3. Symptome erkennen und einordnen

Wie äußert sich Myasthenia gravis und warum nimmt die Muskelschwäche bei Belastung zu?

Ein zentrales Merkmal der Myasthenia gravis ist die belastungsabhängige Muskelschwäche. Das bedeutet: Ausgeruht funktionieren die Muskeln oft noch relativ gut. Mit zunehmender Belastung oder bei wiederholten Bewegungen lässt die Muskelkraft jedoch nach.

Der Grund dafür liegt in einer gestörten Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel. Normalerweise setzt der Nerv bei jeder Bewegung den Botenstoff Acetylcholin frei. Dieser bindet an spezielle Andockstellen (Rezeptoren) am Muskel und löst so die Muskelanspannung aus.

Bei Myasthenia gravis sind viele dieser Andockstellen durch Autoantikörper blockiert oder zerstört.

  • Dadurch stehen deutlich weniger funktionsfähige Rezeptoren zur Verfügung.
  • Das Nervensignal kommt zwar grundsätzlich noch an, ist aber abgeschwächt.
  • Bei wiederholten Bewegungen nimmt die Wirksamkeit der Signalübertragung weiter ab. Das Signal reicht zunehmend nicht mehr aus, um den Muskel zuverlässig zu aktivieren.
  • Die Folge ist eine rasch zunehmende Schwäche. Nach einer Pause kann sich die Signalübertragung wieder stabilisieren. Dadurch verbessert sich die Muskelkraft für eine gewisse Zeit, bevor sie bei erneuter Belastung wieder nachlässt.

Diese Schwäche kann grundsätzlich jede Muskelgruppe betreffen. Häufig berichten Patient:innen von Doppelbildern oder einem hängenden Augenlid, vor allem nach längerem Lesen, Autofahren oder Bildschirmarbeit. Auch das Kauen, Schlucken oder Sprechen kann mit zunehmender Dauer anstrengend werden. Andere Betroffene bemerken eine Schwäche in Armen oder Beinen, etwa beim Treppensteigen oder bei Arbeiten über Kopf.

Warum verläuft die Erkrankung bei jeder Person unterschiedlich?

Myasthenia gravis ist eine sehr individuell verlaufende Erkrankung. Manche Betroffene haben nur milde Symptome, andere sind deutlich stärker eingeschränkt. Auch bei ein und derselben Person kann die Ausprägung der Beschwerden schwanken.

Diese Unterschiede hängen unter anderem damit zusammen, wie aktiv das Immunsystem gerade ist und wie viele Autoantikörper gebildet werden. Auch die Empfindlichkeit der Muskulatur gegenüber der gestörten Signalübertragung kann variieren. Viele Patient:innen erleben daher tagesabhängige Schwankungen: Morgens geht es oft besser, im Laufe des Tages nimmt die Schwäche zu. Die Veränderungen sind typisch für die Erkrankung und kein Zeichen dafür, dass sich die Situation „plötzlich verschlechtert“ oder dass man etwas falsch macht.

Welche unterschiedlichen Verlaufsformen gibt es und was bedeutet generalisiert oder okulär?

Ärztlich unterscheidet man bei Myasthenia gravis vor allem zwei Verlaufsformen: die generalisierte und die okuläre Form.

Generalisierte Myasthenia gravis

Neben den Augenmuskeln sind auch weitere Muskelgruppen betroffen. Dazu zählen die Arme und Beine, die Nacken- und Rumpfmuskulatur sowie die sogenannte bulbäre Muskulatur, also Muskeln, die für Sprechen, Kauen und Schlucken zuständig sind. In manchen Fällen kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein.

Okuläre Myasthenia gravis

Ausschließlich die Augenmuskeln sind betroffen. Typische Symptome sind Doppelbilder oder ein hängendes Augenlid. Für Betroffene kann das sehr belastend sein, auch wenn keine anderen Muskeln beteiligt sind.

Welche Form vorliegt und wie stark die Symptome sind, kann sich im Verlauf der Erkrankung auch verändern.

Woran erkennt man eine mögliche Verschlechterung?

Im Verlauf der Erkrankung kann es zu Verschlechterungen, sogenannten Exazerbationen , kommen. Diese entwickeln sich meist nicht plötzlich, sondern über Tage oder Wochen.

Mögliche Anzeichen sind:

  • Zunehmende Muskelschwäche
  • Wiederauftreten von Symptomen, die bereits gut kontrolliert waren
  • Schnellere Ermüdung als sonst
  • Neue Beschwerden, zum Beispiel beim Sprechen, Schlucken oder Atmen

Solche Veränderungen sollten ernst genommen werden. Eine frühzeitige ärztliche Abklärung kann helfen, rechtzeitig gegenzusteuern und schwerere Verläufe zu vermeiden.

Diesen Kurs bewerten

Ihr Feedback hilft anderen Nutzern die für sie passenden Kurse zu finden.

0 / 5 (0)

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Wir freuen uns über Ihr Feedback

Wir entwickeln fortlaufend neue Kurse und lernen dabei nie aus. Dabei berücksichtigen wir gerne Ihre Wünsche und Anregungen. Wir freuen uns daher sehr über Ihr Feedback. Bitte beachten Sie, dass wir keine personenbezogenen medizinischen Auskünfte geben können. Sollten Sie dazu Fragen haben, klären Sie diese bitte in einem persönlichen Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt.


    (Optional - Sollten Sie eine Antwort wünschen)

    Ao. Univ.-Prof. Dr. Fritz Zimprich, PhD: Stand Juni 2026 | Quellen und Bildnachweis
    Exazerbation
    Eine Exazerbation kann bei vielen chronischen Erkrankungen auftreten. Dabei kommt es zu einer vorübergehenden Verschlimmerung der Symptome, die akut behandelt werden muss.