, dass vor allem aber bei einer frühzeitig und ausreichend behandelten rheumatoiden Arthritis die gefürchteten Schädigungen von Gelenken nicht auftreten.

Auch wenn Sie relativ geringe Beschwerden haben, sollte eine entsprechende Therapie durchgeführt werden, und diese ist zuallererst entzündungshemmend. Und um diese Entzündungshemmung möglichst rasch und möglichst gut zu erreichen, wird man Ihnen die Einnahme eines Kortison-Präparates empfehlen.

Jetzt fürchten sich die meisten unserer Patienten vor Kortison, weil sie gelesen oder gehört haben, dass Kortison viele Nebenwirkungen hat. Das ist auch richtig. Aber wir verwenden Kortison nur für eine kurze Zeit, und wir verwenden Kortison in der geringstmöglichen Dosierung, um eben einerseits eine gute Wirkung zu haben, aber andererseits die durch Kortison möglichen, unerwünschten Wirkungen möglichst zu vermeiden.

Und begleitend zu Kortisontherapie wird man Ihnen eine so genannte Basistherapie anbieten. Basistherapie bedeutet, dass wir versuchen, mit Medikamenten in das Immunsystem einzugreifen mit dem Ziel, die Autoimmunreaktion, also die Produktion von Antikörpern gegen körpereigenes Gewebe, in Ihrem Fall überwiegend Gelenksgewebe, also die Gelenksinnenhaut zu bremsen.

Diese Medikamente haben auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Diese Medikamente können einen Einfluss z.B. auf die Leber, auf die Nierenfunktion, auf das Knochenmark haben. Aber auch diese möglichen Wirkungen sind einerseits gut kontrollierbar und gut beherrschbar und sollten keinesfalls Grund sein, eine derartige Behandlung nicht zu beginnen. Denn eine frühzeitige und ausreichende Behandlung führt im Idealfall dazu, dass Sie von der rheumatoiden Arthritis gar nichts spüren, heißt also: eine völlig uneingeschränkte Lebensqualität trotz der chronischen rheumatischen Erkrankung haben.

Gibt es einen typischen Krankheitsverlauf?

Es gibt bei der rheumatoiden Arthritis keinen typischen Krankheitsverlauf. Die individuellen Verläufe sind sehr unterschiedlich, und wir haben ganz milde Verläufe mit wenigen Symptomen, die oft auch über Jahre keine Gelenksschädigung bewirken. Wir haben aber auch Krankheitsbilder, die von Anfang an sehr aktiv und sehr aggressiv sind, dass es bereits innerhalb von Monaten zu einer Gelenksschädigung kommen kann. Auch haben wir Krankheitsbilder, bei denen nur einzelne Gelenke betroffen sind, und wir haben Krankheitsbilder, bei denen viele, ja fast alle Gelenke der Extremitäten betroffen sein können. Und es gibt auch manche Fälle, bei denen Gelenke der Wirbelsäule, vorwiegend im Halswirbelsäulenbereich, oder auch die Kiefergelenke mit betroffen sind. Und wie bereits vorher erwähnt gibt es auch Erkrankungsformen, bei denen innere Organe mit beteiligt sind oder bei denen es zu Entzündungen der Augen oder auch eine Mitbeteiligung des Nervensystems in unterschiedlichster Art und Weise kommen kann.

Es ist aufgrund der Symptome und auch aufgrund der Blutbefunde oft schwer möglich, den individuellen Verlauf einer Erkrankung vorherzusagen. Aber je höher die Entzündungsaktivität ist, je höher der Titer des Rheumafaktors ist, desto eher muss man mit einer aggressiv verlaufenden Erkrankung rechnen.

Welche Faktoren können einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben?

Einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf können Umweltfaktoren haben, die auch diskutiert werden, den Ausbruch der Erkrankung zu begünstigen, das heißt: Patienten, bei denen eine rheumatoide Arthritis diagnostiziert wurde, sollten jedenfalls mit dem Rauchen aufhören bzw. keinesfalls mit dem Rauchen beginnen.

Es gibt auch Empfehlungen in Richtung Ernährungsumstellung, also Nahrungsmittel, und dazu gehören überwiegend tierische Fette, die eher entzündungsfördernd sind, sollten möglichst vermieden werden, während entzündungshemmende Nahrungsmittel, dazu gehören die sogenannten gesunden Öle wie Olivenöl oder Rapsöl, diese sollten vermehrt verwendet werden. Das heißt: Die Ernährung sollte entsprechend den Empfehlungen der Ernährungspyramide umgestellt werden: möglichst Verzicht auf rotes Fleisch, möglichst ein- bis zwei-, vielleicht dreimal in der Woche Fischkonsum, und ansonsten viel Gemüse und Verwendung von sogenannten gesunden Ölen.

Ansonsten gibt es im Bereich des Lebensstils kaum beeinflussbare Faktoren. Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sollten auch achten, dass ihr Körpergewicht möglichst im Idealbereich ist und sollten in Bezug auf die zu sich genommen Getränke ebenfalls aufmerksam sein, denn es gibt Menschen, die zum Beispiel durch den Konsum von Weißwein oder den Konsum von Sekt eine Verschlechterung ihrer Beschwerden verspüren, während der Konsum von Rotwein, bedingt durch die im Rotwein vorhandenen Substanzen, teilweise sogar empfohlen werden kann, da diese eine entzündungshemmende Komponente haben. Das heißt: Alkoholkonsum ist prinzipiell möglich, aber in Maßen. Und vor allem muss man bei Rheuma-Patienten beachten, dass manche der Medikamente, die wir für die Behandlung empfehlen, sich mit Alkoholkonsum nicht vertragen. In diesen Fällen muss also auf Alkohol weitgehend verzichtet werden.

Wann kann es zu einem Rheumaschub kommen?

Ein Rheumaschub kann trotz erfolgreicher Behandlung immer wieder auftreten. Eine derartige kurzzeitige Verschlechterung des Krankheitsbildes muss entsprechend den Symptomen entzündungshemmend behandelt werden, tritt oft im Rahmen von Stresssituationen, im Rahmen einer Infektion Erkrankung zum Beispiel auf und ist aber in aller Regel sehr gut und in kurzer Zeit beherrschbar.

An welchen Symptomen erkenne ich einen Rheumaschub?

Einen Rheumaschub können Sie dann erkennen bzw. Sie spüren den Rheumaschub, indem die Beschwerden, die sie von Beginn Ihrer Erkrankung kennen, wieder auftreten. Das heißt: Ein Rheumaschub geht einher mit vermehrten Schmerzen, ein Rheumaschub geht einher mit einer Zunahme oder einem Wiederauftreten von Gelenkschwellungen, und auch die Morgensteifigkeit wird intensiver.

Vielfach beklagen Patienten mit einem Rheumaschub auch eine Reduktion des Allgemeinzustandes. Das heißt: Sie fühlen sich irgendwie müde. sie fühlen sich weniger belastbar und klagen teilweise auch über ein grippeähnliches Gefühl.

In manchen Fällen, vorwiegend bei bestimmten aggressiveren Formen, kann es im Rahmen eines Rheumaschubs auch zum Auftreten von Fieber, also Temperaturerhöhungen teilweise bis über 38 Grad kommen.

Was kann ich tun, um die Symptome eines Rheumaschubes zu lindern?

Wenn Sie einen Rheumaschub haben, dann gibt es einerseits die Möglichkeit, durch kühlende Maßnahmen im Bereich der betroffenen Gelenke die Entzündung zu bremsen, das heißt: Die Anwendung von zum Beispiel Topfen (Quark) oder die Anwendung von Coolpacks mit Kühlschranktemperatur zwei bis drei Mal täglich über 20 bis 30 Minuten kann zum Abschwellen und zu einer Schmerzreduktion oder einer Reduktion der Entzündung führen.

In vielen Fällen wird es aber auch notwendig sein, kurzzeitig ein entzündungshemmendes Medikament einzunehmen. Das kann ein sogenanntes nichtsteroidales Antirheumatikum sein, also eines der klassischen Rheumaschmerzmittel. Das kann aber auch kurzzeitig die Empfehlung sein, Kortison einzunehmen, da Kortison das stärkste entzündungshemmende Medikament ist, das wir derzeit zur Verfügung haben.

Unterstützend kann man entzündungshemmende Substanzen wie diese nichtsteroidalen Antirheumatika, in Ausnahmefällen auch kortisonhaltige Salben, im Bereich der betroffenen Gelenke anwenden.

Kann ich trotz rheumatoider Arthritis eine Familie gründen?

Da die rheumatoide Arthritis oft auch Menschen im jungen Erwachsenenalter trifft, werden wir auch häufig mit der Frage konfrontiert:

Bei Frauen: Kann ich trotz der rheumatoiden Arthritis schwanger werden? Darf ich trotz rheumatoiden Arthritis Kinder bekommen?

Und bei Männern die Frage: Darf ich trotz der rheumatoide Arthritis ein Kind zeugen?

Aufgrund der Medikamente, die wir für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis in vielen Fällen benötigen, gibt es einige Vorbehalte, die individuell mit Ihrer betreuenden Rheumatologin oder Ihrem Rheumatologen besprochen werden sollten.

Es gibt aber erfreulicherweise zunehmend mehr Hinweise, dass auch trotz der notwendigen Medikamente Schwangerschaften uneingeschränkt möglich sind, dass keine Gefahr für Mutter und Kind besteht und dass auch die Zeugung eines Kindes durch einen Mann keine Probleme in Bezug auf potenzielle Schädigung des Erbgutes haben muss.

Das heißt: Eine rheumatoide Arthritis, prinzipiell eine rheumatische Erkrankung, ist in den allermeisten Fällen kein Ausschlussgrund, eine Familie zu gründen.

Was kann ich selbst tun, um das Fortschreiten zu verzögern?

Das Fortschreiten einer rheumatischen Erkrankung zu verzögern verlangt vor allem eine konsequente Medikamenteneinnahme. Diese sogenannte Basistherapie ist eine Behandlung, die oft über Jahre notwendig ist und die auch konsequent eingenommen werden sollte, auch wenn man schon über Wochen oder vielleicht Monate das Gefühl hat, keine Beschwerden mehr zu haben.

Wir haben gelernt, dass auch bei einem bei einem langen, unproblematischen Verlauf, also bei Menschen, die ihre Medikamente einnehmen und über Monate beschwerdefrei sind, das Absetzen der Medikamente innerhalb von Wochen oder Monaten zum Wiederauftreten der Erkrankung führt.

Ansonsten gelten die Empfehlungen, die schon öfter erwähnt wurden in Bezug auf Lebensstil, also nicht zu rauchen, bei der Ernährung eher entzündungshemmende Komponenten zu beachten, auf die Mundgesundheit zu achten und das Auftreten von Infektionskrankheiten oder auch Stresssituationen möglichst zu vermeiden. Dies sind allgemeingültige Empfehlungen, die bei jeder Form von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eingehalten werden sollten.

Auf den Punkt gebracht

Verlauf und Begleiterscheinungen

  • Eine medikamentöse Therapie ist in den allermeisten Fällen über Jahre hindurch erforderlich.
  • Diese sollte auch bei subjektiver Beschwerdefreiheit konsequent fortgeführt werden.

Ist chronische Polyarthritis heilbar?

Bislang gibt es bei rheumatoider Arthritis keine Heilung. Allerdings ist die Erkrankung bei frühzeitiger Diagnose gut behandelbar. Grundsätzlich gilt, dass sich dauerhafte Schäden umso besser vermeiden lassen, je früher die Behandlung beginnt.

Kann ich mit rheumatoider Arthritis eine Familie gründen?

Früher wurde Rheumapatientinnen häufig davon abgeraten, Kinder zu bekommen. Mittlerweile sind sich Forschung und Medizin jedoch soweit einig, dass eine Schwangerschaft in der Regel auch mit einer rheumatischen Erkrankung möglich ist. Es empfiehlt sich allerdings, frühzeitig mit Ihrem Rheumatologen über Ihren Kinderwunsch zu sprechen, damit dieser Ihre Therapie, insbesondere die Medikamente, entsprechend anpassen kann.

Ist bei rheumatoider Arthritis mit einer zunehmenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu rechnen?

Da sich die chronische Polyarthritis mit einer frühzeitigen Basistherapie und neuen Behandlungsmöglichkeiten wie Biologika und gezielten synthetischen Therapien immer erfolgreicher behandeln lässt, ergibt sich für diese Erkrankung grundsätzlich eine sehr positive Prognose. Setzt die Therapie innerhalb der ersten sechs Monate nach Ausbruch der rheumatoiden Arthritis ein, halbiert sich das Risiko für Gelenkdeformationen.

Wichtig für einen günstigen Krankheitsverlauf ist ein gutes Zusammenspiel von Hausärzten, Fachärzten wie Rheumatologen, Orthopäden und Chirurgen sowie Physio- und Ergotherapeuten und Psychologen.

Welche Langzeitfolgen und Komplikationen drohen bei rheumatoider Arthritis?

Weitet sich die chronische Polyarthritis auf die inneren Organe aus, drohen neben einer Deformation und Zerstörung der Gelenke zum Teil lebensbedrohliche Komplikationen wie:

  • Pleuritis (rheumatische Rippenfellentzündung)
  • Perikarditis (rheumatische Herzbeutelentzündung)
  • Vaskulitis (rheumatische Gefäßentzündungen)

Diese ernsten Krankheitsfolgen wurden in der Vergangenheit häufig unterschätzt. Mittlerweile gilt die rheumatoide Arthritis jedoch als dringlich zu behandelnde Systemerkrankung, die von einigen Medizinern hinsichtlich ihrer möglichen Spätfolgen sogar auf eine Stufe mit schweren Herzerkrankungen gestellt wird.

Was ist ein Rheumaschub und wie lange dauert dieser an?

Ein typisches Merkmal der rheumatoiden Arthritis ist, dass sie in sogenannten Schüben auftritt. Ein solcher Rheumaschub ist gekennzeichnet durch eine sehr hohe Entzündungsaktivität, die mit ausgeprägten Beschwerden einhergeht. Diese Phasen können beispielsweise durch Stress ausgelöst werden und von mehreren Wochen bis zu einigen Monaten andauern.

Wie wirkt sich die rheumatoide Arthritis auf das Alltagsleben aus?

Da die Symptome der chronischen Polyarthritis oft unberechenbar sind, ist es nicht immer einfach, mit dieser Erkrankung zurechtzukommen. Mit der richtigen Behandlung ist es für Menschen mit rheumatoider Arthritis heute allerdings möglich, ein weitgehend normales Leben zu führen.

Unmittelbar nach der Diagnose können einige Umstellungen im Tagesablauf auf Sie zukommen. Beispielsweise müssen Sie Arzttermine, Therapien, die Einstellung auf Ihre Medikamente und etwaige Reha-Aufenthalte in Ihren Alltag integrieren. Ist das jedoch geschafft, können Sie Ihr Leben in aller Regel ganz nach Ihren Wünschen gestalten und eine Familie gründen, einem Beruf nachgehen, Sport treiben, verreisen und Spaß mit Freunden haben.

Wussten Sie, dass es spezielle Hilfsmittel gibt, die Ihnen den Alltag erleichtern und Ihre Gelenke schützen? Knopflochschienen, Strumpfanziehhilfen und Schuhlöffel helfen Ihnen beim Ankleiden, während Küchenmesser mit angewinkeltem, geschlossenen Griff das Schneiden mit geringem Kraftaufwand ermöglichen. Darüber hinaus vereinfachen aufsetzbare Drehgriffe das Bedienen von Herdschaltern und Wasserhähnen.

PP-BA-AT-0161 April 2018 | Geprüft OA Dr. Wolfgang Halder: Stand Januar 2018

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