2. Impfen und Immunsuppression

Welche Arten von Impfstoffen gibt es?

Bei Impfungen unter Immunsuppression spielt nicht nur die Erkrankung oder Behandlung eine Rolle. Entscheidend ist auch, welche Impfstoffart verwendet wird. Grundsätzlich wird zwischen Lebendimpfstoffen und Nicht-Lebendimpfstoffen, häufig auch Totimpfstoffe genannt, unterschieden. Während viele Totimpfstoffe auch bei einem geschwächten Immunsystem verabreicht werden können, müssen Lebendimpfungen genauer geplant werden.

Was sind Lebensimpfstoffe?

Impfstoffe bereiten das Immunsystem auf einen bestimmten Krankheitserreger vor. Dadurch kann der Körper bei einem späteren Kontakt schneller reagieren.

Lebendimpfstoffe enthalten stark abgeschwächte, aber noch vermehrungsfähige Viren oder Bakterien. Bei einem gesunden Immunsystem lösen sie normalerweise keine Erkrankung aus. Bei einer starken Immunsuppression könnte das geschwächte Immunsystem die Impfviren oder Impfbakterien jedoch nicht ausreichend kontrollieren.

Zu den Lebendimpfungen gehören beispielsweise:

  • Masern, Mumps und Röteln,
  • Windpocken,
  • Gelbfieber,
  • bestimmte Grippeimpfstoffe als Nasenspray.

Bei einer schweren Immunsuppression kann das Immunsystem die abgeschwächten Impfviren oder Impfbakterien möglicherweise nicht ausreichend kontrollieren. In seltenen Fällen könnten dadurch krankheitsähnliche Beschwerden oder eine Erkrankung entstehen. Deshalb dürfen Lebendimpfstoffe während einer schweren Immunsuppression grundsätzlich nicht verabreicht werden. Bei einer leichten oder mittleren Einschränkung kann eine Impfung in ausgewählten Fällen möglich sein. Das muss jedoch individuell ärztlich beurteilt werden.

Was sind Totimpfstoffe?

Nicht-Lebendimpfstoffe, also Totimpstoffe enthalten keine vermehrungsfähigen Krankheitserreger. Sie können die Krankheit, gegen die geimpft wird, daher nicht auslösen. Viele der heute routinemäßig empfohlenen Impfungen gehören zu dieser Gruppe. Aus diesem Grund können sie grundsätzlich auch bei Immunsuppression verabreicht werden.

Für Menschen mit Immunsuppression ist vor allem wichtig: Diese Impfstoffe sind grundsätzlich sicher. Bei einer starken Immunsuppression kann allerdings die Impfantwort schwächer ausfallen.

Zu dieser Gruppe gehören unterschiedliche Impfstoffarten:

  • Inaktivierte Impfstoffe: Sie enthalten vollständige Viren oder Bakterien, die unschädlich gemacht wurden und sich nicht mehr vermehren können. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Impfstoffe gegen FSME, Hepatitis A oder Polio.
  • Teil- und Proteinimpfstoffe: Diese Impfstoffe enthalten nur ausgewählte Bestandteile eines Erregers, etwa ein Eiweiß . Beispiele sind Impfstoffe gegen Hepatitis B oder Gürtelrose. Auch bestimmte RSV-Impfstoffe gehören zu dieser Gruppe, sowie auch die HPV-Impfung. Sie enthält virusähnliche Partikel ohne Erbgut. Diese sehen für das Immunsystem wie Viren aus, können sich aber nicht vermehren.
  • Konjugatimpfstoffe: Manche Bakterien tragen Zuckerstrukturen auf ihrer Oberfläche. Damit das Immunsystem diese besser erkennt, werden sie im Impfstoff an ein Eiweiß gebunden. Solche Impfstoffe werden unter anderem gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ B eingesetzt.
  • Toxoidimpfstoffe: Bei Erkrankungen wie Tetanus und Diphtherie entsteht der Schaden vor allem durch Giftstoffe der Bakterien. Für die Impfung werden diese Giftstoffe unschädlich gemacht. Der Körper lernt dadurch, sich gegen sie zu schützen.
  • mRNA- und Vektorimpfstoffe: mRNA-Impfstoffe enthalten eine vorübergehende Bauanleitung für einen bestimmten Bestandteil eines Erregers. Der Körper stellt diesen Bestandteil kurzzeitig selbst her und bildet anschließend eine Immunantwort. Der Krankheitserreger selbst ist nicht im Impfstoff enthalten. Vektorimpfstoffe verwenden ein Trägervirus, um eine solche Bauanleitung in die Zellen zu bringen. Dabei muss immer geprüft werden, ob der konkrete Vektor vermehrungsfähig ist. Die gegen COVID-19 eingesetzten Vektorimpfstoffe enthielten keine vermehrungsfähigen Viren.

Welche Impfstoffe sind bei Immunsuppression geeignet?

Nicht-Lebendimpfstoffe, also Totimpfstoffe sind grundsätzlich möglich. Diese können grundsätzlich auch während einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden. Sie stellen kein besonderes Risiko durch eine Vermehrung des Impfstofferregers dar.

Die wichtige Frage lautet hier meist nicht: Ist die Impfung sicher?
Sondern: Kann mein Immunsystem zu diesem Zeitpunkt einen ausreichenden Schutz aufbauen?

Bei einer leichten Immunsuppression kann die Impfantwort weitgehend normal sein. Unter einer stärkeren Therapie kann sie vermindert sein oder in einzelnen Fällen ausbleiben. Trotzdem kann auch ein teilweiser Schutz wertvoll sein – besonders bei Infektionen, die für immunsupprimierte Menschen schwer verlaufen können.

Lebendimpfstoffe müssen individuell beurteilt werden. Ob eine Lebendimpfung möglich ist, hängt unter anderem ab von der Art und Stärke Ihrer Immunsuppression, dem genauen Medikament, der Dosis und Behandlungsdauer, dem Zeitpunkt der letzten Medikamentengabe, Ihrer Grunderkrankung, sowie von aktuellen Blutwerten und Ihrer allgemeinen gesundheitlichen Situation.

Konkret bedeutet das:

  • Bei leichter Immunsuppression können sie in manchen Fällen möglich sein.
  • Bei mittlerer Immunsuppression ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung notwendig.
  • Bei schwerer Immunsuppression dürfen sie grundsätzlich nicht verabreicht werden.

Hier ist aber immer eine gesonderte Rücksprache mit Ihrem behandelnden Ärzteteam notwendig. Diese Einteilung orientiert sich an österreichischen Empfehlungen. In Deutschland und der Schweiz wird nicht nach denselben Schweregraden eingeteilt. Dort wird anhand der Grunderkrankung, der konkreten Behandlung und der Stärke der Immunschwäche entschieden, ob eine Lebendimpfung möglich ist.

Kann überprüft werden, ob eine Impfung gewirkt hat?

Bei ausgewählten Impfungen kann im Blut gemessen werden, ob ausreichend Antikörper gebildet wurden. Dies wird häufig als Titerkontrolle bezeichnet.

Eine solche Kontrolle ist jedoch nicht bei jeder Impfung sinnvoll. Antikörper bilden außerdem nur einen Teil der Immunantwort ab. Ob eine Kontrolle notwendig ist, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.

Falls die Impfantwort nicht ausreichend war, können je nach Situation:

  • eine zusätzliche Impfdosis,
  • eine Wiederholung der Impfserie,
  • oder ein günstigerer Abstand zur nächsten Therapie

empfohlen werden.

Wann sollte idealerweise geimpft werden?

Wenn eine immunsuppressive Behandlung planbar ist, sollte der Impfstatus möglichst früh überprüft und fehlende Impfungen nachgeholt werden.

Als Orientierung gilt:

  • Nicht-Lebendimpfstoffe: in Österreich und Deutschland mindestens zwei Wochen vor Therapiebeginn, in der Schweiz teilweise mindestens vier Wochen davor je nach Behandlung
  • Lebendimpfstoffe: möglichst spätestens vier Wochen vor Therapiebeginn

Bei manchen Medikamenten können längere Abstände notwendig sein. Eine notwendige Therapie sollte wegen einer Impfung jedoch nicht ohne ärztliche Rücksprache verschoben werden.

Nicht-Lebendimpfstoffe können grundsätzlich auch während einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden. Die Impfantwort kann jedoch schwächer ausfallen. Bei Behandlungen in Zyklen kann manchmal ein günstiger Zeitpunkt zwischen zwei Therapieterminen gewählt werden.

Saisonale Impfungen gegen Influenza oder COVID-19 sollten deshalb nicht grundsätzlich ausgelassen werden.

Lebendimpfstoffe sind bei schwerer Immunsuppression nicht möglich. Bei leichterer Immunsuppression muss individuell entschieden werden. In Deutschland richtet sich die Entscheidung nach der Grunderkrankung und der konkreten immunsuppressiven Behandlung. In der Schweiz sollen Lebendimpfstoffe bei bestehender Immunschwäche grundsätzlich nicht verabreicht werden, mögliche Ausnahmen müssen individuell beurteilt werden.

Nach einer immunsuppressiven Behandlung braucht das Immunsystem Zeit, um sich zu erholen. Wie lange, hängt von der jeweiligen Therapie ab.

Für Nicht-Lebendimpfstoffe werden für ein möglichst gutes Ansprechen häufig etwa zwei bis drei Monate abgewartet. Bei Lebendimpfstoffen können deutlich längere Abstände notwendig sein.

Nach einer Chemotherapie oder anderen stark immunsuppressiven Behandlungen gelten individuelle Zeitabstände. Nach einer Stammzell- oder CAR-T-Zell-Therapie müssen manche Impfungen sogar neu aufgebaut werden. Mehr zu Impfungen nach einer Stammzelltransplantation erfahren Sie in Lektion 3.

Bei einem angeborenen Immundefekt gibt es keinen Zeitpunkt „vor der Immunsuppression“. Die Impfungen werden daher von Anfang an an die vorhandene Immunfunktion angepasst.

Manchmal sind zusätzliche Impfdosen oder Kontrollen notwendig. Bei sehr schweren Immundefekten können auch andere Schutzmaßnahmen wichtig sein, zum Beispiel Immunglobuline oder ein guter Impfschutz enger Kontaktpersonen.

Welche Impfungen sind bei einem geschwächten Immunsystem besonders wichtig? Erfahren Sie, welche üblichen Impfungen empfohlen sind und wann zusätzliche Impfungen beispielsweise gegen Gürtelrose, Pneumokokken und andere Erkrankungen sinnvoll sein können.

Weiter zu Impfstrategien bei Immunsuppression.

Hinweis: Die Inhalte der Videos orientieren sich am österreichischen Impfplan. Abweichende Empfehlungen für Deutschland und die Schweiz wurden im Kurstext an den entsprechenden Stellen ergänzt. Die aktuellen nationalen Empfehlungen finden Sie auch im jeweiligen Impfplan.
Österreichischer Impfplan
Empfehlungen der STIKO für Deutschland
Schweizerischer Impfplan

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    EM-AUT-RVV-0028 | Geprüft Dr.in Angelika Wagner, PhD: Oktober 2026 | Quellen und Bildnachweis
    Antikörper
    (Immunoglobuline)
    Eiweiße (Proteine), die von Zellen des Immunsystems gebildet werden, um Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren zu bekämpfen. Bei manchen Erkrankungen kann es zu einer fehlgeleiteten Bildung von Antikörpern gegen körpereigene Zellen oder Strukturen kommen.
    CAR-T-Zell-Therapie
    Bei einer CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene Abwehrzellen, die sogenannten T-Zellen, entnommen und im Labor so verändert, dass sie Myelomzellen gezielt erkennen können. Anschließend werden diese Zellen zurückgegeben, damit sie die Erkrankung im Körper bekämpfen.
    Chemotherapie
    Behandlung mit Medikamenten (Zytostatika), die das Wachstum von Krebszellen hemmen sollen.
    Eiweiße
    (Proteine)
    Eiweiße, auch bekannt als Proteine, sind Makromoleküle, die aus Ketten von Aminosäuren bestehen. Sie spielen eine entscheidende Rolle im Aufbau und der Funktion von Zellen und Geweben im Körper.
    Immunantwort
    Reaktion des Immunsystems auf Organismen oder Substanzen, die es für schädlich hält. Das Abwehrsystem des Körpers kann nach einer durchgemachten Krankheit oder nach einer Impfung einen Krankheitserreger erkennen. Das Immunsystem reagiert und bekämpft den Krankheitserreger.
    Immunglobuline

    Immunglobuline sind Abwehrstoffe des Körpers. Sie werden auch Antikörper genannt und helfen dabei, Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien zu erkennen und zu bekämpfen. Es gibt verschiedene Arten von Immunglobulinen, zum Beispiel IgG, IgA oder IgM.

    Immunsuppression
    Unterdrückung des körpereigenen Immunsystems oder Abschwächung des Immunsystems. Diese Wirkung kann im Rahmen einer Therapie erwünscht oder eine Nebenwirkung sein.
    Influenza
    Durch Influenzaviren verursachte Infektionskrankheit. Beginnt plötzlich und führt zu hohem Fieber, Schüttelfrost, starken Kopf- und Gliederschmerzen, trockenem Husten sowie starkem Krankheitsgefühl.
    Lebendimpfung
    Lebendimpfstoffe enthalten abgeschwächte, funktionsfähige Viren, die in den Körper eingebracht das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern stimulieren. Lebendimpfstoffe können unter Umständen, besonders bei immungeschwächten Personen, krankheitsähnliche Symptome auslösen. Im Unterschied dazu siehe „Totimpfstoff“.
    Stammzelltransplantation
    Verfahren, bei dem einer Patientin/einem Patienten gespendete Stammzellen verabreicht werden. Dadurch wird das blutbildende System und das Immunsystem nach einer Therapie (z.B. Chemotherapie oder Bestrahlung) wieder aufgebaut. Nach einer Vorbereitungsphase werden die gespendeten Stammzellen mithilfe einer Infusion verabreicht.
    Titerkontrolle
    Bei einer Titerkontrolle wird durch eine Blutuntersuchung gemessen, wie viele Abwehrstoffe gegen eine bestimmte Krankheit vorhanden sind. So kann überprüft werden, ob nach einer Impfung noch ein ausreichender Impfschutz besteht oder ob eine Auffrischungsimpfung notwendig sein könnte.