1. Immunsuppression verstehen

Was bedeutet Immunsuppression?

Unser Immunsystem schützt uns vor Viren, Bakterien, Pilzen und anderen Krankheitserregern. Bei einer Immunsuppression ist diese Abwehr geschwächt. Dadurch können Infektionen häufiger auftreten oder schwerer verlaufen.

Wie stark die Immunabwehr eingeschränkt ist, kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen bemerken im Alltag kaum etwas, andere sind deutlich anfälliger für Infektionen. Die Immunsuppression kann außerdem vorübergehend oder dauerhaft sein und sich im Laufe einer Behandlung verändern.

Warum sind Impfungen bei Immunsuppression besonders wichtig?

Bei einer Immunsuppression ist die körpereigene Abwehr geschwächt – zum Beispiel durch eine Erkrankung oder durch Medikamente, die Sie für eine andere Erkrankung brauchen, die das Immunsystem bremsen. Dadurch kann der Körper Krankheitserreger weniger gut bekämpfen und manche Infektionen können häufiger auftreten oder schwerer verlaufen. Impfungen können helfen, das Risiko für bestimmte vermeidbare Infektionen und deren Komplikationen zu verringern.

Immundefekt, Immunschwäche oder Immunsuppression?

Diese Begriffe werden im Alltag oft ähnlich verwendet. Ein Immundefekt beschreibt eine Störung des Immunsystems, die angeboren oder später erworben sein kann. Von einer Immunsuppression spricht man häufig dann, wenn die Abwehr durch eine Erkrankung oder gezielt durch eine Behandlung unterdrückt wird.

Der Begriff Immunschwäche ist eine allgemein verständliche Bezeichnung. Er sagt jedoch noch nicht aus, welcher Teil des Immunsystems betroffen ist oder wie stark die Einschränkung ist.

Was kann das Immunsystem schwächen?

Welche Patient:innen erhalten häufig immunsuppressive Therapien?

Eine Immunsuppression kann bei sehr unterschiedlichen Erkrankungen eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise Menschen mit:

  • rheumatische und andere Autoimmunerkrankungen, etwa rheumatoide Arthritis , Kollagenosen oder Vaskulitiden,
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, zum Beispiel Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa ,
  • entzündliche Hauterkrankungen, etwa Psoriasis oder schwere Neurodermitis,
  • neurologische Autoimmunerkrankungen, zum Beispiel Multiple Sklerose,
  • bestimmte Krebserkrankungen und Erkrankungen des blutbildenden oder lymphatischen Systems,
  • Erkrankungen, bei denen eine Organ- oder Stammzelltransplantation erforderlich ist.

Ob und wie stark das Immunsystem dabei unterdrückt wird, hängt von der jeweiligen Erkrankung und vor allem von der eingesetzten Behandlung ab.

Wie stark kann eine Immunsuppression sein?

Fachleute unterscheiden verschiedene Schweregrade. Vereinfacht kann die Immunsuppression leicht, mittel oder schwer ausgeprägt sein.

Grad I – keine relevante oder nur sehr geringe Immunsuppression

Die Funktion des Immunsystems ist nicht oder nur geringfügig eingeschränkt. Dazu können Erkrankungen oder Behandlungen gehören, die die Immunabwehr nicht wesentlich beeinträchtigen oder überwiegend immunmodulierend wirken. Im Alltag besteht in der Regel keine deutlich erhöhte Anfälligkeit für Infektionen. Die Wirksamkeit von Impfungen ist meist nicht oder nur geringfügig beeinträchtigt.

Grad II – leichte bis mittelgradige Immunsuppression

Bestimmte Bereiche der Immunabwehr sind eingeschränkt, beispielsweise durch bestimmte Erkrankungen oder immunsuppressive Behandlungen. Eine erhöhte Infektanfälligkeit muss dabei nicht unbedingt auffallen. Die Immunantwort auf Impfungen kann jedoch abgeschwächt sein, sodass der Impfschutz möglicherweise weniger zuverlässig oder von kürzerer Dauer ist.

Grad III – hochgradige oder schwere Immunsuppression

Die Funktion des Immunsystems ist deutlich eingeschränkt. Dies kann beispielsweise während bestimmter Chemotherapien, nach einer Organ- oder Stammzelltransplantation , bei stark immunsuppressiven oder zellunterdrückenden Therapien sowie bei schweren Erkrankungen des blutbildenden oder lymphatischen Systems auftreten. Das Risiko für schwere oder ungewöhnliche Infektionen ist erhöht. Auch die Immunantwort auf Impfungen kann deutlich vermindert sein oder in bestimmten Phasen nahezu ausbleiben.

In der Schweiz gibt es keine allgemeine Einteilung in Grad I, II und III. Der Schweizerische Impfplan unterscheidet verschiedene Erkrankungen und Behandlungen, die das Immunsystem schwächen können.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • medikamentöse Immunsuppression
  • Krebserkrankungen und Transplantationen
  • HIV-Infektion
  • angeborene Immundefekte

Zusätzlich wird in bestimmten Empfehlungen zwischen einer Immunsuppression und einer schweren Immundefizienz unterschieden. Als schwere Immundefizienz gelten zum Beispiel bestimmte starke immunsuppressive Behandlungen, eine HIV-Infektion mit weniger als 200 CD4-Zellen/µl oder bestimmte angeborene Immundefekte.

In Deutschland verwendet die STIKO keine allgemeine Einteilung in Grad I, II und III. Stattdessen wird danach unterschieden, wodurch die Immunschwäche verursacht wird und wie stark das Immunsystem dadurch eingeschränkt ist.

Die Empfehlungen unterscheiden insbesondere zwischen:

  • angeborenen Immundefekten und HIV-Infektion
  • Krebserkrankungen und deren Behandlung
  • Organ- oder Stammzelltransplantationen
  • Autoimmunerkrankungen und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen unter immunmodulierender oder immunsuppressiver Behandlung

Für die Impfplanung wird innerhalb dieser Gruppen beurteilt, wie stark die Erkrankung oder Behandlung die Immunfunktion und die Antwort auf eine Impfung beeinträchtigt.

Je nach Schweregrad der Immunsuppression unterscheiden sich die Möglichkeiten und Empfehlungen für Impfungen. Während bestimmte Impfstoffe auch bei stärker eingeschränkter Immunfunktion verabreicht werden können, müssen andere Impfungen individuell beurteilt oder zeitlich angepasst werden. Welche Impfungen bei den einzelnen Schweregraden möglich und empfohlen sind, wird in Lektion 2 genauer erklärt

Diese Einteilung ist eine medizinische Orientierung und eignet sich nicht zur Selbsteinschätzung. Dass Sie selten Infektionen haben, beweist nicht, dass Ihre Immunfunktion vollständig normal ist. Umgekehrt bedeuten häufige Erkältungen nicht automatisch, dass eine schwere Immunsuppression vorliegt.

Woher weiß ich wie stark meine Immunsuppression ist?

Wie stark Ihr Immunsystem eingeschränkt ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Ihre Grunderkrankung,
  • die Art der Behandlung,
  • der genaue Wirkstoff und die Dosis,
  • die Dauer der Therapie,
  • mögliche Kombinationen mehrerer Medikamente,
  • bestimmte Blutwerte und die aktuelle Krankheitsphase.

Ihre behandelnde Fachärztin oder Ihr Facharzt kann einschätzen, wie stark Ihre Immunfunktion beeinträchtigt ist und was das für Ihre Impfungen bedeutet. Auch Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt oder ein spezialisiertes Impfzentrum können Sie bei der Impfplanung unterstützen.

Nicht jeder Impfstoff ist bei Immunsuppression gleich geeignet. In der nächsten Lektion erfahren Sie, warum Lebend- und Totimpfstoffe unterschiedlich beurteilt werden und wann der richtige Zeitpunkt für eine Impfung ist.

Weiter zu Impfen und Immunsuppression.

Hinweis: Die Inhalte der Videos orientieren sich am österreichischen Impfplan. Abweichende Empfehlungen für Deutschland und die Schweiz wurden im Kurstext an den entsprechenden Stellen ergänzt. Die aktuellen nationalen Empfehlungen finden Sie auch im jeweiligen Impfplan.
Österreichischer Impfplan
Empfehlungen der STIKO für Deutschland
Schweizerischer Impfplan

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    EM-AUT-RVV-0028 | Geprüft Dr.in Angelika Wagner, PhD: Oktober 2026 | Quellen und Bildnachweis
    Arthritis
    Entzündung eines oder mehrerer Gelenke, die zu Schmerzen, Schwellungen und eingeschränkter Beweglichkeit führt.
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    Biologika sind biotechnologisch hergestellte Arzneimittel, die aus biologischen Bestandteilen hergestellt werden, wie z.B. Proteinen oder Antikörpern. Sie werden zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, wie zum Beispiel Autoimmunerkrankungen oder Krebs.
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    Reaktion des Immunsystems auf Organismen oder Substanzen, die es für schädlich hält. Das Abwehrsystem des Körpers kann nach einer durchgemachten Krankheit oder nach einer Impfung einen Krankheitserreger erkennen. Das Immunsystem reagiert und bekämpft den Krankheitserreger.
    Immunsuppression
    Unterdrückung des körpereigenen Immunsystems oder Abschwächung des Immunsystems. Diese Wirkung kann im Rahmen einer Therapie erwünscht oder eine Nebenwirkung sein.
    Kortison
    Kortison ist ein körpereigenes Hormon. Für therapeutische Zwecke wird es meist in höheren Konzentrationen verwendet und wirkt dann vor allem entzündungshemmend. 
    Stammzelltransplantation
    Verfahren, bei dem einer Patientin/einem Patienten gespendete Stammzellen verabreicht werden. Dadurch wird das blutbildende System und das Immunsystem nach einer Therapie (z.B. Chemotherapie oder Bestrahlung) wieder aufgebaut. Nach einer Vorbereitungsphase werden die gespendeten Stammzellen mithilfe einer Infusion verabreicht.