8. Spastik nach Schlaganfall verstehen – alle Fragen

Bewegungsstörungen nach einem Schlaganfall sind häufig und werden durch eine erhöhte Grundspannung in bestimmten Muskeln ausgelöst. Man nennt diese Bewegungsstörungen Spastik oder Spastizität. In einem Video-Interview beantwortet Assoc. Prof. Priv.-Doz. Prim. Dr. Gottfried Kranz Fragen über Ursachen, Symptome und mögliche Verläufe bei Spastik nach Schlaganfall. Der Kurs bereitet Sie auf bevorstehende Arztbesuche vor und zeigt Ihnen hilfreiche Strategien, wie Sie Ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.

Spastik nach Schlaganfall einfach erklärt

Was ist eine Spastik und wodurch kann sie ausgelöst werden?

Eine Spastik ist ein Zustand, den Menschen nach verschiedenen Verletzungen oder bei verschiedenen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, wie dem Gehirn oder dem Rückenmark, bekommen können. Wichtig ist, dass die Spastizität keine Krankheit, sondern ein Zustand ist.

Dieser Zustand kommt bei gesunden Menschen nicht vor. Es ist ein Spannungszustand der Muskulatur, der nur bei bestimmten Erkrankungen auftreten kann. Die häufigsten Erkrankungen sind der Schlaganfall, die Gehirnblutung oder Verletzungen im Gehirn oder Rückenmark und Entzündungen, wie beispielsweise bei der Multiplen Sklerose.

Wie entsteht eine Spastik im Körper?

Wir gehen davon aus, dass eine Schädigung im Bereich des zentralen Nervensystems, im Gehirn oder im Rückenmark stattfindet. Bei einer Schädigung der peripheren Nerven, den Nerven in den Armen und Beinen, entsteht zwar eine schlaffe Lähmung, aber keine spastische Lähmung. Die Spastik entsteht krankheitsunabhängig immer dann, wenn im Bereich des zentralen Nervensystems eine Schädigung stattfindet.

Was versteht man unter einem Spitzfuß?

Die häufigste Form der Spastik im Bein ist der sogenannte mobile Spitzfuß. Es kommt im Sprunggelenk zu einer Beugung Richtung Fußfläche und zugleich zu einer Inversion. Das bedeutet, dass die Patientin/der Patient mit der Spitze des Fußes zuerst auftritt und nicht wie üblich abrollen kann, sondern er tritt von der Seite und der Fußspitze ausgehend auf.

Welche unterschiedlichen Formen von Spastik nach Schlaganfall gibt es?

Die Spastik kann sich zunächst dahingehend äußern, dass sie nur leicht vorhanden ist, später dann aber zunimmt. Die Formen der Spastik kann man auch darin unterscheiden, wo sie auftreten, beispielsweise dass sie nur an einem Ort vorhanden ist, wie im Arm, der Hand oder der Faust. Sie kann aber auch halbseitig auftreten, dann ist die halbe Seite des Körpers betroffen. Wenn wir von einer Paraspastik sprechen, sind zum Beispiel nur die Beine betroffen, die Arme jedoch nicht. Bei einer sogenannten Tetraspastik sind alle vier Extremitäten, also beide Arme und Beine betroffen.

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Erste Anzeichen und Symptome einer Spastik

Was sind die Symptome einer Spastik nach Schlaganfall?

Typische Symptome der Spastik sind neben der Anspannung, die Sie selbst spüren, unter Umständen Schmerzen. Diese können relativ stark und störend sein und folglich die Lebensqualität einschränken. Es kann auch zu Fehlstellungen kommen und es kann sein, dass die sonst flüssigen Bewegungen nicht mehr so gut funktionieren. Die Spastik hält sozusagen die Bewegung, man ist wie gefesselt und kann sich nicht flüssig bewegen.

Wenn die Spastik stark ausgeprägt ist, dann kann es dazu kommen, dass die Arme oder Beine in den Gelenken kontrakt werden. Das bedeutet, dass eine bestimmte Fehlstellung durch das Bindegewebe so fixiert wird, dass man diese nicht mehr lösen kann, auch wenn man die Spastik zum Beispiel durch eine Botulinumtoxin-Spritze lösen würde. Das nennen wir Kontrakturen.

Damit einhergehend können auch Verletzungen der Haut stattfinden, beispielsweise wenn eine Fehlstellung darin besteht, dass die Haut die ganze Zeit aneinander liegt. Folglich kann es zu Hautläsionen, zu Hautschädigungen kommen, die zu Wunden führen, welche die Schmerzen verstärken.

Welche Körperregionen sind häufig betroffen?

Von der Entstehung einer Spastik bei Schlaganfall sind grundsätzlich eher die oberen Extremitäten, die Arme betroffen, gefolgt von den Beinen. Bei der Multiplen Sklerose sind häufiger die Beine betroffen. Wo wir keine Spastik finden, ist die sogenannte glatte Muskulatur. Eine Spastik tritt im Körper nur dort auf, wo wir eine Willküraktivität und Willkürmuskulatur haben.

Beispielsweise in der Darmmuskulatur werden wir keine Spastik finden, denn dort gibt es nur glatte Muskulatur. Wenn sich diese anspannt, können Krämpfe oder Bauchschmerzen entstehen, das ist aber keine Spastik.

Die Spastik tritt im Wesentlichen in den Armen und Beinen auf. Sie kann auch am Rumpf auftreten, denn auch dort haben wir Willkürmuskulatur. Sie kann auch im Hals und Nackenbereich auftreten.

Ist eine Spastizität schmerzhaft?

Nach einem Schlaganfall kann es häufig zu Schmerzen kommen. Die Ursache dieser Schmerzen ist allerdings nicht immer die Spastizität. Es gibt muskuloskelettale Schmerzen, neuropathische Schmerzen, aber auch zentrale Schmerzen, die nach einem Schlaganfall auftreten können.

Wenn der Schlaganfall beispielsweise im Thalamus stattfindet, treten die zentralen Schmerzen auf. Verschiedene Studien und Untersuchungen zeigen, dass die Spastik selbst etwa in 50% der Fälle einen Spastik assoziierten Schmerz auslöst. In diesen Fällen ist der Schmerz in den Armen, Beinen oder dem Rumpf direkt mit der Spastizität assoziiert und aufgrund der Spastik vorhanden.

Wodurch kann eine Spastik nach Schlaganfall verstärkt werden?

Es ist ganz unterschiedlich, wodurch sich die Spastik verstärken kann. Manche PatientInnen reagieren zum Beispiel auf Temperatur. Eine Patientin/ein Patient mit Spastik hat beispielsweise im Winter eine unangenehmere und stärker ausgeprägte Spastik als im Sommer.

Es gibt weitere Faktoren, welche die Spastik verstärken können. Beispielsweise jede Art von Schmerz, Verletzungen, wie zum Beispiel Haut- oder Muskelverletzungen, Knochenbrüche oder Operationen. Wir operieren eigentlich ungern einen spastischen Arm oder ein spastisches Bein, wenn es nicht sein muss. Allein die Narben und die Gewebe-Irritationen durch die OP, kann die Spastizität verstärken.

Auch jede Art von Entzündung kann die Spastizität verstärken, ein Harnwegsinfekt, Fieber, ein genereller Infekt oder eine Grippe. Es können auch Faktoren im Alltag sein, die die Spastik verstärken, wie Stress oder innere Anspannung.

Welche Komplikationen können durch die Spastik auftreten?

Häufig führt eine stärker ausgeprägte Spastik zu Komplikationen, zu Folgeerscheinungen. Diese können darin bestehen, dass es zu Hautveränderungen kommt oder Hautverletzungen, wenn beispielsweise ein Arm oder ein Bein in einer unnatürlichen Fehlstellung verharrt.

Es kann auch zu bindegewebigen Verwachsungen kommen, das bedeutet, dass die Gelenke, Sehnen und Bänder miteinander verwachsen und die passive Bewegung verhindern. Weitere Komplikationen sind darüber hinaus auch Schmerzen. Der Teufelskreis beginnt mit Schmerz, der zu einer Erhöhung der Spastik führt. Dann kommt es zur Kontraktur, zum bindegewebigen Verwachsen der Fehlstellung, was wiederum den Schmerz und die Spastizität verstärkt.

Woran erkenne ich, dass ich eine Spastik habe?

Meist ist es so, dass eine Lähmung schlaff beginnt, was wir in der Medizin eine pseudoschlaffe Lähmung nennen. Diese schlaffe Lähmung wird jedoch im Laufe der Zeit, meist innerhalb des ersten halben Jahres, zu einer spastischen Lähmung. Das erste, was man vielleicht bemerkt, ist, dass die Muskulatur nicht ganz entspannt ist, sondern dass ein beginnender Tonus, eine beginnende Anspannung, vorhanden ist, die man selbst aber gar nicht produziert. Diese Spannung ist wie von selbst vorhanden und nimmt zu.

Im Laufe der Spastik-Entwicklung bemerken Sie vielleicht, dass die Beine oder Arme sich in eine Stellung begeben, die Sie gar nicht einnehmen wollen. Im Arm ist dies häufig eine Beugespastik und im Ellbogen kommt es zu einer Beugung. In der Schulter kommt es oft zu einem Heranführen des Oberarms an den Rumpf. In der Hand entwickelt sich oft eine Beugespastik, eine sogenannten Faustung. Sie können die Hand dann unter Umständen nicht mehr gut öffnen. Im Handgelenk kann auch eine Beugespastik entstehen, sodass der Arm sich zum Rumpf bewegt. Oft ist eine sogenannte Pronation vorhanden.

Wenn die Spastik beginnt, bemerkt man oft bei einer schnellen oder passiven Bewegung, dass ein Rucken einsetzt. Am Anfang ist die Spastik ganz schlaff, man kann beispielsweise den Ellbogen noch flüssig bewegen. Wenn man ihn jedoch schnell bewegt, kommt es zu einem ersten Rucken. Wenn die Spastik fortschreitet, ist dieser erhöhte Tonus, diese erhöhte Spannung, irgendwann innerhalb des gesamten Bewegungsausmaßes vorhanden.

Bei welchen Anzeichen sollte ich eine Ärztin / einen Arzt aufsuchen?

Meiner Meinung nach muss das Phänomen der Spastizität differenziert dahingehend betrachtet werden, dass wir sie nicht immer nur als Problem sehen sollten. Es ist oft so, dass der Beginn der Spastizität durchaus willkommen ist.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine komplette Lähmung des Beines und könnten aufgrund dieser nicht mehr aufstehen. In solchen Fällen freuen wir uns eigentlich sogar, wenn sich eine gewisse Streck-Spastizität entwickelt, weil die Menschen aufgrund dieser ihr Gewicht übernehmen können. In diesem Fall würde uns die Spastik beim Gehen oder Stehen sogar helfen.

Das Problem bei der Spastik ist jedoch meistens, dass sie über das Ziel hinausschießt. Man kann sich nun fragen, was sich die Natur bei diesem Phänomen der Spastizität gedacht hat und warum es möglicherweise Sinn macht, diese beizubehalten. Dazu kann man sagen, dass die Spastik oft einen gewissen Zweck erfüllt. Im Arm führt sie beispielsweise dazu, dass dieser nicht schlaff herunterhängt, die Gelenke nicht ausgedehnt werden, keine Schmerzen entstehen und die Muskeln nicht dünn werden, wie es bei der peripheren Lähmung der Fall ist. Es ist ein gewisser Muskeltonus vorhanden, der zunächst auch willkommen ist.

Wenn die Spastizität aber fortschreitet und Sie merken, dass weitere Bewegungen behindert werden oder dass beispielsweise ein Spitzfuß entsteht und Sie beim Gehen den Fuß nicht mehr schön abrollen können, sondern mit den Zehen zuerst aufsteigen, dann ist es höchste Zeit, einen Arzt aufzusuchen.

Wir empfehlen, dass Sie in dem Moment, in dem Sie eine beginnende Spastizität bemerken, mit Ihren Therapeutinnen und Therapeuten, aber auch mit Ihren Ärztinnen und Ärzten sprechen. Denn wenn das Ganze sinnvoll begleitet wird, können Sie die Spastik mit in die Bewegungen und Fähigkeiten einbauen, die Sie wieder erlernen.

In welchem Zeitraum nach einem Schlaganfall kann sich eine Spastik entwickeln?

Zunächst einmal muss man sagen, dass in über der Hälfte aller Schlaganfälle keine Spastik entwickelt wird. Bei den Patientinnen und Patienten, bei denen sich eine Spastik entwickelt, passiert dies meist innerhalb des ersten halben Jahres.

Nur selten sehen wir die Spastik bereits auf der akuten Schlaganfalleinheit, der Stroke Unit. Oft aber in der subakuten Phase, dort entwickelt sich das erste Drittel. Im ersten halben Jahr haben dann über zwei Drittel der PatientInnen eine Spastizität entwickelt. Es gibt seltener Fälle, die sich auch erst später entwickeln.

Habe ich nach einem Schlaganfall Anspruch auf Nachsorgeuntersuchungen?

Ganz wichtig ist, dass Sie in enger ärztliche Anbindung bleiben, wenn Sie die Akutklinik nach einem Schlaganfall verlassen. Zuerst sollte man sich einen Hausarzt oder eine Hausärztin suchen, der bzw. die das gesamte Management nach dem Schlaganfall übernimmt.

Wichtig für Ihre Begleitung ist auch der Facharzt oder die Fachärztin für Neurologie oder physikalische Medizin. Unter Umständen sind es auch die InternistInnen, welche die Risikofaktoren weiter begleiten und die Schlaganfall-Ambulanzen, die in der Regel ein Nachsorgeprogramm anbieten. Unter all diesen ärztlichen Kontakten wird die Spastizität beobachtet, moderiert und gegebenenfalls behandelt.

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Risikofaktoren und Verlauf einer Spastik

Welche Faktoren erhöhen das Risiko für die Entstehung einer Spastik?

Über diese Frage wurde schon viel nachgedacht und geforscht. Es ist wichtig zu wissen, wann eine Spastik entsteht und wann nicht. Der wichtigste Faktor ist der Grad der Lähmung. Je höher der Grad der Lähmung bei einer zentralen Lähmung, der Schädigung des Nervensystems, Gehirns oder Rückenmarks ist, desto wahrscheinlicher entwickelt sich eine Spastik. In bildgebenden Untersuchungen wurde festgestellt, dass die Chance einer Spastik relativ hoch ist, wenn das Volumen der Schädigung im Gehirn größer als 3 Kubikzentimeter ist.

Es ist auch davon abhängig, wo die Schädigung stattfindet. Liegt die Schädigung im zentralen Nervensystem, wo die Bahnen für die Willküraktivität durchziehen, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Spastik größer, als wenn die Schädigung in einem sensibleren Areal stattfindet.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die gesamte Betroffenheit der PatientInnen. Wenn ein Mensch nach einem Schlaganfall in einem hohen Grad pflegebedürftig ist, entwickelt sich die Spastik wahrscheinlicher. Ein weiterer Faktor ist, ob die Sensibilität betroffen ist. Das wäre zum Beispiel ein gelähmter Arm, bei dem zusätzlich eine Sensibilitätsstörung vorliegt, sodass man diesen nicht mehr spürt. Diese Person entwickelt wahrscheinlich eine Spastik.

Was kann ich tun, um das Risiko für eine Spastik nach einem Schlaganfall gering zu halten?

Das Wichtigste nach einem Schlaganfall ist viel Bewegung. Mit einer physiologischen, einer gesunden Bewegung mit gesunden Bewegungsabläufen lässt sich die Spastizität und teilweise alles darauf Folgende, wie Kontrakturen, Schmerzen und Schädigungen beeinflussen.

Es ist jedoch so, dass sich die Spastizität aufgrund der Größe der Schädigung entwickelt. Früher hat man bei höhergradigen Lähmungen besonders auf die Lagerung geachtet, das ist auch jetzt noch wichtig. Es ist aber nicht die alleinige Maßnahme, sondern nur ein Puzzlestein. In der Physiotherapie wird darauf geachtet, dass keine Spastik-Muster eingeübt werden. Die fachmännisch begleitete Bewegung mit der Therapeutin oder dem Therapeuten, der Physio- oder der Ergotherapie ist wichtig, damit sich die Spastik nicht entwickelt.

Es gibt auch verschiedene Medikamente und physikalische Maßnahmen, die angewendet werden können, damit sich keine starke Spastizität entwickelt und keine Folgeschäden entstehen.

Wie ist der Verlauf der Spastik nach Schlaganfall?

Der typische Verlauf der Spastik beginnt meist mit einem leicht erhöhten Muskeltonus, einer leicht erhöhten Muskelspannung, die im Verlauf der Monate zunimmt. Irgendwann ist die Bewegung durch diese Spastik eingeschränkt und die Extremitäten, die Arme oder Beine verharren in einer Fehlstellung.

In diesem Moment erleiden die meisten PatientInnen eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität und Bewegungsfreiheit. Folgt dann keine Behandlung, kann es zu Verwachsungen, Hautschäden und Schmerzen kommen. Die PatientInnen befinden sich dann oft, auch wenn sie nicht behandelt werden, in einer Pflegesituation, in der sie viel liegen. Durch die fehlende Bewegung nehmen die Spastizität, die Unbeweglichkeit und die Kontrakturen weiter zu.

Es ist daher wichtig, dass Sie die Spastizität von Anfang an ärztlich begleiten und behandeln lassen, damit Sie mit Ihrer Spastizität das Maximum an Bewegung und Funktion im Alltag herausholen können. Sie können so vermeiden, dass bestimmte Folgeerscheinungen und Schmerzen auftreten. Indem Sie die Bewegungsabläufe immer wieder eintrainieren können Sie Ihren Alltag mit der Lähmung bestmöglich bewerkstelligen.

Kann sich die Spastik nach einem Schlaganfall von selbst wieder zurückbilden?

Eine Spastizität muss behandelt und begleitet werden. Sie bildet sich dann eventuell leicht zurück, in dem Maße, wie die Willkürmotorik wiederkommt. Wo sich eine Spastik entwickelt hat und die Lähmung bleibt, bildet sich die Spastik in der Regel nicht von selbst zurück.

Es gibt chirurgische Eingriffe, die den Muskel denervieren, also den Nerv vom Muskel trennen oder unterbrechen. Die Spastik ist dann vorübergehend oder permanent reduziert.

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Arztgespräch und der Weg zur Diagnose

Welche Ärztin / welchen Arzt soll ich bei Auftreten einer Spastik aufsuchen?

Grundsätzlich ist die Spastizität etwas Häufiges, sodass jeder Arzt und jede Ärztin diese erkennen sollte und die richtigen Schritte einleiten wird. Primäre AnsprechpartnerInnen für die Spastizität ist der Neurologe oder die Neurologin und diese/dieser wird unter Umständen an andere FachärztInnen weiter überweisen.

Abhängig vom Behandlungsziel sind weitere PartnerInnen die Fachärztinnen und Fachärzte für physikalische Medizin, die OrthopädenInnen und plastischen ChirurgenInnen. Wichtig ist, dass eine Begleitung der Spastizität nie ohne die therapeutischen Berufe, wie die Physiotherapie und Ergotherapie gelingen wird.

Wie kann ich mich auf das Gespräch mit der Ärztin / dem Arzt vorbereiten?

Beim ärztlichen Gespräch ist es wichtig zu erzählen, ob schon früher einmal ein Schlaganfall oder eine Spastizität stattgefunden hat. Es ist nämlich wichtig zu wissen, ob die Spastik, die Sie jetzt haben, durch das aktuelle Ereignis oder durch eine bereits bestehende Läsion, eine Schädigung im Bereich des Nervensystems, hervorgerufen wurde.

Welche Fragen wird mir die Ärztin / der Arzt stellen?

Das Erkennen der Spastik ist weniger etwas, was die Ärztin oder der Arzt erfragt sondern etwas, was er sieht und durch das passive Bewegen der Arme und Beine fühlt.

Die Fragen, die möglicherweise gestellt werden, sind: “Wie fühlt sich Ihr Arm an? Ist die Muskelspannung in Ihrer Bewegung etwas, was Sie behindert oder Schmerzen produziert? Ist das, was Sie an Spannung in der Muskulatur wahrnehmen, vielleicht sogar hilfreich, um eine Tätigkeit auszuführen?” Eine Beugung im Ellenbogen kann zum Beispiel dazu dienen, eine Einkaufstasche zu tragen.

Das sind Dinge, die die Ärzte und Ärztinnen wissen wollen, um mit Ihnen gemeinsam das Ziel der Spastik Behandlung herauszufinden und zu verfolgen. Wichtig ist auch die Frage: „Wie kommen Sie mit den Hilfsmitteln zurecht? Kommen Sie trotz der Spastizität in den Rollstuhl? Können Sie einen Gehstock oder eine Krücke halten? Können Sie einen Arm, ein Bein oder eine Hand in eine Schiene hineinbringen? Könnte das mit eine Behandlung vielleicht leichter geschehen? Übt ein Hilfsmittel aufgrund der Spastizität einen Druck aus, sodass Sie Schmerzen haben? Führt die Spastik mit der Feststellung dazu, dass Sie ein andauerndes Reiben oder einen Druck an einer Beinschiene oder Armschiene verspüren?“

Welche körperlichen Untersuchungen werden zur Diagnose durchgeführt?

Um eine Spastik festzustellen, ist der neurologische Status, die neurologische Untersuchung am wichtigsten. Dabei werden Sie auf eine Arztliege gelegt und es wird der Spannungszustand der Muskulatur einzeln getestet. Man bewegt das Gelenk passiv, zum Beispiel den Ellbogen, das Handgelenk, die Finger und das Schultergelenk, das Bein in gleicher Weise.

Die Spastik wird anhand des Widerstands, den die Ärzte bei dieser Testung spüren, graduiert. Anhand einer bestimmten Skala, beispielsweise der häufig verwendeten Ashworth-Skala, kann man sagen, dass es sich um eine zweitgradige oder drittgradige Spastizität handelt. Die wichtigste Untersuchung für die Spastizität ist also keine technische, sondern eine körperliche Untersuchung durch die Neurologen.

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Was Sie tun können

Wie kann ich den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen?

Als Patientin und Patient kann man vieles tun, um die Spastik positiv zu beeinflussen. Das Wichtigste ist die Bewegung, wenn möglich die aktive und die therapeutisch begleitete aktive Bewegung. Wenn das nicht möglich ist, auch die passive Bewegung.

Weitere Maßnahmen sind das konsequente Tragen von Schienen, beispielsweise in der Nacht, damit über längere Zeit keine Fehlstellungen eingenommen werden. Das Bewegen mit Hilfsmitteln spielt auch eine große Rolle und wenn notwendig und sinnvoll auch die medikamentöse Behandlung. Das können Tabletten oder eine lokale intramuskuläre Behandlung mit Botulinumtoxin sein, aber auch eine andere Behandlung, wie eine Pumpe oder ein Spray.

Wer kann mir helfen, mit den Einschränkungen besser umzugehen?

Beim Umgang mit den Einschränkungen ist es wichtig, dass Sie auf die vielen Menschen vertrauen, die sich mit dieser Erkrankung gut auskennen und deren Hilfe annehmen. Es sind in erster Linie die Ärztinnen und Ärzte zu nennen, auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Berufsgruppen im therapeutischen Bereich, die Ihnen helfen können.

Es können physikalische Behandlungen in physikalischen Instituten eine Rolle spielen. Wichtig ist vor allem die neurologische Rehabilitation, sowohl die stationäre als auch die ambulante und in Zukunft, mancherorts bereits verfügbar, die Telerehabilitation.

Hier geht es zum Video-Interview: „Was Sie tun können”

Was kann ich als Angehörige/r tun?

Wie kann ich als Angehörige/r die betroffene Person nach der Diagnose Spastik nach Schlaganfall unterstützen?

Die Angehörigen spielen nach einem Schlaganfall mit Spastizität eine wichtige Rolle für die Patientinnen und Patienten. Sie leisten im Alltag oft an vielen Stellen kleinere oder größere Hilfestellungen. Sei es bei den Aktivitäten des täglichen Lebens, beim Waschen, beim Anziehen, beim Essen oder beim Gang zu einem Arzt oder einer Ärztin.

Manchmal können SchlaganfallpatientInnen aufgrund einer Aphasie nicht mehr sprechen. Dann ist es wichtig, dass die Angehörigen zu Arztterminen mitgehen und berichten, wie der Alltag abläuft und ob die PatientInnen die Medikamente gut vertragen. Es ist in manchen Fällen auch wichtig, dass Angehörige zur Unterstützung bei der physikalischen Untersuchung oder der Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxinen mit dabei sind oder über das Ansprechen und die Nebenwirkungen von medikamentösen Therapien berichten.

Wie kann ich bei Arztgesprächen und Arztbesuchen unterstützen?

In der Regel ist es wichtig, dass Sie als Angehörige zu den Arztterminen mitgehen, denn Sie können sowohl aus Ihrer, als auch aus der Perspektive der Patientin/des Patienten berichten, wie es ihr/ihm geht, wo sie sich schwertun, was leichter gelingt, ob die Medikamente eingenommen werden und wie der Alltag abläuft.

Die ÄrztInnen wollen von den Angehörigen oft auch wissen, wie der Alltag funktioniert, gerade wenn Sprachschwierigkeiten bestehen und die PatientInnen sich nicht gut ausdrücken können. Es kann sein, dass die Angehörigen auch gebeten werden zu helfen, beispielsweise bei der körperlichen Untersuchung, einer Spastik Behandlung oder dem Transfer aus dem Rollstuhl zum Bett. Die Angehörigen haben in diesen Bereichen oft schon eine große Expertise und kennen sich genau damit aus, wie Sie diese Dinge am besten mit den PatientInnen zusammen meistern.

Was kann ich tun, wenn sich die erkrankte Person immer weiter zurückzieht?

Wenn sich erkrankte Personen immer mehr zurückziehen, kann das daran liegen, dass sie eine reaktive Depression, eine Verstimmung entwickeln. Aufgrund dessen haben sie keine Lust mehr, etwas zu unternehmen oder Menschen zu treffen.

In solchen Fällen ist es wichtig, dass Freunde und Angehörige auf die PatientInnen zugehen und an alte Interessen anknüpfen. Das können beispielsweise die Musik oder gemeinschaftliche Aktivitäten sein. Holen Sie die Patientin/den Patienten bei Dingen ab, die sie/er früher gerne gemacht hat.

Wichtig ist bei diesen PatientInnen auch die ärztliche Begleitung. Mit einer medikamentösen Therapie, wie der Reduktion der Schmerzen oder einer antidepressiven Behandlung, kann die Patientin/der Patient wieder befähigt und das Interesse, wieder am Leben teilzunehmen, geweckt werden.

Was kann ich tun, wenn ich feststelle, dass eine Angehörige / ein Angehöriger eine Spastik entwickelt?

Die Spastik entwickelt sich oft schleichend. Als Angehörige/r ist es wichtig zu beobachten, ob sich Fehlstellungen oder Fehlbewegungen bei den PatientInnen einstellen, um frühzeitig ärztliche oder therapeutische Hilfe aufzusuchen.

Viele TherapeutInnen sagen auch von sich aus, dass ein Arzttermin notwendig ist, um die Spastik zu behandeln. Wichtig ist, dass man die Spastik nicht auf sich beruhen lässt, sondern die Meinung von Spezialistinnen und Spezialisten einholt, um zu erkennen, ob und wo die Spastik behandlungswürdig ist, beispielsweise an welchem Teil des Körpers.

Hier geht es zum Video-Interview: „Was kann ich als Angehörige/r tun?”

Geprüft Prof. PD Dr. Gottfried Kranz: Stand Okt 2022

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.