5. Umgang mit Veränderungen bei Morbus Parkinson

Transkript

Fortgeschrittener Morbus Parkinson kann eine Vielzahl von Symptomen wie Schlafstörungen, Schluckstörungen oder Sprachstörungen hervorrufen. Neben den typischen motorischen Symptomen stellen auch die psychischen Symptome und vegetative Symptome eine große Belastung für PatientInnen und Angehörige dar. Univ.-Prof Dr. Walter Pirker gibt praktische Tipps zum Umgang mit häufigen Parkinson-Symptomen:

Was kann bei einer Blasenstörung helfen?

Also die Blasenstörungen bei der Parkinson-Krankheit sind häufig im Frühstadium schon eine milde Reizblase, die man jetzt nicht speziell behandeln muss. Dieser Blasenreiz kann stärker werden. Parkinson-Medikamente können einen gewissen positiven Einfluss darauf haben. Es kann aber so weit kommen, dass es für die Patienten wirklich sehr lästig wird letztendlich, weil sie außer Haus ständig eine Toilette brauchen. Und da kann es hilfreich sein, wenn man blasenberuhigende Medikamente verordnet. Diese Medikamente kann die Neurologin oder Neurologe verordnen oder auch der Urologe.

Allerdings: Wenn man die Blase beruhigt, dann muss man sehr darauf achten, dass die Blase nicht zu sehr beruhigt wird. Wenn das nämlich auftritt, dann bleibt zu viel Restharn in der Blase nach dem Urinieren. Und das prädestiniert zum Auftreten von Blasenentzündungen. Also üblicherweise, wenn wir ein blasenberuhigendes Medikament geben, vereinbaren wir mit dem Patienten: „Bitte achten Sie darauf: Wenn Sie auf die Toilette gehen und nicht mehr Wasser lassen können, müssen Sie dieses Medikament sofort absetzen. Und wenn Sie das Medikament gut vertragen, suchen Sie auf jeden Fall wieder Ihren Urologen auf. Der Urologe wird ganz simpel von außen einen Ultraschall der Blase machen nach dem Wasserlassen, nach dem Urinieren, und wird schauen, ob Sie einen sogenannten Restharn entwickelt haben.“ Wenn die Betroffenen zu viel Restharn haben, dann muss man dieses Medikament leider wieder absetzen. Aber trotzdem: Bei einem Teil der Patienten können diese Medikamente hilfreich sein.

Etwas anderes, was es leider im fortgeschrittenen Stadium manchmal geben kann, ist, dass der Patient ohne auslösende Medikamente sehr viel Restharn entwickelt, dass er die Blase nicht mehr ausreichend entleeren kann. Das ist häufig ein Problem in ganz, ganz stark fortgeschrittenen Stadien. Da muss man mitunter einen Dauerkatheter dann setzen.

Was kann bei starkem Speichelfluss helfen?

Starker Speichelfluss ist meistens ein Hinweis, dass die Parkinson-Symptomatik nicht gut kontrolliert ist, weil in Wahrheit ist es so, dass Parkinson-Patienten nicht mehr Speichel produzieren, sondern dass sie ihn weniger abschlucken.

Etwas, was da sehr, sehr hilfreich sein kann, ist Logopädie. In der Logopädie lernen die Patienten, bewusst häufiger zu schlucken. Das ist eine gute Maßnahme, um mit diesem Speichelfluss besser zurande zu kommen.

Wenn das nicht ausreicht, dann gibt es Medikamente, die den Speichelfluss reduzieren können. Das kann man versuchen. Es gibt sowohl Tabletten zum Schlucken als auch Tropfen, mit denen man den Speichelfluss beeinflussen kann. Das wird von manchen Patienten gut vertragen. Manche Betroffene mögen das nicht sehr, weil das wieder Mundtrockenheit auslösen kann.

Und bei Patienten, wo das ein besonders großes Problem ist, kann man auch eine Botulinum-Toxin-Behandlung der Speicheldrüsen versuchen. Man injiziert hier in die Speicheldrüsen eine ganz, ganz geringe Menge von Botulinum Toxin, und damit kann man den Speichelfluss für etwa 2, 3 Monate deutlich reduzieren.

Was sollte ich beachten, wenn ich Schwindelanfälle habe, wenn ich mich aufrichte?

Ja, dann sollte man zumindest einmal schauen, wie der Blutdruck im Sitzen und im Stehen ist oder im Liegen und Stehen. Das ist eine Aufgabe für die betreuende Ärztin, den betreuenden Arzt. Parkinson-Patienten haben häufig ein Problem mit der Blutdruckkontrolle. Es gibt ein Symptom, das man als orthostatische Hypotonie bezeichnet. Das sind Menschen, die im Sitzen, im Liegen, einen normalen Blutdruck, mitunter sogar einen hohen Blutdruck haben, und aufstehen, und kurz nach dem Aufstehen sackt der Blutdruck ab. Dieses Absacken des Blutdrucks führt einfach dazu, dass das Gehirn zu wenig Blut kriegt. Man hat so ein Leeregefühl im Kopf, kann schwindelig werden und dann sogar ohnmächtig werden.

Es gibt aber auch Patienten, die haben dieselben Symptome und können keinen Blutdruckabfall. Das ist ganz, ganz wichtig, dass man den Blutdruck wirklich misst. Weil das wird natürlich anders behandelt.

Es gibt auch Patienten, die haben einfach aus unklaren Gründen einen Schwindel beim Aufstehen.

Wichtige Maßnahmen, wenn wirklich der Blutdruck niedrig ist beim Aufstehen, sind eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Trinken Sie ausreichend.

Bei Menschen, die relativ wenig salzen, ist es dann manchmal auch hilfreich, ein bisschen mehr zu salzen, solange der Blutdruck im Sitzen und Liegen nicht zu hoch wird.

Manchen Patienten kann vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn das so toleriert wird, dann geholfen werden mit Stützstrümpfen.

Bei manchen Patienten hilft ein Mieder um den Bauch. Das erhöht den Druck im Rumpf, im Körper, und damit hat man auch einen Einfluss auf den Blutdruck im Stehen. Das kann eine sehr, sehr wertvolle Maßnahme sein.

Und wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, dann kann gibt es medikamentöse Möglichkeiten, den Blutdruck zu beeinflussen.

Was kann bei Muskelkrämpfen und Schmerzen helfen?

Also bei Muskelkrämpfen und Schmerzen ist die ganz, ganz entscheidende Frage: Besteht das den ganzen Tag, oder besteht das nur zeitweise?

Bei der Parkinson-Krankheit wird das sehr häufig ein Off-Symptom sein. Wenn Sie diesen Krampf im Bein, in der Wade, ein Aufstellen der Zehen oder der großen Zehe am Morgen haben, wenn Sie erwachen, und Sie nehmen die erste Parkinson-Tablette am Morgen ein, und dieser Krampf lässt nach und verschwindet, und dieser Schmerz, dann ist es sehr, sehr wahrscheinlich, dass das ein Krampf und ein Schmerz im Off ist.

Was ist die Antwort darauf? Bitte nicht eine Schmerztablette. Sondern da muss das Ziel eine bessere Kontrolle der Wirkungsschwankungen im Laufe des Tages sein, mit allen medikamentösen Maßnahmen, die uns da zur Verfügung stehen: Tablettentherapien, Pflaster, Spritzen. Und für Patienten, für die diese normale Standardtherapie nicht ausreicht, da sind dann durchaus Probleme, wo man an eine Pumpen-Therapie oder an eine tiefe Hirnstimulation denken kann.

Körperliche Veränderungen bei Morbus Parkinson

Neben den typischen motorischen Symptomen kann eine fortgeschrittene Parkinson-Erkrankung auch mit einer Reihe anderer körperlicher Veränderungen einhergehen.

Autonome Symptome bei Parkinson

Morbus Parkinson kann auch das autonome Nervensystem, also die Nerven, die nicht willentlich kontrolliert werden, betreffen. Das kann zu sogenannten autonomen Symptomen wie Blasenstörungen, vermehrtem Speichelfluss oder Blutdruckschwankungen und damit einhergehenden Schwindelanfällen beim Aufstehen (orthostatische Hypotonie) führen.

Manchmal können bei solchen Symptomen schon einfache Tipps helfen. Bei vermehrtem Speichelfluss etwa das bewusste häufigere Schlucken oder bei Blutdruckschwankungen ausreichendes Trinken. In anderen Fällen hilft auch eine Anpassung der Parkinson-Medikamente. Wenn das nicht wirkt können weitere, spezifische Medikamente verschrieben werden. Wichtig ist, all diese Symptome mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt zu besprechen, falls diese auftreten.

Muskelkrämpfe und Schmerzen im Off

Bei Muskelkrämpfen und Schmerzen bei Parkinson ist, wie bei vielen anderen Symptomen auch, die wichtigste Frage: Bestehen die Symptome den ganzen Tag über, oder nur zeitweise? Wenn Muskelkrämpfe und Schmerzen nur hin und wieder über den Tag verteilt auftreten, handelt es sich dabei wahrscheinlich um Symptome im Off. Diese nehmen im Verlauf der Erkrankung durch die Wirkungsschwankungen häufig zu. Typisch sind beispielsweise starke Symptome am Morgen nach dem Erwachen, die nach der Medikamenteneinnahme nachlassen. Symptome im Off sollten nicht durch kurzfristige Maßnahmen wie Schmerztabletten behandelt werden. Das Ziel sollte die bessere Kontrolle der Wirkungsschwankungen durch eine Anpassung der Parkinson-Therapie sein.

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Was kann ich beachten, damit mich andere Personen in der Kommunikation besser verstehen?

Ja, also für die Sprechweise ist ganz wichtig, dass die Parkinson-Medikamente gut eingestellt sind. Auch bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit ist ja ganz entscheidend: Ist das Sprechen den ganzen Tag gleichmäßig sehr, sehr schlecht verständlich? Oder treten diese Phasen, in denen man schlecht verständlich ist, verbunden mit einer verschlechterten Motorik allgemein auf? Dann wird es wahrscheinlich eben eine Sprechstörung im Off sein. Die richtige Reaktion wäre dann eine Optimierung der Parkinson-Therapie, damit die Dopa-Dosis während des Tages besser aufgeteilt ist, dass man alle zusätzlichen Parkinson-Medikamente, die verfügbar sind optimal nützt. Oder bei manchen Patienten, bei denen das mit normalen Maßnahmen eben nicht gelingt, kann man an eine Pumpen-Therapie vor allem denken oder auch an die tiefe Hirnstimulation.

Wenn das ein Problem ist, das dann auf Medikamente oder diese Maßnahmen nicht ausreichend anspricht, dann ist die nächste Maßnahme, die natürlich sehr hilfreich sein kann, die Logopädie.

In der Logopädie sind in den letzten zwei Jahrzehnten sehr, sehr gute neue Strategien entwickelt worden, in denen man sozusagen die Beobachtung gemacht hat, dass lautes, langsames, bewusst deutliches Sprechen zu einer deutlichen Verbesserung der Artikulation im Alltag führen kann. Es gibt als spezifische Logopädie-Technik z.B. das Lee Silverman Voice Training, das da angewendet wird, aber viele Logopäden machen intuitiv einfach etwas Ähnliches. Der Patient übt einfach beim Sprechen, laut und deutlich zu sprechen. Das ist auch etwas, wo ich Patienten drauf aufmerksam mache: „Versuchen Sie das mit Angehörigen, oder versuchen Sie das mehrmals am Tag, so einen kurzen Text laut und deutlich zu lesen.“ Auch das kann das Sprechen beeinflussen. Aber die zusätzliche fachmännische Betreuung da in einer Logopädie kann sehr, sehr hilfreich sein.

Wie kann man mit Gedächtnisproblemen umgehen?

Ja, also Gedächtnisprobleme sind nicht so einfach zu behandeln, das muss man in aller Offenheit sagen.

Ein Aspekt bei Gedächtnisproblemen und bei geistigen Veränderungen in der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit ist die medikamentöse Therapie. Es gibt ein Medikament, für das gesichert ist, dass es die geistige Leistungsfähigkeit beim Parkinson verbessern kann. Das ist das Rivastigmin. Diese Gedächtnisprobleme und geistigen Probleme bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit haben mit einem Verlust eines Nervenüberträgerstoffs zu tun, der wichtig ist für Konzentration und Gedächtnis, das Acethylcholin. Und des Rivastigmin ist ein Medikament, das den Abbau von Acethylcholin im Gehirn, vor allem in der Gehirn Rinde hemmt. Damit bleibt in der Hirnrinde das Acethylcholin länger erhalten und länger wirksam. Und es gibt durchaus Patienten, die davon eine deutliche Verbesserung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit haben. Also eine Einstellung auf Rivastigmin sollte man bei Patienten mit geistigen Problemen auf jeden Fall versuchen.

Die zweite Maßnahme, vielleicht sogar die erste Maßnahme, ist natürlich, dass man Medikamente absetzt, die die geistige Leistungsfähigkeit verschlechtern können. Es gibt sogar eine Gruppe von Parkinson-Medikamenten, die sozusagen genau das Gegenteil machen. Das sind die sogenannten Anticholerinergika. Das ist eine Gruppe von Medikamenten, die die Parkinson-Motorik deutlich verbessern kann. Anticholinergika waren auch sehr lange Zeit die einzigen Medikamente, die es für die Parkinson-Krankheit gegeben hat bis in die 60er Jahre. Und es gibt nicht nur die klassischen Anticholinergika, die man in der Parkinson-Therapie einsetzt, sondern es gibt auch manche Medikamente zur Blasenberuhigung, Medikamente gegen Durchfall, oder auch Mittel gegen Depression, altmodische, die auch so eine Wirkung entfalten können, die Anticholinergika sind und damit zu einer geistigen Verschlechterung führen können. Also diese Medikamente sollte man unbedingt absetzen.

Wie kann sich Parkinson auf die Sexualität auswirken?

Ja, auf verschiedene Art und Weise, muss man sagen.

Also ich würde sagen, meine Beobachtung ist also sicher, dass viele Patienten im Rahmen ihrer Parkinson-Depression auch ein vermindertes sexuelles Bedürfnis, eine verminderte Libido haben. Da kann die Einstellung dann auf die Parkinson-Medikamente eigentlich zu einer Verbesserung führen.

Etwas, was auch auftreten kann, ist ein vermindertes Erektionsvermögen. Das kann für die Betroffenen sehr, sehr belastend sein. Oft ist es, nachdem dieses Problem ja auch häufig im höheren Lebensalter auftritt, gar nicht leicht zu sagen: „Ist das jetzt der Parkinson, der das macht? Ist es das Alter? Sind es Begleiterkrankungen, wie z. B. eine Zuckerkrankheit oder so, die der Auslöser ist?“ Das Wichtige in dem Zusammenhang ist nur: Wenn es ein belastendes Symptom ist, bitte: Das gehört zum Urologen oder zur Urologin. Diesem Problem kann nämlich mit Medikamenten geholfen werden. Und der Grund, dass man Parkinson-Krankheit hat, ist kein Grund gegen eine Therapie zur Verbesserung der Erektionsfähigkeit wie z.B. mit Sildenafil.

Das dritte ist: Die Parkinson-Medikamente selbst können die Sexualität, das Bedürfnis nach Sexualität verbessern. Das kann positiv sein. Sie können aber auch die Libido in ein übersteigertes Maß verstärken und zu einer verstärkten, unnatürlich verstärkten Sexualität führen, das, was man also medizinisch als Hypersexualität bezeichnet. Und das kann wirklich dazu führen, dass die betroffene Patientin oder der Patient das Gefühl hat: „Das bin nicht ich selbst. Das ist zwar schön, aber dieses Ausmaß an sexuellem Bedürfnis, das bin nicht ich.“ Und vor allem auch die Partnerin oder auch der Partner kann das so wahrnehmen, dass das einfach nicht mehr ganz stimmt. Das ist etwas, was man sehr behutsam angehen muss, wo oft wirklich wichtig ist, den Ehepartner da in das ärztliche Gespräch mit einzubeziehen, weil die Auslöser dieses Problems sehr häufig Dopamin-Agonisten sind, also diese Hypersexualität ist ein Teilaspekt der Impulskontrollstörungen. Und manchmal erfordert das auch eine Umstellung der Parkinson-Medikamente. Wichtig ist, dass man über das Problem genauso wie andere psychische und körperliche Probleme hinter der Erkrankung spricht. Das ist einfach auch ein Teilaspekt der ärztlichen Betreuung.

Kommunikation bei Morbus Parkinson

Die eingeschränkte Mobilität und vor allem auch Probleme in der Kommunikation wirken sich häufig deutlich auf das Sozialleben von Parkinson-PatientInnen aus. Auch das Sexualleben kann unter der Erkrankung leiden.

Verbesserung der Sprechfähigkeit mit dem Silverman-Training

Zu einer der wirksamsten und am besten untersuchten sprachtherapeutischen Ansätzen bei Parkinson zählt das Lee Silverman Voice Training das dem Motto „Denken Sie laut!“ folgt. Viele LogopädInnen setzen in der Therapie dieses Training oder ähnliche Techniken ein, die Sie dann in der Kommunikation mit Ihren Angehörigen weiter trainiert sollten.

Die wichtigsten Tipps für den Alltag bei Sprechstörungen:

  1. Bemühen Sie sich bewusst langsam, laut und deutlich zu sprechen.
  2. Sprechen Sie wirklich laut! Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sprechen zu laut, ist das vermutlich nur eine falsche Rückmeldung durch Ihr Gehirn. Sprechen Sie also ruhig so laut bis Sie denken, dass ihre Sprechintensität schon die angenehme Lautstärke überschritten hat.
  3. Trainieren Sie außerhalb von alltäglichen Gesprächen Ihre Aussprache. Dies können Sie am besten mit Ihren Angehörigen durchführen, indem Sie beispielsweise Geschichten laut vorlesen und dabei die Wörter überdeutlich betonen. Ihre Angehörigen können Ihn dann Feedback zur Aussprache und Laustärke geben. Es ist auch möglich, dass sie einzelne Silben wie „Ma, Ro, La, Le, …“ isoliert aussprechen. Wenn diese in Wörtern vorkommen, sprechen Sie diese flüssiger aus.

Kontakt halten und weiterhin Beziehungen pflegen

Auch wenn sich durch die Erkrankung ihre körperlichen Fähigkeiten verändern, bedeutet das nicht, dass Sie Ihr Sozialleben von Grund auf ändern müssen. Unternehmen Sie alles, was Sie vorher auch getan haben, solange es für Sie körperlich machbar ist. Schließlich ist sozialer Kontakt nicht nur eine der wichtigsten Quellen zum Schöpfen von Energie, sondern bietet auch Ablenkung und Freude. Manche Situationen sind nicht nur für Sie, sondern auch für Ihre Angehörigen und Freunde Neuland. Daher ist es wichtig, dass beide Seiten bestmöglich miteinander kommunizieren. Vielen fällt der Umgang mit Veränderungen leichter, wenn sie offen angesprochen werden.

Ebenso bei Gedächtnisproblemen und Problemen mit der Sexualität wie verminderter Lust auf sexuelle Aktivitäten, Erektionsproblemen oder übersteigerte Sexualität kann neben der Anpassung der Therapie das offene Ansprechen hilfreich sein. Nicht nur Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt gegenüber, sondern auch Ihrer Partnerin/Ihrem Partner gegenüber. All diese Veränderungen können mit der Erkrankung einhergehen und sind nichts, wofür man sich schämen muss.

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Was kann bei Schlafproblemen helfen?

Der Schlaf ist ja beim Parkinson ein ganz, ganz vielfältiges Symptom. Und das erste, was gestört sein kann, ist, dass die Motorik im Schlaf eigentlich nicht gut kontrolliert ist, dass der Patient in der Nacht in eine schlechte Parkinson-Phase fällt, in eine sogenannte Off-Phase. Und dann ist natürlich eine Optimierung der Parkinson-Therapie ganz, ganz entscheidend. Das kann mit medikamentösen Maßnahmen sein, z.B. die Einnahme eines Dopa-Retard-Präparats vor dem Einschlafen oder eine Einstellung auf einen Dopamin-Agonisten zum Schlucken bis hin zu einer Pumpen-Therapie, die man dann bei einzelnen Patienten ja sogar über 24 Stunden laufen lassen muss, um den Schlaf zu verbessern. Oder auch die tiefe Hirnstimulation kann zu einer Besserung des Schlafes über eine Verbesserung der motorischen Parkinson-Symptomatik führen.

Also das sind sehr, sehr vielfältige Ansätze.

Ein anderer Teil der Menschen, die betroffen sind, hat eine REM-Schlafverhaltensstörung als Hauptproblem für den Schlaf. Sie schlafen zwar, aber leben im Schlaf die Träume aus. Das kann zu gewaltsamen Bewegungen führen oder zu Schreien im Schlaf, und Patient kann dadurch selbst aufwecken. Auch dafür gibt’s wieder spezifische Medikamente.

Und dann gibt’s noch etwas, was man am Schluss erwähnen muss: Schlaftherapie bei Parkinson ist wie sonst Parkinson-Therapie nicht nur medikamentöse Therapie. Ganz, ganz wichtig sind auch nicht-medikamentöse Maßnahmen. Das ist sozusagen ein guter Tag-Nacht-Rhythmus. Das ist ganz, ganz wichtig, dass man die Patienten aufmerksam macht: „Bitte, auch wenn Sie in der Nacht schlecht schlafen – legen Sie sich nicht mittags ins Bett und bleiben bis um 4 Uhr nachmittags im Bett. Wie sollen Sie da jemals schlafen können?“

Körperliche Bewegung ist ganz, ganz wichtig auch für den Schlaf. Ein richtiges Ausmaß an körperlicher Aktivität ist auch für die Parkinson-Patienten sehr, sehr wichtig.

Also viele Bestandteile:

  • Bewegung während des Tages,
  • nicht schlafen während des Tages,
  • die richtige Einstellung der motorischen Parkinson-Symptomatik.
  • Und wenn das alles nicht reicht: im Spezialfall tatsächlich schlaffördernde Medikamente.

Wie kann man mit visuellen Halluzinationen umgehen?

Ja, wenn ein Patient visuelle Halluzinationen hat, die stören, dann sollte man das behandeln. Das ist ein mehrstufiger Prozess.

Wenn das Ganze wirklich total akut ist und der Patient ins Krankenhaus kommt, weil er keine Einsicht mehr in den irrealen Charakter dieser Halluzinationen hat oder einen Wahn entwickelt hat, dann müssen wir im Krankenhaus sehr schnell reagieren und spezielle Medikamente geben.

Wenn das Ganze aber nicht so dramatisch ist wie bei den meisten Fällen, dann wird man nochmal gut nachdenken: „Was ist hier eigentlich der Auslöser der Halluzinationen?“ Das erste ist immer: „Wie ist der allgemeine Zustand der Patientin oder des Patienten? Hat der Patient vielleicht eine Blasenentzündung, irgendeine andere Art der Infektion? Trinkt er zu wenig? Also ist er ausgetrocknet? Oder hat er vielleicht einen kleinen Schlaganfall? Ist er gestürzt und hat sich dadurch eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen?“

Also es gibt manchmal Auslöser für diese Halluzinationen. Und dann ist natürlich ganz das Entscheidende sozusagen, dass man diese Auslöser beseitigt.

Das zweite ist: Schauen wir uns die ganze Medikation des Patienten an. Bei der Medikation steht immer an erster Stelle: „Gibt’s Medikamente, die die geistige Leistungsfähigkeit des Patienten deutlich verschlechtern können und deswegen Halluzinationen auslösen können?“ Und hier gibt’s eine Medikamentengruppe, die ganz, ganz wichtig ist. Das sind anticholinerg wirksame Substanzen. Anticholinergika können die Parkinson-Symptomatik verwenden, die werden bei jüngeren Patienten eingesetzt, zum Teil vor allem dann, wenn das Zittern schwer behandelbar ist. Bei älteren Menschen können die aber zu Verwirrtheit und Halluzinationen führen. Und manchmal versteckt sich diese anticholinerge Wirkung in einem anderen Medikament: Manche Blasenmedikamente, manche Antidepressiva haben eine anticholinerge Wirkung in der Hirnrinde und verschlechtern deswegen die geistige Leistungsfähigkeit. Und diese Medikamente soll man tunlichst absetzen.

Es gibt auch andere Parkinson-Medikamente, die man dann eher reduzieren und schrittweise absetzen sollte. Das wichtigste Parkinson-Medikament in so einer Situation, wenn jemand schwere Halluzinationen hat, ist Dopa. Weil Dopa selbst kann schon auch Halluzinationen auslösen, aber weniger leicht als z.B. Dopamin-Agonisten. Das heißt: Bei solchen Patienten, das geht vor allem um Patienten, die sehr betagt sind, die eine allgemeine geistige Veränderung haben, vielleicht so weit, dass man schon von einer Parkinson-Demenz sprechend kann/muss. Da ist es sinnvoll, die Parkinson-Therapie zu vereinfachen und eher auf eine Dopa-Therapie zu beschränken.

Und wenn all das zu keiner guten Kontrolle der Halluzinationen führt, dann gibt’s zwei Medikamente, die spezifisch gegen Halluzinationen wirken, die man dann einsetzen kann.

  • Das eine ist Quietiapin, das man relativ unkompliziert einsetzen kann, wenn der Patient das verträgt. Das ist nur ein sehr müde machendes Medikament, das man dann eben vor dem Schlaf gibt.
  • Und ein zweites Medikament, das etwas komplizierter ist, eine stärker wirksamere Substanz, das Clozapin, das aber nur durch wirklich Spezialisten verabreicht werden sollte, weil das Clozapin eine sehr genaue Nachkontrolle der Patienten erfordert. Da muss man unter anderem in den ersten 18 Therapiewochen jede Woche eine Blutkontrolle machen, weil das schwere Blutbildveränderungen machen kann. Aber für die Patienten mit ganz schweren Halluzinationen ein sehr, sehr wertvolles Medikament.

Wie kann man mit psychischen Veränderungen umgehen?

Wenn wir das ein bissel durchgehen, was alles beim Parkinson auftreten kann,

  • das ist eine Depression,
  • das ist Angst.

Das sind sicher die zwei wichtigsten Aspekte.

Dann gibts also Verhaltensstörungen wie die

  • Impulskontrollstörungen, die schon früh im Verlauf der Erkrankung auftreten können.
  • Dann die Überaktivität im fortgeschrittenen Stadium, das sogenannte Punding.

Und dann schließlich geistige Veränderungen wie

  • geistiger Abbau
  • oder auch Halluzinationen.

Also alle diese Veränderungen erfordern spezifische Therapie. Die häufigsten Probleme gerade auch im Frühstadium sind natürlich die Depression und die Angst.

Wenn man das jetzt vor sich hat, Sie das vielleicht spüren, ist wie bei allen Symptomen bei der Parkinson-Krankheit immer die Frage: Ist es ein Problem, das über den ganzen Tag gleich anhält? Dann wird es eine richtige Depression sein oder eine anhaltende Ängstlichkeit. Oder ist das etwas, was episodisch kommt über den Tag?

Z.B.: Der Patient wacht auf, ist völlig depressiv oder total ängstlich. Dann nimmt er sein erstes Parkinson-Medikament, und sein seelischer Zustand verbessert sich. Um 10 Uhr am Vormittag wird er wieder ängstlich oder wieder depressiv. Er fühlt sich wie in einem schwarzen Loch. Sie können nicht mehr denken, haben Sie das Gefühl. Dann nehmen Sie die nächste Tablette, und Ihr psychisches Befinden wird wieder besser.

Das sind psychische Veränderungen in der sogenannten Off-Phase. Das ist ganz, ganz wichtig, dass man von psychischen Veränderungen unterscheidet, die den ganzen Tag anhalten, anhalten. Weil diese Off-assoziierten psychischen Veränderungen, die sollte man genau so wie die motorische Parkinson-Symptomatik durch eine Anpassung der Medikamente für die Motorik, durch eine Anpassung der Parkinson-Medikamente behandeln. Das sind jetzt Anpassungen der Tablettentherapie, oder wenn es mit Tabletten nicht ausreicht, auch eine Pumpen-Therapie oder eine tiefe Hirnstimulation. Also ein Teil dieser psychischen Veränderungen kann ein Ausdruck von Wirkungsschwankungen sein. Das ist ganz, ganz wichtig, dass man das versteht.

Wenn es etwas ist, was anhält über den ganzen Tag jetzt und das über Tage und Wochen, dann sprechen wir wirklich von einer Parkinson-Depression. Und diese Parkinson Depressionen können sich auch bessern, wenn man die Parkinson-Medikamente optimiert. Das ist ein wichtiger Schritt. Und das andere, wenn das nicht ausreicht, dann sollte man das mit antidepressiven Medikamenten behandeln. Da gibt’s gute wissenschaftliche Untersuchungen mittlerweile dazu, dass auch die Depression der Parkinson-Krankheit so wie die Depression in der Allgemeinbevölkerung mit antidepressiven Medikamenten gut behandelbar ist.

Etwas, wo es eigentlich wenig Studien dazu gibt und was aber für viele Patienten ein sehr belastendes Symptom ist, ist Angst. Da gibt’s de facto fast keine Untersuchungen, keine wirklich guten wissenschaftlichen bei der Parkinson-Krankheit, zur Behandlung der Angst beim Parkinson. Wir wissen aber, dass Angststörungen in der Allgemeinbevölkerung gut auf ähnliche Medikamente ansprechen, wie man sie auch bei der Depression einsetzt. Also was die Therapie-Prinzipien sind, hier ganz ähnlich: Man gibt da Antidepressiva. Wenn die nicht gut vertragen werden oder ausreichend vertragen, also gut vertragen werden, dann gibt’s hier noch Ausweichmedikamente, wie man sie sonst auch bei Angststörungen verwendet.

Die Psyche bei Morbus Parkinson

Psychische Veränderungen können sich bei der Parkinson-Erkrankung bereits in frühem Stadium bemerkbar machen und im Verlauf der Erkrankung zunehmen.

Maßnahmen für einen besseren Schlaf

Bei Schlafstörungen sollte kontrolliert werden, ob Ihre Medikamente richtig eingestellt sind, und die Therapie gegebenenfalls angepasst werden. Was Sie selbst tun können:

  • Achten Sie auf regelmäßige Einschlaf- und Weckzeiten und legen Sie sich auch bei Müdigkeit tagsüber nicht länger hin.
  • Körperliche Bewegung tagsüber, idealerweise an der frischen Luft, fördert einen erholsamen Schlaf in der Nacht.

Halluzinationen rechtzeitig ansprechen

Manche PatientInnen entwickeln, eventuell auch als Nebenwirkung der Medikamente, Halluzinationen. Leichte Trugwahrnehmungen sind für viele Parkinson-PatientInnen nicht wirklich belastend. Sie sollten diese dennoch im Arztgespräch ansprechen, da sich die Symptome manchmal mit der Zeit verstärken und zu richtigen Halluzination werden können. Diese können dann zum Teil bedrohliche Ausmaße annehmen und nicht mehr als unwirklich erkannt werden. Besonders gefährdet sind ältere PatientInnen und PatientInnen mit geistigen Veränderungen wie Demenz.

Falls Ihnen bei sich selbst oder Ihrer/Ihrem Angehörigen solche Trugwahrnehmungen auffallen, sollten Sie daher die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt kontaktieren. Diese/r kann andere Ursachen wie einen Flüssigkeitsmangel ausschließen und im Bedarfsfall die medikamentöse Therapie anpassen kann. Als Angehörige/r sollten Sie bei fehlender Einsicht durch die Betroffene/den Betroffenen nicht versuchen ihr/ihm die Fehlwahrnehmungen auszureden. Versuchen Sie eher durch ruhiges und vertrauensvolles Verhalten diese zu vermindern.

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Geprüft Univ.-Prof. Dr. med. Walter Pirker: Stand Februar 2021

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