7. Impfungen bei Immunsuppression – Alle Fragen

Bei einer Immunsuppression arbeitet das Immunsystem schwächer als gewöhnlich. Dadurch können Infektionen häufiger auftreten oder schwerer verlaufen. Ein gut geplanter Impfschutz ist deshalb besonders wichtig. Gleichzeitig stellen sich für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oft besondere Fragen: Welche Impfungen sind möglich? Welche Impfstoffe sind geeignet? Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Impfung und was muss während einer immunsuppressiven Therapie beachtet werden?

In dieser Online-Schulung erfahren Sie,

  • was Immunsuppression bedeutet und wodurch sie entstehen kann,
  • welche Impfstoffarten es gibt und welche bei Immunsuppression eingesetzt werden können,
  • welche Impfungen bei einem geschwächten Immunsystem besonders wichtig sind,
  • wie sicher Impfungen bei Immunsuppression sind und wann der Impfschutz kontrolliert werden kann,

und was vor und nach einer Organtransplantation bei Impfungen zu beachten ist.

Einleitung durch Dr.in Angelika Wagner, PhD

Herzlich willkommen. Mein Name ist Angelika Wagner. Ich bin Fachärztin für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Und gleichzeitig arbeite ich hier in der Ambulanz, wo wir Beratungen für immunsupprimierte Patienten durchführen hinsichtlich Impfungen, aber eben auch Reiseberatungen. Und im heutigen Kurs geht es darum, wie wir das Immunsystem bei immunsupprimierten Patienten möglichst gut vorbereiten können für die Infektionsabwehr. Beziehungsweise welche Impfungen in welchem Stadium der Immunsuppression empfohlen sind.

Hier geht es zur Einleitung des Kurses: „Impfungen bei Immunsuppression“

Immunsuppression verstehen

Was bedeutet Immunsuppression?

Immunsuppression bedeutet, dass die natürliche Immunfunktion abgeschwächt oder ganz unterdrückt ist. Und da gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Das kann einerseits angeboren sein, kann aber auch erworben sein durch Erkrankungen, die im Laufe des Lebens entstehen, oder auch durch Medikamente, die verabreicht werden. Und es geht hier darum, dass die natürliche Immunfunktion unterdrückt und abgeschwächt wird. Am deutlichsten wird das bei der Abwehrfunktion gegenüber Krankheitserregern. Das heißt, dass hier besonders Personen, die immunsupprimiert sind, häufiger Infektionen erleiden oder auch einen schwereren Verlauf von Infektionen durchmachen können.

Welche Erkrankungen oder Medikamente können das Immunsystem schwächen?

Bei Erkrankungen und Medikamenten, die das Immunsystem schwächen können, ist es so, dass Erkrankungen entweder angeboren oder erworben sein können. Bei den angeborenen Erkrankungen stehen Immundefekte im Vordergrund, die seit Geburt bestehen. Beziehungsweise bei erworbenen Erkrankungen ist es so, dass im Lauf des Lebens Infektionen erworben werden können, die mit einer Immunsuppression einhergehen. Das prominenteste Beispiel ist hier sicher die HIV-Infektion, aber es können auch onkologische und hier besonders hämatoonkologische Erkrankungen, sprich maligne Erkrankungen oder bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems mit einer starken Immunschwäche einhergehen. Und auf der anderen Seite steht natürlich die medikamentöse Immunsuppression. Sprich, wenn von einem Arzt Medikamente verschrieben werden, die die Immunfunktion unterdrücken. Das hat den Grund, dass man Immunfunktionen, die überschießen und somit den Körper angreifen können, abschwächen will und unterdrücken möchte, um den Körper zu schützen. Und bei diesen Medikamenten gibt es eine Vielzahl von Unterschieden. Einerseits kann es sein, dass Medikamente allgemein das Immunsystem herunterfahren, also eine sehr breite Wirkung haben. Hier sind Cortisonpräparate ein Beispiel. Aber es kann auch sein, dass ganz zielgerichtet Medikamente verschrieben werden, die zum Beispiel einen Botenstoff in der Immunfunktion ausschalten können. Das zeigt uns auch, dass die Immunsuppression sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann, je nachdem, welche Medikamente hier verschrieben werden. Und ein dritter Punkt ist auch noch, wenn bestimmte Organe des Immunsystems, wie die Milz, nicht vorhanden sind. Das heißt, selten kann es sein, dass Menschen ohne eine Milz geboren werden, und dieses Organ ist sehr wichtig in der Immunfunktion als Filter und schützt uns auch vor gewissen Krankheitserregern, vor allem bakteriellen Erkrankungen. Dann kommt dadurch eine eingeschränkte Immunfunktion zustande. Oder die Milz kann natürlich auch im Lauf des Lebens chirurgisch entfernt werden müssen, aus unterschiedlichen Gründen. Und auch dann hat man diese Schutzfunktion durch die Milz nicht mehr und dadurch eine eingeschränkte Immunfunktion.

Wie unterscheiden sich leichte, mittlere und schwere Immunsuppression?

Bei der Immunsuppression gibt es eine Einteilung nach Graden, die den Schweregrad beschreibt. Leicht, mittel und schwer, und umgelegt kann man das auch daran erkennen, wie infektanfällig diese Menschen zum Beispiel sind. Bei einer leichten Immunsuppression ist es so, dass das oft gar nicht auffällt. Bei Leuten, die eine schwere Immunsuppression haben, bemerkt man oft auch, dass sie anfälliger für Infektionen sind. Man kann das jetzt auch insofern einteilen, dass eine leichte Immunsuppression bei gewissen Medikamenten zum Beispiel der Fall ist, wenn sie nur immunmodulierend sind, das heißt, sie unterdrücken nicht richtig die Immunfunktion, oder auch bei gewissen Grunderkrankungen. Das kann zum Beispiel bei chronischen Nierenerkrankungen der Fall sein. Bei mittlerem Schweregrad ist es so, dass die Immunfunktion eine Teileinschränkung hat. Das muss auch noch nicht unbedingt durch eine Infektanfälligkeit auffallen. Aber hier ist es so, dass das für Patienten der Fall ist, die zum Beispiel in der Rheumatologie mit Basistherapeutikern therapiert werden, also mit Medikamenten, die nur eine gewisse Einschränkung der Immunfunktion bewirken, und das auch nur dann, wenn sie niedrig dosiert verabreicht werden. Das heißt, dieselben Medikamente könnten in höherer Dosierung auch eine schwere Immunsuppression hervorrufen. Und im Fall der schweren Immunsuppression ist es so: Das kann jetzt einerseits medikamentös sein, weil eben eine höhergradige Therapiedosis bei Cortison verabreicht wird. Das ist auch ein schönes Beispiel. Je nach Cortison-Dosis und Dauer der Therapie kann die Immunsuppression leicht, mittel oder schwer ausfallen. Bei anderen Medikamenten, wie zum Beispiel Chemotherapeutikern ist es so, dass es immer zu einer schweren Immunsuppression kommt, während einer Chemotherapie . Es gibt aber auch Fälle, wo Grunderkrankungen wie hämatoonkologische Erkrankungen, also sprich bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems, von sich aus schon durch die bösartige Vermehrung von einzelnen Bestandteilen des Immunsystems hier die Immunfunktion schwer einschränken und durch die Krankheit bedingt eine schwere Immunsuppression auftritt.

Woher weiß ich, wie stark meine immunsuppressive Therapie ist?

Wenn Sie selbst betroffen sind von einer Medikation, die Ihnen verschrieben wurde und die immunsupprimierende Wirkung hat, dann sollte es im idealen Fall so ablaufen, dass der Arzt, der Ihnen das Medikament verschreibt, Ihnen vorab schon empfiehlt, den Impfstatus zu aktualisieren. Also sprich, auch darauf zu achten, dass man vorbeugend vorsorgen kann für eine verbesserte Infektabwehr. Aber Sie selbst könnten natürlich auch den Hausarzt ansprechen, wenn hier beim Facharzt nicht genügend Zeit ist. Der Hausarzt kann Sie hier beraten. Oder man kann natürlich auch für eine Impfberatung bei Immunsuppression in spezialisierte Impfzentren gehen und hier eine Impfberatung in Anspruch nehmen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Immunsuppression verstehen“

Impfen und Immunsuppression

Welche Arten von Impfstoffen gibt es?

Zu den Arten von Impfstoffen: Hier kann man umgangssprachlich einmal ganz einfach unterscheiden: Es gibt Tot- und Lebendimpfstoffe . Bei Lebendimpfstoffen bezieht man sich darauf, dass noch lebende, also sich vermehrungsfähige Viren oder Bakterien im Impfstoff befinden. Und das bedeutet, wenn sie verabreicht werden, kommt es zu einer Vermehrung dieser Krankheitserreger, aber in abgeschwächter Form im Körper, sodass es bei einem gesunden Immunsystem zu keiner Erkrankung oder zu keinen Symptomen kommt. Aber die Gefahr besteht eben, dass in einem geschwächten Immunsystem hier Krankheitssymptome auftreten können. Demgegenüber ist es bei den Totimpfstoffen so – das umfasst jetzt eine größere Gruppe von unterschiedlichen Impfstoffarten- , dass nur nicht vermehrungsfähige Bestandteile in den Impfstoffen enthalten sind. Das ist wichtig für die Sicherheit der Impfstoffe und dass diese eben auch unter Immunsuppression gegeben werden können.

Das bedeutet jetzt von den Arten her: Es kann sein, dass hier ein ganzes Virus oder Bakterium genommen und inaktiviert wird, also insofern unschädlich gemacht wird. Oder es kann sein, dass nur Erregerbestandteile verwendet werden. In den Impfstoffen werden manchmal auch ganz gezielt nur einzelne Eiweiße , Proteine, im Labor produziert, auf die eine Immunantwort aufgebaut werden kann, die dann in weiterer Folge vor dieser Infektion schützen soll. Es kann sein, dass zum Beispiel virusähnliche Partikel produziert werden. Sprich, die täuschen dem Körper ein Virus vor. Aber diese Viruspartikel enthalten kein genetisches Material, das heißt, sie sind nicht vermehrungsfähig, können aber trotzdem die Immunreaktion dagegen einleiten.

Und es gibt weitere Beispiele, etwa dass man von bestimmten Bakterien nur Zuckeroberflächenzucker Proteine nimmt, die für das Immunsystem aber meistens nicht stark genug sind, um eine langanhaltende Immunreaktion einzuleiten. Und deswegen werden die meistens noch an andere Proteine, also Eiweiße, gebunden, damit eine verbesserte Immunantwort erzeugt wird. Und diese Impfstoffe nennt man Konjugatimpfstoffe. Klassisch sind das die Pneumokokkenimpfstoffe, die bei uns eingesetzt werden. Eine andere Variante sind noch die Diphtherie-, Tetanus- und Pertussis-Impfstoffe. Hier wird das Toxin, das normalerweise vom Erreger der Krankheit verursacht wird, genommen. Das wird unschädlich gemacht und dann im Impfstoff verabreicht. Also das heißt, auch hier kann man sozusagen auf sichere Art und Weise die Immunreaktion hervorrufen.

Und zu den neueren Totimpfstoffen gehören die mRNA- oder Vektorimpfstoffe. Hier ist es so, dass nicht der Krankheitserreger wie zum Beispiel das COVID-Virus oder die Influenzaviren verabreicht werden, sondern nur die genetische Information für einen Bestandteil dieser Viren. Und der Körper muss selber dann dieses Protein produzieren und in weiterer Folge dann die Antwort auf dieses Protein machen. Und das ist dann eigentlich erst die schützende Antwort vor der Infektion. Hier ist es aber auch so, dass die mRNA-Impfstoffe und Vektorimpfstoffe, die bei uns in Europa verwendet werden, eben nicht vermehrungsfähige Krankheitserreger enthalten.

Ein wichtiger Punkt für all die genannten Totimpfstoffe, sei es jetzt inaktivierte Ganzvirusimpfstoffe oder auch Konjugatimpfstoffe oder mRNA-Impfstoffe ist, dass diese keine vermehrungsfähigen Bestandteile der Krankheitserreger enthalten und somit auch unter Immunsuppression sicher in der Anwendung sind.

Welche Impfstoffe sind für immunsupprimierte Personen geeignet?

Zu dem Punkt „Welche Impfstoffe können wir unter Immunsuppression verimpfen?“: Hier nehme ich wieder Bezug auf Lebend- und Totimpfstoffe. Das heißt, Lebendimpfstoffe, in denen vermehrungsfähige Infektionserreger enthalten sind, dürfen unter Immunsuppression nicht angewandt werden. Das ist einmal die generelle Aussage. Wobei, wenn man hier nochmal genauer hinschaut und sich anschaut, ob hier eine leichte, mittlere oder schwergradige Immunsuppression vorliegt, dann kann es Ausnahmen geben. Unter leichter Immunsuppression können sehr wohl Lebendimpfstoffe noch ohne Sicherheitsbedenken eingesetzt werden. Bei mittlerer Immunsuppression ist es so, dass man eine Nutzen-Risiko-Abwägung machen sollte. Ist diese Impfung wirklich notwendig für diese Person, dann kann die Lebendimpfung bei entsprechender Immunfunktion auch bei mittlerer Immunsuppression verabreicht werden. Und bei schwerer Immunsuppression gibt es aber eine generelle Kontraindikation. Das bedeutet, man soll Lebendimpfstoffe nicht bei schwerer Immunsuppression verabreichen. Und da geht es wirklich um das Sicherheitsrisiko, weil diese vermehrungsfähigen Impfviren oder -bakterien die Erkrankung auslösen könnten, bei den Personen mit geschwächtem Immunsystem.

Totimpfstoffe sind sicher in der Anwendung unter Immunsuppression, das heißt, die können auch unter der Therapie verabreicht werden. Hier ist das Thema aber, wie gut sie wirksam sein können. Auch wieder Bezug nehmend auf den Schweregrad der Immunsuppression: Bei leichter und mittlerer Immunsuppression kann man üblicherweise mit einem ganz normalen Impfansprechen rechnen, das heißt, die Schutzrate wird im Vergleich zu gesunden Personen nicht verändert sein.

Bei der schweren Immunsuppression ist es so, dass Totimpfstoffe hier auch sicher in der Anwendung sind. Aber das Thema ist, dass die Immunantwort abgeschwächt sein kann oder es in manchen Fällen einer schweren Immunsuppression zu gar keinem Impfansprechen kommt. Das könnte man feststellen, indem man Impftiter , sozusagen also die Antikörper , die nach einer Impfung gegen die Impfantigene oder gegen die Impfstoffbestandteile produziert werden, im Labor misst. Und das würde dann bedeuten für diese Personen, dass man noch einmal eine weitere Impfdosis verabreichen müsste oder sich ein Intervall in Bezug auf die immunsupprimierenden Medikamentengaben genauer anschauen sollte, ob es idealere Zeitpunkte für eine Impfung gibt.

Wann sollte idealerweise geimpft werden?

Die idealen Impfzeitpunkte sind natürlich klarerweise vor einer Immunsuppression. Das ist natürlich eine Möglichkeit bei Personen, die noch abwarten können, bis eine schwere Immunsuppression aufgrund ihrer Grunderkrankung eingeleitet wird. Das ist in manchen Fällen möglich. Dann muss man sich auch eine Planung überlegen. Dabei müssen zum Beispiel Lebendimpfstoffe bis vier Wochen vor Einleitung der immunsupprimierenden Therapie verabreicht werden. Und bei Totimpfstoffen kann man noch bis zwei Wochen vor der immunsupprimierenden Therapie gut impfen, so dass auch wirklich danach eine schützende Impfantwort aufgebaut werden kann. Aus Sicherheitsgründen, wie vorher erwähnt, kann natürlich ein Totimpfstoff auch während einer Therapie noch verabreicht werden, wenn sich das davor nicht ausgegangen ist. Bei manchen Erkrankungen, zum Beispiel angeborenen Immundefekten, ist das natürlich nicht möglich. Den Zeitpunkt vor einer Immunsuppression gibt es nicht. Hier muss man dann wirklich besonders mit den Fachärzten besprechen, dass die normalen Grundimmunisierungen gemacht werden, also sprich der Aufbau der Immunantwort ermöglicht wird und hier dann auch kontrolliert wird, ob die Impfungen wirklich angegangen sind.

Es gibt natürlich auch schwere Immundefekte, wo mit gar keiner Impfantwort zu rechnen ist. Und hier wird man auf andere Möglichkeiten wie Immunglobulin-Gaben, die auch eine Schutzwirkung ausüben können, zurückgreifen müssen. Dann gibt es natürlich noch den Zeitpunkt während einer Therapie. Hier geht es einerseits um die Sicherheit. Wie gesagt, Lebendimpfstoffe während einer schweren Immunsuppression sind nicht möglich aus Sicherheitsgründen. Aber Totimpfstoffe können sehr wohl gegeben werden. Hier haben wir nur das Thema, dass diese manchmal nicht ausreichend ihre Wirkung entfalten können, sprich man muss sich überlegen, ob in gewissen Fällen auch Antikörperüberprüfungen Sinn machen. Dahingegen gibt es eine Ausnahme: saisonale Impfstoffe, wie die Grippe- oder auch COVID-Impfung. Die sollten in jedem Fall auch während einer schweren Immunsuppression gegeben werden. Und hier ist auch keine Antikörperüberprüfung mehr möglich, sondern das sind sich jährlich wiederholende Impfungen, die empfohlen werden.

Und es gibt natürlich auch bei manchen Immunsuppressionsformen die Möglichkeit, dass es ein „Danach“ gibt. Also sprich, wenn eine Therapie in weiterer Folge abgesetzt wird, zum Beispiel eine Chemotherapie erfolgreich war und dann zu Ende ist. Hier ist es so, dass das Immunsystem immer einen gewissen Zeitrahmen braucht, um sich wieder zu erholen und dann Impfungen wieder gut möglich sind, wo man mit einem guten Ansprechen rechnen kann. Bei Chemotherapien wäre das nach drei Monaten. Totimpfstoffe kann man dann wieder so einschätzen, dass mit einer regelrechten Immunantwort gerechnet wird. Lebendimpfstoffe sollte man frühestens erst nach sechs Monaten und wenn sich das Blutbild erholt hat, einsetzen. Aber auch wenn im Rahmen einer Therapie Strahlentherapie eingesetzt wurde, gibt es hier auch aus Sicherheitsgründen einen Abstand von sechs Wochen für Lebendimpfungen einzuhalten. Und bei anderen Therapieformen wie der Stammzelltransplantation ist es auch so, dass gewisse Fristen eingehalten werden sollen, weil sich das neue Immunsystem ja erst etablieren muss im Körper. Das heißt, frühestens nach drei Monaten kann man saisonal impfen und dann in der Folge das Impfprogramm planen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Impfen und Immunsuppression“

Impfstrategien bei Immunsuppression

Welche Impfungen sind für immunsupprimierte Menschen wichtig?

Für immunsupprimierte Menschen gibt es ganz klare Impfempfehlungen. Nachdem ich aus Österreich komme, ist natürlich der Bezug auf den österreichischen Impfplan bzw. die österreichischen Empfehlungen naheliegend. Die unterscheiden sich aber nur geringfügig im deutschsprachigen Raum, das heißt die Basisimpfungen oder Standardimpfungen, die jeder unabhängig von einer Grunderkrankung in Abhängigkeit des Alters haben sollte, sind immer empfohlen, auch für immunsupprimierte Menschen. Hier kann es nur sein, dass häufigere Auffrischungen oder regelmäßige Auffrischungen notwendig sind und sich hierdurch die Empfehlungen von immungesunden Leuten unterscheiden. Welche Impfstoffe sind das klassischerweise? Das ist die sogenannte Vierfachimpfung bei Erwachsenen, die die Komponenten Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung enthält. Hier sind zumindest vor einer Immunsuppression oder auch währenddessen Auffrischungen empfohlen. Dann bei Endemiegebieten für die FSME, also Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch Zecken übertragen wird, ist auch diese Impfung empfohlen. Also sprich für alle in Österreich Lebenden eine aktuelle Impfung sowie auch eine Grundimmunisierung gegen Hepatitis B, die laut WHO jeder Mensch haben sollte. Bei Immunsuppression würde man auch noch einmal überprüfen, ob hier der Impfschutz wirklich gegeben ist und gegebenenfalls nachimpfen.

Welche saisonalen Impfungen sollten regelmäßig eingeplant werden?

Zu den regelmäßigen saisonalen Impfungen, die man unter Immunsuppression einplanen sollte, gehören einerseits die Influenza-, also Grippeimpfung, die COVID- und die RSV-Impfung. Hier gibt es Unterschiede. Bei Grippe und COVID ist es so, dass jährlich eine Auffrischung empfohlen wird. Das liegt daran, dass die Viren sich verändern und dadurch jedes Jahr neu angepasste Impfstoffe auf den Markt kommen und diese dann jährlich wieder verabreicht werden sollen.

Bei der RSV-Impfung sind die Empfehlungen anders. Hier ist es so, dass die RS-Viren relativ stabil sind, also sich nicht so verändern wie Grippe- und COVID-Viren über die Saison und dadurch vorerst eine einmalige Impfung empfohlen ist und wir noch Daten abwarten müssen, wann Auffrischungsimpfungen gegeben werden sollen.

Welche Impfungen können zusätzlich je nach persönlicher Situation erforderlich sein?

Weitere Impfungen, die unter Immunsuppression je nach persönlicher Situation erforderlich sein können, hängen jetzt einerseits vom Alter ab, wie zum Beispiel die HPV-Impfung, die bis zum 30. Lebensjahr besonders indiziert ist, aber auch vor allem bei Immunsuppression noch im späteren Lebensalter empfohlen sein kann und auch in Abhängigkeit von Grunderkrankungen, zum Beispiel bei Erkrankungen des Bindegewebes, Autoimmunreaktionen im Bindegewebe kann das auch ein lebenslang die Empfehlung sein. Weitere zusätzliche Empfehlungen, die in jedem Erwachsenenalter unter Immunsuppression gelten, sind die Impfungen gegen Pneumokokken. Hier ist wirklich in jedem Lebensalter diese Impfung empfohlen. Bei den Pneumokokken ist es noch einmal eine spezielle Situation, im Gegensatz zu gesunden Personen. Hier wird ein zweiteiliges Schema empfohlen. Sprich, es kommt zuerst ein Impfstoff, der eine gewisse Menge an Serotypen enthält, die die unterschiedlichen Pneumokokken beschreiben. In einem Mindestabstand von acht Wochen ist eine zweite Pneumokokkenimpfung mit einem anderen Impfstoff empfohlen. Und dies gilt besonders für Leute unter Immunsuppression. Eine weitere Impfung, die auch bei allen Erwachsenen unter Immunsuppression empfohlen ist, ist die Gürtelrose-Impfung. Hier geht es wirklich darum, das Risiko einer Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus zu vermindern und, sprich, die Erkrankung der Gürtelrose zu verhindern und auch das Schmerzsyndrom, das nach der Gürtelrose auftreten kann. Das heißt, auch hier ist es eine zweiteilige Impfung, bei der aber zweimal derselbe Impfstoff verabreicht wird, normalerweise in einem Abstand von zwei Monaten. Unter Immunsuppression oder auch kurz vor Einleitung einer Immunsuppression kann dieser Abstand auch auf einen Monat verkürzt werden. Was man bei dieser Impfung noch erwähnen sollte, ist, dass die Reaktogenität, also das heißt die Reaktionen, die man auf die Impfung hat, durchaus stärker ausfallen können. Sprich man kann stärkere Lokalreaktionen rund um die Injektionsstelle haben: Rötung, Schwellung, Schmerzen, die stärker als üblich ausfallen. Oder manche Leute können sogar Fieber oder Schüttelfrost nach der Impfung entwickeln. Ein Thema ist dann natürlich auch: Je stärker die Immunsuppression ist, desto weniger fallen auch diese Reaktionen üblicherweise aus. Das liegt an der Abschwächung der Immunreaktionen. In gewissen Fällen der Immunsuppression, zum Beispiel, wenn keine Milz mehr vorhanden ist oder wenn die Milzfunktion durch Grunderkrankungen eingeschränkt ist, dann sind auch noch Impfungen gegen die bekapselten Bakterien empfohlen. Das sind Impfungen gegen Pneumokokken, die sowieso empfohlen sind, Meningokokken und Haemophilus influenzae.

Ein besonderes Thema in der Impfberatung ist natürlich auch die Frage nach zukünftig geplanten Reisen. Das kann vor allem für Leute von Bedeutung sein, wenn neu eine Immunsuppression eingeleitet wird und noch Zeit ist, Impfungen zu verabreichen. Dann empfiehlt es sich hier wirklich, zukünftige Destinationen auch zu besprechen. Denn im Hinblick auf Lebendimpfungen, wie die Gelbfieberimpfung, bestehen ja internationale Impfvorschriften, das heißt die Personen müssen auch einen Impfnachweis bei Einreise vorweisen können. Und in diesem Fall wäre es natürlich günstig, in einer Phase ohne Immunsuppression oder mit nur milder Immunsuppression diese Impfungen zu verabreichen. Aber auch bei Totimpfstoffen wäre es natürlich viel besser, in einer stabilen, niedrig immunsupprimierten Phase Grundimmunisierungen gegen unterschiedlichste Erreger durchzuführen, damit man dann, wenn es einem später unter der Therapie wieder so weit gut geht, dass man an Reisen denken kann, diese auch durchführen kann.

Welche besonderen Impfempfehlungen gelten nach einer Stammzellentransplantation?

Im Fall einer Stammzelltransplantation gibt es gesonderte Impfempfehlungen. Denn hier ist es ja so, dass durch die vorbereitende Chemotherapie vor der Stammzelltransplantation alle bösartigen Blutzellen, aber auch die gesunden Blutzellen abgetötet wurden und somit aber auch der schon im Laufe des Lebens erworbene Schutz gegenüber Infektionserregern ausradiert wird. Im Grunde wie ein Resetknopf. Und wenn Stammzellen reinfundiert werden, sei es jetzt von einem Spender oder seien sie vor der Chemotherapie von einem selbst gewonnen worden, dann müssen sich diese Stammzellen erst über einen gewissen Zeitraum wieder einleben, im Körper also etablieren.

Und in der Folge kann man ab frühestens drei Monaten mit saisonalen Impfungen, sprich der Influenza , der COVID Impfung, aber auch der RSV Impfung beginnen. Und das nach drei Monaten aber nur dann, wenn gerade die Wintersaison ist, wo diese Viren eben krankheitsverursachend vorkommen.

Ab sechs Monaten kann man dann mit anderen Totimpfstoffen, inaktivierten Impfstoffen, beginnen. Hier beginnen aber die Grundimmunisierungen, das heißt, es ist nicht ausreichend, einfach nur eine Impfdosis zu verabreichen, sondern man muss wie bei einem kindlichen Immunsystem wirklich ganz neu mit den Impfschemata beginnen. Das sind dann mehrteilige Impfungen. Meist beginnt man mit der Pneumokokkenimpfung, die dreimal in einem Monat Abstand verabreicht wird, mit einer Auffrischung nach einem Jahr. Nach demselben Schema würde man auch mit dem Sechsfachimpfstoff vorgehen, den man aus der Kinderheilkunde kennt. Also das ist auch einer der ersten Impfstoffe, die Babys bekommen, und er beinhaltet Antigene gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hepatitis B und Haemophilus. Auch hier gibt es eben dieses mehrteilige Impfschema. Weiters sind relativ am Anfang auch noch Impfungen gegen Gürtelrose, Herpes zoster, geplant. Bei in Endemiegebieten lebenden Leuten ist wieder die FSME-Impfung vorgesehen, die neu gestartet werden muss, und innerhalb von zwei Jahren nach Immunsuppression sind auch Meningokokkenimpfungen vorgesehen. Hier stehen unterschiedliche Impfstoffe zur Verfügung, die auch im Rahmen einer Grundimmunisierung wieder verabreicht werden. Sollten Reisen in dieser Phase schon geplant werden, würde man auch neu mit der Hepatitis-A-Impfung oder anderen Reiseimpfungen starten. Aber wie gesagt, wichtig ist: Innerhalb von zwei Jahren nach einer Stammzelltransplantation werden hier nur Totimpfstoffe verabreicht. Lebendimpfstoffe, das bezieht sich dann auf Masern, Mumps, Röteln, aber auch Varizellen, also Windpocken, Feuchtblattern, können üblicherweise erst nach zwei Jahren nach Stammzelltransplantation verabreicht werden, wenn die Immunität bei den Personen verloren wurde.

Ein Punkt besteht auch noch, wenn Personen eine sogenannte Graft-versus-Host-Disease haben, sprich, wenn Spenderzellen den Körper des Empfängers angreifen können. Dann kann es an unterschiedlichen Organen oder im Körper zu Immunreaktionen kommen. In dieser akuten Phase dieser Spender-gegen-Empfänger-Reaktion sollte man keine Impfungen verabreichen. Hier ist es auch oft so, dass stärkere Immunsuppression eingesetzt werden muss, um diese Reaktionen zu unterdrücken und zu unterbinden. Und erst im Verlauf, wenn sich das wieder zurückgebildet hat oder sich auch stabil chronisch etabliert hat, dann können Impfungen wieder verabreicht werden.

Hier geht es zum Video-Interview: „Impfstrategien bei Immunsuppression“

Impfschutz bei Immunsuppression

Wie sicher sind Impfungen für Personen mit Immunsuppression?

Wenn es um die Sicherheit von Impfungen bei Immunsuppression geht, müssen wir wieder auf die Unterscheidung der Impfstoffe zurückgehen, und zwar Lebendimpfstoffe und Totimpfstoffe. Hier ist es so, dass Lebendimpfstoffe keine ausreichende Sicherheit haben, um bei schwer immunsupprimierten Personen eingesetzt zu werden. Das heißt, hier besteht eine klare Kontraindikation. Bei Personen mit mittlerer oder milder Immunsuppression kann durchaus mit Lebendimpfungen gearbeitet werden. Ein Punkt in Richtung Totimpfstoffe: Hier ist es so, dass die Sicherheit für die Anwendung all der unterschiedlichen Totimpfstoffe gegeben ist. Aber man muss darauf achten, vor allem bei schwerer Immunsuppression, ob die Wirksamkeit ausreichend gegeben ist, weil durch die schwere Immunsuppression natürlich auch die schützenden Immunantworten unterdrückt werden können. Und in diesen Fällen hat man auch noch die Möglichkeit, Antikörper für gewisse Impfungen zu überprüfen, für die es validierte Tests gibt, also sprich Tests, die ausreichend geprüft sind und wo wir auch wirklich eine Aussage in Bezug auf Schutz vor Infektion oder nicht machen können.

Wie lange hält sich der Impfschutz bei Immunsuppression und wann sind Auffrischungen notwendig?

Eine wichtige Frage, die Sie sich natürlich wahrscheinlich stellen, wenn man Ihnen einen Impfplan aufzeigt, ist: Wie lange hält das? Wie lange hält dieser Schutz? Bzw. wann muss ich auffrischen, wie lange hält der Schutz? Es ist so, dass es hier natürlich nicht für jede Art der Immunsuppression Daten gibt. Das Wichtige ist aber, dass man die regulären Auffrischungsintervalle, die für die Impfungen vorgegeben sind, einhält. Bei Immunsuppression kann es auch anders sein. Am Beispiel der Pneumokokkenimpfung: Für gesunde Leute ist das oft eine einmalige Impfung, die empfohlen wird und auch nicht aufgefrischt wird. Bei Personen unter Immunsuppression kann es sein, Sie haben vielleicht schon vor ein paar Jahren eine Pneumokokkenimpfung erhalten und bekommen jetzt die Empfehlung, dass spätestens sechs Jahre nach der letzten Impfung eine Auffrischung fällig ist. Und hier geht es wirklich darum, dass man den Immunschutz laufend auffrischt und aufrechterhalten kann.

Wann ist es sinnvoll, einen Impfschutz zu überprüfen? Wird das regelmäßig gemacht?

Eine Frage betrifft die umgangssprachlich genannte Titerüberprüfung oder Antikörpermessung, wo wir Antikörper gegen Impfstoffbestandteile des Erregers messen. Das ist wirklich nur dann der Fall, wenn eine schwere Immunsuppression vorliegt und eine Empfehlung zur Überprüfung besteht, und auch nur dann sinnvoll, wenn wir wirklich einen Test zur Verfügung haben, der uns unterscheiden lässt: Mit einer gewissen Antikörpermenge besteht ein Schutz vor der Infektion. Also sprich, hier gab es Berechnungen, wie gut die Antwort sein muss, um einen Schutz zu bekommen. Ein Beispiel hierfür wäre die Hepatitis-B-Impfung. Hier gibt es wirklich ganz klare Richtwerte, ab welchem Antikörpermesswert wir von Schutz sprechen können. Genauso auch bei Diphtherie und Tetanus. Bei Wundstarrkrampf kann man ganz genau eine Aussage über den Schutz anhand der Antikörperspiegel machen. Bei anderen Impfstoffen ist das nicht so einfach möglich, zum Beispiel bei der Pneumokokkenimpfung. Hier können wir zwar Antikörper messen, aber diese Höhe der Antikörper gibt uns keine Aussage darüber, ob man geschützt ist oder nicht. Die Möglichkeit, die man hier hat, ist, dass man eine Blutabnahme vor der Impfung macht und dann vier Wochen oder auch bis zu zwei Monate nach der Impfung eine weitere Blutabnahme macht und man könnte dann anhand eines Anstiegs des Titerwertes eine Aussage treffen, ob das Immunsystem diese Impfung wirklich gut bearbeiten konnte und eine Immunantwort machen konnte. Aber das wäre dann auch die alleinige Aussage. Wir können bei manchen Krankheitserregern einfach aufgrund der mangelnden Daten keine Aussage über den Schutz machen.

Warum können Impfungen meiner Angehörigen wichtig für mich sein?

Ein ganz wichtiger Punkt ist natürlich auch die Einbeziehung der Angehörigen oder eigentlich allgemein der engen Kontaktpersonen in der Impfberatung. Denn wenn es um Krankheitserreger geht, die von Mensch zu Mensch direkt übertragbar sind, dann ist es natürlich von Vorteil, wenn auch die Umgebung geschützt ist und somit nicht erkranken und jemandem, der gerade unzureichend geschützt ist sowie unter schwerer Immunsuppression steht, den Infektionserreger nicht weitergeben kann. Also man kann somit auch das Infektionsrisiko minimieren. Über die engen Kontaktpersonen. Und hier ist es so, dass es für alle engen Kontaktpersonen empfohlen ist, dass sie altersgemäß nach den Impfempfehlungen geimpft sind. Besonders wichtig ist hier ein aufrechter Schutz gegenüber Masern, Mumps, Röteln und Varizellen. Das ist besonders wichtig, damit es hier nicht zu Übertragungen kommt, weil diese Infektionen unter Immunsuppression wirklich sehr schwer verlaufen können. Genauso wäre es empfehlenswert, dass Angehörige und enge Kontaktpersonen gegen die saisonalen Erreger geimpft werden und hier auch das Erkrankungsrisiko minimiert wird. Und da spricht man dann eben über den kollektiven Schutz. Das heißt, wenn genügend Leute in der Umgebung den Impfschutz haben, dann kann die Krankheitsübertragung auch nur erschwert stattfinden. Ich kann dazu auch noch ein Beispiel geben: die Maserninfektion. Hier ist es wirklich so, wenn wir einen Maserninfizierten haben und diese Person trifft auf gegen Masern ungeschützte Personen, steckt sie im Durchschnitt 12 bis 18 Leute an mit Masern. Das heißt, das ist ein hochinfektiöses Virus, das wirklich nahezu 100 % der ungeschützten Kontaktpersonen ansteckt. Und demgegenüber wissen wir aber auch, dass, wenn wir eine genügend hohe Durchimpfungsrate haben, das betrifft jetzt die allgemeine Bevölkerung, von über 95 %, dann wissen wir, dass Masern-Übertragungsketten einfach nicht vorkommen können. Und das heißt hier auch der Aufruf, eigentlich nicht nur die engen Kontaktpersonen, sondern auch im Verantwortungsbereich der allgemeinen Bevölkerung, dass sie auf ihren Impfschutz, Immunschutz achten, um somit Leute in der Bevölkerung schützen zu können, die nicht geimpft werden können unter gewissen Voraussetzungen, wie zum Beispiel schwerer Immunsuppression.

Hier geht es zum Video-Interview: „Impfschutz bei Immunsuppression“

Impfen bei Organtransplantation

Welche Impfungen sollten vor einer Organtransplantation erfolgen?

Ein Punkt bei der Organtransplantation ist natürlich, dass es ein Davor und ein Danach gibt. Sprich vor der Organtransplantation. Wenn genügend Zeit für eine Impfplanung da ist, dann sollten alle Impfungen gemäß dem österreichischen Impfplan für das Alter der Person aufgefrischt werden. Beziehungsweise wenn Grundimmunisierungen fehlen, also eine Person gegen einen Erreger noch nie Impfungen erhalten hat, dann sollte damit begonnen werden. Der Grund ist, dass nach Transplantation eine schwere Immunsuppression besteht und hier einfach das Ansprechen verringert sein kann. Was vor Immunsuppression oder vor Organtransplantation dann auch noch besonders wichtig wäre, ist, Impfungen mit Lebendimpfstoffen zu verabreichen, weil das danach aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich ist. Und hier gilt ein Intervall von vier Wochen: Es muss ein Mindestabstand einer Lebendimpfung zur Organtransplantation eingehalten werden. Bei Totimpfstoffen wäre es optimal, wenn diese Impfungen zwei Wochen vor Organtransplantation schon abgeschlossen sind, um eine möglichst gute Impfantwort zu ermöglichen.

Was verändert sich nach der Organtransplantation beim Impfschutz?

Nach einer Organtransplantation ist es so, dass das Spenderorgan natürlich geschützt werden muss vor dem Immunsystem und deswegen schwere immunsupprimierende Medikamente eingesetzt werden für eine gewisse Phase. In dieser Phase macht es dann üblicherweise für drei Monate keinen Sinn, Impfungen zu verabreichen mit der einzigen Ausnahme saisonaler Impfungen: Wenn gerade Grippesaison, COVID-Saison oder RSV-Saison ist, dann kann man diese saisonalen Impfstoffe schon ab einem Monat nach Organtransplantation einsetzen. Im Fall, dass die Organtransplantation außerhalb der Saison stattgefunden hat, dann würde man mit weiteren Impfungen frühestens nach drei Monaten bzw. bis zu sechs Monaten abwarten, bis nach der Transplantation die Immunsuppression schon zurückgefahren werden kann und man dann eben auch mit einer besseren Impfantwort rechnen kann. Das bezieht sich auf alle Totimpfstoffe wiederum, denn Lebendimpfstoffe sind nach einer Organtransplantation üblicherweise lebenslang nicht mehr möglich aus Sicherheitsgründen.

Welche besonderen Risiken oder Empfehlungen gelten nach Organtransplantationen?

Nach Organtransplantation ist es so, dass die Immunsuppression zum Schutz des Spenderorgans ja ein Leben lang verabreicht werden muss bzw. eingenommen werden muss und dadurch natürlich die Risiken für Infektionen ein Leben lang erhöht sind, ebenso wie für einen schweren Verlauf der Infektion. Und aus diesem Grund ist es von Bedeutung, dass man Impfungen nicht nur einmalig gibt, sondern auch regelmäßig auffrischt anhand der empfohlenen Impfintervalle.

Hier geht es zum Video-Interview: „Impfen bei Organtransplantation“

Meine Nachricht an Sie

Was ich Ihnen abschließend noch mitgeben möchte: Egal, in welchem Stadium Sie sich befinden, ob vor einer Immunsuppression oder wenn die Therapie schon läuft, es ist immer ein guter Zeitpunkt, eine Beratung hinsichtlich Infektionsprophylaxe anzunehmen. Auch in jeder Phase können Impfangebote gemacht werden. Anlaufstellen können hier einerseits Ihr Hausarzt, Ihr behandelnder Facharzt oder auch spezialisierte Impfzentren sein, die sich mit immunsupprimierten Patienten beschäftigen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Meine Nachricht an Sie“

EM-AUT-RVV-0028 | Geprüft Dr.in Angelika Wagner, PhD: Oktober 2026 | Quellen und Bildnachweis
Antikörper
(Immunoglobuline)
Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
Chemotherapie
Behandlung mit Medikamenten (Zytostatika), die das Wachstum von Krebszellen hemmen sollen.
Chronisch
(Gegenteil: akut)
Sich über einen längeren Zeitraum allmählich entwickelnd oder bereits lange andauernd.
Eiweiße
(Proteine)
Eiweiße, auch bekannt als Proteine, sind Makromoleküle, die aus Ketten von Aminosäuren bestehen. Sie spielen eine entscheidende Rolle im Aufbau und der Funktion von Zellen und Geweben im Körper.
Immunantwort
Reaktion des Immunsystems auf Organismen oder Substanzen, die es für schädlich hält. Das Abwehrsystem des Körpers kann nach einer durchgemachten Krankheit oder nach einer Impfung einen Krankheitserreger erkennen. Das Immunsystem reagiert und bekämpft den Krankheitserreger.
Immunsuppression
Unterdrückung des körpereigenen Immunsystems oder Abschwächung des Immunsystems. Diese Wirkung kann im Rahmen einer Therapie erwünscht oder eine Nebenwirkung sein.
Impftiter
Der Impftiter ist ein Blutwert. Er zeigt, wie viele Abwehrstoffe gegen eine bestimmte Krankheit im Blut vorhanden sind. Diese Abwehrstoffe können nach einer Impfung entstehen. Der Wert kann helfen einzuschätzen, ob noch ein Impfschutz besteht.
Influenza
Durch Influenzaviren verursachte Infektionskrankheit. Beginnt plötzlich und führt zu hohem Fieber, Schüttelfrost, starken Kopf- und Gliederschmerzen, trockenem Husten sowie starkem Krankheitsgefühl.
Lebendimpfung
Lebendimpfstoffe enthalten abgeschwächte, funktionsfähige Viren, die in den Körper eingebracht das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern stimulieren. Lebendimpfstoffe können unter Umständen, besonders bei immungeschwächten Personen, krankheitsähnliche Symptome auslösen. Im Unterschied dazu siehe „Totimpfstoff“.
Prophylaxe
(Vorbeugung)
Maßnahmen, die der Verhütung sowie Vorbeugung von Krankheiten beziehungsweise deren Folgen dienen. Anders als eine Bedarfstherapie wird eine Therapie zur Prophylaxe zur Vorbeugung einer Erkrankung oder deren Folgen durchgeführt und nicht nur bei Symptomen.
Stammzelltransplantation
Verfahren, bei dem einer Patientin/einem Patienten gespendete Stammzellen verabreicht werden. Dadurch wird das blutbildende System und das Immunsystem nach einer Therapie (z.B. Chemotherapie oder Bestrahlung) wieder aufgebaut. Nach einer Vorbereitungsphase werden die gespendeten Stammzellen mithilfe einer Infusion verabreicht.
Strahlentherapie
Behandlung mit hochenergetischen Strahlen, um Krebszellen abzutöten.
Totimpfstoff
Impfstoff, der mit abgetöteten Viren oder Teilen von Krankheitserregern hergestellt wird. Diese regen das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern an. Es besteht kein Risiko einer Infektion. Im Unterschied dazu siehe „Lebendimpfung“.