3. Die passende Therapie bei Morbus Parkinson

Transkript

Beim fortgeschrittenen Morbus Parkinson können durch die Veränderungen im Gehirn Wirkungsschwankungen und neue Symptome auftreten. Die Therapie kann dann angepasst und durch weitere Medikamente ergänzt werden. Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physiotherapie oder Ergotherapie sind einen wichtiger Teil der Behandlung. Aber auch welche Lebensmittel gut sind bei Parkinson fragen sich viele PatientInnen. Univ.-Prof. Dr. Walter Pirker beantwortet die wichtigsten Fragen:

Warum wirken Medikamente mit der Zeit nicht mehr wie zuvor?

Das Kernproblem bei der Parkinson-Krankheit ist ein Verlust von Nervenzellen im Gehirn, die Dopamin produzieren.

Dieses Dopamin ist ein Nervenüberträgerstoff, der für Bewegung sehr, sehr wichtig ist. Dieser Verlust der Nervenzellen ist nicht ein Alles oder Nichts, sondern ein gradueller Prozess über viele, viele Jahre. Im Frühstadium der Erkrankung sind wahrscheinlich in den entscheidenden Gehirnteilen vielleicht 40, 50 Prozent der Nervenendigungen, aus denen Dopamin freigesetzt wird, verloren. Was wir tun, ist: Wir ersetzen dieses Dopamin dadurch, dass wir Dopa geben, die Vorläufersubstanz von Dopamin, die im Gehirn in Dopamin verwandelt wird.

In den ersten Krankheitsjahren ist es so, dass hier nicht alle Nervenendigungen verloren sind, in denen Dopamin produziert wird. Das heißt: Die noch vorhandenen Nervenendigungen, die natürlich Dopamin produzieren, nehmen auch dieses medikamentös zugeführte Dopa auf. Sie können es in Dopamin verwandeln und auch speichern und dann langsam freisetzen.

Im fortgeschrittenen Stadium gehen ja immer mehr Dopamin-Nervenendigungen verloren, und damit geht die Speicherfähigkeit des Gehirns für Dopamin verloren. Das führt dann dazu, wenn wir eine Dopa-Tablette einnehmen, dass das Gehirn auf einmal mit dem Blutstrom und über die Blut-Hirnschranke sehr viel Dopa erhält. Dieses Dopa wird sehr rasch in Dopamin umgewandelt. Und zwar gar nicht mehr in Dopamin-produzierenden Nervenzellen wahrscheinlich, sondern in Serotonin-produzierenden Nervenzellen. Und diese Nervenzellen haben keine Speicherkapazität für Dopamin. Das bedeutet: Das Gehirn bekommt eine ganze Welle von Dopa und damit Dopamin. Und das Dopamin wird dann im synaptischen Spalt relativ rasch abgebaut. Das Gehirn ist dann mit stark schwankenden Dopa-Spiegeln konfrontiert.

Und das, was die Betroffene, der Betroffene dann merkt ist: „Ich habe plötzlich eine sehr gute Wirkung. Ich nehme die Tablette, und in einer halben Stunde, Stunde geht es mir gut.“

Mit der Zeit wird dieser hohe Dopamin-Spiegel dann außerhalb der Nervenzellen im synaptischen Spalt sogar dazu führen, dass die Nervenzellen, die die Dopamin-Bindungsstellen tragen, die Dopamin-Rezeptoren, sogar zu stark stimuliert werden. Und dann werden dort die Überbewegungen, die Dyskinesien, ausgelöst. Aber nach einer Stunde, zwei, drei Stunden geht die Wirkung dann verloren.

Und vor Einnahme der nächsten Tablette bin ich in einem Zustand, wo meine Dopamin-Bindungsstellen nicht mehr genug Dopamin zur Verfügung haben. Und das nimmt der Patient als Off-Phase wahr.

Kurz gesagt: Den Wirkungsschwankungen liegt wahrscheinlich hauptsächlich eine verminderte Speicherkapazität des Gehirns für Dopamin im fortgeschrittenen Stadium zugrunde.

Was versteht man unter Wearing-Off und On-Off-Fluktuationen?

Wearing-Off-Fluktuationen, das sind Wirkungsschwankungen, bei denen Sie sagen können: „Jetzt werde ich wahrscheinlich ins Off verfallen.“ D.h.: Hier hat die Off Phase, die Phase der schlechten Wirkung der Parkinson-Medikamente mit dem Einnahmezeitpunkt der Medikamente zu tun. Das sind also Wirkungsschwankungen, bei denen die Off-Phasen sehr, sehr gut auf den Einnahmezeitpunkt der Parkinson-Medikamente bezogen werden können.

Auf der anderen Seite gibt’s Patientinnen und Patienten, wo man das nicht mehr kann. Der Patient nimmt seine Tabletten, so wie es vorgeschrieben ist, vielleicht um 6 Uhr in der Früh, 10 Uhr, 14, 18 Uhr, 22 Uhr. Die Tabletten wirken eine Zeit, und plötzlich, selbst wenn man sie um 10 Uhr eingenommen hat, die Tablette, und vorher nicht unmittelbar etwas gegessen hat, der Patient wird um 10:30 Uhr wieder besser, hat vielleicht ein Wearing-Off, aber dann, merkwürdigerweise um halb zwölf, ist er wieder schlecht. Das wäre dann eine On-Off-Phase. Das ist ein unerwartetes Off, das man eigentlich durch die Einnahme der Medikamente nicht so gut erklären kann.

Das Wearing-Off ist einfach wesentlich häufiger als das On-Off.

Und beim On-Off, sagt man, spielen komplexe Mechanismen eine Rolle. Eigentlich würde man erwarten, dass die Gabe des nächsten Medikaments eigentlich gar nicht unbedingt zu einer Besserung führen sollte.

In Wahrheit sitzt der Teufel im Detail, und manchmal ist das, was wir für ein On-Off halten, in Wahrheit ein verstecktes Wearing-Off.

Das ist nämlich z.B. der Fall, wenn der Patient zwischendurch etwas gegessen hat und die Tablette gar nicht dort ankommen kann, wo sie eigentlich ankommen sollte, nämlich im Dünndarm, wo das Dopa dann aufgenommen wird.

Wir wissen einfach, dass Patienten auch mit dem sogenannten On-Off z.B. auf tiefe Hirnstimulation, aber auch auf Pumpentherapien sehr gut ansprechen können.

Also das ist sozusagen der Hinweis: On-Off ist was kompliziertes, heißt aber nicht, dass man da medikamentös nichts mehr tun kann. Häufig funktioniert es nicht mit Tabletten, aber mit Pumpentherapien kann man diesen Patienten trotzdem oft in vielen Fällen helfen.

Wie und zu welchen Tageszeiten machen sich Wirkungsschwankungen häufig bemerkbar?

Also, die häufige Zeit für die schlechten Parkinson-Phasen, für die sogenannten Offs, ist der Morgen. Das ist wahrscheinlich dadurch erklärbar, dass man die letzten Parkinson-Medikamente oft schon früh am Abend einnimmt. Manche Patienten nehmen ihr letztes Medikament schon um 18 Uhr ein oder 20 Uhr, manchmal 22 Uhr. Und die Zeit zwischen 22 Uhr und, wenn jetzt die nächste Einnahme der Medikation um 8 Uhr morgens geplant wäre, das sind ja 12 Stunden. Das ist einfach eine lange Zeit. Da kann einfach die Wirkung der letzten Tablette völlig abgeklungen sein.

Und Sie erwachen dann mitunter schon sehr, sehr früh um vier oder fünf Uhr in der Früh, vielleicht mit einem Krampf im Bein, mit einer aufgestellten Zehe, mit Schmerzen, mit Zittern, mit Schwitzen, mit verstärkter Ängstlichkeit. Also der Morgen ist so eine wichtige Phase. Und da hilft natürlich die spätere Einnahme der letzten Tablette oder die frühere Einnahme der ersten Tablette, um dieses Problem ein bisschen in Zaum zu halten.

Eine weitere Phase, wo es häufig zu so einem Off kommt, ist der frühe Nachmittag. Hier spielen manchmal ein bisschen Einnahmefehler eine Rolle. Bei Patienten, die starke Wirkungsschwankungen haben, die relevante Wirkungsschwankungen haben, empfehlen wir immer, dass die Patientin, der Patient die Tablette vor den Mahlzeiten einnehmen sollte. Warum ist das so? Wenn ich esse, dann bleibt das Essen einmal eine Zeitlang im Magen liegen, bis sich der Pförtner öffnet und dann langsam der verdaute Brei aus dem Magen dann in den Dünndarm entlassen wird. Und die Dopa-Tablette bleibt dann einfach mit dem Essen im Magen liegen. Sie kann dann mitunter erst nach Stunden wirklich wirksam sein. Deswegen immer die Empfehlung für Patienten, die starke Wirkungsschwankungen haben: Bitte nehmen Sie Ihre Tabletten mit einem Glas Wasser ein und essen Sie erst nach einer Dreiviertelstunde, Stunde danach.

Und diese Interaktion zwischen Tabletteneinnahme und Mahlzeiten um die Mittagszeit führt oft dazu, dass die mittags eingenommenen Medikamentendosen überhaupt nicht wirken. Man spricht sogar von einem Dosisversagen dann häufig. Also das ist ein wesentliches Problem.

Und andere Zeit, die manche Patienten haben können, ist der späte Nachmittag nach sehr viel körperlicher Aktivität, wenn die Patienten am Nachmittag aktiv sind. Körperliche Aktivität kann schon auch mehr Dopa-Verbrauch dann irgendwie auslösen. Dann hat man dann einfach irgendwann zu wenig.

Wirkungsschwankungen bei Morbus Parkinson

Weil im fortgeschrittenen Morbus Parkinson das Gehirn Dopamin nicht mehr so gut speichern kann, kann es vermehrt zu Wirkungsschwankungen kommen. Indem Sie auf die korrekte Einnahme der Medikamente achten und auftretende Symptome genau beobachten und mit Ihrem Behandlungsteam besprechen, kann eine bestmögliche Anpassung der Therapie sichergestellt werden.

Wirkungsschwankungen verstehen

Im Verlauf der Erkrankungen bemerken viele PatientInnen, dass es zu deutlichen Schwankungen der Beweglichkeit im Tagesverlauf kommt. Das bezeichnet man als Wirkungsschwankungen oder Fluktuationen. On-Phasen, in denen die Medikamente gut wirken und es möglicherweise auch zu unwillkürlichen Überbewegungen kommt, wechseln sich mit Off-Phasen, in denen die Medikamente nicht gut wirken, ab. Off-Phasen treten dabei besonders häufig am Morgen und am Nachmittag auf. Damit Ihre Ärztin/Ihr Arzt Ihre Therapie bestmöglich an Ihre individuellen Bedürfnisse anpassen kann, muss sie/er mit Ihnen gemeinsam herausfinden, ob es sich dabei um Wearing-off oder unvorhersehbare On-Off-Fluktuationen handelt.

Was ist Wearing-off?

Wearing-off sind Wirkungsschwankungen bei denen die Off-Phasen gut auf den Einnahmezeitpunkt zurückzuführen sind. Sie als PatientIn können dabei wahrscheinlich gut vorhersagen, wann nach der Einnahme der Medikamente sich die Symptome bessern und ab wann es wieder zu einer Verschlechterung der Motorik kommt.

Was sind On-Off-Fluktuationen?

Anders als beim Wearing-off sind bei On-Off-Fluktuationen sind die Wirkungsschwankungen relativ unabhängig vom Einnahmezeitpunkt und lassen sich schwer vorhersagen. Hier kommt es unerwartet zu einer Verschlechterung der Motorik.

Einnahme der Medikamente optimieren

Vor und nach Einnahme der Medikamente sollten Sie darauf achten ungefähr eine Stunde keine Nahrung zu sich zu nehmen. So wird die Aufnahme der Tablette nicht durch die Nahrungsaufnahme eingeschränkt und sie kann richtig wirken. Zusätzlich sollten Sie mit dem Schlucken der Tablette genügend Flüssigkeit trinken.

Wie kann ich sicherstellen, dass ich meine Medikamente rechtzeitig einnehme?

Sorgen Sie dafür, dass Sie Ihre Medikamente an einem gut erreichbaren und sichtbaren Platz aufbewahren. Bereiten Sie, wenn möglich im Voraus für die Woche, die Medikamente in verschiedenen Boxen vor, dann haben Sie diese immer griffbereit. Falls Sie dazu neigen, die Einnahme zu vergessen, macht es Sinn, dass Sie sich einen Wecker oder Alarm auf dem Handy stellen.

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Wann muss die orale Therapie angepasst werden?

Die orale Therapie muss immer angepasst werden, wenn die Kontrolle der Symptome nicht befriedigend ist.

Das kann schon im Frühstadium einfach eine ganz leichte, graduelle Verschlechterung der Symptomatik sein bei einem Patienten, der gar keine Wirkungsschwankungen hat. Dann muss man einfach die Dosis der Parkinson-Medikamente leicht steigern.

Bei einer Patientin oder bei einem Patienten, die/der Wirkungsschwankungen hat, dann gibt’s eine ganze Menge von Tricks, wie man diese Lücken zwischen den Phasen guter Beweglichkeit kürzer machen kann. Also was man erreichen will, ist immer, dass die Betroffene oder der Betroffene den Großteil des Tages in einer guten Phase, also in einer guten Beweglichkeit verbringt, überwiegend im On. Und da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie man die Tablettentherapie anpassen kann.

Wie kann die orale Therapie angepasst werden?

Da gibt’s viele Möglichkeiten.

Das erste ist die Anpassung der Dopa-Therapie.

Dopa ist ja das am stärksten wirksame Parkinson Medikament. Dopa wirkt immer bei der Parkinson-Krankheit, auch nach 30 Jahren Parkinson. Es wirkt halt nicht auf alle Symptome. Bei so stark fortgeschrittener Erkrankung haben viele Patienten Symptome, die dann eben auf Dopa nicht mehr ansprechen. Auf der anderen Seite haben fortgeschrittene Patienten immer auch Symptome, die noch immer ansprechen. Die Steifheit, das Zittern spricht auch im fortgeschrittenen Stadium meistens auf die Parkinson-Medikamente an.

Wenn ein Patient also Wirkungsschwankungen hat, wie kann man die Dopa-Therapie verändern, um das zu verbessern?

Wenn es eine morgendliche Unbeweglichkeit ist, dann ist ganz entscheidend, dass die Betroffene, der Betroffene das erste Medikament möglichst früh einnimmt. Ganz logisch. Am besten noch im Bett. Ich sage dann dem Patienten mitunter: „Bitte stellen Sie sich am Abend ein Glas Wasser ans Bett. Nehmen Sie die erste Parkinson-Tablette, die legen Sie sich gleich auf Ihren Nachttisch, wenn Sie aufwachen. Das erste, was Sie machen: Bitte nehmen Sie Ihre Tablette und trinken Sie kräftig nach. Wenn Sie Glück haben, haben Sie nach 20, 30 Minuten ein Ansprechen auf die erste Parkinson-Medikation. Und warten Sie nicht bis acht Uhr früh, wenn Sie um vier in der Früh aufwachen. Also, das wäre eine Möglichkeit.

Die zweite Möglichkeit ist mit der Dopa-Therapie, wenn sich eben die Wirkdauer verkürzt, ist: Dann nehme ich nicht mehr nur drei Einzeldosen, sondern vielleicht eine vierte, eine fünfte Einzeldosis, und man verkürzt die Einnahme-Intervalle. Man muss dann nur in aller Offenheit dazusagen: Dem ist eine gewisse Grenze gesetzt. Ich würde so sagen: Drei Stunden ist so etwa das kürzeste Dosierungsintervall, das einen Sinn macht. Warum? Wenn das Dosierungsintervall zu kurz wird, dann habe ich keine Zeit mehr für die Mahlzeiten zwischen den Tabletten. Selbst bei drei Stunden ist das Zeitfenster, wo ich was essen kann, etwa eine Dreiviertelstunde, Stunde nach den Tabletten bis zur Einnahme der nächsten Tablette so kurz, dass es dann bei der nächsten Tablette wieder zu befürchten ist, dass der Magen noch nicht leer ist. Also das ist letztendlich diese Wechselwirkung zwischen Tabletten und Mahlzeiten. Das kann die Dopa-Therapie in Tablettenform sehr, sehr stark limitieren.

Für Menschen, die in der Nacht eine schlechte Beweglichkeit haben oder dann mit Krämpfen aufwachen, kann ein langwirksames Dopa-Präparat unmittelbar vor dem Einschlafen eingenommen eine sehr große Hilfe sein. Das sind die sogenannten Retard-Präparate. Die haben nur vor dem Einschlafen einen Sinn. Sonst, während des Tages, macht das keinen Sinn.

Das sind alles Änderungen der Dopa-Therapie, die helfen können bei Wirkungsschwankungen.

Der zweite Schritt sind Medikamente, die die Wirkdauer von Dopa verlängern. Dopa wird ja im Gehirn zu Dopamin verwandelt. Andererseits wird Dopa bereits im Blutstrom abgebaut zu anderen Substanzen, die nicht in das Gehirn aufgenommen werden können, und auch im Gehirn, nachdem die Wirkung einsetzt, sehr rasch abgebaut. Und hier können Abbauhemmer von Dopa und Dopamin sehr hilfreich sind sein. Da sind einerseits MAO-B-Hemmer wie z.B. das Rasagilin, oder COMT-Hemmer wie das Entacapon, das es üblicherweise in Kombinationspräparaten gibt, oder auch jetzt als neuer COMT-Hemmer in Österreich verfügbar auch das Opicapon. Da sind also weitere Strategien, um die Wirkung davon Dopa zu verlängern.

Eine dritte Strategie ist: Man verwendet einfach eine pharmakologische Substanz, die länger wirksam ist als Dopa. Dopamin-Agonisten sind Dopa-ähnliche Medikamente. Sie binden im Gehirn am selben Ort an den Dopamin Bindungsstellen, den sogenannten Dopamin-Rezeptoren. Die Wirkung ist schwächer als die von Dopa, aber die Wirkung hält länger an. Das ist ein großer Vorteil für Patienten, die Wirkungsschwankungen haben.

Die nächste Strategie sind dann Medikamente, die nicht über das Dopamin-System wirken, also nicht über das Nervenüberträgersystem, sondern über andere Nervenüberträgersysteme, über andere Neurotransmitter. Das wäre z.B. das Amantadin. Amantadin ist eine Substanz, die einen starken Einfluss auf das Glutamatsystem hat, das auch eine wichtige Rolle für Bewegung spielt. Und das Amantadin ist eine sehr wertvolle Substanz in der Therapie des fortgeschrittenen Parkinson. Es ist als einzige Substanz sowohl gegen Unterbeweglichkeit, also gegen Off-Phasen, als auch gegen Überbeweglichkeit, gegen die Dyskinesien, wirksam. Also wenn das jemand gut verträgt, kann es oft eine große Hilfe sein.

Was, wenn orale Therapie alleine nicht mehr das gewünschte Ergebnis bringt?

Für Patienten, die auf alle diese Medikamente nicht ausreichend ansprechen und die schwere, plötzliche Offs haben oder in der Früh besonders schwere Offs haben, kann ein Dopamin-Agonist, der unter die Haut gespritzt wird, das Apomorphin sehr, sehr hilfreich sein als Notfall Medikament.

Und alle anderen Patienten, die trotz all dieser Maßnahmen unter Wirkungsschwankungen leiden, sind gute Kandidaten wahrscheinlich dann für eine Pumpentherapie oder für eine tiefe Hirnstimulation. Also alle anderen Betroffenen, die wirklich sehr belastende Wirkungsschwanken haben, sollten auf jeden Fall in einem Zentrum vorgestellt werden, das diese fortgeschrittenen Parkinson-Therapien wie Pumpen- oder die tiefe Hirnstimulation anbietet.

Anpassung der Therapie bei Morbus Parkinson

Zu Beginn wird Parkinson meist mit Medikamenten in Tablettenform (eine sogenannte orale Therapie) behandelt. Im Verlauf der Erkrankung muss diese Therapie häufig angepasst werden. Dabei stehen verschiedene Möglichkeiten zu Verfügung, je nachdem wie sich die Symptome äußern.

Therapieanpassungen verstehen

Therapieanpassungen können nötig werden, wenn die aktuellen Medikamente die Symptome der Erkrankung nicht mehr wie gewünscht kontrollieren oder zu viele Nebenwirkungen haben. Wenn es im Verlauf der Erkrankung zu Wirkungsschwankungen kommt, gibt es mehrere Möglichkeiten zur Anpassung der Therapie:

  • Die L-Dopa-Therapie kann angepasst werden, indem Ihre Ärztin/Ihr Arzt zum Beispiel die Einnahmeintervalle verkürzt. Das ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich.
  • Zudem kann Ihnen Ihre Ärztin/Ihr Arzt bei Bedarf zusätzliche Medikamente wie MAO-B-Hemmer oder COMT-Hemmer verschreiben. Diese verlängern die Wirkdauer von L-Dopa, indem sie den Abbau von Dopa und Dopamin im Körper hemmen.
  • Eine weitere Möglichkeit ist ein Wechsel auf andere Präparate. Zur Verfügung stehen zum einen dopaminähnliche Substanzen (Dopaminagonisten) und zum anderen Medikamente, die statt über das Dopaminsystem über andere Nervenüberträgersysteme wirken.

Als Notfallmedikament kann Apomorphin unter die Haut gespritzt zum Einsatz kommen. Bei ungenügender Wirkung der beschriebenen medikamentösen Maßnahmen können Pumpentherapien oder die tiefe Hirnstimulation zum Einsatz kommen.

Sich auf eine Therapieanpassung einstellen

Mit der Veränderung der Therapie kann es zu einer Umstellung Ihrer Lebensgewohnheiten kommen. Eventuell müssen Sie öfters Medikamente einnehmen. Dann sollten Sie darauf achten, dass Sie Ihre Mahlzeiten günstig planen, um verzögerter Aufnahme des Medikaments im Magen-Darm-Trakt entgegenzuwirken. Falls Sie auf ein anderes Präparat wechseln, behalten Sie im Auge, wie sich die Beschwerden und Symptome verändern. Dafür kann es sinnvoll sein ein Symptomtagebuch zu führen.

Wussten Sie schon

Morbus Parkinson verläuft für jeden Menschen anders und die Behandlung ist komplex. Die richtigen Medikamente und deren Einnahmeintervall werden individuell für jede Patientin/jeden Patienten gesucht und müssen fortlaufend angepasst werden. Nach einigen Jahren guten Ansprechens auf die gewählte Therapie treten oft Wirkungsschwankungen und als Nebenwirkung unwillkürliche Überbewegungen (Dyskinesien) auf. Es werden größere Anpassungen nötig. Auch wenn die orale Therapie nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielt gibt es eine Vielzahl an Therapiemöglichkeiten, aus denen Ihre Ärztin/Ihr Arzt die für Sie passendsten auswählt.

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Wann ist eine psychologische Unterstützung sinnvoll?

Eine psychologische Unterstützung kann sinnvoll sein. Im Prinzip ist es so, dass das ärztliche Gespräch ja nicht nur dem fachlichen Informationsaustausch dient. Es ist ja immer auch etwas, das der Unterstützung des Patienten dienen soll, der Motivation des Patienten dienen soll, dem Austausch nicht nur über körperliche, sondern auch über psychische Probleme.

Also ich glaube, das ärztliche Gespräch ist hier die Basis.

Wenn der Patient seelisch sehr belastende Symptome hat, die medikamentös nicht gut kontrollierbar sind, und bereit ist dazu, dann gibt’s durchaus Situationen, wo auch eine psychologische Betreuung bei Parkinson-Patienten sehr, sehr hilfreich sein kann.

Welche Rolle spielen Logopädie, Ergo- und Physiotherapie im fortgeschrittenen Stadium?

Also die nicht-medikamentösen Therapien spielen eine ganz, ganz große Rolle, nicht nur im fortgeschrittenen Stadium, auch im frühen Stadium. Also ich würde sagen: Die Parkinson-Therapie besteht immer aus zwei Teilen.

  • Das eine ist die medikamentöse Therapie,
  • und das andere ist von Anfang an immer die nicht-medikamentöse Therapie.

Je weiter die Erkrankung voranschreitet, desto häufiger treten Symptome auf, die auf medikamentöse Therapie nicht ausreichend ansprechen. Und das ist ein ganz, ganz großer Platz für diese nicht-medikamentösen Therapien. Dann spielen Physiotherapie zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Mobilität und die Ergotherapie zur Verbesserung der Alltagsfertigkeiten und eben die Logopädie zur Verbesserung der Sprechfähigkeit und des Schluckens eine ganz, ganz wesentliche Rolle.

Was kann ich selbst tun, um einem Fortschreiten der Erkrankung entgegenzuwirken?

Ganz, ganz wichtig ist Bewegung. Das ist das, was Sie selbst tun können. Also ganz, ganz entscheidend: Mit der Diagnose einer Parkinson-Krankheit sollten Sie, wenn Sie bisher einen aktiven, körperlich aktiven Lebensstil verfolgt haben, diesen bitte beibehalten. Sport weitermachen, soweit das sicher möglich ist. Ein regelmäßiges Bewegungsprogramm. Wenn Sie das bisher nicht gemacht haben, dann einfach wirklich sich überlegen: Wie kann ich Bewegung in mein Leben integrieren?

Man weiß einfach mittlerweile aus Untersuchungen und Bewegungssensoren, dass sich Parkinson-Patienten leider bereits im Frühstadium wesentlich weniger bewegen als Menschen ohne Parkinson. Und umgekehrt: Bewegung und körperliches Training hat einen günstigen Einfluss auf die Symptome und den Verlauf der Erkrankung. Also das ist was ganz, ganz Wesentliches, was man beitragen kann.

Das zweite ist: Natürlich, es kommt immer wieder die Frage nach der Ernährung. Ernährung kann keine Wunder bewirken, aber eine gute Ernährung trägt einfach zum Wohlbefinden bei. Sie hat sicher auch einen gewissen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Zumindest auf jeden Fall auf die Symptome.

Das Wunderwort, das hier nicht nur für die Parkinson-Krankheit gilt, sondern auch für die Alzheimer-Krankheit, aber auch für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Schlaganfälle, ist die mediterrane Diät. Was ist das? Eine Diät, die reich an Gemüse und an pflanzlichen Fetten ist, also vor allem Olivenöl, Nüsse, Fisch, weniger tierische Fette, und faserreich. Das ist nicht nur etwas, was grundsätzlich dem Körper und den Blutgefäßen guttut, sondern etwas, was auch die Verdauung belebt. Und die Verstopfung ist ja ganz großes Problem bei vielen Betroffenen. Eine gesunde, faserreiche Ernährung kann da also eine wesentliche Rolle spielen.

Das andere ist natürlich sozial: Ganz wichtig ist auch, dass sich die Betroffenen sozial nicht zurückziehen. Das ist natürlich auch ganz wichtig, dass das soziale Umfeld gut funktioniert, dass da Kontakte aufrecht bleiben. Und was diese sozialen Aspekte betrifft, ist die Kommunikation natürlich ganz wichtig. Und deswegen: Wenn z.B. eine Sprechstörung, verwaschenes, leises Sprechen die Kommunikation stark behindert, dann ist die Logopädie ganz, ganz wichtig, um die Kommunikation wirklich zu verbessern, dass die Betroffenen nicht vereinsamen.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen bei Morbus Parkinson

Die Parkinson-Therapie besteht aus mehreren Säulen, die neben medikamentösen Maßnahmen auch nicht-medikamentöse Therapien und Anpassungen in Bereichen Ihres täglichen Lebensstils miteinschließt. Neben der Wirkung, die Sie durch regelmäßige Bewegung erreichen können (mehr dazu unter „Fortschreiten des Morbus Parkinson“), können Sie auch durch die richtige Ernährung selbst einiges zur Verbesserung Ihrer Symptome beitragen.

Eine Vielzahl nicht-medikamentöser Maßnahmen können hilfreich sein

  • Die Ergotherapie hilft dabei mit speziellen Übungen die motorischen Fähigkeiten und die Geschicklichkeit zu trainieren und mit speziellen Hilfsmitteln Bewegungsabläufe zu erleichtern, die Ihnen schwerfallen.
  • Die Physiotherapie unterstützt Sie dabei durch gezielte Übungen Ihre Beweglichkeit zu erhalten und ist besonders bei Freezing oder Gleichgewichtsstörungen hilfreich.
  • Die Logopädie kann bei Sprech- oder Schluckproblemen helfen.
  • Die Diätologie unterstützt Sie dabei eine für Sie gesunde und schmackhafte Ernährungsweise umzusetzen und beim Vorsorgen oder Behandeln von Verdauungsproblemen.

Die psychischen Auswirkungen der Erkrankung und der zunehmende Verlust der Selbständigkeit können als belastend empfunden werden und die körperlichen Beschwerden sogar noch verstärken. Psychotherapeutische Betreuung ist hilfreich beim Umgang mit der psychischen Belastung. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, um schwierige Situationen zu vermeiden oder zu meistern.

Ernährungstipps für PatientInnen im fortgeschrittenen Stadium von Morbus Parkinson

Die sogenannte mediterrane Ernährung ist gesund und fördert allgemein das Wohlbefinden. Außerdem hat sie einen positiven Einfluss auf Parkinson-Symptome, indem Sie die Verdauung fördert. Im Zuge der insgesamt abnehmenden Beweglichkeit des Körpers wird beim fortgeschrittenen Morbus Parkinson auch die Nahrung nicht mehr so schnell verdaut und Verstopfungen nehmen zu. Durch eine Anpassung der Ernährung können Sie dem entgegenwirken. Wichtig ist, dass Sie ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Zudem sollten Sie darauf achten, über die Nahrung genügend Ballaststoffe aufzunehmen. Diese sind vor allem in pflanzlichen Nahrungsmitteln, also Obst und Gemüse, in besonderem Maße auch in Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten, enthalten.

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Geprüft Univ.-Prof. Dr. med. Walter Pirker: Stand Februar 2021

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