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Kurs Tipps für Angehörige bei Angina pectoris: Lektion 3 von 7

Partnerschaft und Sexualität

Angina pectoris (auch unter den Begriffen Brustenge oder Herzenge bekannt) betrifft nicht nur das Leben der PatientInnen selbst, sondern auch die Menschen in ihrem Umfeld. Besonders eng involviert sind LebenspartnerInnen. Sie können die Erkrankte/den Erkrankten zwar Unterstützung und Kraft bieten, stoßen dabei jedoch häufig selbst an ihre Grenzen. In dieser Lektion erfahren Sie, warum sich die Angina pectoris auch auf Lebensbereiche wie Beziehungen und die Sexualität auswirken kann.

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Warum kann eine Angina pectoris die Beziehung belasten?

Aus Befragungen von Patientinnen und Patienten nach Herzinfarkt wissen wir, dass ein Drittel bis zwei Drittel aller Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, was ja die Maximalformen der koronaren Herzerkrankung ist, danach ihre sexuelle Aktivität um ein Drittel bis zwei Drittel vermindern. Das ist Tatsache, dass sich solche Patienten sehr häufig aus der Partnerschaft, insbesondere aus den sexuellen Kontakten weitestgehend zurückziehen.

Gründe dafür sind in aller Regel das Gefühl der Unzulänglichkeit, die Angst, in einem Angina-pectoris-Anfall vielleicht einen akuten Herzinfarkt zu erleiden, schlimmstenfalls sogar überhaupt einen plötzlichen Herztod aus der sexuellen Aktivität heraus.

Weiters kommt dazu, dass die koronare Herzerkrankung ja nicht eine isolierte arteriosklerotische Erkrankung ist, sondern alle Gefäßgebiete betrifft und insbesondere beim Mann sehr häufig auch verbunden ist mit der koronaren Herzerkrankung auch Potenzstörungen, erektile Dysfunktion und daher halt ein Unzulänglichkeitsgefühl und Versagensängste. Und all das zusammen spielt mit, dass die sexuelle Aktivität bei Patienten mit Angina pectoris bzw. koronarer Herzerkrankung in aller Regel reduziert wird.

Wie schaffe ich es, dass die Erkrankung nicht im Zentrum unserer Beziehung steht?

Damit die koronare Herzerkrankung und die Angina pectoris nicht wirklich den gesamten Raum Ihrer Beziehung einnimmt, hilft in aller Regel das Wissen um die wahren Gefahren, die unter Umständen im Rahmen sexueller Aktivität bei einem Angina-pectoris-Patienten auftreten können. Und die sind in Wirklichkeit viel niedriger, als man landläufig befürchtet.

Wir wissen heute, dass Patienten, die eine Angina pectoris haben, nur ein geringfügig erhöhtes Risiko haben, dass sie während einer sexuellen Aktivität einen Angina-pectoris-Anfall erleiden oder gar einen plötzlichen Herztod oder einen akuten Myokardinfarkt. Es ist Tatsache, dass schon bei einigen Patienten im Nahbereich zum akuten Infarkt ein sexueller Kontakt stattgefunden hat, aber über alle Bevölkerungsgruppen hin gerechnet ist die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Infarkt erleidet, nur geringfügig erhöht.

Wenn wir berechnen, dass für einen Menschen ohne koronare Herzerkrankung das Risiko 1,0 ist, einen Infarkt zu erleiden im Zusammenhang mit sexuellen Kontakten, ist das bei Angina-pectoris-Patienten mit niedrigem und mittlerem Risiko nur erhöht auf 1,01. Von daher sollten Sie einschätzen können, dass dieses Risiko nicht übermäßig hoch ist. Und damit können Sie sicherlich auch Ihre partnerschaftlichen Kontakte im Angesicht dieser Risikoeinschätzung viel gelassener organisieren und durchleben.

Könnte Geschlechtsverkehr einen Angina-pectoris-Anfall hervorrufen?

Nach Befragungen von Patienten, die mit akutem Myokardinfarkt, Herzinfarkt auf Intensivstationen aufgenommen wurden, wissen wir, dass in einer gewissen Anzahl dieser Patienten tatsächlich im Nahbereich zu einem sexuellen Kontakt oder Geschlechtsverkehr der Infarkt aufgetreten ist. Befragt wurden sie, ob sie innerhalb der letzten zwei Stunden vor Beginn der Myokardinfarkt-Symptomatik Geschlechtsverkehr hatten. Das war bei einer gewissen Anzahl der Patienten der Fall, ist jedoch im Vergleich zum übrigen Kollektiv nur geringfügig erhöht.

Und aus diesem Grund können wir davon ausgehen, dass insbesondere bei Patienten mit niedrigem oder mittlerem Risiko der Angina pectoris die Wahrscheinlichkeit, dass durch den Geschlechtsverkehr der Infarkt ausgelöst wird, sehr gering ist.

Außerdem kann man dazu sagen, dass insbesondere körperliches Training und die Einnahme von den Medikamenten, die in aller Regel die Ärzte verschreiben, das Risiko, dass im Zusammenhang mit sexuellen Kontakten in der koronaren Herzerkrankung sich etwas zum Schlechteren wendet, deutlich gesenkt werden kann.

Sollten wir beim Geschlechtsverkehr etwas Spezielles beachten?

In Hinblick auf die Frage, wie der Geschlechtsverkehr zu gestalten ist, gibt es naturgemäß keine Studiendaten, auf die man eine basierte Antwort geben kann. Aber es wurde tatsächlich bei Paaren gemessen das Blutdruckverhalten und Herzfrequenzverhalten, die ja maßgeblich sind für das Herzrisiko während des Geschlechtsverkehrs. Und dabei hat man gesehen, dass die verschiedenen gebräuchlichen Stellungen im Geschlechtsverkehr keinen Unterschied machen. Das heißt: Das Blutdruckverhalten und Herzfrequenzverhalten ist in den verschiedenen Stellungen völlig gleich.

Daher kann man davon ausgehen, dass es auch keinen Unterschied in der Risikobelastung gibt.

Jedenfalls muss man davon ausgehen, dass stressbehaftete Sexualpraktiken sicherlich das Risiko erhöhen. Und es ist auch bekannt, dass zum Beispiel Analverkehr für Herzpatienten das Risiko, dass irgendetwas kardial zum Schlechteren läuft, erhöht.

Welche Auswirkungen können Angina-pectoris-Medikamente auf Lust und Potenz haben?

Grundsätzlich ist die koronare Herzerkrankung eine arteriosklerotische Erkrankung und betrifft natürlich auch die anderen Organe im Körper. Und die Krankheit für sich genommen kann schon alleine die Potenz mindern.

Zusätzlich können gewisse Angina-pectoris-Medikamente, namentlich entwässernde Medikamente, Hochdruckmedikamente und insbesondere die Betablocker durchaus die Potenz mindern.

Inwieweit sie auch die Lust beeinflussen, das wird mit dem geringeren Ausmaß der Fall sein. Aber von Betablockern wissen wir, dass sie durchaus auch durch Erzeugung einer depressiven Grundstimmung auch die Lust etwas mindern können.

Vertragen sich potenzsteigernde Mittel mit Angina-pectoris-Medikamenten?

Potenzsteigernde Mitteln wie etwa Sildenafil und die Folgepräparate können insbesondere mit Nitro-Präparaten, die die Patienten bei koronarer Herzerkrankung und Angina-pectoris-Anfällen einnehmen, durchaus Probleme machen.

Sie können zu akutem Blutdruckabfällen in Kombination führen. Sie können auch zu akutem Bewusstseinsverlust führen.

Daher dürften diese Präparate, Sildenafil und die anderen, niemals in Kombination mit Nitro-Präparaten eingenommen werden.

Wenn ein Patient Sildenafil eingenommen hat, darf er auch die nächsten 24 Stunden, bei den anderen Präparaten sogar 48 Stunden, im Falle eines Angina-pectoris-Anfall kein Nitro nehmen, weil er sonst Gefahr laufen würde, mit dem Blutdruck bis zu 40 abzusinken oder gar das Bewusstsein zu verlieren.

Andererseits können alle diese Präparate sorglos mit den anderen Hochdruck-Medikamenten eingenommen werden, da es keine bekannten bedrohlichen Wechselwirkungen mit den anderen Präparaten, die in aller Regel in koronarer Herzerkrankung eingenommen werden oder zur Behandlung des Bluthochdrucks eingenommen werden.

 

Auf den Punkt gebracht

Partnerschaft und Sexualität

  • Bei Angina pectoris mit niedrigem und mittlerem Risiko gibt es so gut wie kein erhöhtes Risiko für einen Anfall aufgrund sexueller Aktivität.
  • Potenzsteigernde Mittel dürfen niemals zusammen mit Nitropräparaten eingenommen werden. Selbst bis zu 48 Stunden nach der Einnahme eines potenzsteigernden Mittels darf ein Anfall nicht mit nitrohaltigen Medikamenten behandelt werden.

Mögliche Auswirkungen auf die Beziehung

Eingeschränkte gemeinsame Aktivitäten

Je nach Ausprägung kann eine Angina pectoris mit großen körperlichen Einschränkungen verbunden sein. Sie beeinträchtigt das Leistungsvermögen und behindert damit gemeinsame Aktivitäten, die vorher selbstverständlich waren.

Negative Gefühle

Im psychischen Bereich kann sie Gefühle wie Ärger, Trauer und Besorgnis auslösen. Hinzu kommen häufig Gereiztheit, Erschöpfung und Rückzug. Diese Stimmungen und die Befindlichkeit der/des Erkrankten können auf die Partnerin/den Partner irritierend wirken und stellen damit eine große Herausforderung für die Beziehung dar.

Veränderte Rollen

Einige Angina-pectoris-PatientInnen haben eine zu hohe Verständniserwartung an ihre Mitmenschen und reagieren eingeschnappt oder vorwurfsvoll auf deren vermeintliches Unverständnis. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein, wenn etwa die/der PartnerIn zum Kümmerer wird und der/dem Erkrankten jegliche Eigenständigkeit abspricht.

Wie können wir den Alltag neu organisieren?

Die wichtigste Voraussetzung für die Gestaltung einer partnerschaftlichen Beziehung ist gegenseitiges Verständnis.

Wenn Sie als PartnerIn einer/eines Angina-pectoris-PatientIn deren/dessen Verhalten nicht als „mangelnde Anstrengungsbereitschaft“, „sich hängen lassen“ oder „übertriebene Empfindlichkeit“ deuten, können Sie sich gemeinsam in der Alltagsgestaltung realistische Ziele setzen.

Sprechen Sie ab, wer in Zukunft welche Hausarbeiten und Aufgaben übernimmt. So könnte Ihr/e PartnerIn beispielsweise die (Enkel-)Kinder von der Schule abholen, während Sie die schweren Einkäufe erledigen.

Welche Herausforderungen Angina pectoris Betroffenen im Alltag darüber hinaus begegnen, erfahren Sie im weiterführenden Online-Kurs zu Angina pectoris im Alltag.

Auf welche gemeinsamen Aktivitäten sollten wir verzichten?

Menschen, die unter Angina pectoris leiden, sollten ihren Lebensstil entsprechend anpassen. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihr Leben von der Krankheit bestimmen lassen müssen.

Es gibt zwar einige Aktivitäten, bei denen Vorsicht geboten ist, aber auch viele, die weiterhin, wenn auch zum Teil eingeschränkt, möglich sind. Dazu gehören beispielsweise Reisen und Sport.

Verzichten sollten Sie auf Extremsituationen wie große Hitze und Kälte und Sportarten, die ein hohes Überlastungspotenzial bergen (z.B. Ballsportarten wie Fußball, Handball oder Tennis). Auch Wettkampfsituationen sind weniger zu empfehlen, da der Ehrgeiz, gewinnen zu wollen, schnell zur Überanstrengung führen kann.

Mögliche Auswirkungen auf das Sexualleben

Auch auf die körperliche Beziehung mit Ihrer PartnerIn/Ihrem Partner kann die Erkrankung möglicherweise Auswirkungen haben. Zum einen können manche Betroffenen aus Angst vor einem weiteren Angina-pectoris-Anfall oder gar einem Herzinfarkt ihr Sexualleben nicht mehr ausleben wie zuvor. Zum anderen, können sich sowohl Erkrankung als auch Therapie auf die Potenz und das Lustempfinden auswirken. 

Können wir weiterhin Sex haben wie zuvor?

Aus Angst vor einem Anfall oder einem Herzinfarkt verzichten manche Menschen mit Angina pectoris auf Geschlechtsverkehr. Dabei ist Sex gesund. Während des Liebesakts wird ein Hormoncocktail freigesetzt, der nicht nur Glücksgefühle auslöst, sondern auch Stress abbaut. Langfristig stärkt Sex außerdem das Herz-Kreislauf-System und die Immunabwehr.

Studien haben gezeigt, dass während des Geschlechtsverkehrs der systolische Blutdruck meist nicht über 170 mmHg ansteigt und die Herzrate kaum 130 Schläge/Minute übersteigt. Daraus wurde geschlussfolgert, dass wenn Personen zwei Stockwerke Stiegen gehen können, sie auch nicht in ihrem Sexualleben eingeschränkt sind. Der geringe Anstieg der Werte macht deutlich, dass das Risiko von Geschlechtsverkehr bei Angina pectoris oft überschätzt wird.

Sprechen Sie deshalb mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt und befolgen Sie die Empfehlungen. Ist die Behandlung gut eingestellt, sollten Sie keine Einschränkungen haben. Wichtig ist, sich nicht unter Leistungsdruck zu setzen.

Wie kann sich eine Angina pectoris auf Lust und Potenz auswirken?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind eine häufige Ursache für sexuelle Funktionsstörungen. Angina-pectoris-PatientInnen sind dabei gleich mehrfach belastet:

  • durch mögliche Veränderungen an Blutgefäßen, die für das Funktionieren der Geschlechtsorgane notwendig sind,
  • durch die verminderte körperliche Leistungsfähigkeit und die damit einhergehenden Einschränkungen,
  • durch die seelischen Belastungen der Erkrankung,
  • durch die Angst, dass Sex einen Anfall auslösen könnte.

Zum Teil begründet sich die fehlende Lust aber auch auf Nebenwirkungen von Medikamenten wie manche Diuretika, Antidepressiva und Betablocker. Ist Letzteres zu vermuten, empfiehlt es sich, die Situation mit der/dem behandelnden Ärztin/Arzt zu besprechen.

Vorsicht bei der Verwendung von Potenzmitteln

Vorsicht ist geboten bei der Verwendung von Potenzmitteln. Diese können in Verbindung mit Nitraten zu einem Blutdruckabfall und damit zu einem Sauerstoffmangel im Herzen führen. Bis zu 24 Stunden nach der Einnahme eines potenzsteigernden Mittels sollten Sie kein Nitropräparat anwenden.

Wussten Sie schon

Wie eine 2015 veröffentlichte Studie der Universität Ulm ergab, geht Sex äußerst selten einem Herzinfarkt voraus. Von 536 untersuchten InfarktpatientInnen hatten nur drei eine Stunde vor dem Herzanfall Geschlechtsverkehr. Zudem bedeutet die zeitliche Nähe nicht automatisch, dass der Geschlechtsakt die Ursache für den Infarkt war.

Geprüft Prim. Mag. Dr. Josef Aichinger: Stand August 2019 | AT-RAN-13-04-2019

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Dieser Kurs ist Teil der Kursreihe „Leben mit Angina pectoris“

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