Das Multiple Myelom – einfach erklärt
Rückenschmerzen, anhaltende Müdigkeit oder immer wiederkehrende Infekte – viele Menschen kennen solche Beschwerden. Meist steckt etwas Harmloses dahinter. Doch manchmal sind es frühe Hinweise auf eine ernstere Erkrankung.
In der hämatologischen Ambulanz treffen Ärztinnen und Ärzte täglich auf Menschen, deren Weg genau hier beginnt: mit unspezifischen Symptomen, vielen Fragen – und der Hoffnung auf Klarheit.
In den folgenden Animationsvideos begleiten wir drei Patient:innen mit Multiplem Myelom. Ihre Geschichten zeigen, wie unterschiedlich die Erkrankung verlaufen kann – und welche Möglichkeiten die moderne Medizin heute bietet.
Ein erster Weg zur Diagnose: Herr M.
Herr M. ist 62 Jahre alt. Seit einigen Monaten fühlt er sich zunehmend erschöpft. Selbst nach einer guten Nacht bleibt die Müdigkeit. Dazu kommen Rückenschmerzen, die ihn immer stärker belasten. Zunächst schiebt er die Beschwerden auf langes Sitzen im Büro oder auf sein Alter.
Als die Schmerzen nicht nachlassen, sucht er seinen Hausarzt auf. Blutuntersuchungen zeigen auffällige Werte, die sich nicht eindeutig erklären lassen. Deshalb folgt die Überweisung in eine Spezialklinik für Blut- und Knochenerkrankungen.
Nach weiteren Untersuchungen wird klar, was hinter den Symptomen steckt: die Diagnose Multiples Myelom.
Heute sitzt Herr M. in der Ambulanz und wartet auf das Gespräch mit seiner Ärztin. Er möchte verstehen, was diese Erkrankung bedeutet – und welche nächsten Schritte nun wichtig sind.
Assoz.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Krauth: Das multiple Myelom ist eine Erkrankung der Plasmazellen. Diese Zellen gehören zum Immunsystem und kommen bei allen Menschen vor. Normalerweise sind sie nicht bösartig. Beim multiplen Myelom verändern sie sich jedoch krankhaft und vermehren sich unkontrolliert. Die entarteten Zellen wachsen im Knochenmark, also dort, wo das Blut gebildet wird. Dadurch wird die normale Blutbildung verdrängt. Das führt zu typischen Beschwerden wie Blutarmut mit Müdigkeit und Leistungsminderung, einer erhöhten Infektanfälligkeit, einer Neigung zu Blutungen sowie häufig zu Knochenschmerzen, da die Myelomzellen direkt im Knochen wachsen.
Ziel der Erstlinientherapie ist es, die Erkrankung so weit wie möglich zurückzudrängen. Dafür werden heute mehrere Medikamente kombiniert. Aktuell stehen moderne Immuntherapien zur Verfügung, weshalb die Behandlung des multiplen Myeloms große Fortschritte gemacht hat. In der Regel kommt eine Vierfachkombination zum Einsatz, bestehend aus einem Antikörper gegen CD38, einem Proteasom Inhibitor, einem Immunmodulator und Dexamethason. Diese Kombination hat sich in großen Studien als sehr wirksam erwiesen und wird, wenn möglich, bei allen Patientinnen und Patienten angewendet.
Nach dieser ersten Behandlungsphase folgt bei geeigneten Patient:innen eine autologe Stammzelltransplantation. Dabei werden zunächst die eigenen Blutstammzellen gesammelt, anschließend erfolgt eine Hochdosis-Chemotherapie, und danach werden die Stammzellen zurückgegeben. Im Anschluss erhalten alle Patient:innen eine Erhaltungstherapie.
Das Ziel dieser Behandlung ist es, eine möglichst lange Phase ohne Fortschreiten der Erkrankung zu erreichen. Je länger diese Zeit bis zu einem möglichen Rückfall ist, desto besser ist die Prognose und Lebenserwartung. Auch wenn das multiple Myelom derzeit noch nicht heilbar ist, ermöglichen moderne Therapien vielen Betroffenen heute viele Jahre mit guter Lebensqualität und ohne aktive Erkrankung.
Nach dem Gespräch verlässt Herr M. die Ambulanz mit neuer Zuversicht. Er weiß jetzt: Das Multiple Myelom ist behandelbar, und er wird auf diesem Weg medizinisch begleitet.
Leben mit der Erkrankung: Frau K.
Frau K. ist 50 Jahre alt. Ihre Diagnose liegt bereits einige Jahre zurück. Damals war die Nachricht für sie ein großer Einschnitt. Gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam begann sie eine intensive Therapie – mit Erfolg: Die Erkrankung konnte deutlich zurückgedrängt werden.
Heute hat sich ihr Leben stabilisiert. Sie arbeitet in Teilzeit, verbringt viel Zeit mit Familie und Freunden und hat gelernt, bewusster auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Regelmäßige Arztbesuche gehören inzwischen selbstverständlich zu ihrem Alltag.
Aktuell befindet sich Frau K. in der sogenannten Erhaltungstherapie. Sie kommt regelmäßig zur Kontrolle in die Ambulanz, so auch heute. Sie möchte wissen, wie ihre aktuellen Untersuchungsergebnisse aussehen – und wie es mit der Therapie weitergeht.
Assoz.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Krauth: Die Erhaltungstherapie beginnt nach der autologen Stammzelltransplantation. Sie soll das Behandlungsergebnis möglichst lange sichern. Aktuell besteht diese Therapie aus zwei verschiedenen Medikamenten. Zum einen erhalten die Patientinnen und Patienten einmal im Monat einen Antikörper gegen CD38. Diese Behandlung wird über einen Zeitraum von zwei Jahren durchgeführt. Zum anderen nehmen sie einen Immunmodulator in Tablettenform ein. Diese Schlucktherapie erfolgt so lange, bis die Erkrankung wieder aktiv wird oder nicht mehr auf die Behandlung anspricht.
Für die meisten Betroffenen ist die Erhaltungstherapie gut in den Alltag integrierbar. Sie findet vollständig ambulant statt, ein Krankenhausaufenthalt ist dafür nicht notwendig. Der CD38-Antikörper wird als kleine Spritze unter die Haut verabreicht, einmal im Monat in einer ambulanten Tagesklinik. Der Immunmodulator wird an 21 Tagen eingenommen, gefolgt von einer Woche Pause. Da diese Medikamente bereits Teil der vorherigen Erstlinientherapie waren, kennen viele Patient:innen ihre Wirkung und Verträglichkeit bereits. Dennoch sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen wichtig.
Zu Beginn der Erhaltungstherapie finden diese Kontrollen etwas häufiger statt, zum Beispiel wöchentlich oder alle zwei bis drei Wochen. Wenn sich die Blutwerte stabil zeigen und die Therapie gut vertragen wird, können die Abstände verlängert werden – meist auf Kontrolltermine alle ein bis zwei Monate. Ziel der Erhaltungstherapie ist es, die Remissionsphase nach der Stammzelltransplantation zu stabilisieren und die Erkrankung möglichst über viele Jahre hinweg vollständig zurückzudrängen.
Die Erhaltungstherapie ermöglicht es Frau K., ihr Leben weitgehend normal zu gestalten: aktiv zu bleiben, zu arbeiten und gleichzeitig medizinisch gut betreut zu sein.
Ein Rückfall – und neue Perspektiven: Herr B.
Herr B. ist 71 Jahre alt. Vor über zehn Jahren wurde bei ihm ein Multiples Myelom diagnostiziert. Mit den damaligen Therapien ließ sich die Erkrankung gut kontrollieren, und er konnte viele Jahre mit hoher Lebensqualität verbringen.
Diese Zeit nutzte er intensiv: für Reisen, für seine Familie und besonders für seine Enkelkinder. Das Multiple Myelom spielte lange kaum eine Rolle in seinem Alltag.
Doch nun zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die Erkrankung zurückgekehrt ist – ein sogenannter Rückfall. Für Herrn B. ist das ein ernster Moment, zumal er zusätzlich mit weiteren Begleiterkrankungen lebt.
Heute ist er wieder in der Ambulanz, um gemeinsam mit seiner Ärztin zu besprechen, welche Behandlungsmöglichkeiten jetzt für ihn in Frage kommen.
Assoz.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Krauth: Kommt es zu einem Rückfall der Erkrankung – was derzeit noch häufig der Fall ist, da das multiple Myelom bislang nicht heilbar ist –, stehen heute viele verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Welche Therapie gewählt wird, hängt vor allem davon ab, welche Behandlungen die Patientinnen und Patienten bereits erhalten haben und auf welche Therapien die Erkrankung möglicherweise nicht mehr anspricht.
Eine besonders neue und wichtige Option im Rückfall ist die CAR-T-Zell-Therapie. Diese innovative Therapie ist inzwischen auch für das erste Rezidiv beim multiplen Myelom zugelassen. Dabei werden körpereigene T-Zellen der Patient:innen entnommen, im Labor genetisch verändert und anschließend wieder zurückgegeben. Die Entnahme der T-Zellen, die sogenannte Apherese, erfolgt ambulant. In der Zeit bis zur Rückgabe der fertigen CAR-T-Zellen erhalten die Patient:innen eine überbrückende Behandlung, die ebenfalls meist ambulant durchgeführt werden kann.
Sobald die CAR-T-Zellen zur Infusion bereitstehen, ist für kurze Zeit ein stationärer Aufenthalt notwendig. Die Patient:innen erhalten ihre veränderten Zellen zurück und bleiben anschließend etwa eine Woche im Krankenhaus. Der Grund dafür ist, dass in den ersten Tagen nach der Infusion spezielle Nebenwirkungen auftreten können, zum Beispiel ein sogenanntes Zytokin-Freisetzungs-Syndrom oder neurologische Veränderungen. Diese sollen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Nach dem stationären Aufenthalt folgen regelmäßige Kontrollen in der Ambulanz, zunächst enger, später in größeren Abständen bis hin zu monatlichen Terminen.
Trotz der neuen Situation blickt er nach vorne: Dank moderner Therapieansätze wie der CAR-T-Zell-Therapie eröffnen sich für ihn neue Perspektiven.
Fortschritte, die Mut machen
Drei Menschen, drei unterschiedliche Lebenswege – und doch eine gemeinsame Erfahrung: das Leben mit Multiplem Myelom.
Die Geschichten zeigen, wie individuell die Erkrankung verläuft, aber auch, wie stark sich die medizinischen Möglichkeiten in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. Neue Therapien eröffnen Chancen in ganz unterschiedlichen Krankheitsphasen – von der Erstdiagnose über die Erhaltungstherapie bis hin zur Behandlung eines Rückfalls.
Assoz.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Krauth: Für Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom gibt es heute trotz der ernsten Diagnose auch positive Nachrichten. In Österreich stehen modernste Therapien zur Verfügung, darunter die CAR-T-Zell-Therapie, die aktuell als eine der wirksamsten und zugleich gut verträglichen Behandlungsformen gilt. Sie kann bereits früh im Krankheitsverlauf eingesetzt werden, ist zugelassen und verfügbar. Zudem laufen zahlreiche Studien, die prüfen, ob CAR-T-Zellen künftig sogar noch früher, möglicherweise bereits in der Erstlinientherapie, eingesetzt werden können.
Ein besonderer Vorteil der CAR-T-Zell-Therapie ist, dass es sich um eine einmalige Behandlung handelt. Im Gegensatz zu früheren Therapien, die dauerhaft fortgeführt werden mussten, folgt nach der CAR-T-Zell-Therapie in der Regel eine therapiefreie Phase, in der nur noch regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig sind. Die bisherigen Studienergebnisse sind sehr vielversprechend und lassen hoffen, dass Patientinnen und Patienten über viele Jahre ohne Fortschreiten der Erkrankung leben können. Langfristig besteht sogar die Hoffnung, durch den gezielten Einsatz dieser Therapieform eine Art funktionelle Heilung zu erreichen.
Ganz allgemein haben die neuen Immuntherapien die Lebensqualität von Menschen mit Multiplem Myelom deutlich verbessert. Während früher vor allem Chemotherapien mit langen Krankenhausaufenthalten und starken Nebenwirkungen wie Haarausfall, Übelkeit oder Erbrechen im Vordergrund standen, sind moderne Therapien heute meist ambulant möglich und deutlich besser verträglich. Viele Patient:innen können weiterhin arbeiten, ihren Alltag aktiv gestalten und sich körperlich betätigen. Dadurch wird trotz Erkrankung oft wieder ein nahezu normales Leben möglich.
Mit der Unterstützung von Ärzt:innen, Angehörigen und Patientenorganisationen können Betroffene ihren eigenen Weg gehen – informiert, begleitet und mit Hoffnung.