9. Multiple Sklerose verstehen – alle Fragen

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie tritt gehäuft um das 30. Lebensjahr auf. Hier finden Sie die wichtigsten Fragen und Antworten aus dem Kurs “Multiple Sklerose verstehen” übersichtlich zusammengefasst.

Multiple Sklerose einfach erklärt

Was ist Multiple Sklerose (MS)? 

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch ein Zusammenspiel von angeborenen und Umweltfaktoren zustande kommt. Es bilden sich dabei durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems Entzündungsherde an bestimmten Stellen, sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark. Diese führen zu den Symptomen, die sich häufig als Schübe manifestieren. 

Wie sieht der Krankheitsverlauf von MS aus? 

Bei den meisten MS Betroffenen verläuft die Erkrankung schubförmig, das heißt, es gibt Phasen, bei denen Beschwerden da sind, die zumindest 24 Stunden anhalten, die sich dann aber wieder vollständig oder teilweise zurückbilden. 

Bei einem Teil der Betroffenen mit schubhaftem Verlauf, entwickelt sich nach einem mehrjährigen Krankheitsverlauf ein sekundär progredienter Verlauf. Das bedeutet, dass sich die Krankheitssymptome auch ohne Schübe langsam verschlechtern können. 

Abgesehen vom schubhaften Verlauf gibt es auch die primär progrediente Multiple Sklerose. Diese ist deutlich seltener als die schubhafte Multiple Sklerose und tritt bei nur bei 10% bis 15% der Betroffenen auf. Sie entsteht eher im höheren Alter und äußert sich nicht durch Schübe, sondern durch ein langsames Fortschreiten von beispielsweise Gehstörungen oder Gleichgewichtsstörungen. 

Ist Multiple Sklerose heilbar? 

Man kann die Multiple Sklerose heutzutage sehr gut behandeln. Wenn wir die Diagnose früh stellen können, wenn wir frühzeitig mit bestimmten Medikamenten versuchen, das Immunsystem zu beeinflussen, kann auch langfristig ein sehr gutes Ergebnis erzielt werden. 

Die Betroffenen können Ihre Familie planen, beruflich aktiv bleiben und in vielen Fällen auch ohne nennenswerte Behinderungen bleiben. Es gibt Verläufe, die schwerer sind und bei denen eine Beeinflussung schwieriger ist. In vielen Fällen kann jedoch auch langfristig eine gute Lebensqualität erzielt werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? 

Man unterscheidet bei der Multiplen Sklerose zwischen der krankheitsmodifizierende Therapie und der symptomatischen Therapie. Krankheitsmodifizierende Therapien sind Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen. Sie bewirken, dass weniger MS Schübe auftreten, sich weniger neue Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark bilden und das langsam schleichende Fortschreiten der Erkrankung gebremst wird. 

Im Gegensatz dazu unterscheidet man die symptomatische Therapie. Dabei werden bestehende Multiple Sklerose Symptome behandelt, beispielsweise die Spastik, eine abnorme Anspannung der Muskulatur, Blasenstörungen, Schmerzen oder Müdigkeit. 

Wie häufig ist Multiple Sklerose? 

Die Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Erkrankung, die zu einer neurologische Behinderung im jungen Erwachsenenalter führt. In Österreich gibt es etwa 14.000 Betroffene. Die Häufigkeit der Multiplen Sklerose sind etwa 160 Personen auf 100.000 Einwohner. Pro Jahr kommt es in etwa zu 15 Neudiagnosen pro 100.000 Einwohner. 

Wer ist am häufigsten von MS betroffen? 

Die Multiple Sklerose tritt häufiger bei Frauen als bei Männern auf, es sind etwa zwei bis dreimal so viele Frauen wie Männer betroffen. Einen Unterschied gibt es, wenn die Multiple Sklerose erst im höheren Alter auftritt, denn dann sind etwa gleich viele Frauen wie Männer betroffen. 

Was passiert bei MS in Gehirn und Rückenmark? 

Bei der Multiplen Sklerose entstehen Entzündungsherde. Diese kommen im Gehirn oder im Rückenmark dadurch zustande, dass autoaggressive Entzündungszellen, welche zu der Gruppe der weißen Blutkörperchen gehören, durch die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn eintreten. Sie bilden dort sogenannte Plaques, die Entzündungsherde. Es gibt ganz charakteristische Orte, wo diese sich bilden können, beispielsweise im Sehnerven, im Hirnstamm, um die Liquorräume oder im Rückenmark. Sie sind mittels Bildgebung, wie der MRT gut darstellbar. 

Welche Ursachen gibt es für MS? 

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, für die nicht nur eine Ursache verantwortlich ist, denn sie kommt durch verschiedene Faktoren zustande. Ungefähr ein Viertel der Ursachen für die Multiple Sklerose ist angeboren, also eine genetische Ursache. Dabei sind Gene wichtig, die mit Entzündungsvorgängen in Zusammenhang stehen. 

Ungefähr Dreiviertel der Ursachen sind umweltbedingt, wie eine zurückliegende Infektion mit bestimmter Viruserkrankung, beispielsweise dem Epstein-Barr-Virus, ein niedriger Vitamin D Spiegel oder besonderes Übergewicht.

Es gibt aber auch Faktoren, die das Multiple Sklerose Risiko vermindern, beispielsweise ein hoher Vitamin D Spiegel und viel körperliche Bewegung, vor allem in der Jugend. Eine aktuelle Arbeit hat auch gezeigt, dass die Zeit, die man außerhalb des Hauses verbringt, einen gewissen Schutz vor Multipler Sklerose bedingt. 

Ungünstig auf das MS Risiko wirkt sich das Rauchen aus, sowohl wenn man selbst raucht als auch wenn Angehörige im Haushalt rauchen, insbesondere Kinder von Raucherinnen und Rauchern. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Multiple Sklerose einfach erklärt”

Symptome bei Multipler Sklerose

Was können erste Symptome für eine MS sein? 

Es gibt ganz bestimmte Krankheitssymptome, die typisch für die Multiple Sklerose sind. Dazu gehört zum Beispiel eine Sehnerventzündung, wenn der Sehnerv auf einem Auge betroffen ist. Das äußert sich durch Schmerzen hinter dem Auge und eine Sehverschlechterung. Diese kann nur ganz minimal sein, wie wenn man durch ein Milchglas schauen würde, sie kann aber auch sehr ausgeprägt sein. Typisch ist auch, dass das Sehen von Farben oder das Kontrastsehen beeinträchtigt ist. 

Weitere typische Symptome sind Gefühlsstörungen jeglicher Art, beispielsweise an den Beinen oder Armen. Dort kann es zu einem Kribbeln, einem Ameisenlaufen, aber auch zu einem tauben Gefühl oder Missempfindungen kommen, sodass man beispielsweise beim Duschen nicht mehr gut zwischen warm und kalt unterscheiden kann. 

Eine dritte Gruppe an Symptomen äußert sich darin, dass man beispielsweise Doppelbilder oder Gleichgewichtsstörungen entwickelt. 

Welche kognitiven Symptome können bei MS auftreten? 

Die kognitiven Symptome, sowie auch die Müdigkeit sind Symptome, die zu den sogenannten unsichtbaren Symptomen der Multiplen Sklerose gehören. Sie sind jedoch ganz relevant, weil sie für die Betroffenen häufig eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität darstellen können. 

Zu den kognitiven Symptomen gehört beispielsweise eine Verminderung der Arbeitsgeschwindigkeit. Die Informationen, die man aufnimmt, können nicht so rasch bewältigt und verarbeitet werden. Es können auch Schwierigkeiten im Gedächtnis auftreten. 

Was für Schmerzen hat man bei MS? 

Die Schmerzen sind ein sehr häufiges Symptom bei Multipler Sklerose, sie kommen bei etwa 86% der Betroffenen vor. Sie werden häufig unterschätzt, denn sie können zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. 

Schmerzen können beispielsweise in Zusammenhang mit einem Schub auftreten, wie Schmerzen hinter dem Auge oder Schmerzen im Rahmen einer Gefühlsstörung. Sie können aber auch verursacht werden, wenn die Muskelspannung, im Sinne einer Spastik, im Lauf der Erkrankung zunimmt, auch dabei können beeinträchtigende Krämpfe auftreten.

Darüber hinaus gibt es die einschießenden neuralgische Schmerzen, ein typisches Beispiel wäre die Trigeminusneuralgie und die häufig bei Multipler Sklerose auftretenden Kopfschmerzen. 

Wie fühlt sich Fatigue bei MS an? 

Die Müdigkeit, die abnorme Tagesmüdigkeit oder Fatigue wird von vielen MS Betroffenen, als das am meisten einschränkende Symptom berichtet. Die Müdigkeit kann sich zum einen auf der geistigen Ebene, zum anderen auf der körperlichen Ebene zeigen. 

Bei Erwachsenen zeigt sie sich beispielsweise darin, dass man nicht mehr im Stande ist, einen achtstündigen Arbeitstag durchzuhalten. Wenn Jugendliche betroffen sind, wird es anstrengend die sechs Stunden in der Schule zu sitzen und es ist notwendig früher Pausen zu machen, als man es gewöhnt war. 

Es kann auch eine körperliche Ermüdung stattfinden, eine muskuläre Ermüdung. Das äußert sich dadurch, dass muskuläre Tätigkeiten einfach nicht mehr so oft wiederholt werden können oder die Gehstrecke mit der Dauer einfach kürzer wird als man es gewohnt ist. 

Bei welchen Symptomen sollte ich zur Ärztin/zum Arzt gehen? 

Ein grundsätzlicher Richtwert ist, dass man dann zum Arzt oder zur Ärztin gehen sollte, wenn die Symptome den Alltag beeinträchtigen. Beispielsweise wenn man mit dem einen Auge nicht mehr gut sieht, man beim Zeitunglesen doppelt sieht oder man anfängt, das Bein hinten nachzuziehen und nicht mehr so gut Stiegen steigen kann. 

Darüber hinaus sollten auch Beschwerden abgeklärt werden, die länger anhalten. Von einem Schub spricht man, wenn die Beschwerden zumindest 24 Stunden am Stück anhalten. Unangenehme Gefühlsstörungen, die beeinträchtigen sind und länger als einige Tage anhalten, sollten abgeklärt werden. 

Können die MS Symptome kommen und gehen? 

Die MS Symptome und das ist sehr charakteristisch für die Multiple Sklerose sind nicht immer gleich. Typisch sind Schwankungen die tageszeitlich aber auch wochenweise auftreten können. Viele Multiple Sklerose Betroffene, die beispielsweise Probleme beim Gehen haben, sagen, dass sie zu bestimmten Tageszeiten deutlich besser gehen können und es am Morgen beispielsweise schlechter ist. 

Auch Beschwerden, die früher schon einmal da waren, können kommen und gehen und müssen nicht zwingend gleich einen neuen Schub bedeuten. Die MS Symptome können auch abhängig von der Temperatur schwanken. Manche Erkrankten haben ein Problem mit Wärme, das heißt wenn es draußen heiß ist, wird die Müdigkeit stärker, fällt das Gehen schwerer und auch das Sehen kann verschwommen sein. Wenn man sich dann wieder in einem kalten Raum aufhält, können diese Symptome besser werden.

Typisch ist auch, dass wenn man Fieber hat, im Rahmen einer Erkrankung, wie ein grippaler Infekt oder eine Blasenentzündung, sich die vorbestehende Symptome verschlechtern können. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Symptome bei Multipler Sklerose”

Arztgespräch und Diagnose

Welche Ärztin/welcher Arzt diagnostiziert MS? 

Grundsätzlich wird die Multiple Sklerose durch die Neurologinnen und Neurologen diagnostiziert. Das sind Menschen, die sich besonders gut mit dem Nervensystem auskennen. 

Welche Fragen soll ich der Ärztin/dem Arzt stellen? 

In jeder Phase können Sie dem Arzt oder der Ärztin jede Frage stellen, die Sie beschäftigt. Die Fragen, die Sie haben, ändern sich normalerweise im Verlauf der Erkrankung. Es werden andere Fragen relevant zu Beginn, wenn die Diagnose gestellt wird, als dann, wenn man sozusagen schon ein Profi seiner eigenen Erkrankung ist und das werden so gut wie alle, die mit dieser Erkrankung leben. 

Zu Beginn ist es häufig die Frage: Wie wird sich meine Multiple Sklerose entwickeln? Werde ich eine Behinderung davon tragen oder nicht? Welche Medikamente gibt es? Kann ich Kinder bekommen? Kann ich Sport machen? Wie soll ich mich ernähren? Wie soll ich meinen beruflichen Werdegang planen? 

Welche Fragen kann mir meine Ärztin/mein Arzt stellen? 

Je mehr Fragen die Ärztin oder der Arzt stellt umso besser weiß er oder sie Bescheid, wie es Ihnen geht. Das heißt, wir machen uns oft ein Bild über Ihr befinden, indem wir Sie fragen, wie es Ihnen in Ihrem Alltag geht: Können Sie nach wie vor öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Wie geht es Ihnen bei der Arbeit, halten Sie Ihr Arbeitspensum durch? 

Wir stellen aber auch ganz normale medizinische Fragen: Haben Sie zusätzlich noch andere Erkrankungen in letzter Zeit gehabt? Nehmen Sie Medikamente, von denen wir noch nichts wissen? Haben Sie Impfungen erhalten? Häufig fragen wir jetzt natürlich auch nach der Covid Erkrankung. 

Welche Informationen sollte ich zum Ärztin/Arztgespräch mitbringen? 

Alles, was Sie beschäftigt. Wenn Sie ein frisches MRT gemacht haben, dann bringen Sie bitte alle Befunde, die Sie beim letzten Mal noch nicht vorgelegt haben mit. Überlegen Sie sich am besten schon vorher, welche Fragen Sie stellen wollen und was Ihnen in der letzten Zeit aufgefallen ist. Denn manchmal vergisst man seine Fragen, wenn man im Arztzimmer sitzt und alles Mögliche bespricht. Daher notieren Sie sich am besten vorher, welche Fragen und Punkte heute für Sie relevant sind.

Welche Untersuchungen werden zur Diagnose von MS durchgeführt? 

Die Multiple Sklerose ist zunächst einmal eine klinische Diagnose. Das heißt, wir beschäftigen uns zu Beginn ausführlich mit den Symptomen, die der Patient hat. Eine Sehnerventzündung ist zum Beispiel typisch für die Multiple Sklerose, insbesondere wenn sie bei Personen im MS typischen Alter auftritt, das heißt im jungen Erwachsenenalter. Die Multiple Sklerose tritt üblicherweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf, kann aber auch bei Kindern und älteren Personen auftreten. 

Der nächste wichtige Baustein für die Diagnose der Multiplen Sklerose ist eine MRT-Untersuchung. Dabei können im Gehirn und im Rückenmark die typischen Entzündungsherde nachgewiesen werden. Darüber hinaus wird eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit durchgeführt. Hier versuchen wir Entzündungswerte oder Hinweise auf chronische Entzündungen zu finden und andere mögliche Diagnosen auszuschließen. 

Welche Blutwerte sind bei Multipler Sklerose auffällig?

Grundsätzlich kann man aus einer normalen Blutuntersuchung keine Unterschiede sehen, ob jemand Multiple Sklerose hat oder nicht. Wir untersuchen aber trotzdem das Blut, um beispielsweise MS ähnliche Erkrankungen, wie die Neuromyelitis Optica oder MOG-assoziierte Erkrankungen, die durch bestimmte Antikörper verursacht werden auszuschließen. 

Zusätzlich kontrollieren wir in den Blutuntersuchungen, ob durch die medikamentöse Therapie Veränderungen der Leberwerte oder der weißen Blutkörperchen nachweisbar sind. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Arztgespräch und Diagnose”

MRT und Lumbalpunktion bei Multipler Sklerose

Was ist ein MRT und kann man MS im MRT feststellen? 

Das MRT, auch Magnetresonanztomografie oder Kernspintomografie genannt, ist ein bildgebendes Verfahren. Es ermöglicht, dass mit Hilfe von magnetischen Veränderungen Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark festgestellt werden können. 

Der Vorteil des MRTs ist, dass es nicht auf Röntgenstrahlung basiert und eine hohe Auflösung hat. So können auch kleine Veränderungen dargestellt werden, die man mit anderen bildgebenden Verfahren nicht erkennen kann. 

Im MRT sieht man bei Multipler Sklerose typische Veränderungen an bestimmten Stellen, wie man sie bei anderen Erkrankungen so nicht sieht. 

Wie läuft eine MRT-Untersuchung ab? 

Eine MRT-Untersuchung kann sowohl ambulant als auch stationär durchgeführt werden. Wenn jemand mit einem ersten Multiple Sklerose Schub ins Krankenhaus kommt, der auch beeinträchtigend ist, nehmen wir den Betroffenen oder die Betroffene häufig stationär auf und führen gleich eine Bildgebung durch. 

Bei der MRT-Untersuchung liegt man am besten ganz ruhig, ohne den Kopf zu bewegen auf einer Liege und der Kopf wird in einer Röhre untersucht. Das macht ein bisschen Lärm, ist aber nicht schmerzhaft. 

Man kann diese Untersuchungen sowohl stationär als auch ambulant durchführen. Es gibt zahlreiche Röntgeninstitute in ganz Österreich, welche diese Untersuchungen standardmäßig durchführen. 

Wie schaut ein typischer MRT-Befund bei MS aus? 

Es gibt ganz charakteristische Veränderungen bei der Multiplen Sklerose. Das sind Entzündungsherde, die an bestimmten Stellen nachweisbar sind. Die vier typischen Stellen sind zum einen periventrikulär, das heißt, um die Liquorräume angeschlossen oder juxtakortikal, das bedeutet ganz nah an der Hirnrinde, sie sind jedoch auch im Hirnstamm oder im Rückenmark zu finden. 

Grundsätzlich kann man Entzündungsherde auch an allen anderen Stellen finden. Wichtig ist aber, dass zumindest an zwei dieser Stellen Entzündungsherde gefunden werden, damit die Diagnose gestellt werden kann. 

Wie oft muss man bei MS ins MRT? 

Es gibt verschiedene Gründe, warum eine MRT-Untersuchung durchgeführt werden muss. Das erste Mal benötigt man das MRT zur Diagnosestellung. Man benötigt es im Erkrankungsverlauf aber auch, um zu beurteilen, wie aktiv die Erkrankung ist. Man kontrolliert sozusagen, ob neue Entzündungsherde in einem bestimmten Zeitraum, beispielsweise von einem Jahr aufgetreten sind, um zu beurteilen, ob die entsprechende Therapie auch gut greift. 

Es gibt noch einen Dritten Grund zur MRT-Untersuchungen bei MS. Es gibt Medikamente, bei denen in seltenen Fällen virusbedingte Erkrankungen im Gehirn auftreten können. Hier macht man das MRT, um regelmäßig die Sicherheit der Medikation zu überprüfen. 

Was ist eine Lumbalpunktion? 

Eine Lumbalpunktion ist etwas, das man landläufig als Kreuzstich bezeichnet. Dabei wird eine Nadel zwischen den Lendenwirbelkörpern eingeführt, um Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen und diese dann im Labor zu untersuchen. 

Von der Durchführung her ist es so etwas, wie wenn man einen Kreuzstich bekommt, beispielsweise bei einem Kaiserschnitt oder einer Knieoperation. Es dauert normalerweise nur wenige Minuten und wird ohne allgemeine Narkose durchgeführt. In einzelnen Fällen kann man eine lokale Betäubung machen, die Untersuchung dauert zwar nur kurz, kann aber auch etwas schmerzhaft sein. 

Wie läuft eine Lumbalpunktion ab? 

Eine Lumbalpunktion wird normalerweise im Sitzen durchgeführt. Es ist dabei wichtig, dass man einen ganz runden Rücken macht. Man bekommt normalerweise einen Polster vor den Bauch, über den man die Arme legt, dann beugt man den Kopf darüber und macht einen runden Rücken. Normalerweise steht dann eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger zur Unterstützung vor einem und der Arzt oder die Ärztin sitzt hinter Ihnen und sucht mit der Nadel den richtigen Weg. 

Üblicherweise ist das eine Angelegenheit von wenigen Minuten, dann kommt die Nadel wieder raus. Im Anschluss an die Lumbalpunktion muss man am besten eine halbe Stunde auf dem Bauch liegen. Nicht, weil es eine Komplikation bedeuten kann, sondern weil man im Anschluss an die Lumbalpunktion Kopfschmerzen bekommen kann. 

Die Untersuchung ist zwar nicht so angenehm, aber im allgemeinen nicht gefährlich. Denn an der Stelle, wo mit der Nadel eingestochen wird, befindet sich kein Rückenmark mehr. Man kann das Rückenmark daher auch nicht verletzen. 

Was kann mit einer Lumbalpunktion festgestellt werden? 

In der Rückenmarksflüssigkeit untersucht man die Entzündungszellen, das heißt, man schaut, ob ein aktiver Entzündungsprozess vorhanden ist. Zum anderen sucht man die sogenannten oligoklonalen Banden, das sind Eiweißstoffe. Diese findet man nicht im Blut und sind ein Beweis dafür, dass eine chronische Entzündung im zentralen Nervensystem stattfindet. 

Man macht die Lumbalpunktion auch, um andere mögliche, seltene Ursachen auszuschließen, wie zum Beispiel Erreger bedingte Erkrankungen. 

Hier geht es zum Video-Interview: „MRT und Lumbalpunktion bei Multipler Sklerose”

Prognose und Lebenserwartung bei Multipler Sklerose

Kann sich meine Lebenserwartung durch die Multiple Sklerose verändern?

Die älteren Daten haben gezeigt, dass MS Betroffene eine etwas reduzierte Lebenserwartung im Bereich von sechs bis acht Jahren haben. In den meisten Fällen ist jedoch nicht die Multiple Sklerose selbst die Ursache für die verkürzte Lebenserwartung, sondern MS bedingte Komplikationen. Dazu zählen beispielsweise schwere Entzündungsprozesse, die durch Harnwegsinfekte oder durch Lungenentzündungen zustande gekommen sind.

Das ist heutzutage ganz anders. Die Prognose der Multiplen Sklerose verbessert sich mit jedem Jahr, das langfristige Risiko einer Behinderung wird mit jedem Jahr geringer und die Lebenserwartung unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von der Allgemeinbevölkerung.

Kann man mit MS Kinder bekommen?

Die Multiple Sklerose beeinflusst in keiner Weise die Fruchtbarkeit und wir haben viele Frauen bei uns in Betreuung, die ein, zwei, drei oder auch mehr Kinder bekommen. Schwanger zu werden und auch die Schwangerschaft selbst verläuft bei Multipler Sklerose, insbesondere bei Frauen, die keine nennenswerte Behinderung haben, in der Regel sehr unkompliziert ab.

Der Geburtsvorgang kann so gewählt werden, wie Sie es möchten, es gibt keine Notwendigkeit eines Kaiserschnitts, wenn man diesen nicht möchte. Wenn jedoch ein Kaiserschnitt notwendig ist, kann dieser durchaus gemacht werden. Eine Periduralanästhesie, auch PDA genannt, ist zusätzlich möglich.

Es gibt leider seltene Fälle bei Frauen, die bereits eine höhere Beeinträchtigung haben. Dann muss man sich überlegen, ob die Bauchdecke kräftig genug ist oder ob möglicherweise eine zu hohe Spastik besteht, die einen Einfluss auf die normale Geburt haben könnte. Das ist aber wirklich eine Ausnahme.

Wie wirkt sich Stress auf MS aus?

Stress ist ein Begriff, den wir heutzutage sehr häufig verwenden und wir wissen, dass Stress sich auf jede Art von Erkrankung negativ auswirken kann. In unserem Alltag können wir Stress aber meistens nicht verhindern.

Die meisten MS Betroffenen sind Menschen im jungen Erwachsenenalter, viele haben schon Kinder und einen Beruf. Da lässt sich der Stress letztlich nicht verhindern. Es hilft jedoch, wenn man versucht, sein Leben bewusster zu gestalten und versucht, seine Möglichkeiten und Fähigkeiten anzupassen und sich nicht permanent zu übernehmen.

Wie wirkt sich MS auf die Berufswahl aus?

Man muss unterscheiden zwischen der Berufswahl, wenn man noch jung ist und am Anfang der Erkrankung steht oder den Problemen, die im Laufe der Multiplen Sklerose oder des Berufslebens auftreten können, wenn die Erkrankung bereits etwas fortgeschrittener ist.

Grundsätzlich empfehle ich den MS Betroffenen, insbesondere dann, wenn keinerlei Beeinträchtigung vorhanden ist, den Beruf zu wählen, der sie am glücklichsten macht. Im Verlauf der Erkrankung kann es durchaus sein, dass durch Müdigkeit oder andere Probleme die Fähigkeit eine Vollzeittätigkeit auszuführen, etwas eingeschränkt ist. Das zeigen uns zumindest die Daten.

Heutzutage ist es das Ziel, das Leben möglichst so zu führen, dass man sich auch mit Multipler Sklerose seine Berufswünsche und Familienwünsche erfüllen kann. Wenn die Notwendigkeit besteht, hier Adaptierungen vorzunehmen, sollten Sie das dann einfach tun können.

Hier geht es zum Video-Interview: „Prognose und Lebenserwartung bei Multipler Sklerose”

Schub bei Multipler Sklerose

Was versteht man unter einem Schub und wie macht er sich bemerkbar? 

Schübe sind die klassische Äußerung der Multiplen Sklerose, die man merkt. Schübe sind Symptome, die neu auftreten, die in den letzten vier Wochen nicht vorhanden waren und die zumindest 24 Stunden anhalten. Sie treten ohne einen vorhergehenden Infekt und ohne Fieber auf. 

Diese Schübe muss man von sogenannten Pseudoschüben unterscheiden. Das sind Verschlechterungen, die beispielsweise infektbedingt auftreten. Wir sehen das häufig bei MS Betroffenen, die schon eine fortgeschrittene Form der Erkrankung haben. Bei diesen wird das Gehen und das Gleichgewicht schlechter. Als Ursache sehen wir beispielsweise einen Harnwegsinfekt, den wir dann behandeln. Folglich bilden sich die Symptome wieder zurück oder werden besser. 

Was kann einen Schub bei MS auslösen? 

Schübe können grundsätzlich durch Infekte getriggert werden, aber auch durch ganz banale Erkältungskrankheiten. Sie können aber auch und das ist in den allermeisten Fällen so, ohne nachweisbare Ursache auftreten. Manchmal findet man auch eine besondere familiäre oder berufliche Belastungen. Es ist aber immer schwierig auseinanderzuhalten: War das jetzt die Belastung oder wäre der Schub in jedem Fall aufgetreten? 

Was soll ich tun, wenn sich meine Symptome plötzlich verschlechtern? 

Wenn man schon länger Multiple Sklerose hat, weiß man in der Regel, welche Beschwerden mit der Multiplen Sklerose zusammenhängen können und welche anders sind. Wenn neue oder untypische Beschwerden auftreten, macht es Sinn, diese abklären zu lassen. 

Bei der Multiplen Sklerose beginnen die Schübe in der Regel nicht akut, sondern entwickeln sich über Stunden und Tage. Wenn die Symptome anhalten und beeinträchtigend sind, sollte man sie abklären lassen. 

Wie lange kann ein Schub bei MS dauern? 

Ein Schub dauert mindestens 24 Stunden, das heißt einen Tag. Es gibt leichte Schübe und es gibt schwere Schübe. Leichte Schübe sind beispielsweise Gefühlsstörungen, die einen Arm oder ein Bein betreffen und die einen im Alltag nicht unbedingt beeinträchtigen müssen. Es gibt schwere Schübe, bei denen beispielsweise das Sehen, die Kraft, das Gehen oder das Gleichgewicht beeinträchtigt ist. 

Man muss nicht jeden Schub zwangsweise mit Cortison behandeln. Bei leichteren Schüben, insbesondere wenn man im Alltag nicht beeinträchtigt ist, kann man durchaus abwarten. Bei schweren Schüben, die einen im Alltag beeinträchtigen, ist es wichtig, dass man diese bald abklären lässt und mit Cortison Infusionen behandelt. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Schub bei Multipler Sklerose”

Was Sie tun können

Wie kann ich den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen? 

Wichtig ist, dass ich mich mit der Krankheit aktiv auseinandersetze, denn die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die nicht von allein wieder vergeht. Es gibt in den allermeisten Fällen milde oder mittelmäßiger Verläufe. Nur in seltenen Fällen verläuft die Multiple Sklerose schwer und mit vielen Schüben. 

Wichtig ist, dass ich von Anfang an eine verlaufsmodifizierende Therapie anwende. Wenn ich mit der ersten Therapiewahl nicht zufrieden bin oder wenn der Arzt oder die Ärztin meint, dass sie nicht ausreichend ist, sollte ein Therapiewechsel erfolgen. 

Eine frühzeitige und langfristige Behandlung verbessert den Verlauf der Multiplen Sklerose deutlich, sodass viele Menschen heutzutage im Beruf bleiben, ihr Familienleben und ihre Freizeit aktiv gestalten können. 

Was ist abhängig vom Krankheitsstadium zu beachten? 

Die Bedürfnisse von Multiple Sklerose Betroffenen hängen stark davon ab, ob sie sich früh im Erkrankungsverlauf befinden oder ob die Erkrankung schon länger besteht, ob die Betroffenen jung sind oder bereits älter, ob sie einen schubhaften oder einen progredienten Verlauf haben. 

All das versucht man im individuellen Zugang mit den Betroffenen zu klären: Was sind meine Bedürfnisse jetzt? 

Zu Beginn der Diagnose sind die meisten Multiple Sklerose Betroffenen jung, zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren. Sie wollen wissen: Welche Therapiemöglichkeiten habe ich? Wie kann mich meine Multiple Sklerose im Alltag beeinflussen? Wie steht es um die Familienplanung? 

In späteren Jahren, wenn möglicherweise eine Beeinträchtigung da ist, stellen sich die Fragen: Wie kann ich meinen Alltag gestalten? Wie halte ich meine alltagsrelevanten Funktionen aufrecht? Wie gehe ich mit der Müdigkeit um? 

Was kann man gegen Müdigkeit bei MS tun? 

Die Müdigkeit ist ein Problem bei Multipler Sklerose, aber auch bei anderen neurologischen Erkrankungen. Sie tritt häufig auf und ist eine Beeinträchtigung, die man von außen nicht sehen kann. Betroffene kämpfen oft damit, dass sie müde sind und scheinbar einfache Alltagstätigkeiten nicht mehr schaffen. Von außen ist dies für das Umfeld gar nicht so leicht nachvollziehbar. Man versucht daher für das Umfeld ein Bewusstsein zu schaffen, dass Müdigkeit durchaus beeinträchtigen sein kann. 

Daraufhin versuchen wir beispielsweise darauf zu achten häufiger Pausen einzulegen, nichts schweres am Abend zu essen und Hitze zu vermeiden. Die Strukturierung des Alltags und des beruflichen Alltags ist wichtig, vor allem sollte versucht werden, dass Lasten an Familienmitglieder abgegeben werden, um die Belastung nicht zu groß zu gestalten. 

Sind Impfungen bei MS wichtig und empfohlen? 

Die Impfungen sind ein wichtiges Thema bei Multipler Sklerose, da sie mit viel Angst verbunden sind. In vielen groß angelegten Studien hat sich mittlerweile gezeigt, dass Impfungen das Risiko für Multiple Sklerose nicht erhöhen und auch keine Schübe auslösen. Das gilt für sämtliche zugelassenen Impfstoffe. 

Zusätzlich sind Impfungen wichtig, da sie Infektionen vorbeugen können, beispielsweise die jährliche Grippeimpfung oder auch die Covid Impfung. Diese Erkrankungen können Schübe der Multiplen Sklerose in deutlich höherem Ausmaß auslösen, als es die Impfung jemals tut. 

Darüber hinaus sind Impfungen bei bestimmten Medikamenten der Multiplen Sklerose wichtig, denn es gibt mehrere Gruppen von Medikamenten, bei denen eine Impfung nicht so wirksam ist. Daher ist es wichtig, bereits vor Therapiebeginn einen guten Impfschutz aufzubauen, um danach nur noch auffrischen zu müssen und keine neue Impfungen mehr geben zu müssen. 

Sollte man bei MS auf bestimmte Lebensmittel verzichten? 

Die Ernährung ist ein Thema, das MS Betroffene sehr beschäftigt, weil es mit Sicherheit auch die Frage ist: Wie weit kann ich selbst dazu beitragen, dass meine Erkrankung nicht so schwer verläuft? 

Dazu muss man sagen, dass es keine spezifische Diät Form für die Multiple Sklerose gibt, die auch wissenschaftlich untersucht ist. Es ist nicht einfach wissenschaftlicher Daten zu verschiedenen Ernährungsformen bei Multipler Sklerose zu finden. 

Generell gilt aber, dass der Verzicht auf Fertigprodukte, der Verzehr von weniger tierischen und mehr pflanzlichen Fetten die Multiple Sklerose und die Lebensqualität grundsätzlich positiv beeinflussen können. 

In welchen Situationen im Alltag sollte ich aufpassen? 

Grundsätzlich ist es so, dass wir bei der Multiplen Sklerose versuchen, dass Sie sich nicht allzu vielen Einschränkungen aussetzen, aus Angst, dass etwas passieren könnte. Es gibt eigentlich keine Situation, die man vermeiden sollte, außer ganz bestimmte risikoreiche Situationen. 

Im Verlauf der Erkrankung merkt man, dass manche Menschen an mehr Müdigkeit leiden, sich schwerer beim Sehen tun oder das Gehen schwerer fällt, wenn es draußen heiß ist. Man sollte sich in solchen Situationen daher natürlich nicht aktiv der prallen Hitze aussetzen. Es gibt aber durchaus einzelne Betroffene, die mit Hitze kein Problem haben. Wenn man eine Beeinträchtigung mit dem Gleichgewicht hat, ist es natürlich wenig sinnvoll, risikoreiche Sportarten ausführen. Ansonsten gibt es jedoch keine Situation, die man meiden muss, weil man Multiple Sklerose hat. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Was Sie tun können”

Geprüft OÄ.in Ao. Univ.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Barbara Kornek: Juli 2022 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.