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Kurs Tipps für Angehörige bei Angina pectoris: Lektion 2 von 7

Hilfe bei einem Angina-pectoris-Anfall

Bei einem trotz Verabreichung von Nitrolingual (=unter die Zunge gesprühter Nitro- Spray) weiter anhaltenden Angina-pectoris-Anfall handelt es sich um eine kritische Situation, da es bei rund zwanzig Prozent der Betroffenen zu einem akuten Herzinfarkt kommen kann. Woran Sie einen solchen Anfall erkennen, wie Sie Ihrer/Ihrem Angehörigen im Ernstfall helfen können und wann Sie eine Notärztin/einen Notarzt hinzuziehen müssen, erfahren Sie in dieser Lektion.

Video Transkript

Was passiert bei einem Anfall?

Der Angina-pectoris-Anfall ist verursacht durch Engstellungen im Kranzarteriensystem. Und dadurch bekommt der Herzmuskel in diesem Areal zu wenig Sauerstoff und zu wenig Energieträger. Der Herzmuskel äußert dies dadurch, dass er Schmerz an die Oberfläche projiziert und somit dem Patienten mitteilt, dass er eben sauerstoffunterversorgt ist.

Im Akutfall kann es sogar sein, dass nicht einfach die Engstelle durch eine Minderversorgung den Angina-pectoris-Anfall auslöst, sondern dass eine sogenannte Plaque, das ist im Gefäßsystem eine Stelle, wo sich Cholesterin angesammelt hat, aufbricht und damit das Gefäß total verschließt.

Dieser Anfall ist dann besonders heftig, kann aus der Ruhe heraus passieren und ist in aller Regel auch durch Nitro oder andere Medikamente nicht zum Verschwinden zu bringen. Und dies ist der Notfall, weil man in dieser Situation unbedingt damit rechnen muss, dass der Beginn eines akuten Herzinfarkts im Gange ist.

Wie fühlt sich ein Anfall für die/den Betroffene/n an?

Der Angina-pectoris-Anfall ist, wie der Name in direkter Übersetzung schon sagt, ein akutes Engegefühl in der Brust. Der Anfall kann in aller Regel nicht als Schmerz irgendwo punktförmig lokalisiert werden, sondern ist in aller Regel ein schwerer, dumpfer Druck oder ein Engegefühl oder ein Brennen hinter dem Brustbein, das sehr häufig in den Unterkiefer aufsteigt, seltener auch in den Oberbauch und manchmal auch in die Arme, bevorzugt in den linken Arm. Er ist häufig verbunden mit Ängsten, im schwersten Fall bis hin zur Todesangst, und sehr häufig auch verbunden mit akuter Luftnot.

Wie häufig treten Angina pectoris Anfälle auf?

Die Anfallshäufigkeit ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Es gibt Patienten, die nur ein, zwei, drei Mal pro Woche einen Anfall haben. Es gibt aber auch Patienten, die mehrfach täglich einen Anfall haben, und damit kann man das nicht im Detail für jeden Patienten vorhersagen.

Unter welchen Umständen besteht ein erhöhtes Anfall-Risiko?

  • Das Anfallsrisiko ist auf jeden Fall erhöht zu Zeiten der Kälte, wenn man in der Kälte draußen arbeitet.
  • Die Anfallshäufigkeit wird auch steigen, wenn der Patient unter Stress ist.
  • Und außerdem kann sich die Anfallshäufigkeit steigern, wenn im Körper selber, in der koronaren Herzerkrankung sich etwas verändert hat, wenn irgendwelche Plaques im Kranzarteriensystem auf einmal aufgebrochen sind, enger werden. Das kann zu akuten Anfällen bis hin zum akuten Herzinfarkt führen.

Wie lassen sich Angina-pectoris-Anfälle vermeiden?

Die Angina-pectoris-Anfälle können Sie dadurch reduzieren, dass Sie ein möglichst stressfreies Umfeld schaffen, dass Sie eine ruhige Atmosphäre schaffen, dass Sie den Patienten nicht mit akuten Anforderungen überhäufen. Sie können als Angehörige auch die Anfallshäufigkeit reduzieren, indem Sie einen geregelten Tagesablauf für den Patienten in irgendeiner Weise organisieren. Und wenn der Patient selber, und das ist von großer Bedeutsamkeit, auch ein geregeltes körperliches Trainingsprogramm für sich aufstellt und dieses auch sehr konsequent verfolgt.

Wann sollte ich eine Ärztin/einen Arzt anrufen?

Im akuten Anfall sollten Sie dann einen Arzt rufen,

  • wenn der Angina-pectoris-Anfall im Vergleich zu den anderen Anfällen bei leichterer Belastung oder aus der Ruhe heraus aufgetreten ist,
  • wenn er anhält über 15 Minuten oder länger, ohne dass Medikamente wie zum Beispiel Nitro wirken,
  • wenn der Patient akute Luftnot im Anfall berichtet, der über den Anfall hinaus anhält,
  • und vor allem auch, wenn er kurzfristig das Bewusstsein verliert.

Denn das könnten Hinweise für eine akute, unter Umständen lebensbedrohliche Rhythmusstörung sein.

Wie kann ich mich für einen Anfall gut vorbereiten?

Als Angehörige können Sie sich am besten für den Anfall vorbereiten, indem Sie hinreichend Wissen über die Krankheit Ihres Angehörigen, Ihres Partners sich aneignen. Denn durch das Wissen über die koronare Herzerkrankung können Sie besser einschätzen, ob der aktuelle Stand seiner Symptome den Verlauf über Wochen oder Monate widerspiegelt, oder ob sich irgendetwas akut zum Schlechteren geändert hat, woraus Sie Konsequenzen ziehen müssten.

Wichtig ist einfach hinreichend Wissen über die Erkrankung, die zu Angina pectoris führt.

Wäre es für Angehörige sinnvoll, einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren?

Einen Erste-Hilfe-Kurs sollten Sie unter allen Umständen absolvieren. Denn wenn es im Rahmen des Angina-pectoris-Anfalles wirklich zu einer lebensbedrohlichen Rhythmusstörung kommt, sollten Sie wirklich kompetent darin sein, wie Sie die Reanimation durchführen. Und das können Sie am ehesten in Erste-Hilfe-Kursen sich als Wissen aneignen.

Wie kann ich die/den Betroffene/n bei einem Anfall emotional unterstützen?

Im Falle eines schwereren Angina-pectoris-Anfalls ist für den Patienten am allerwichtigsten eine ruhige Atmosphäre. Das heißt: Am besten können Sie ihn unterstützen, indem Sie selber Ruhe bewahren und diese Ruhe und ruhige Atmosphäre auch für Ihren an Angina pectoris leidenden Angehörigen übertragen.

 

Auf den Punkt gebracht

Hilfe bei einem Anfall

Bei einem Anfall mit einem dieser Anzeichen sollten Sie die Ärztin/den Arzt rufen:

  • akute Veränderung im Krankheitsverlauf
  • anhaltende Beschwerden trotz Einnahme von nitrohaltigen Medikamenten
  • Auftreten zusätzlicher Symptome, wie Luftnot oder Bewusstlosigkeit

Bei einem akuten Angina-pectoris-Anfall richtig reagieren

Typische Zeichen eines Angina-pectoris-Anfalls sind ein Engegefühl sowie Schmerzen im Brustkorb, vor allem hinter dem Brustbein. Zum Teil strahlen die Schmerzen in beide Arme, den Rücken, den Oberbauch, den Hals oder den Unterkiefer aus. Hinzu kommen in vielen Fällen Atemnot und Todesangst. Ausgelöst wird ein solcher Anfall beispielsweise durch körperliche oder seelische Belastung, Wind oder winterliche Kälte.

Wie kann ich mich auf einen Anfall vorbereiten?

Die beste und wichtigste Vorbereitung liegt in der Wissensbeschaffung. Je mehr Sie über die Anzeichen eines Angina-pectoris-Anfalls wissen, desto eher können Sie ihn erkennen und umso schneller können Sie reagieren.

Des Weiteren ist es hilfreich zu wissen, wo Ihr/e Angehörige/r ihre/seine Notfallmedikamente aufbewahrt und wie diese angewendet werden. Da es bei jedem Anfall auch zu einem Herzinfarkt kommen könnte, empfiehlt es sich außerdem, einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren, in dem auch Wiederbelebungsmaßnahmen thematisiert werden.

Worin unterscheidet sich ein Angina-pectoris-Anfall vom Herzinfarkt?

Aufgrund der ähnlichen Symptome ist ein Angina-pectoris-Anfall für Laien kaum von einem Herzinfarkt zu unterscheiden. Ein Unterscheidungsmerkmal sind meist die stärkeren Schmerzen beim Herzinfarkt, die auch nach Einnahme des Notfallmedikaments nicht innerhalb kurzer Zeit abklingen.

Aus medizinischer Sicht liegt der Unterschied darin, dass die betroffenen Blutgefäße bei einem Angina-pectoris-Anfall stark verengt sind, beim Herzinfarkt hingegen komplett verschlossen.

selpers Schritt für Schritt AnleitungErste Hilfe bei einem akuten Anfall

Erleidet Ihr/e Angehörige/r in Ihrem Beisein einen Angina-pectoris-Anfall, sollten Sie folgende Maßnahmen ergreifen:

Versuchen Sie, sie/ihn zu beruhigen.

Lockern Sie ihre/seine Kleidung und sorgen Sie für frische Luft.

Holen Sie, sofern vorhanden, ihre/seine Notfallmedikamente herbei und helfen Sie bei der Einnahme.

Bei Atemnot ist es günstig den Oberkörper hochzulagern. Das Hochlegen der Beine empfiehlt sich nur bei niedrigem Blutdruck oder im Schock (Kreislaufversagen). Diesen Zustand erkennen Sie daran, dass die/der Betroffene blass und kaltschweißig wird und einen auffallend schnellen Atem und Herzschlag hat.

Ist der Anfall schwerer als gewöhnlich, sollten Sie sofort die Notärztin/den Notarzt alarmieren. Dasselbe gilt, wenn die Notfallmedikamente nicht innerhalb von fünfzehn Minuten wirken.

Unterstützung durch Notfallmedikamente und Notarzt

Das wichtigste Erste-Hilfe-Medikament bei einem akuten Angina-pectoris-Anfall sind Nitropräparate. Der darin enthaltene Wirkstoff Nitroglycerin sorgt dafür, dass die Gefäße weiter werden und das Herz besser mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Wirken diese nicht wie gewohnt oder kommen ungewohnte Symptome hinzu, sollten Sie unverzüglich die Notärztin/den Notarzt rufen.

Wie werden Nitropräparate angewendet?

Durch die gefäßerweiternde Wirkung der Nitropräparate sinkt der Blutdruck. Dadurch kann es zu Kreislaufproblemen kommen. Unabhängig von der Darreichungsform sollte die Einnahme daher grundsätzlich im Liegen oder Sitzen erfolgen.

Machen Sie sich mit der richtigen Anwendung von dem Nitropräperat Ihrer/s Angehörigen vertraut. Im Notfall ist es wichtig, schnell zu reagieren.

Nitrospray richtig anwenden:

  1. Entfernen Sie die Schutzkappe.
  2. Drücken Sie den Sprühkopf herunter, bis Flüssigkeit austritt.
  3. Geben Sie ein bis drei Sprühstöße unter die Zunge Ihrer/Ihres Angehörigen. Er/Sie soll dabei kurz die Luft anhalten, um den Spray nicht einzuatmen.
  4. Wiederholen Sie den Vorgang, wenn sich ihr/sein Zustand nicht nach zehn Minuten bessert. Sollte auch dann keine Besserung eintreten, ist sofort die Notärztin/der Notarzt zu verständigen (in Österreich die Notrufnummer 144 oder europaweit 112).
  5. Nach der Anwendung verschließen Sie die Flasche wieder mit der Schutzkappe.

Wann muss ich eine Notärztin/einen Notarzt hinzuziehen?

Rufen Sie die Notärztin/den Notarzt lieber zu früh als zu spät. Ein Angina-pectoris-Anfall ist ein echter Notfall, aus dem sich schnell ein Herzinfarkt entwickeln kann. Der ärztliche Bereitschaftsdienst kann Ihnen in dieser Situation leider nicht helfen, ebenso wenig wie die Hausärztin/der Hausarzt. Die einzige richtige Wahl ist die Notärztin/der Notarzt.

Kommt es im weiteren Verlauf zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand, beginnen Sie sofort mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Erkennbar ist der Herzstillstand an folgenden Symptomen:

  • Die/der Betroffene hat Schwindel- oder Ohnmachtsanfälle – sinkt im Stuhl zusammen oder fällt um.
  • Es erfolgt keine Reaktion auf lautes Ansprechen und leichtes Rütteln an der Schulter.
  • Die Atmung setzt aus.

Wenn es sich um eine stabile Angina pectoris handelt und Ihr/e Angehörige/r nach Einnahme der Notfallmedikamente rasch (innerhalb von fünfzehn Minuten) beschwerdefrei wird, ist es nicht zwingend notwendig die Notärztin/den Notarzt zu rufen.

selpers FallbeispielPraktischer Tipp

Die Rettungsleitstelle erreichen Sie in Österreich unter der Notrufnummer 144 oder europaweit unter 112. Denken Sie beim Anrufen an die fünf „W“:

  • Wo ist das Ereignis?
  • Was ist passiert?
  • Wie viele Erkrankte sind es?
  • Welche Art von Erkrankungen liegt vor?
  • Warten Sie auf Rückfragen.

Geprüft Prim. Mag. Dr. Josef Aichinger: Stand August 2019 | AT-RAN-13-04-2019

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Dieser Kurs ist Teil der Kursreihe „Leben mit Angina pectoris“

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