Welche typischen Symptome treten bei HPP auf?
Die Ausprägung und das Auftreten der Symptome ist abhängig davon, wann sich die Erkrankung manifestiert. Bei Patientinnen und Patienten, wo die Erkrankung bereits im Neugeborenenalter auftritt, stehen mehrere Organsysteme mit Erkrankungskomplikationen im Vordergrund. Das eine ist, dass das Skelettsystem unzureichend mineralisiert ist, bereits bei der Geburt. Das heißt, die Patienten haben ein Mineralisierungsproblem und dementsprechend auch Deformitäten, also Verbiegungen und Wachstumsstörungen der Knochen. Damit können auch Fehlfunktionen einzelner Organe und das Wachstum der Organe bereits in der Gebärmutter passieren. Und die Patienten haben dementsprechend häufig auch Probleme mit der Atmung, bereits nach der Geburt. Ein weiteres Problem ist, dass Vitamin-B6-abhängige Krampfanfälle auftreten können. Warum ist das so? Die Alkalische Phosphatase hat auch einen ganz entscheidenden Beitrag bei der Neurotransmittersynthese. Indem wir Vitamin-B6 abhängig diese Neurotransmitter produzieren, fehlt das, dann kann das Vitamin-B6 die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren und das kann dann zu neurologischen Komplikationen führen. Tritt die Erkrankung im Kindesalter auf, dann ist insbesondere eine Störung des Gangbildes ganz häufig der Fall. Die Patienten können Beindeformitäten zeigen, die auch operative Sanierungen bedürfen können. Hier ist insbesondere wichtig, dass auf das geachtet wird, da, wenn man frühzeitig eingreifen würde, dies auch entsprechend verhindert und auch behandelt werden kann. Im Erwachsenenalter steht im Vordergrund, dass Patienten Frakturen haben können, also insbesondere atypische Frakturen, nicht klassische osteoporotische Frakturen. Und das Nummer 1 Symptom im Erwachsenenalter ist eigentlich der chronische muskuloskelettale Schmerz. Das kann auch im Bereich von Sehnenansätzen, von Gelenken und aber auch natürlich im Knochen der Fall sein. Ein weiterer Punkt ist, dass es zu Verkalkungen im Bereich der Niere kommen kann. Das heißt, es ist auch wichtig, dass regelmäßig die Niere kontrolliert wird, um das entsprechend frühzeitig zu diagnostizieren. Neben dem Skelettsystem können auch die Zähne bei den Patienten betroffen sein. Es kann zu einem frühzeitigen Zahnverlust kommen und auch zu einer lebenslangen Problematik. All diese Symptome, die ich jetzt aufgezählt habe, sind nicht bei jedem Patienten gleich und die Erkrankung manifestiert sich extrem unterschiedlich, je nach Patienten.
Warum können Symptome unterschiedlich stark sein und sich mit der Zeit verändern?
Abhängig davon, wann sich die Erkrankung manifestiert, ist das Auftreten der Symptomatik sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich je nach Patienten. Es gibt unterschiedliche Mutationen , die für die Erkrankung verantwortlich sein können und auch abhängig davon unterschiedliche Phänotypen, die sich aber nicht durch die einzelnen genetischen Veränderungen eins zu eins erklären lassen. Dadurch macht es diese Erkrankung zu einem zu einem Chamäleon. Tritt die Erkrankung bereits im Neugeborenenalter auf, dann sind die Patienten häufig von schwerwiegenden Organstörungen betroffen, die durch einerseits das fehlende Mineralisierung des Skelettsystems, aber auch durch Wachstumsstörungen, die damit einhergehen, von unterschiedlichen Organen betroffen sein. Die Patienten können schwere neurologische Symptome haben, denn die Funktion der Alkalischen Phosphatase ist extrem reduziert und das schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Erkranken die Patienten im Kindesalter und im Jugendalter, dann sind insbesondere wachstumsassoziierte Störungen im Vordergrund. Diese Patienten haben häufig Beindeformitäten oder Gangstörungen und haben damit auch eine Entwicklungsverzögerung und Probleme, die motorische Entwicklung normal durchzumachen. Patienten, die im Erwachsenenalter diagnostiziert werden und bis dahin relativ „milde“ Symptome haben, haben sehr häufig vor allem chronische Schmerzen, die sehr belastend sein können. Unspezifische Gelenksentzündungen und Gelenksschmerzen können auftreten und auch neurologische Symptome wie Abgeschlagenheit oder Müdigkeit sind ebenso möglich. Dadurch ist das Bild, wie sich die Erkrankung manifestieren kann, sehr unterschiedlich und auch abhängig vom Erkrankungszeitpunkt.
Warum wird HPP oft erst spät erkannt und womit wird die Erkrankung häufig verwechselt?
Die Symptomatik der HPP, besonders beim Auftreten im Erwachsenenalter, ist extrem heterogen, das heißt sehr unterschiedlich und von Patienten zu Patienten deutlich verschieden. Aufgrund der chronischen Schmerzen, aber auch der Gelenksentzündungen, die auftreten können, sind es häufig rheumatologische Diagnosen, die diese Patienten auch teilweise als Fehldiagnosen bekommen. Ebenso sind die chronischen Schmerzzustände als chronisches Schmerzsyndrom häufig als Differenzialdiagnose oder auch als falsche Diagnose bei diesen Patienten möglich. Treten Frakturen, also Knochenbrüche bei HPP-Patienten auf, dann kann auch die Erkrankung häufig als Osteoporose fehldiagnostiziert werden. Und dies ist insbesondere entscheidend, dass das nicht passiert, weil die medikamentöse Therapie deutlich unterschiedlich aussieht bei den zwei Erkrankungen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass natürlich nur, weil die Alkalische Phosphatase im Blut erniedrigt ist, das noch nicht automatisch heißt, dass eine HPP vorliegt. Es können auch Differenzialdiagnosen oder andere Begleiterkrankungen vorliegen, die all diese Symptome erklären können.
Welche Auswirkungen kann es haben, wenn HPP spät diagnostiziert oder falsch behandelt wird?
Wird die Erkrankung insbesondere im wachsenden Skelett, also sprich im Kindesalter zu spät diagnostiziert, dann können insbesondere Beindeformitäten, aber eben auch chronische Wachstumsstörungen bei den Patienten auftreten, die, wenn sie nicht rechtzeitig operativ saniert werden, dann auch im späteren Leben den Patienten deutliche Probleme machen können. Im Erwachsenenalter ist im Prinzip die Symptomatik das belastendste für die Patienten. Die chronischen Schmerzen stehen hier im Vordergrund. Eine zu späte Diagnose verlängert den Patienten den Leidensweg. Es ist jedoch auch wichtig zu wissen, dass vor allem die symptomatische Therapie, das heißt auf die einzelnen Symptome des Patienten einzugehen und die zu behandeln, der Grundpfeiler der Behandlung ist und man ohnehin auf diese eingehen sollte, auch bevor die Diagnose steht. Ein weiteres Thema ist die Verkalkung der Niere. Das heißt, es ist wichtig, dass insbesondere bei schwerwiegenderen Verläufen bei den Patienten regelmäßig die Niere kontrolliert wird. Und insbesondere wenn Frakturen, also Knochenbrüche, auftreten, dass es nicht mit einer Osteoporose verwechselt wird, weil sich die Behandlung deutlich unterscheidet.
Hier geht es zum Video-Interview: „Symptome bei Hypophosphatasie“