7. Myasthenia gravis behandeln Alle Fragen

Die Behandlung der Myasthenie umfasst heute eine Vielzahl wirksamer Therapieoptionen, die individuell an Krankheitsaktivität, Antikörperstatus und persönliche Lebenssituation angepasst werden. Ziel ist nicht nur die Kontrolle akuter Symptome, sondern auch die langfristige Stabilisierung der Erkrankung sowie die Verbesserung der Lebensqualität. Dank moderner Leitlinien und neuer zielgerichteter Therapien ist Myasthenie in den meisten Fällen heute sehr gut behandelbar.

Einleitung durch Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher

Willkommen zur Fortbildung über Myasthenie. Mein Name ist Wolfgang Löscher von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck mit dem Schwerpunkt neuromuskuläre Erkrankungen. Eine dieser Erkrankungen ist die Myasthenie bzw. Myasthenia gravis. Heute geht es um die Therapie dieser Erkrankung, basierend auf den deutschsprachigen Leitlinien, die für ihre Behandlung zur Verfügung stehen.

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Behandlungsmöglichkeiten bei Myasthenia gravis

Welche Ziele verfolgt die Behandlung bei Myasthenia gravis?

Die Behandlungsziele sind logischerweise die Kontrolle der Symptome. Darüber hinaus gibt es sehr gute deutschsprachige Leitlinien, verfasst von der deutschen, österreichischen und Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft, die diese Therapieziele klar definieren und neben der Symptomkontrolle auch die Verbesserung, Wiederherstellung und Optimierung der Lebensqualität als wichtiges zusätzliches Therapieziel festlegen.

Welche Behandlungsarten gibt es und wofür sind sie jeweils gedacht?

Die vier Grundpfeiler der Myasthenie-Therapie sind folgende: Wir haben die symptomatische Therapie, die für alle Myasthenieformen zur Anwendung kommt, egal welcher Antikörperstatus vorhanden ist, egal welches Alter die Patient:innen haben.

Wir haben als Zweites die chirurgische Therapie, die Entfernung von Thymusresten oder Thymomen. Diese Therapieform ist nur für eine bestimmte Gruppe von Patient:innen geeignet. Der Antikörperstatus muss passend sein, das Alter muss passen.

Dann gibt es die verlaufsmodifizierende Therapie. Im Prinzip ist es eine immunsuppressive, immunmodulierende Therapie, bei der die meisten Substanzen zur Verfügung stehen, die wir derzeit verwenden können. Das ist auch für alle Patient:innen, bei denen diese Therapieformen angewandt werden.

Und letztendlich gibt es auch noch die Bewegungstherapie, weil man in letzter Zeit immer mehr gesehen hat, dass auch körperliche Aktivität, sportliche Aktivität zur Behandlung der Myasthenie von Vorteil ist.

Welche Symptome sind „red flags“ und wann geht es um die Langzeitkontrolle?

Klassische Symptome der Myasthenie, die sehr rasch Intervention bedürfen, sind sicher auch Probleme des Sprechens, Probleme mit dem Schlucken und Kurzatmigkeit bei leichter Anstrengung. Das ist etwas, wo man dann rasch therapeutisch reagieren sollte.

Sehr rasch empfundene Probleme sind Doppelbilder oder hängende Augenlider. Aber die führen aufgrund der Einschränkung, wenn Patient:innen doppelt sehen, sowieso sehr frühzeitig zu einem Arztkontakt. Die Behandlung hier ist nicht so rasch notwendig. Es ist natürlich ideal, um die Symptome zu lindern, aber von der Wichtigkeit und Gefährlichkeit her sind vor allem Symptome, die sogenannten bulbären Symptome wie Sprechen, Schlucken oder Atmen, relevant. Auch hier, um Krisen zu vermeiden.

Nachdem es in der Behandlung der Myasthenie Substanzen gibt, die sehr rasch wirken und sehr rasch zu einer Linderung führen, wird man bei diesen Situationen wahrscheinlich diese Medikamente zuerst einsetzen.

Es gibt einige andere Substanzen, die auch sehr wichtig sind in der Therapie, die aber nur Langzeiteffekte haben, die natürlich zur kurzfristigen Behandlung von akuten Symptomen keine direkte Wirkung zeigen, sondern erst langfristig für die Stabilisierung der Erkrankung über einen längeren Zeitraum sorgen sollten.

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Behandlungsmöglichkeiten bei niedriger Krankheitsaktivität

Welche Medikamente helfen sofort gegen die Symptome und wie beginnt die Behandlung?

Die Guidelines unterscheiden zwischen Therapien für niedere Krankheitsaktivität und hohe Krankheitsaktivität, etwas abhängig vom Antikörperstatus. Wobei man wichtig erwähnen muss, dass diese Therapien, die für niedere Krankheitsaktivität verwendet werden, immer am Beginn einer Behandlung einer frisch diagnostizierten Erkrankung stehen. Das heißt, wann immer Sie die Diagnose einer Myasthenie bekommen, werden Sie eine dieser Therapien bekommen.

Das Erste, was immer verwendet wird, ist das Pyridostigmin. Das ist eine sehr rasch wirksame, aber auch nur kurz wirksame Substanz. Man beginnt mit einer Einnahme des Medikaments in der Regel mit 60 Milligramm, standardmäßig dreimal am Tag. Man kann es erhöhen auf fünf-, sechs- oder siebenmal täglich. Sie haben ungefähr nach 30 bis 45 Minuten einen Wirkungseintritt. Die Symptome, die Sie plagen, ob das jetzt Doppelbilder sind oder Schluckstörungen oder Sprechstörungen oder Schwäche der Arme, sollten besser werden. Die Wirkung hält allerdings nur circa zwei bis vier Stunden an, das ist relativ variabel.

Das Medikament ist prinzipiell sehr gut verträglich. Nebenwirkungen sind vor allem Durchfall und Muskelkrämpfe. Das sind so die Dinge, die die Patient:innen immer wieder berichten. Das kann man umgehen, indem man retardierte Substanzen verwendet, also solche, die die Substanz langsamer freisetzen und eine ähnlich gute Wirksamkeit haben.

Die nächste Stufe der pharmakologischen medikamentösen Therapie, die wahrscheinlich auch die meisten bekommen oder zumindest bekommen sollten, wäre die Behandlung mit Kortison , mit Steroiden. Da gibt es verschiedene Substanzen. Das sind Prednison, Prednisolon oder Methylprednisolon. Das sind sogenannte schwach wirksame Kortikosteroide, die in der Regel auch rasch innerhalb von Tagen bis zwei, drei oder vier Wochen zu einer Linderung, einer Besserung der Symptome führen sollten, die aber auch als Langzeittherapie gedacht sind, weil sie auch eine verlaufsmodifizierende, das Immunsystem unterdrückende Wirkung haben. Und die Myasthenie ist eine Autoimmunerkrankung .

Kortison wird aufdosiert bis zu einer wirksamen Dosis. Die kann sehr niedrig sein bei vier, fünf oder zehn Milligramm. Es kann aber auch sehr hoch gehen bis zu einer Maximaldosis von ungefähr einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Kortison wird in den ersten Tagen und Wochen meistens gut vertragen, aber bei längerer Kortisoneinnahme kann es dann zu vielen Nebenwirkungen kommen. Die typischen Nebenwirkungen sind sicher kosmetische Veränderungen mit Änderungen der Gesichtsform über Fetteinlagerungen im Nackenbereich und im Gesichtsbereich, das Cushing-Gesicht, wie man so schön sagt. Die Hautfarbe kann sich verändern, es kann zu ein bisschen abnormem Haarwuchs kommen. Extremere Nebenwirkungen sind Stimmungsschwankungen, Depressionen oder auch gesteigerte Stimmung. Es kann zu Schlafstörungen kommen. Die Knochengesundheit ist letztendlich in Gefahr, bei langer Kortisoneinnahme; da müssen Sie sicher schon mehrere Monate Kortison einnehmen, bekommt man normalerweise gleichzeitig immer eine Prophylaxe mit Calcium und Vitamin D. Diabetes mellitus kann auftreten unter der Behandlung mit Kortison. Bluthochdruck kann auftreten und ein grauer Star, Katarakt, kann sich auch ausbilden unter Kortison.

Kortison ist eine sehr wirksame Substanz in der Behandlung der Myasthenie, aber auch eine, die sehr viele Nebenwirkungen in sich tragen kann. Aufgrund dessen gibt man relativ rasch eine dritte Klasse von Medikamenten dazu, wenn man sieht, dass höhere Kortisondosen notwendig sind. Das sind sogenannte kortisonsparende Medikamente. Die klassische Substanz ist das Azathioprin.

Wie wird die Erkrankung langfristig kontrolliert und wann sind zusätzliche Medikamente erforderlich?

Neben der symptomatischen Behandlung mit Pyridostigmin verwendet man zur Behandlung der Myasthenie so gut wie immer auch immunsuppressive Medikamente. Warum braucht man diese Substanzen? Die Myasthenie ist eine Autoimmunerkrankung. Der Körper bildet Antikörper und diese Antikörper schädigen dann die neuromuskuläre Übertragung, die Endplatte, wie es heißt.

Durch Unterdrückung des Immunsystems werden letztendlich diese Antikörper nicht gebildet. Oder diese Kaskaden, die im Immunsystem ablaufen und so die Endplatte schädigen, werden unterdrückt oder in ihrer Wirksamkeit gemildert und abgefedert. Dadurch ist es immer wichtig, auch immunsuppressiv zu behandeln, nicht nur symptomatisch.

Was muss man als Patient wissen, wenn man ältere Immunsuppressiva über einen längeren Zeitraum (mehr als 2 Wochen) erhält?

Wenn man Kortison über einen längeren Zeitraum und in höheren Dosen einnehmen muss, werden andere Medikamente zusätzlich eingesetzt. Mit der Idee, dass man weniger Kortisondosen braucht, um eine gleich stabile Symptomkontrolle zu erlangen.

Das typische klassische Medikament, das man als kortisonsparendes Medikament einsetzt, ist Azathioprin. Das Problem mit der Substanz ist: Bis der Wirkeintritt vorhanden ist, dauert es in der Regel zwölf Monate. Das heißt, man muss sehr lange warten, bis der kortisonsparende Effekt eintritt. Es gibt aber etliche Menschen, die deutlich von der Substanz profitieren. Aber auch Azathioprin hat Nebenwirkungen und Probleme. Erstens müssen Sie regelmäßig Blutbild und Leberfunktion kontrollieren lassen, da dies mögliche Nebenwirkungen betrifft. Und vor allem bei längerfristiger Einnahme sind Hauttumore, insbesondere Basaliome, häufiger. Sonst gibt es natürlich auch Hepatotoxizität, also Schädigungen der Leber. Das Blutbild kann beeinträchtigt werden, es kann zu Übelkeit kommen und zu gastrointestinalen Problemen. Auch diese Substanz ist also möglicherweise schlecht verträglich.

Dazu gibt es modernere Alternativen wie Mycophenolat-Mofetil, Methotrexat, eventuell Tacrolimus oder Cyclosporin, die aber seltener verwendet werden. Das sind Medikamente der zweiten Wahl als kortisonsparende Medikamente bei der Myasthenie.

Welche weiteren Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Neben den ganzen medikamentösen Behandlungsverfahren gibt es auch noch eine operative Behandlungsform der Myasthenie, die Thymektomie, die allerdings nur für bestimmte Myasthenieformen und bestimmte Altersgruppen in Frage kommt. Das heißt, sie müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, damit diese Therapieform bei ihnen zum Tragen kommt. Warum macht man das? Weil man sehr gut weiß, dass sie mit diesem Thymusgewebe der Ursprung oder die Ursache dieser bestimmten Form der Myasthenie liegt. Wir verlieren den Thymus normalerweise in der Pubertät, aber bei diesen Patientinnen, die Myasthenie entwickeln, bleiben gewisse Zellnester oder Reste des Thymus übrig, die dann aufgrund des immunologischen Eigenheit die Erkrankung verursachen und die Erkrankung aufrechterhalten.

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Zielgerichtete Therapien bei höherer Krankheitsaktivität

Was bedeutet Komplementhemmung und für wen kommt sie infrage?

Die Komplementhemmung ist für eine bestimmte Form der Myasthenie ganz entscheidend in der Krankheitsursache, nämlich für die Acetylcholinrezeptor-Antikörper-positive Myasthenie, was ja die häufigste Myasthenieform ist. Es gibt noch seltene Formen wie die LRP4-Antikörper-positive und auch die seronegative Form. Auch bei denen gibt es Komplementaktivierung, wobei das dort eine geringere Rolle spielt.

Das Komplement entsteht, wenn bestimmte Klassen von Antikörpern, die ja eben bei dieser Erkrankung vorhanden sind – in dem Fall Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor – dieses System aktivieren. Das Komplement führt letztendlich über sehr komplizierte Kaskaden zu einer Zerstörung der Zelle, in dem Fall zu einer Zerstörung der Endplatte. Und wenn Endplatten zerstört sind, ist natürlich die Regenerationsfähigkeit eingeschränkt. Das möchte man vermeiden, und deswegen versucht man, das Komplementsystem mit diesen neuen Medikamenten zu hemmen.

Welche weiteren modernen Therapien gibt es für Patient:innen mit höherer Krankheitsaktivität?

Bei höherer Krankheitsaktivität handelt es sich um Patient:innen, die entweder über einen langen Zeitraum schwere Symptome haben trotz adäquater Therapie, also trotz der Therapien, die wir bisher besprochen haben, oder die zahlreiche Myasthenie-Krisen in gewissen Zeiträumen entwickeln. Für diese Fälle gibt es die sogenannten neueren Therapieformen, die zielgerichteten Therapieformen, also spezielle Therapieformen zur Behandlung der sogenannten hochaktiven Myasthenie.

Diese hochaktiven Therapien haben andere Wirkmechanismen als die bisherigen Therapien. Man unterscheidet grob drei Substanzklassen:

  • Hemmer des Komplementsystems
  • FcRn-Inhibitoren
  • CD20- bzw. künftig auch CD19-Antagonisten

Eine andere Klasse sind die Hemmer der neonatalen Fc-Rezeptoren. Diese Rezeptoren sind bei gesunden Menschen vorhanden und führen letztendlich dazu, dass unsere Immunglobuline , zu denen auch Antikörper gehören, im Blut recycelt werden. Wenn man diesen Rezeptor hemmt, führt das dazu, dass im Blut die Immunglobulinspiegel sinken und damit auch die Antikörper sinken, die die Krankheit verursachen. Insofern ist das ein anderer Wirkmechanismus als die reine Komplementhemmung oder andere Therapieformen.

Dann gibt es noch die Gruppe der biologischen Antikörper zur Behandlung der Myasthenie. Diese richten sich gegen CD20- oder CD19-Zellen, also gegen bestimmte Gruppen von B-Zellen . Diese Antikörper haben wiederum einen anderen Wirkmechanismus. Sie eliminieren Zellen, die über mehrere Zwischenschritte für die Produktion von Antikörpern zuständig sind. Damit würden sie theoretisch sehr früh in die Krankheitsentstehung eingreifen.

Wie sieht die Erfahrung in Österreich mit diesen neuen Therapien aus?

In Österreich gibt es derzeit noch keine sehr großen Erfahrungen mit all diesen neuen Therapien, weil diese Therapien das Problem haben, dass sie sehr kostenintensiv sind und dadurch wirklich nur für schwierige Fälle zugelassen werden.

Generell werden alle diese Substanzgruppen eingesetzt, wahrscheinlich am großzügigsten – auch aus Kostengründen – die biologischen Antikörper gegen CD20-Zellen. Die anderen beiden Substanzgruppen, also die moderneren Substanzen, die sehr gut in großen Studien untersucht worden sind, werden wirklich nur bei schweren Fällen eingesetzt.

Die Erfahrungen, sowohl die eigenen als auch die der Kolleg:innen in Österreich, sind in den meisten Fällen durchwegs sehr gut.

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Die Therapieentscheidung bei Myasthenia gravis

Welche Rolle spielt der Antikörperstatus bei der Therapieplanung?

Ein sehr wichtiger Faktor für Therapieentscheidungen ist der Antikörperstatus. Dieser hat mehrere Implikationen. Komplementinhibitoren können Sie zum Beispiel nur bei der Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper-positiven Myasthenie einsetzen – vom Zulassungstext her – und auch, weil zum Beispiel die zweithäufigste Form der Myasthenie, die sogenannte MuSK-Antikörper-positive Myasthenie, dieses Komplementsystem nicht aktiviert. Also das wäre ein wichtiger Faktor für die Therapieentscheidung.

Welche individuellen Faktoren beeinflussen die Therapieauswahl?

Faktoren sind sicher Nebenwirkungen der Substanzen, Vorerkrankungen und das Alter. Das Alter ist ein relevanter Faktor für Therapieentscheidungen. Natürlich spielt bei Frauen auch eine Rolle, ob ein Kinderwunsch besteht oder ob die Patientinnen eventuell gerade schwanger sind, wenn eine Therapie begonnen werden muss. Andere Faktoren, die therapieentscheidend sind, sind praktische Aspekte: Wie lange wirken die Substanzen? Wie häufig muss ein Medikament gegeben werden? Wie wird es gegeben? Wird es subkutan verabreicht? Wird es intravenös verabreicht? Ist es eine orale Medikation? Also es gibt relativ viele Faktoren, die Therapieentscheidungen betreffen. Ganz stark beeinflusst wird durch den Antikörperstatus zum Beispiel die Thymektomie. Diese kommt nur zum Tragen, wenn Sie Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper-positiv sind, mit geringen Ausnahmen für LRP4 und seronegative Formen.

Wie entscheide ich mich für oder gegen eine Thymektomie?

Aus medizinischer Sicht ist es relativ einfach, wann man sich für eine Thymektomie entscheiden sollte. Sie wird unter bestimmten Rahmenbedingungen empfohlen. Das heißt, die Myasthenie sollte erst möglichst kurz bestehen, ein bis zwei Jahre, maximal fünf Jahre. Man sollte nicht älter als 65 Jahre sein. Zwischen 18 und 65 Jahren wird die Thymektomie empfohlen. In dieser Altersgruppe wurde sie auch untersucht; wobei man weiß, dass sie bis 50 Jahre noch wirksamer ist. Außerdem müssen Sie, das ist die Grundvoraussetzung, Antikörper gegen Acetylcholin-Rezeptoren haben. Nur dann ist die Therapie mit Thymektomie wirklich klar indiziert. Dann wird sie von unserer Seite aus eigentlich immer empfohlen. Es gibt wenig Argumente dagegen, weil Sie damit größere Chancen haben, weniger Cortison zu benötigen, eine bessere Symptomkontrolle zu erlangen und eventuell sogar ohne Medikamente eine stabile Remission zu erreichen.

Was sagen die Guidelines zur Therapieentscheidung und wann gilt eine Therapie als „nicht ausreichend“?

Da sind die Guidelines ehrlicherweise etwas vage. Wenn man unter adäquater Therapie – das beinhaltet nämlich die Auswahl der richtigen Substanzen und auch, dass man diese Substanzen verträgt, also dass Nebenwirkungen mitberücksichtigt werden – über einen längeren Zeitraum keine adäquate Symptomkontrolle erreicht, dann gilt man als therapierefraktär . Wobei nicht klar festgeschrieben ist anhand der verschiedenen Scores, die es gibt, wie schwer man erkrankt sein muss beziehungsweise wie ausgeprägt diese Symptome sein müssen. Das ist nicht eindeutig definiert. Letztendlich ist es also immer auch eine subjektive Entscheidung, wann eine Erkrankung refraktär ist und wann nicht. Es gibt dafür verschiedenste Kriterien.

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Therapie begleiten und Alltag gestalten

Wie kann man sich strukturiert auf ein Therapiegespräch vorbereiten?

Am Beginn der Erkrankung wird man wahrscheinlich wenig wissen, worum es geht und worauf man sich gezielt vorbereiten kann. Da ist es wichtig, wirklich gut nachzufragen: Wann wirken diese Medikamente? Wie lange dauert es, bis der Wirkmechanismus eintritt? Gibt es vielleicht Alternativen zu dem, was Ihnen Ihr Arzt oder Ihre Ärztin anbietet? Und man sollte vielleicht nachfragen: Warum wählt man das eine und nicht das andere? Wahrscheinlich ist es auch sinnvoll, sich wirklich gut zu erkundigen, was die Nebenwirkungen sind – sowohl bei kurzer Einnahme als auch bei langer Einnahme. Ich glaube, man sollte am Anfang immer wieder nachfragen: Wie lange muss ich diese Medikamente nehmen? Das ist etwas, was wir merken: Dass Patient:innen oft nicht verstehen, dass sie sehr häufig eine zumindest viele Jahre dauernde Behandlung brauchen, eventuell sogar eine lebenslange Behandlung. Ich glaube, das ist sehr wichtig, dass das am Beginn schon im Arzt-Patient:innen-Gespräch kommuniziert wird.

Wenn man sich später im Krankheitsverlauf befindet, sind die Patient:innen in der Regel schon sehr erfahren mit ihrer Erkrankung. Was für uns Mediziner:innen oft hilfreich ist, sind gewisse Scores, die über die letzten Monate punktuell erhoben werden. Da gibt es den sogenannten MG-ADL und einen sehr guten Lebensqualitätsfragebogen, die man selbst ausfüllen kann. In Deutschland gibt es erste Initiativen mit digitalen Anwendungen, bei denen Patient:innen diese Daten per App am Handy ausfüllen. So können Behandler:innen telemedizinisch Verlaufskontrollen durchführen und telefonisch Medikamentenanpassungen vornehmen. Ein Tagebuch kann ebenfalls helfen. Auch Scores helfen. Und wenn sich Symptome ändern, sollte man gut notieren: Was ist zu diesem Zeitpunkt gerade passiert? War zum Beispiel ein Infekt die Ursache der Verschlechterung oder gibt es eine Dynamik in der Erkrankung?

Welche Veränderungen sollten frühzeitig angesprochen werden und welche Warnzeichen erfordern sofortige ärztliche Hilfe?

Von den vielen Symptomen, die die Myasthenie verursachen kann, ist es sicher notwendig, rasch zu kommunizieren: Wenn Schlucken ein Problem ist, Sprechen ein Problem ist oder wenn plötzlich leichte körperliche Anstrengungen, die für Sie normalerweise vertraut sind, überproportional anstrengend werden.

Auch wenn Sie sehr rasch ermüden oder diffuse Symptome wie vermehrte Erschöpfbarkeit auftreten, sollte das angesprochen werden. Solche Symptome können von der Myasthenie kommen, auch wenn natürlich andere Ursachen möglich sind. Das lässt sich häufig gut im Arzt-Patient:innen-Gespräch klären.

Warum ist regelmäßiges Monitoring für den Therapieerfolg wichtig und was gehört dazu?

Monitoring ist sicherlich entscheidend, nicht nur zur Evaluierung des Therapieerfolgs, sondern auch zur Überwachung von Nebenwirkungen und zur Entscheidung, ob Therapien noch notwendig sind oder eventuell reduziert beziehungsweise abgesetzt werden können. Die Häufigkeit dieses Monitorings verändert sich im Verlauf der Erkrankung sehr stark und ist individuell unterschiedlich. Nach Diagnosestellung und Therapieeinleitung erfolgen oft zunächst wöchentliche Telefonvisiten. Nach ungefähr einem Monat findet meist eine Kontrolle vor Ort statt. Danach richtet sich die Frequenz je nach Therapieansprechen oft auf Intervalle von drei Monaten aus. Bei sehr stabilen Patient:innen kann auch eine halbjährliche oder jährliche Kontrolle ausreichend sein. Unbedingt sollten Sie auch beachten, wenn Sie neue Medikamente verordnet bekommen, dass Sie das mit Ihrem Behandler der Myasthenie absprechen, weil es gibt einige Medikamente, die die Myasthenie verschlechtern können. Da ist wichtig hinzuzufügen, wenn Sie im Internet diese Listen nachschauen: Die meisten Substanzen können die Myasthenie nur verschlechtern, sie müssen sie nicht verschlechtern. Aber sprechen Sie das mit Ihrem Behandler, mit Ihrer Behandlerin ab, weil die wahrscheinlich genug Erfahrung haben, um sagen zu können: Dieses Medikament können Sie ohne Probleme nehmen und dieses andere nicht. Das heißt: Immer, wenn Sie ein neues Medikament verordnet bekommen, demjenigen oder derjenigen sagen, dass Sie an einer Myasthenie leiden, dass das noch mit berücksichtigt werden kann bei der Auswahl des Medikamentes. Das gleiche gilt, wenn Sie eine Narkose haben sollten. Erwähnen Sie auch dann, dass Sie eine Myasthenie haben, denn dann brauchen Sie einfach postoperativ eine etwas intensivere Überwachung.

Welche Begleitmaßnahmen unterstützen Patient:innen im Alltag?

Nichtärztliche Maßnahmen, die man durchführen kann, ist die Teilnahme an Selbsthilfegruppen. Sicherlich empfehlenswert sind Bewegungstherapien, körperliche, regelmäßige Aktivität. Da gibt es sehr, sehr viele Studien. Es wird empfohlen, dass man Ausdauersport betreibt, auch als Myasthenie-Patient:in. Man wird zwar rascher müder, ist erschöpft, aber dann erholt man sich und langfristig bessert sich die Erkrankung, die Lebensqualität. Krafttraining wird auch empfohlen und regelmäßiges Dehnungsübungen. Hochintensives, schweres Krafttraining wird nicht empfohlen, ist aber auch nicht so gut untersucht. Man weiß: Bewegung ist gut, auch für Myasthenie-Patient:innen.

Was sicher sehr wichtig ist, was Sie beachten sollten, wenn Sie an einer Myasthenie erkrankt sind, dass man sich regelmäßig gegen alles impfen lässt, was der österreichische Impfplan empfiehlt. Also Impfungen sind entscheidend. Impfungen können die Myasthenie nicht verschlechtern, bzw. ist es sehr, sehr selten. Das Risiko, dass eine Erkrankung, die -Sie durch Impfungen verhindern, die Myasthenie verschlechtert, ist um vieles größer. Also: Regelmäßiges Impfen ist dringend empfohlen. Generellmachen Infektionen die Myasthenie schlechter. Das heißt, man sollte ein bisschen aufpassen, dass man sich nicht zu rasch erkältet, zu leicht infiziert.

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Meine Nachricht an Sie

Zusammenfassend kann man zur Behandlung der Myasthenie heutzutage sagen, dass es sehr viele Therapieoptionen gibt. Es gibt viele neue Therapieoptionen, und es ist wichtig zu betonen, dass die Myasthenie generell sehr gut behandelbar ist. Nur ein kleiner Teil der Patient:innen ist schwer behandelbar. Ein größerer Teil hat leichte Symptome bei guter Behandlungszufriedenheit, und ein Großteil der Patient:innen ist mit den derzeit verfügbaren Substanzen sehr gut behandelbar.

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Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher: Stand Juni 2026 | Quellen und Bildnachweis
Antikörper
(Immunoglobuline)
Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
Autoimmunerkrankung
Störung des Immunsystems, bei der es durch Fehlsteuerung gesunde Gewebe und Zellen im Körper angreift.  Das kann zu Entzündungen und Schäden in verschiedenen Organen und Geweben führen.
B-Zellen
Zellen, die zum Immunsystem gehören. Wenn B-Zellen mit zum Beispiel Krankheitserregern in Kontakt kommen, bilden sie sich in Zellen um, die Antikörper gegen die Erreger bilden.
Immunglobuline

Immunglobuline sind Abwehrstoffe des Körpers. Sie werden auch Antikörper genannt und helfen dabei, Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien zu erkennen und zu bekämpfen. Es gibt verschiedene Arten von Immunglobulinen, zum Beispiel IgG, IgA oder IgM.

intravenös
(Abkürzung: IV)
Medikamente, Flüssigkeiten oder Nährstoffe werden über eine Vene in den Blutkreislauf eingebracht. Dazu wird eine Spritze oder eine Infusion mit einer Nadel oder einem Katheter verwendet.
Komplementinhibitoren
Wirkstoffe, die eingesetzt werden, um Entzündungsprozesse im Körper zu verhindern.
Komplementsystem
Das Komplementsystem ist ein Teil des körpereigenen Immunsystems. Es stellt eine Kaskade von Enzymen dar, die sich nacheinander gegenseitig aktivieren. So können zum Beispiel Erreger wie Bakterien abgetötet werden. Besonders in der Frühphase einer Infektion aber auch bei chronischen Entzündungen spielt das Komplementsystem eine wichtige Rolle.
Kortison
Kortison ist ein körpereigenes Hormon. Für therapeutische Zwecke wird es meist in höheren Konzentrationen verwendet und wirkt dann vor allem entzündungshemmend. 
Leitlinie
Zusammenfassungen der medizinischen Fachgesellschaften, die den aktuellen Stand der Wissenschaft zu einem Thema zusammenfasst und eine Handlungsempfehlung für Ärzt:innen darstellt.
Prophylaxe
(Vorbeugung)
Maßnahmen, die der Verhütung sowie Vorbeugung von Krankheiten beziehungsweise deren Folgen dienen. Anders als eine Bedarfstherapie wird eine Therapie zur Prophylaxe zur Vorbeugung einer Erkrankung oder deren Folgen durchgeführt und nicht nur bei Symptomen.
subkutan
Verabreichung von einer Injektion unter die Haut, also ins Unterhautfettgewebe.
therapierefraktär
Bedeutet, dass eine Krankheit nicht auf die Therapie anspricht und trotz Behandlung anhält.