2. Medikamentöse Therapien bei niedriger Krankheitsaktivität

Welche Medikamente helfen sofort gegen Symptome und wie beginnt die Behandlung?

Zu Beginn der Behandlung der Myasthenia gravis werden in der Regel Medikamente eingesetzt, die rasch gegen die Symptome wirken. Laut den Leitlinien beginnt die Therapie – unabhängig von der genauen Ausprägung – häufig mit einer solchen symptomatischen Behandlung.

Das wichtigste Medikament in dieser Phase ist Pyridostigmin. Es verbessert die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln und kann dadurch typische Beschwerden wie:

  • Doppelbilder
  • Schluck- oder Sprechprobleme
  • Muskelschwäche

deutlich lindern.

Die Wirkung tritt meist nach 30 bis 45 Minuten ein, hält aber nur etwa 2 bis 4 Stunden an. Deshalb wird das Medikament mehrmals täglich eingenommen und individuell angepasst.

Viele Patient:innen merken schnell, wann das Medikament wirkt und wann die Wirkung nachlässt. Dadurch lässt sich die Einnahme oft gut an den Alltag anpassen.

Typische Nebenwirkungen sind:

  • Durchfall
  • Bauchkrämpfe

Diese hängen mit der Wirkweise des Medikaments zusammen und können oft durch Anpassung der Dosierung oder der Einnahmeform verbessert werden.

Pyrostigmin kommt nicht als Dauertherapie zum Einsatz. Es wird zur symptomatischen Therapie verwendet, um zu kurzfristiger Linderung zu verhelfen. Bei vermehrtem Gebrauch dieser Therapie sollte das Behandlungsteam aufgesucht und die Krankheitlast neu bewertet werden. Dann sollten die Therapie gegebenenfalls angepasst werden.

Welche Rolle spielt Kortison in der Behandlung?

Wenn die symptomatische Therapie allein nicht ausreicht, wird in der Regel eine Therapie begonnen, die auf das Immunsystem wirkt. Dabei spielt Kortison (Kortikosteroide) eine zentrale Rolle.

Kortison wirkt auf das Immunsystem und kann die Beschwerden oft innerhalb weniger Wochen oder Monate verbessern. Es gehört damit zu den wichtigsten Medikamenten in der Behandlung der Myasthenia gravis.

Gleichzeitig wird Kortison häufig auch längerfristig eingesetzt, da es den Krankheitsverlauf beeinflussen kann.

Die Dosierung wird individuell angepasst. Manche Betroffene benötigen nur eine niedrige Dosis, andere vorübergehend eine höhere.

Bei längerer Einnahme können Nebenwirkungen auftreten, zum Beispiel:

  • Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes (z.B. „Cushing-Gesicht“)
  • Gewichtszunahme
  • Veränderungen der Farbe der Haut
  • verstärkter Haarwuchs
  • Stimmungsschwankungen
  • Schlafprobleme
  • Auswirkungen auf Knochen, Blutzucker und Blutdruck
  • Grauer Star

Deshalb wird versucht, die Dosis langfristig möglichst niedrig zu halten.

Wie wird die Erkrankung langfristig kontrolliert und wann sind zusätzliche Medikamente erforderlich?

Da die Myasthenia gravis eine Autoimmunerkrankung ist, wird in der Behandlung fast immer auch eine Therapie eingesetzt, die das Immunsystem langfristig beeinflusst. Welches Medikament ab wann notwendig ist, hängt u. a. davon ab, wie stark die Beschwerden sind und wie gut die symptomatische Behandlung wirkt.

Das Ziel dieser Medikamente ist es, die Bildung der Antikörper zu reduzieren, die die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln stören.

Kortison wirkt innerhalb weniger Wochen, ist aber aufgrund seiner Nebenwirkungen nicht immer ideal für eine langfristige Therapie in höheren Dosen. Deshalb werden häufig sogenannte kortisonsparende Medikamente ergänzt, um die Kortisondosis zu reduzieren.

Das wichtigste klassische Medikament in diesem Bereich ist Azathioprin.

Ein zentraler Punkt bei Azathioprin ist der sehr langsame Wirkungseintritt. Es kann bis zu 12 Monate dauern, bis die volle Wirkung erreicht ist.

Trotzdem profitieren viele Patient:innen langfristig davon, da:

  • die Erkrankung stabilisiert werden kann
  • die Kortisondosis reduziert werden kann

Nebenwirkungen sind möglich und betreffen zum Beispiel:

  • Veränderungen des Blutes und seiner Bestandteile (sichtbar am Blutbild)
  • Erhöhtes Hautkrebsrisiko durch empfindlichere Haut (Basalkarzinome, Plattenpithelkarzinome)
  • Veränderungen der Leberfunktion
  • Beschwerden im Magen-Darm-Bereich

Deshalb sind regelmäßige Kontrollen notwendig.

Geduld mitbringen

Auch wenn sich die Wirkung nicht sofort zeigt: Langfristige Therapien sind ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie unsicher sind oder Fragen zur Wirkung haben.

Was muss man als Patient:in wissen, wenn man Immunsuppressiva länger einnimmt?

Wenn Medikamente wie Kortison oder Azathioprin über längere Zeit eingenommen werden, ist eine regelmäßige medizinische Begleitung besonders wichtig.

Dazu gehören:

  • Blutkontrollen (z. B. Blutbild)
  • Kontrolle der Leberwerte
  • Beobachtung möglicher Nebenwirkungen

Bei längerer Kortisontherapie werden oft zusätzlich Calcium und Vitamin D empfohlen, um die Knochenmineraldichte zu erhalten. Besonders wichtig: direkten intensiven Sonnenkontakt meiden, da sonst die Wahrscheinlichkeit für Hautkrebs steigt.

Wichtig ist auch, dass Sie selbst auf Veränderungen achten. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Äusserliches Erscheinungsbild
  • Appetit
  • Stimmungsschwankungen
  • ungewöhnliche Müdigkeit
  • Infektanfälligkeit
  • Veränderungen der Haut

Diese sollten Sie bei Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt frühzeitig ansprechen.

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    Geprüft Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher: Stand Juni 2026 | Quellen und Bildnachweis
    Antikörper
    (Immunoglobuline)
    Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
    Autoimmunerkrankung
    Störung des Immunsystems, bei der es durch Fehlsteuerung gesunde Gewebe und Zellen im Körper angreift.  Das kann zu Entzündungen und Schäden in verschiedenen Organen und Geweben führen.
    Dauertherapie
    Eine Therapie, die dauerhaft, also über mehrere Jahre hinweg, durchgeführt wird.
    Kortison
    Kortison ist ein körpereigenes Hormon. Für therapeutische Zwecke wird es meist in höheren Konzentrationen verwendet und wirkt dann vor allem entzündungshemmend. 
    Leberwerte
    Blutwerte, die Aufschluss über die Funktion der Leber geben.
    Leitlinie
    Zusammenfassungen der medizinischen Fachgesellschaften, die den aktuellen Stand der Wissenschaft zu einem Thema zusammenfasst und eine Handlungsempfehlung für Ärzt:innen darstellt.