Zurück zur Kursübersicht

Kurs Polyneuropathie bei Krebs verstehen: Lektion 3 von 7

Symptome einer Polyneuropathie

Wie fühlt sich eine Polyneuropathie an? Was spürt man als Betroffene(r)? Äußert sich eine Polyneuropathie immer auf dieselbe Weise oder unterscheiden sich die Symptome je nach Grunderkrankung? Welche Körperregionen sind betroffen?

Diese Lektion widmet sich den Symptomen der Polyneuropathie, die von kaum wahrnehmbarem Kribbeln bis zu Muskelkrämpfen reichen.

Video Transkript

Was können erste Anzeichen für Nervenschäden sein?

Die ersten Anzeichen einer chronischen Nervenschädigung können kribbelnde Missempfindungen in den Fingern oder in den Zehen sein, ein anhaltendes Kältegefühl bzw. ein Verstärken dieser Empfindungsstörungen bei Kälte-Exposition, zum Beispiel wenn man im Winter ohne Handschuhe spazieren geht oder im Kühlschrank nach einer Flasche greift und leichte Schmerzen empfindet.

Wann treten diese für gewöhnlich auf?

Die Symptome dieser Neuropathien treten in Abhängigkeit von der Intensität der Therapie nach einem bis drei Monaten auf. Sie nehmen üblicherweise während einer fortlaufenden Therapie zu.

Auf welche Symptome sollte ich besonders achten?

Symptome, die Sie jedenfalls bei einer Rücksprache mit Ihrem Arzt zu diesem Thema angeben sollten, sind

  • Ameisenlaufen,
  • kribbelnde Missempfindungen in den Zehen und in den Fingern,
  • gegebenenfalls beginnende Schmerzen, die zum Teil Stechen und Brennen sein können,
  • Unruhegefühle während der Nacht im Sinne eines Restless Legs Syndroms
  • oder Krämpfe.

Warum sind die Füße häufig frühzeitig betroffen?

Die ersten Symptome treten üblicherweise deshalb an den Füßen beziehungsweise an den Zehen auf, weil hier die längsten Strecken für die Nerven zurückzulegen sind, bis sie am Zielorgan sind. Deshalb sind auch die Angriffspunkte für die Chemotherapie oder die schädigende Immuntherapie wesentlich größer.

Warum kommen und gehen die Symptome von Zeit zu Zeit?

Die unterschiedliche Intensität der Symptome, wie sie von Patienten empfunden wird, ist durchaus von verschiedenen Faktoren abhängig, die nicht unbedingt mit dem primär verursachenden Medikament zusammenhängen.

So können es zum Beispiel unterschiedliche Begleitmedikationen sein, die Patienten Schmerzen mehr oder weniger empfinden lassen. Aber auch Temperaturschwankungen, das heißt jahreszeitliche Unterschiede in der Schmerzintensität können vom Patienten durchaus wahrgenommen werden.

Wann sollte ich die Symptome mit meinem Behandlungsteam besprechen?

Sie sollten die Symptome jedenfalls mit Ihrem Arzt im Rahmen der routinemäßigen Kontrollen besprechen, so dass die entsprechende Begleitmedikation darauf abgestimmt werden kann. Zwischendurch sollten Sie Ihren Arzt auch auf Probleme oder auf eine Änderung der Problemsituationen ansprechen, wenn die Intensität der Beschwerden plötzlich zunehmen sollte oder andere, bisher noch nicht bekannte Beschwerden dazu auftreten.

Wie machen sich Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem (Gehirn, Rückenmark) bemerkbar?

Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem gibt es im Rahmen der peripheren Neuropathie definitionsgemäß nicht, nachdem diese ja als peripher klassifiziert wird.

Dennoch können Neuropathien auch zentralnahe, sprich im Kopfbereich auftreten und Augenmuskeln, das Gehörorgan oder Geschmacksempfindungen betreffen.

Warum kann es zu Hör-, Geh- und Balanceproblemen kommen?

Das durchaus häufige Problem von Balance-Störungen, die dann zu Geh-Problemen und Mobilitäts-Problemen führen, ist meistens nicht eines des üblichen Schwindels im Bereich des Innenohr-Systems. Die Ursachen liegen im Bereich der motorischen Koordination, der Tiefensensibilitätsempfindung und somit auch der mechanischen Balance, die über die Beine und die periphere Muskulatur herzustellen ist.

Warum kann es zu Sehproblemen kommen?

Sehstörungen werden nicht selten durch eine neuropathische Affektion der Sehmuskeln verursacht. Die Sehmuskeln gewährleisten die Motorik des Augapfels.

Wie kann sich eine Polyneuropathie auf Alltag und Beruf auswirken?

Die Auswirkung eines Neuropathieproblems auf den Alltag wird häufig unterschätzt.

Die sensorische Neuropathie kann schon bei alltäglichen Tätigkeiten wie zum Beispiel dem Schließen eines Hemdknopfes, dem Aufheben von kleinen Gegenständen von einer flachen Unterlage, dem Binden von Schuhbändern außerordentlich hinderlich sein und fremde Hilfe verlangen. Die eventuell zusätzliche schmerzhafte Komponente ist dann natürlich ein umso stärkeres Hindernis und Handicap für den Alltag.

Im Berufsleben, und viele unserer Patienten sind vollständig und vollzeitlich berufstätig weiterhin, können diese Probleme natürlich auch außerordentlich hinderlich sein, sowohl was die manuellen Tätigkeiten betrifft als auch die Mobilität.

Wie unterscheiden sich eine temperaturunabhängige und eine kälteinduzierte Polyneuropathie?

Es gibt Substanzen, die vor allem kälteabhängige und kälteinduzierte Neuropathien verursachen. Dazu gehört vor allem das Oxaliplatin. Diese Beschwerden sind durchaus durch Temperaturschwankungen modifizierbar, wobei eine wärmere Umgebung üblicherweise als durchaus angenehm empfunden wird. Andererseits gibt es durchaus auch Situationen wie zum Beispiel in der Nacht, wo die Wärme einer Bettdecke kaum ertragen wird.

Kälteunabhängige Neuropathien werden durch andere Substanzen verursacht und sind in ihrer Intensität eher konstant.

Auf den Punkt gebracht

  • Die Symptome sind abhängig von der Wahl der Substanz.
  • Mögliche Anzeichen sind: Ameisenlaufen in Zehen und Fingern, Schmerzen, Unruhegefühl während der Nacht, Krämpfe, anhaltendes Kältegefühl oder Zunahme der Empfindungen bei Kälte.

Die typische Erscheinung der Symptome

Da die Verletzlichkeit von Nervenfasern mit ihrer Länge zunimmt, wird die Polyneuropathie häufig zuerst an den Füßen wahrgenommen.

Da die Verletzlichkeit von Nervenfasern mit ihrer Länge zunimmt, wird die Polyneuropathie häufig zuerst an den Füßen wahrgenommen.

Hier treten Missempfindungen, wie Kribbeln, Prickeln, Ameisenlaufen oder Elektrisieren auf. In weiterer Folge sind die Hände, vor allem die Fingerspitzen betroffen.

Das Erscheinungsmuster ist für die Polyneuropathie typisch: Die Beschwerden werden von PatientInnen an den Füßen als “sockenförmig” und an den Händen als “handschuhförmig” beschrieben.

Socken- und handschuhförmige Polyneuropathie
Socken- und handschuhförmige Polyneuropathie

Welche Arten von Symptomen gibt es?

Eine polyneuropathische Schädigung betrifft vor allem sensible Nerven.

In den betroffenen Arealen treten sogenannte Negativempfindungen auf, hervorgerufen durch eine Abnahme der Sensibilität. Hierzu zählen:

  • Taubheitsgefühl
  • Verminderte Berührungsempfindung
  • Verminderte Temperaturempfindung
  • Vermindertes Schmerzempfinden

Andererseits kommen sogenannte „positive“ Empfindungsstörungen hinzu, wie:

  • Kribbeln
  • Prickeln
  • Ameisenlaufen
  • Elektrisieren

Nehmen Sie als Betroffener die Missempfindungen wahr, ohne sie als störend zu empfinden, spricht man von einer Parästhesie. Steigern sich die Symptome zu einem unangenehmen, aber noch nicht schmerzhaften Maß, nennt man das Dysästhesie. In weiterer Folge kann es zu brennenden bis stechenden (neuropathischen) Schmerzen kommen.

Recht häufig sind Einschränkungen der Feinmotorik der Hände sowie eine verminderte Tiefensensibilität Symptome einer Polyneuropathie. Sie führt zu Störungen in der Koordination, beispielsweise zu schwankendem Schwindel und Gleichgewichtsunsicherheit beim Stehen und Gehen. Am stärksten sind diese Balanceunsicherheiten im Dunkeln und bei geschlossenen Augen. Bei Chemotherapie-induzierten Polyneuropathien kommen durch eine Schädigung der Nerven auch Störungen des Gehörsinns und des Geschmacksempfindens vor.

Seltener sind motorische Nervenbahnen betroffen. In diesem Fall kann es zu Schwäche, Zucken oder Krämpfen in Muskeln kommen, die von peripheren Nerven versorgt werden. Bei Schädigung der entsprechenden Hirnnerven können durch eine Einschränkung der Augenmuskelfunktion Sehstörungen die Folge sein.

Betrifft die Polyneuropathie das autonome Nervensystem, können trockene Haut oder vermehrtes Schwitzen auftreten, Probleme beim Wasserlassen, der Verdauung und Schluckstörungen. Auch Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem mit erhöhtem oder erniedrigtem Blutdruck, Herzrasen oder Herzstolpern kommen vor.

Wann und wie lange treten die Symptome auf?

Wann Symptome einer Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie auftreten und wie lange sie andauern, ist von PatientIn zu PatientIn und von Präparat zu Präparat sehr unterschiedlich. Beschwerden können während der ersten Infusion beginnen und noch am selben Tag wieder abklingen. Sie können erst mit dem dritten Zyklus auftreten und nach der Chemotherapie wieder nachlassen. Im günstigsten Fall verschwinden sie komplett innerhalb der folgenden Monate. Manchmal treten Symptome erst nach der Chemotherapie auf und nehmen dann noch zu. Sie können auch über Jahre oder für immer bestehen bleiben. Wird die Therapie trotz Beschwerden unverändert fortgesetzt, so ist mit einer Verschlechterung der Symptome zu rechnen.

Wie wirkt sich die Polyneuropathie auf den Alltag aus?

Allein schon die Sensibilitätsstörungen bereiten Betroffenen im Alltag Probleme. Eine Abnahme der Geschicklichkeit der Hände erschwert viele alltägliche Handlungen wie das Schließen von Hemdknöpfen, das Aufheben kleiner Gegenstände oder das Binden der Schuhbänder.

Kühlschranktemperatur kann sich unangenehm kalt anfühlen, umgekehrt wird die Wärme unter der Bettdecke oder in der Dusche möglicherweise als unerträglich warm empfunden.

Schwindelgefühle und Gleichgewichtsunsicherheit können vor allem bei älteren Personen die Sturzgefahr erhöhen und zu Folgeverletzungen führen. Eine gestörte Koordination kann das Bedienen von Pedalen und Lenkung erschweren und selbstständiges Auto- und Radfahren unmöglich machen.

Kommen Schmerzen hinzu, belastet das die PatientInnen zusätzlich. Oft wird eine bloße Berührung als schmerzhaft empfunden. Schmerzen schränken Beweglichkeit und Unternehmungslust ein und können eine Einbuße an Lebensqualität bedeuten.

Mehr über die Symptome einer Polyneuropathie aus der Sicht eines Betroffenen erfahren Sie in der Lektion Erfahrungsbericht eines Betroffenen.

Wussten Sie schon

Die Polyneuropathie ist keine gefährliche Erkrankung. Sie vermindert jedoch die Lebensqualität, deren Stellenwert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Grund genug für PatientInnen wie ÄrztInnen, eine polyneuropathische Erkrankung ernst zu nehmen, sofort abzuklären und richtig zu behandeln.

Geprüft OA Dr. Adalbert Weißmann: Stand Juli 2018

Bewerten

Ihr Feedback hilft anderen Nutzern die für sie passenden Kurse zu finden.

Würden Sie diesen Online-Kurs empfehlen?

4.7/5 (107)

Zur Kursübersicht
Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

Coronavirus und Krebs

Wir haben für Sie Experten-Antworten zu COVID-19 für Menschen mit einer Krebserkrankung aus vertrauenswürdigen & offiziellen Quellen zusammengetragen.

Zu den Antworten