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Kurs Polyneuropathie bei Krebs verstehen: Lektion 4 von 7

Diagnose einer Polyneuropathie

Wenn Sie auf Ihren Körper hören, werden Ihnen Symptome einer Polyneuropathie bereits frühzeitig auffallen.
In diesem Fall sollten Sie möglichst bald Ihren behandelnden Arzt/Ihre Ärztin konsultieren. Denn auch bei einer Polyneuropathie gilt: Je früher die Diagnose, umso besser.

In dieser Lektion unseres Online-Kurses gibt Ihnen OA Dr. med. Albert Weißmann Einblicke, wie die Diagnosestellung einer Polyneuropathie abläuft.

Video Transkript

Wie kann ich selbst zur frühzeitigen Diagnose beitragen?

Wenn Sie sich selbst und Ihre Befindlichkeit ausreichend und kritisch beobachten bzw. auch Kommentare Ihrer Familie, Ihrer Freunde, Ihrer Umgebung wahrnehmen, dann werden Sie frühzeitig auftretende Symptome einer Neuropathie nicht übersehen.

Wichtig ist es, diese sofort mit Ihrem behandelnden Arzt zu kommunizieren, um gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Welche Fragen wird mir mein Arzt / meine Ärztin stellen?

Zuerst wird der betreuende Arzt fragen, wo die Symptome auftreten, seit wann und wie intensiv. Er wird Sie weiters nach der Dynamik dieser Beschwerden fragen, das heißt, ob sie zunehmen oder ob sie gleich bleiben bzw. ob sie durch irgendwelche einfachen Maßnahmen zu beeinflussen sind.

Welche Tests werden zur Diagnose einer Polyneuropathie durchgeführt?

Es werden vorerst einfache klinische Tests durchgeführt, die die Oberflächen-Sensibilität überprüfen, die Muskel- und Sehnen-Reflexe überprüfen sowie auch die Tiefensensibilität für Vibrationserscheinungen. In weiterer Folge kann man auch elektrophysiologische Untersuchungen wie ein Elektro-Myogramm oder eine Nervenleitgeschwindigkeit durchführen. Diese erlaubt dann eine noch differenziertere Diagnostik und die Unterscheidung in verschiedene Neuropathieformen.

Wie werden die Muskeleigenreflexe geprüft?

Die Muskeleigenreflexe und Sehnenreflexe werden durch ein einfaches klinisches Untersuchen des Ansprechens von klassischen Druckpunkten untersucht, zum Beispiel der Patellarsehnenreflex. Bei diesem soll mit einem Gummihämmerchen im Bereich des Knies ein Reflex ausgelöst werden.

Wie wird die oberflächliche Reizwahrnehmung gemessen?

Die oberflächliche Reizwahrnehmung wird durch eine einfache Untersuchung zur Spitz- und Stumpfunterscheidung mit einer kleinen Nadel bzw. einem Gummipölsterchen durchgeführt. Auch werden mit Pinseln und Bürsten ganz subtile Oberflächensensationen überprüft.

Durch welche Tests können Motorik und funktionale Beeinträchtigungen überprüft werden?

Die Motorik und die funktionale Beeinträchtigung können durch einfache klinische Untersuchungen überprüft werden, zum Beispiel

  • durch den Tonus der Muskulatur, das heißt durch die Kraftentwicklung, die man imstande ist aufzubringen,
  • durch die Koordination zum Beispiel bei den bekannten Tests, wobei man an einer Linie blind gehen muss und versuchen muss nicht zu stürzen,
  • auch durch Balance-Akte, die man überprüfen kann, um die Muskel und Koordinationsfähigkeit quasi festzustellen.

Was wird bei einer Elektroneurografie (ENG) gemacht?

Eine Elektroneurografie ist eine elektrophysiologische Untersuchung, wobei diese üblicherweise als Nervenleitgeschwindigkeits-Untersuchung bezeichnet wird. Hier werden kurze Impulse an den zu untersuchenden Nerven abgegeben und die Antwort dieses Nerven gemessen. Man kann durch diese Untersuchung sehr differenziert Ursachen bzw. auch die anatomische Schädigung des Nervens differenzieren.

Warum sind manchmal auch Hörtests nötig?

Manche Substanzen verursachen auch Schädigungen des Gehörnervs oder des Gehörssystems. Dazu zählen vor allem die Platine. Hörtests erlauben zum Beispiel vor höher dosierten Therapien die Bestimmung einer Basissituation. Im Verlauf der Therapie kann dann eine eventuelle Schädigung des Hörvermögens nachgewiesen werden. Sollte dies der Fall sein, muss man eventuell das Präparat rechtzeitig wechseln, um eine nachhaltige Schädigung des Patienten zu vermeiden, oder aber eine Dosismodifikation durchführen.

In welche Schweregrade kann eine Polyneuropathie eingeteilt werden?

Es gibt verschiedene Klassifikationsarten, um eine Neuropathie in Schweregrade einzuteilen bzw. zu quantifizieren. Bewährt hat sich ein Schema, das sieben verschiedene klinische Kriterien einschließt und eine Graduierung von 0 bis 4 ermöglicht.

Auf den Punkt gebracht

  • Die Diagnose sollte möglichst früh erfolgen.
  • Achten Sie auf das Auftreten der entsprechenden Symptome und auf Kommentare von aufmerksamen Freunden oder Ihrer Familie.
  • Viele klinische Diagnoseuntersuchungen sind einfach, aber dennoch zielführend.

Anamnese und neurologische Untersuchung

Am Beginn der Diagnose steht eine gründliche Anamnese der Krankheitserscheinungen durch den Arzt/die Ärztin. An welchen Körperbereichen treten die Symptome auf, seit wann und in welchem Ausmaß? Wie fühlen sich die Symptome an: Kribbeln oder Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl, Temperaturmissempfindung, Schmerzen oder motorische Beeinträchtigung etc.? Haben sich die Symptome verändert, sind sie gleichbleibend oder zunehmend?

Daraufhin werden in einfachen klinischen Tests die Oberflächensensibilität, Motorik und Koordination sowie die Tiefensensibilität untersucht. Hierbei wird etwa mit Pinseln und kleinen Bürsten die feine Oberflächenempfindung überprüft. Zudem testet der Arzt / die Ärztin mit einer Nadel und Gummipölsterchen die Spitz/Stumpf-Unterscheidung und mit einer Doppelgabel die Zwei-Punkte-Unterscheidung. Auch das Temperaturempfinden und der Vibrationssinn werden geprüft, weiters die Feinmotorik der Hände (z. B. Schließen eines Hemdknopfes).

Übungen wie Gehen mit geschlossenen Augen (Seiltänzergang) dienen der Überprüfung der Koordination. Zur klinischen Diagnose gehören darüber hinaus die Messung der Muskel- und Sehnenreflexe sowie des Muskeltonus und der Muskelkraft.

Einfacher Selbsttest

Vereinfachte Formen dieser Tests können Sie ohne viel Aufwand selbst daheim durchführen. Selbstverständlich können diese Tests ein Gespräch mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin nicht ersetzen. Sie dienen lediglich dazu, Ihnen zu vermitteln, wie solche Tests funktionieren.

Achtung: Bei den ersten beiden Tests sollten Sie jemanden bitten, zur Sicherung hinter Ihnen zu stehen.

  • Polyneuropathie Selbsttext Tandem StandTest 1: Stehen Sie auf einer imaginären Linie, einen Fuß vor dem anderen, ähnlich wie ein Seiltänzer. Fällt es Ihnen leicht dabei das Gleichgewicht zu halten?
  • Test 2: Stellen Sie sich mit schulterbreit geöffneten Füßen hin und schließen Sie die Augen. Stehen Sie weiterhin sicher oder fangen Sie an zu schwanken?
  • Test 3: Betasten Sie mit geschlossenen Augen verschiedene Gegenstände mit unterschiedlichen Oberflächen und beschreiben Sie, was Sie fühlen. Können Sie raue und glatte Oberflächen gut voneinander unterscheiden? Wie sieht es mit kalten und warmen Oberflächen aus?

Wenn Sie bei diesen Übungen Probleme haben, sollten Sie dies bei Ihrem nächsten Arztbesuch ansprechen.

Die Diagnose ist in den meisten Fällen leicht zu stellen

Wegen des typischen Erscheinungsmusters der Polyneuropathie (an den Füßen sockenförmig, an den Händen handschuhförmig) reichen eine gründliche Anamnese und eine klinisch-neurologische Untersuchung meistens aus, um eine Polyneuropathie zu diagnostizieren.

Spezialuntersuchungen

Für eine feinere Einschätzung der Schädigung der Nerven und eine genauere Differenzierung in unterschiedliche Polyneuropathie-Formen stehen zwei elektrophysiologische Untersuchungen zur Verfügung. Beim Elektromyogramm wird mit einer Nadelelektrode die natürlicherweise in einem Muskel auftretende elektrische Aktivität gemessen. Das Elektroneurogramm misst die Nervenleitgeschwindigkeit. Aus beiden Untersuchungen lassen sich Rückschlüsse auf die Art und die Ursache der Nervenschädigung ziehen.

Vor allem bei einer Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie kann auch der Gehörnerv betroffen sein. In diesem Fall kann ein Hörtest durchgeführt werden, um den Verlauf der Hörschädigung beobachtbar zu machen. Sollte die Hörschädigung während der Chemotherapie zunehmen, sollte darauf Bedacht genommen und durch eine Umstellung der Medikamente bzw. der Verabreichungsart gegengesteuert werden.

Wussten Sie schon

Für die Diagnose einer Polyneuropathie reichen ein eingehendes Anamnesegespräch und eine gründliche neurologische Untersuchung meistens aus. Weisen Sie die behandelnden ÄrztInnen aktiv auf jede Empfindungs- oder Beweglichkeitseinbuße hin, auch wenn Sie nicht danach gefragt werden oder die Symptome Ihnen nebensächlich erscheinen.

Geprüft OA Dr. Adalbert Weißmann: Stand Juli 2018

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