Welche Impfungen sind für immunsupprimierte Menschen wichtig?
Für immunsupprimierte Menschen gibt es ganz klare Impfempfehlungen. Nachdem ich aus Österreich komme, ist natürlich der Bezug auf den österreichischen Impfplan bzw. die österreichischen Empfehlungen naheliegend. Die unterscheiden sich aber nur geringfügig im deutschsprachigen Raum, das heißt die Basisimpfungen oder Standardimpfungen, die jeder unabhängig von einer Grunderkrankung in Abhängigkeit des Alters haben sollte, sind immer empfohlen, auch für immunsupprimierte Menschen. Hier kann es nur sein, dass häufigere Auffrischungen oder regelmäßige Auffrischungen notwendig sind und sich hierdurch die Empfehlungen von immungesunden Leuten unterscheiden. Welche Impfstoffe sind das klassischerweise? Das ist die sogenannte Vierfachimpfung bei Erwachsenen, die die Komponenten Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung enthält. Hier sind zumindest vor einer Immunsuppression oder auch währenddessen Auffrischungen empfohlen. Dann bei Endemiegebieten für die FSME, also Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch Zecken übertragen wird, ist auch diese Impfung empfohlen. Also sprich für alle in Österreich Lebenden eine aktuelle Impfung sowie auch eine Grundimmunisierung gegen Hepatitis B, die laut WHO jeder Mensch haben sollte. Bei Immunsuppression würde man auch noch einmal überprüfen, ob hier der Impfschutz wirklich gegeben ist und gegebenenfalls nachimpfen.
Welche saisonalen Impfungen sollten regelmäßig eingeplant werden?
Zu den regelmäßigen saisonalen Impfungen, die man unter Immunsuppression einplanen sollte, gehören einerseits die Influenza-, also Grippeimpfung, die COVID- und die RSV-Impfung. Hier gibt es Unterschiede. Bei Grippe und COVID ist es so, dass jährlich eine Auffrischung empfohlen wird. Das liegt daran, dass die Viren sich verändern und dadurch jedes Jahr neu angepasste Impfstoffe auf den Markt kommen und diese dann jährlich wieder verabreicht werden sollen.
Bei der RSV-Impfung sind die Empfehlungen anders. Hier ist es so, dass die RS-Viren relativ stabil sind, also sich nicht so verändern wie Grippe- und COVID-Viren über die Saison und dadurch vorerst eine einmalige Impfung empfohlen ist und wir noch Daten abwarten müssen, wann Auffrischungsimpfungen gegeben werden sollen.
Welche Impfungen können zusätzlich je nach persönlicher Situation erforderlich sein?
Weitere Impfungen, die unter Immunsuppression je nach persönlicher Situation erforderlich sein können, hängen jetzt einerseits vom Alter ab, wie zum Beispiel die HPV-Impfung, die bis zum 30. Lebensjahr besonders indiziert ist, aber auch vor allem bei Immunsuppression noch im späteren Lebensalter empfohlen sein kann und auch in Abhängigkeit von Grunderkrankungen, zum Beispiel bei Erkrankungen des Bindegewebes, Autoimmunreaktionen im Bindegewebe kann das auch ein lebenslang die Empfehlung sein. Weitere zusätzliche Empfehlungen, die in jedem Erwachsenenalter unter Immunsuppression gelten, sind die Impfungen gegen Pneumokokken. Hier ist wirklich in jedem Lebensalter diese Impfung empfohlen. Bei den Pneumokokken ist es noch einmal eine spezielle Situation, im Gegensatz zu gesunden Personen. Hier wird ein zweiteiliges Schema empfohlen. Sprich, es kommt zuerst ein Impfstoff, der eine gewisse Menge an Serotypen enthält, die die unterschiedlichen Pneumokokken beschreiben. In einem Mindestabstand von acht Wochen ist eine zweite Pneumokokkenimpfung mit einem anderen Impfstoff empfohlen. Und dies gilt besonders für Leute unter Immunsuppression. Eine weitere Impfung, die auch bei allen Erwachsenen unter Immunsuppression empfohlen ist, ist die Gürtelrose-Impfung. Hier geht es wirklich darum, das Risiko einer Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus zu vermindern und, sprich, die Erkrankung der Gürtelrose zu verhindern und auch das Schmerzsyndrom, das nach der Gürtelrose auftreten kann. Das heißt, auch hier ist es eine zweiteilige Impfung, bei der aber zweimal derselbe Impfstoff verabreicht wird, normalerweise in einem Abstand von zwei Monaten. Unter Immunsuppression oder auch kurz vor Einleitung einer Immunsuppression kann dieser Abstand auch auf einen Monat verkürzt werden. Was man bei dieser Impfung noch erwähnen sollte, ist, dass die Reaktogenität, also das heißt die Reaktionen, die man auf die Impfung hat, durchaus stärker ausfallen können. Sprich man kann stärkere Lokalreaktionen rund um die Injektionsstelle haben: Rötung, Schwellung, Schmerzen, die stärker als üblich ausfallen. Oder manche Leute können sogar Fieber oder Schüttelfrost nach der Impfung entwickeln. Ein Thema ist dann natürlich auch: Je stärker die Immunsuppression ist, desto weniger fallen auch diese Reaktionen üblicherweise aus. Das liegt an der Abschwächung der Immunreaktionen. In gewissen Fällen der Immunsuppression, zum Beispiel, wenn keine Milz mehr vorhanden ist oder wenn die Milzfunktion durch Grunderkrankungen eingeschränkt ist, dann sind auch noch Impfungen gegen die bekapselten Bakterien empfohlen. Das sind Impfungen gegen Pneumokokken, die sowieso empfohlen sind, Meningokokken und Haemophilus influenzae.
Ein besonderes Thema in der Impfberatung ist natürlich auch die Frage nach zukünftig geplanten Reisen. Das kann vor allem für Leute von Bedeutung sein, wenn neu eine Immunsuppression eingeleitet wird und noch Zeit ist, Impfungen zu verabreichen. Dann empfiehlt es sich hier wirklich, zukünftige Destinationen auch zu besprechen. Denn im Hinblick auf Lebendimpfungen, wie die Gelbfieberimpfung, bestehen ja internationale Impfvorschriften, das heißt die Personen müssen auch einen Impfnachweis bei Einreise vorweisen können. Und in diesem Fall wäre es natürlich günstig, in einer Phase ohne Immunsuppression oder mit nur milder Immunsuppression diese Impfungen zu verabreichen. Aber auch bei Totimpfstoffen wäre es natürlich viel besser, in einer stabilen, niedrig immunsupprimierten Phase Grundimmunisierungen gegen unterschiedlichste Erreger durchzuführen, damit man dann, wenn es einem später unter der Therapie wieder so weit gut geht, dass man an Reisen denken kann, diese auch durchführen kann.
Welche besonderen Impfempfehlungen gelten nach einer Stammzellentransplantation?
Im Fall einer Stammzelltransplantation gibt es gesonderte Impfempfehlungen. Denn hier ist es ja so, dass durch die vorbereitende Chemotherapie vor der Stammzelltransplantation alle bösartigen Blutzellen, aber auch die gesunden Blutzellen abgetötet wurden und somit aber auch der schon im Laufe des Lebens erworbene Schutz gegenüber Infektionserregern ausradiert wird. Im Grunde wie ein Resetknopf. Und wenn Stammzellen reinfundiert werden, sei es jetzt von einem Spender oder seien sie vor der Chemotherapie von einem selbst gewonnen worden, dann müssen sich diese Stammzellen erst über einen gewissen Zeitraum wieder einleben, im Körper also etablieren.
Und in der Folge kann man ab frühestens drei Monaten mit saisonalen Impfungen, sprich der Influenza , der COVID Impfung, aber auch der RSV Impfung beginnen. Und das nach drei Monaten aber nur dann, wenn gerade die Wintersaison ist, wo diese Viren eben krankheitsverursachend vorkommen.
Ab sechs Monaten kann man dann mit anderen Totimpfstoffen, inaktivierten Impfstoffen, beginnen. Hier beginnen aber die Grundimmunisierungen, das heißt, es ist nicht ausreichend, einfach nur eine Impfdosis zu verabreichen, sondern man muss wie bei einem kindlichen Immunsystem wirklich ganz neu mit den Impfschemata beginnen. Das sind dann mehrteilige Impfungen. Meist beginnt man mit der Pneumokokkenimpfung, die dreimal in einem Monat Abstand verabreicht wird, mit einer Auffrischung nach einem Jahr. Nach demselben Schema würde man auch mit dem Sechsfachimpfstoff vorgehen, den man aus der Kinderheilkunde kennt. Also das ist auch einer der ersten Impfstoffe, die Babys bekommen, und er beinhaltet Antigene gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hepatitis B und Haemophilus. Auch hier gibt es eben dieses mehrteilige Impfschema. Weiters sind relativ am Anfang auch noch Impfungen gegen Gürtelrose, Herpes zoster, geplant. Bei in Endemiegebieten lebenden Leuten ist wieder die FSME-Impfung vorgesehen, die neu gestartet werden muss, und innerhalb von zwei Jahren nach Immunsuppression sind auch Meningokokkenimpfungen vorgesehen. Hier stehen unterschiedliche Impfstoffe zur Verfügung, die auch im Rahmen einer Grundimmunisierung wieder verabreicht werden. Sollten Reisen in dieser Phase schon geplant werden, würde man auch neu mit der Hepatitis-A-Impfung oder anderen Reiseimpfungen starten. Aber wie gesagt, wichtig ist: Innerhalb von zwei Jahren nach einer Stammzelltransplantation werden hier nur Totimpfstoffe verabreicht. Lebendimpfstoffe, das bezieht sich dann auf Masern, Mumps, Röteln, aber auch Varizellen, also Windpocken, Feuchtblattern, können üblicherweise erst nach zwei Jahren nach Stammzelltransplantation verabreicht werden, wenn die Immunität bei den Personen verloren wurde.
Ein Punkt besteht auch noch, wenn Personen eine sogenannte Graft-versus-Host-Disease haben, sprich, wenn Spenderzellen den Körper des Empfängers angreifen können. Dann kann es an unterschiedlichen Organen oder im Körper zu Immunreaktionen kommen. In dieser akuten Phase dieser Spender-gegen-Empfänger-Reaktion sollte man keine Impfungen verabreichen. Hier ist es auch oft so, dass stärkere Immunsuppression eingesetzt werden muss, um diese Reaktionen zu unterdrücken und zu unterbinden. Und erst im Verlauf, wenn sich das wieder zurückgebildet hat oder sich auch stabil chronisch etabliert hat, dann können Impfungen wieder verabreicht werden.
Hier geht es zum Video-Interview: „Impfstrategien bei Immunsuppression“