1. Behandlungsmöglichkeiten bei Myasthenia gravis

Welche Ziele verfolgt die Behandlung bei Myasthenia gravis?

Die Behandlung der Myasthenia gravis verfolgt mehrere wichtige Ziele. Im Mittelpunkt steht laut den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine bestmögliche Krankheitskontrolle und die Wiederherstellung der Lebensqualität.

Das bedeutet konkret:

  • Symptome sollen möglichst gut kontrolliert werden
  • die Erkrankung soll langfristig stabilisiert werden
  • myasthene Krisen sollen vermieden werden
  • die Behandlung soll möglichst wenige Nebenwirkungen verursachen

Diese Ziele werden individuell gewichtet. Gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt wird eine Therapie gewählt, die sowohl wirksam als auch gut zu Ihrem Alltag passend ist.

Eigene Therapieziele klären

Überlegen Sie sich vor einem Arzttermin:

  • Welche Beschwerden belasten mich am meisten?
  • Was möchte ich im Alltag wieder besser können?

Wenn Sie Ihre persönlichen Ziele ansprechen, kann die Behandlung gezielter auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt werden.

Welche Behandlungsarten gibt es und wofür sind sie jeweils gedacht?

Die Behandlung der Myasthenia gravis basiert auf mehreren Bausteinen, die je nach Situation kombiniert werden.

Symptomatische Therapie
Diese Medikamente verbessern direkt die Beschwerden, ohne die Ursache der Erkrankung zu verändern. Sie wirken rasch und verbessern akute Beschwerden wie Muskelschwäche, Doppelbilder oder Schluckprobleme.

Immuntherapie
Diese Behandlungen beruhigen das fehlgeleitete Immunsystem. Sie sollen verhindern, dass schädliche Antikörper weiter gebildet werden und beeinflussen den Krankheitsverlauf langfristig.

Akuttherapien
Bei einer deutlichen Verschlechterung oder in kritischen Situationen werden Therapien eingesetzt, die schnell wirken und die Symptome rasch stabilisieren.

Thymektomie (Operation des Thymus)
Bei bestimmten Formen der Myasthenia gravis kann eine Operation sinnvoll sein. Dabei wird der Thymus entfernt, da dieses Organ im Brustraum an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sein kann.

In der Praxis werden diese Therapieformen häufig kombiniert, um sowohl kurzfristige Linderung als auch eine langfristige Stabilisierung zu erreichen.

Welche Symptome sind „Red Flags“ und wann geht es um die Langzeitkontrolle?

Bei Myasthenia gravis gibt es bestimmte Symptome, die als Warnzeichen („Red Flags“) gelten und rasch ärztlich abgeklärt werden sollten.

Dazu gehören vor allem Beschwerden im Bereich der Sprech-, Schluck- und Atemmuskulatur:

  • Probleme beim Sprechen
  • Schwierigkeiten beim Schlucken
  • Kurzatmigkeit oder Atemprobleme, auch bei geringer Belastung

Diese Symptome können auf eine stärkere Krankheitsaktivität hinweisen. Krankheitsaktivität bezeichnet, wie stark die Erkrankung gerade ausgeprägt ist, z. B. wie viele und wie stark die Symptome auftreten. Eine hohe Aktivität erfordert eine rasche Anpassung der Therapie, um eine Verschlechterung oder eine Krise zu vermeiden.

Andere Symptome wie Doppelbilder oder hängende Augenlider sind ebenfalls typisch, führen aber meist frühzeitig dazu, dass Patient:innen ärztliche Hilfe suchen.

Ein wichtiger Teil der Behandlung ist die Unterscheidung zwischen kurzfristiger und langfristiger Therapie:

  • Akuttherapien wirken schnell und werden bei Verschlechterungen eingesetzt.
  • Langzeittherapien wirken verzögert, sind aber entscheidend für die dauerhafte Stabilisierung.

Häufig werden kurzfristige Therapien eingesetzt, um die Zeit zu überbrücken bis langfristige Medikamente wirken. Dieses Vorgehen wird als „Bridging“ oder auch als Überbrückungstherapie bezeichnet.

Warnzeichen ernst nehmen

Suchen Sie frühzeitig ärztliche Hilfe, wenn Sie eines oder mehrere der folgenden Symptome bemerken:

  • zunehmende Schluckprobleme
  • neue oder stärkere Atembeschwerden
  • plötzlich deutlich stärkere Muskelschwäche

Eine schnelle Reaktion und Kontakt zu Ihrem medizinischen Team kann helfen, Komplikationen zu vermeiden.

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Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher: Stand Juni 2026 | Quellen und Bildnachweis
Antikörper
(Immunoglobuline)
Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
Immuntherapie
Therapie, die das Immunsystem beeinflusst und bei verschiedenen Erkrankungen, wie z.B. Krebs, eingesetzt wird. Je nach Krankheitsursache kann das Immunsystem gehemmt, stimuliert oder durch die Gabe von Antikörpern verändert werden.
Leitlinie
Zusammenfassungen der medizinischen Fachgesellschaften, die den aktuellen Stand der Wissenschaft zu einem Thema zusammenfasst und eine Handlungsempfehlung für Ärzt:innen darstellt.