3. Zielgerichtete Therapien bei höherer Krankheitsaktivität

Moderne Therapien bei Myasthenia gravis

Was bedeutet Komplementhemmung und für wen kommt sie infrage?

Bei der Myasthenia gravis spielen Antikörper eine zentrale Rolle. Sie greifen Strukturen an der Verbindung zwischen Nerven und Muskeln an, der sogenannten neuromuskulären Endplatte. Dadurch wird die Signalübertragung gestört und es kommt zu Muskelschwäche.

Bei bestimmten Formen der Erkrankung wird zusätzlich das sogenannte Komplementsystem aktiviert. Das ist ein Teil des Immunsystems, der normalerweise dabei hilft, Krankheitserreger zu bekämpfen. In diesem Fall trägt es jedoch dazu bei, die Endplatte weiter zu schädigen.

Hier setzen Komplement-Inhibitoren an. Diese modernen, zielgerichteten Medikamente blockieren gezielt Teile dieser Abfolge von Reaktionen im Immunsystem und können so verhindern, dass die Endplatte weiter zerstört wird. Ziel ist es, die neuromuskuläre Endplatte vor weiterer Schädigung zu schützen und dadurch die Übertragung der Nervensignale an den Muskel zu verbessern.

Diese Therapie kommt vor allem für Patient:innen infrage mit:

  • Acetylcholin-Rezeptor-(AChR)-Antikörper-positiver Myasthenia gravis
  • einer generalisierten Form der Erkrankung
  • weiterhin bestehenden Beschwerden trotz Standardtherapie
  • höherer Krankheitsaktivität oder wiederholten Verschlechterungen

Ein Vorteil der Therapie kann sein, dass sich die Symptome verbessern und in manchen Fällen auch die Kortisondosis reduziert werden kann.

Welche weiteren modernen Therapien gibt es für Patient:innen mit höherer Krankheitsaktivität?

Wenn die Erkrankung trotz der Therapien weiterhin aktiv ist oder es zu wiederholten Verschlechterungen kommt, können noch weitere moderne, zielgerichtete Therapien eingesetzt werden.

Diese Therapien greifen an unterschiedlichen Stellen des Immunsystems an.

Eine wichtige Gruppe sind FcRn-Inhibitoren. Diese Medikamente beeinflussen einen Rezeptor, der dafür sorgt, dass Antikörper im Körper länger erhalten bleiben. Wird dieser Rezeptor blockiert, werden Antikörper schneller abgebaut. Dadurch sinkt auch die Menge der Antikörper, die die Erkrankung verursachen.

Eine weitere Gruppe sind biologische Antikörpertherapien, die gezielt bestimmte Zellen des Immunsystems angreifen. Dazu gehören Therapien, die sich gegen sogenannte B-Zellen richten. Diese Zellen sind an der Bildung von Antikörpern beteiligt.

Diese modernen Therapien werden vor allem bei Patient:innen eingesetzt

  • mit anhaltend hoher Krankheitsaktivität
  • mit unzureichendem Ansprechen auf Standardtherapien

oder bei häufigen Verschlechterungen oder Krisen. Welche Therapie geeignet ist, hängt von der individuellen Erkrankungssituation ab.

Therapieoptionen verstehen

Wenn eine neue Therapie vorgeschlagen wird, fragen Sie ruhig nach:

  • Wie wirkt dieses Medikament?
  • Warum ist es für mich zum jetzigen Zeitpunkt geeignet?
  • Welche sind die wichtigsten Nebenwirkungen und auf was muss ich achten?
  • Welche Alternativen gibt es?

Ein gutes Verständnis hilft Ihnen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Welche Erfahrungen gibt es in Österreich mit diesen neuen Therapien?

Die modernen Therapien bei Myasthenia gravis sind vergleichsweise neu. Deshalb gibt es in vielen Ländern – auch in Österreich – noch weniger langfristige Erfahrung als bei älteren Medikamenten.

Die bisherigen Erfahrungen aus der klinischen Praxis sind jedoch überwiegend positiv. Viele Patient:innen profitieren, insbesondere wenn andere Behandlungen nicht den gewünschten therapeutischen Effekt gebracht oder starke Nebenwirkungen ausgelöst haben. In Österreich gibt es bereits schon gute Erfahrung mit diesen Therapien bei einer ausgewählten Patientengruppe, die eine hochaktive Krankheitslast trotz Standardbehandlung aufweist.

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    Geprüft Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher: Stand Juni 2026 | Quellen und Bildnachweis
    Antikörper
    (Immunoglobuline)
    Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
    B-Zellen
    Zellen, die zum Immunsystem gehören. Wenn B-Zellen mit zum Beispiel Krankheitserregern in Kontakt kommen, bilden sie sich in Zellen um, die Antikörper gegen die Erreger bilden.
    Komplementsystem
    Das Komplementsystem ist ein Teil des körpereigenen Immunsystems. Es stellt eine Kaskade von Enzymen dar, die sich nacheinander gegenseitig aktivieren. So können zum Beispiel Erreger wie Bakterien abgetötet werden. Besonders in der Frühphase einer Infektion aber auch bei chronischen Entzündungen spielt das Komplementsystem eine wichtige Rolle.
    Standardtherapie
    Die Standardtherapie ist die Therapie, die den aktuell gültigen wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht. Die Standardtherapie ist für verschiedene Erkrankungen unterschiedlich.
    zielgerichtete Therapie
    Behandlung, die spezifisch auf genetische Mutationen, Proteine oder das Gewebeumfeld abzielt, das das Krebswachstum fördert.