7. Schizophrenie für Angehörige – alle Fragen

Schizophrenie ist eine psychiatrische Erkrankung die das Leben der Betroffenen häufig einschränkt. Auch Angehörige/r oder PartnerIn sind von den Schwankungen der Erkrankung betroffen. Prim.a Dr.in Christa Radoš, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den Umgang der Angehörigen mit der Krankheit Schizophrenie.

Umgang mit der Diagnose Schizophrenie

Was können Reaktionen der PatientInnen auf die Diagnose Schizophrenie sein?

Die Diagnose der Schizophrenie ist eine, mit der jeder etwas anderes verbindet. Den Begriff hat jeder schon gehört – meist verbindet man damit Dinge wie Bewusstseinsspaltungen oder andere Dinge, die zum Teil auch aus Filmen bekannt sind; es wirkt dadurch vielleicht unheimlich. Wichtig ist, dass man sich über die Krankheit der Schizophrenie als Patient bzw. Patientin oder als Angehöriger gleich zum Zeitpunkt, an dem die Diagnose gestellt wird, bei den Fachleuten auch entsprechend informiert. Schizophrenie ist natürlich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen; es ist eine ernsthafte Erkrankung, die oft chronisch und manchmal auch in guten und schlechten Phasen verläuft. Es gibt somit ganz unterschiedliche Verlaufsformen; das wird den Betroffenen bzw. der Betroffenen jedoch gut erklärt. Information ist gerade zum Diagnosezeitpunkt wichtig, um sich auch ein bisschen von Vorurteilen, die in der Bevölkerung verbreitet sind, befreien zu können.

Wie kann ich als Angehörige/r die betroffene Person nach der Diagnose Schizophrenie unterstützen?

Es hängt davon ab, in welchem Verhältnis Sie stehen – wenn das ein gutes Vertrauensverhältnis ist, wie es bei Eltern, Kindern, Partnern bzw. Partnerinnen oder FreundInnen der Fall sein kann, dann kann man schauen, dass man die Informationen gemeinsam einholte, das man sich gemeinsam überlegt, was brauchen wir an Wissen, um gut mit der Diagnose umgehen zu können. Wenn das allerdings der/die Betroffene nicht möchte und sich eher allein damit beschäftigen möchte, muss man das auch respektieren; man kann und sollte aber auch immer wieder Angebote machen, sich zu beteiligen.

 

Was kann mir als Angehörige/r helfen im Umgang mit der Diagnose Schizophrenie?

Was für die Betroffenen gilt, gilt auch für die Angehörigen. Die Diagnose Schizophrenie löst alle möglichen Vorstellungen, Fantasien oder Assoziationen aus, die mit der Krankheit selbst vielleicht gar nicht so viel zu tun haben und eher Vorurteilen entsprechen. Informieren Sie sich, so gut Sie können, bei entsprechenden Fachleuten oder durch Fachliteratur bzw. Broschüren, die Ihnen ausgehändigt werden können. Je besser Sie sich über die Erkrankung, die viele Gesichter haben kann, informieren, desto sicherer werden Sie sich fühlen.

Wie können wir verhindern, dass die Diagnose zu viel Raum einnimmt?

Das hängt – wie auch bei anderen körperlichen oder psychischen Erkrankungen – davon ab, wie der Gesundheitszustand der betroffenen Patienten aussieht. Wenn gerade ein florider Schub besteht, in dem die Psychose viel Raum im Leben einnimmt, wird man sich darum kümmern müssen, damit eine schnelle Besserung eintreten kann. In Zeiten, in denen es den Betroffenen besser geht, ist es gut, eine Normalisierung der Situation anzustreben – das hängt natürlich vom Zustand des Betroffenen ab. Man sollte nicht alles, was vielleicht nicht wie erwünscht läuft bzw. auftretende Probleme auf die Diagnose einer psychiatrischen Erkrankung schieben. Das ist jedoch zugegebener Weise im Einzelfall nicht immer leicht.

Können die Medikamente meinem Angehörigen schaden? Wäre es nicht ohne besser?

Schizophrenie ist eine Erkrankung, bei der die medikamentöse Behandlung eine extrem hohe Rolle spielt, wobei das nicht bei allen psychiatrischen Erkrankungen gleich ist. Es gibt über Jahrzehnte hinweg viele Studien und eine wissenschaftlich ganz eindeutige Evidenz, dass die medikamentöse Behandlung bei Schizophrenie eine wichtige Basis eines möglichst gesunden und beschwerdefreien Lebens ist – dafür sprechen auch alle Leitlinien. Das heißt, dass die Medikamente wichtig sind und auch langfristig einzunehmen sind. Sie haben nicht nur eine akute Wirksamkeit, sondern auch eine vorbeugende Wirkung – deswegen sind die Medikamente für die Betroffenen entscheidend. Das muss jedoch nicht heißen, dass ein Medikament für die ganze Phase der Behandlung gleichbleibt; es kann sein, dass eine Kombinationstherapie, beispielsweise bei einer depressiven Phase mit Zugabe eines Antidepressivums, erforderlich ist. Das kann, je nach Verlauf, auch wieder angepasst werden; das ist ein dynamisches Vorgehen. Ein Absetzen von Medikamenten wird wohl nur in Einzelfällen ratsam sein bzw. wenn vielleicht ein einmaliger Schub aufgetreten ist, von dem man nicht weiß, ob er wieder kommt oder die erste Psychose noch gar nicht eindeutig einer Schizophrenie-Erkrankung zugeordnet werden kann. Wenn sich Betroffene fragen, ob es nicht ohne Medikamente besser wäre, stehen unterschiedliche Überzeugungen dahinter – meistens ist es die Angst vor Nebenwirkungen. Natürlich haben wirksame Medikamente, sowohl in der Psychiatrie als auch in der somatischen Medizin immer auch Nebenwirkungen; der Facharzt bzw. der behandelnde Arzt wird jedoch ein entsprechendes Medikament, das für den Betreffenden passt, auswählen, bei dem das Nebenwirkungsprofil tolerabel ist. Wenn beispielsweise jemand zu Übergewicht neigt oder in der Familie Diabetes vorkommt, werden bestimmte Medikamente, die den Appetit steigern, nicht optimal sein und man wird andere Medikamente auswählen. Es ist zusätzlich wichtig, die Nebenwirkungen zu beobachten und darüber mit den behandelnden Ärzten zu sprechen – dann kann eine Umstellung erfolgen, Was außerdem wichtig zu wissen ist, ist, dass man immer wieder hört, dass das Ganze therapeutisch oder durch Veränderungen im Leben bewältigt werden könnte – die Schizophrenie ist jedoch eine Erkrankung mit deutlichen neurobiologischen Veränderungen und Symptomen, die darauf basieren. Psychotherapie kann begleitend wichtig sein und sehr unterstützend wirken, kann aber nicht die Medikamente ersetzen.

Können die Medikamente abgesetzt werden, wenn es meiner/meinem Angehörigen mit Schizophrenie wieder besser geht?

Das ist im Einzelfall mit den behandelnden Ärzten zu besprechen. Die Medikamente können meistens irgendwann in der Dosis reduziert oder modifiziert werden; ein Absetzen ist sehr sorgfältig zu erwägen und immer nur nach Rücksprache mit den behandelnden Ärzten zu machen. Vom selbständigen Absetzen möchte ich auf jeden Fall dringend warnen.

Wie kann ich erkennen, wenn die/der Erkrankte die Medikamente nicht mehr einnimmt?

Das kann man nicht unbedingt gleich erkennen. Wenn das nicht während einer floriden Psychose passiert, sondern in einer eher ruhigeren Zeit, wird es eine Zeit lang auch ohne Medikamente gut weitergehen – das ist bei fast allen psychischen Erkrankungen so. Wir wissen jedoch aus Studien und den daraus resultierenden Daten, dass die Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens um ein Vielfaches höher ist, wenn die Medikamente abgesetzt wurden. Das heißt, dass es bei einem neuen Auftreten der Symptome sein kann, dass die Medikamente abgesetzt oder vielleicht nicht zuverlässig eingenommen wurden; es kann aber auch trotz Medikation vorkommen, dass Symptome wieder auftreten. Einen sicheren Hinweis gibt es somit eigentlich nicht – nichts ersetzt das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Angehörigen, in dem man über dieses Thema offen reden soll. Die Haltung, dass die betreffende Person die Medikamente auf keinen Fall absetzen darf, weil man sonst Angst um sie hat oder sich ärgert, ist wahrscheinlich kein hilfreicher Zugang; stattdessen sollte kommuniziert werden, dass man darüber reden kann, falls die betroffene Person die Medikamente aus irgendwelchen Gründen nicht mehr einnehmen sollte.

Was kann ich tun, wenn meine/mein Angehörige/r die Medikamente unregelmäßig einnimmt oder eigenständig absetzen will?

Zur unregelmäßigen Einnahme möchte ich sagen, dass es nicht sehr unwahrscheinlich ist, dass das vorkommt, wenn täglich ein Medikament eingenommen werden muss. Das weiß man auch von anderen Erkrankungen, dass man vergessen kann, ob man das Medikament an dem Tag schon genommen hat und man dazu neigen kann, es zu vergessen.  Schizophrenie-Patienten bzw. -Patientinnen haben manchmal Denkstörungen; das heißt, einige tun sich schwerer, sich Dinge zu merken oder Strukturen aufrechtzuerhalten. Daher kann es passieren, dass die Medikamente ohne böse Absicht einfach vergessen werden oder unregelmäßig eingenommen werden. Es kann auch sein, dass sich Patienten früher oder später dazu entscheiden, dass sie das Medikament jetzt nur an schlechten Tagen einnehmen – dann können die Medikamente nicht gut wirken, weil ein gleichmäßiger Spiegel wichtig ist. Die Einnahmezuverlässigkeit ist bei Dauermedikamenten für chronische Erkrankungen nicht so hoch, wie wir uns das als Ärzte oft vorstellen bzw. wie sich das Angehörige vorstellen – meistens ist keine böse Absicht dahinter. Bei den meisten gegen Schizophrenie wirksamen Medikamenten den sogenannten Antipsychotika oder auch Neuroleptika gibt es Depot-Anwendungen; die können in diesem Fall sehr hilfreich sein. Da kriegt man beispielsweise einmal im Monat oder alle paar Wochen, je nach idealem Abstand, eine Spritze. Spritzen sind nicht so angenehm wie Tabletten – jedoch hat man dadurch eine gleichmäßige Medikamentenabgabe, das ist für den Körper entlastend, da beispielsweise auch der Magen-Darm-Trakt nicht belastet wird. Darüber hinaus kann man bis zur nächsten Spritze die Krankheit sozusagen „vergessen“. Die Schizophrenie kann außerdem auch eine unangenehme, schwere Erkrankung sein, da diese stigmatisiert ist und Betroffene sagen, dass sie daran jeden Tag erinnert werden, wenn sie die Tablette einnehmen, obwohl es ihnen gerade gut geht und sie diese deshalb auch nicht mehr nehmen wollen. Da ist eine Depot-Medikation eine sehr gute Lösung – wenn der Arzt das selbst nicht anspricht, können Sie es gerne auch ansprechen, ob das eine Lösung für Sie bzw. für den Angehörigen ist. Die Depot-Medikation macht natürlich nur dann Sinn, wenn der Betroffene selbst das auch möchte.

Hier geht es zum Video-Interview: „Umgang mit der Diagnose Schizophrenie”

Verhaltensänderungen bei Schizophrenie

Welche Verhaltensweisen können typisch sein bei Schizophrenie?

Schizophrenie ist eine Gruppe von ganz unterschiedlichen Krankheitsverläufen und dadurch sind die Symptome auch sehr vielfältig; dadurch sind auch die Probleme, die sich aus den Symptomen ergeben, sehr unterschiedlich. Es gibt Verlaufsformen, bei denen es in erster Linie um sogenannte Negativsymptome geht – das sind Symptome, bei denen sich jemand immer mehr zurückzieht, sich mit Kontakt schwerer tut, weniger spricht oder in sich versunken erscheint. Außerdem gibt es Verlaufsformen, bei denen floride Psychosen mit Wahnbildungen oder Halluzinationen im Vordergrund stehen; diese verursachen natürlich ganz andere Verhaltensänderungen. Viele Angehörige beschreiben, dass ihre Angehörigen mit Schizophrenie sehr zurückgezogen leben und kaum erreichbar sind. Andere haben Probleme damit, dass bizarre und ungewöhnliche Verhaltensweisen auftreten – dabei können ein eigentümlicher Kleidungsstil, mangelnde Körperhygiene und unkonventionelles Verhalten im weitesten Sinne eine Rolle spielen. Außerdem kann es vorkommen, dass Betroffene zu viel oder zu wenig reden oder Wahnvorstellungen bzw. Vorstellungen, die nicht der Realität entsprechen mit anderen teilen und damit für Irritationen sorgen. Darüber hinaus können (meist akustische) Halluzinationen auftreten, bei denen Patienten Stimmen hören und auch mit denen sprechen, was wie ein Selbstgespräch wirken kann. Es gibt hier also eine große Vielfalt – darauf muss man sich halt einstellen.

Welche schwierigen Situationen könnten durch diese Verhaltensweisen entstehen und wie gehe ich als Angehörige/r damit um?

Wenn durch diese Verhaltensstörungen Schwierigkeiten entstehen, muss man natürlich darauf eingehen, wobei immer die Balance zwischen Akzeptanz und dem Versuch, das Ganze ein bisschen abzuschwächen und dem Betroffenen zu helfen, besser damit zurechtzukommen, gehalten werden sollte. Arbeiten Sie mit dem Betroffenen und nicht gegen ihn. Hier möchte ich das Beispiel Körperhygiene besprechen, was bei manchen Patienten, die einfach kein Gefühl bzw. kein Bewusstsein dafür haben, zu einem Problem werden kann. Die Betroffenen können das – mit einer gewissen Berechtigung, wenn sie erwachsen sind – als grobe Einmischung erleben; uns sagt ja auch niemand, wann wir uns die Haare waschen sollen. Wenn es zu Konflikten kommt, ist es sinnvoll, vielleicht lieber Toleranz walten zu lassen; ein Versuch, den Betreffenden vorsichtig darauf anzusprechen, könnte so aussehen:

„Du hast dort vielleicht selbst bemerkt, dass du jetzt nicht so guten Eindruck gemacht, den du in dieser Situation mit Freunden gerne gemacht hättest – vielleicht waschen wir beim nächsten Mal die Haare vorher gemeinsam.“ Das wäre ein banales Beispiel dafür, wie man das ansprechen könnte. Man sollte darauf eingehen, sich aber nicht zu viel erwarten und immer bedenken, dass unerwünschte Verhaltensweisen auch bei Menschen, die nicht an Schizophrenie erkrankt sind, vorkommen. Weiters gibt es in allen Familien Reibungspunkte, ganz besonders zwischen Eltern und Kindern. Bestimmte Probleme wie das ständige Aufhalten im Zimmer vor dem Computer können auch in Familien ohne Schizophrenie bestehen. Versuchen Sie also, immer ein bisschen das Augenmaß zu behalten, dass es auch in anderen, gesunden Familien zu solchen Reibungspunkten kommen kann, bei denen bestimmte Verhaltensweisen störend sein können.

Was mache ich, wenn sich die erkrankte Person immer mehr zurückzieht?

In gewisser Weise wird man das akzeptieren müssen; in Abständen kann man aber auch wieder versuchen, das zu durchbrechen. Wenn sich jemand zurückziehen will, bei dem das für die bestehende Schizophrenie nicht typisch ist, kann das durchaus auch ein Zeichen eines Ruhebedürfnisses sein. Dabei kann es sein, dass einfach der Kontakt zu anderen im Moment gerade viel Stress macht – das kann man den Betroffenen durchaus auch fragen. Wenn der Rückzug ein dauerhafter ist und Patienten praktisch gar nicht mehr Zimmer verlassen, muss man versuchen, Angebote zu machen – Beispiele hierfür wären ein gemeinsames Schachspiel oder die Einnahme einer gemeinsamen Mahlzeit. Hier muss man muss eine Politik der kleinen Schritte gehen.

Warum ist Substanzmissbrauch bei Schizophrenie so problematisch und wie kann man diesem vorbeugen?

Substanzmissbrauch ist grundsätzlich problematisch, weil er immer zu einer Suchtentwicklung führen kann. Man muss jedoch unterscheiden, je nachdem, um welche Substanz es geht. Die verbreitetste Substanz, an die hier wahrscheinlich am wenigsten gedacht wird, ist Nikotin. Sehr viele Schizophrenie-Patienten sind starke Raucher; man kann, so wie anderen Rauchern auch, ihnen das Rauchen nicht verbieten, jedoch haben Schizophrenie-Patienten oft auch eine schlechte körperliche Gesundheit und da ist das Rauchen sicher nicht zuträglich. Das sollte man also versuchen anzusprechen, ohne, dass hier natürlich eine große Veränderung zu erwarten ist. Schizophreniekranke sollten dem Nichtraucherschutz jedoch genauso teilhaftig werden wie nicht Schizophreniekranke. Außerdem weit verbreitet ist der Alkoholkonsum; Alkohol und Schizophrenie sind keine gute Kombination, da Alkohol enthemmt und abhängig macht. Aggressionen sind bei Schizophreniepatienten durchaus ein Thema; natürlich sind diese nicht grundsätzlich gefährlich, ein kleiner Prozentsatz neigt jedoch zu Aggressionen. Durch die Enthemmung des Alkohols kann es dann auch zu Gewalt kommen – das ist natürlich nicht wünschenswert. Außerdem gewöhnt man sich an Alkohol doch recht schnell – wenn dieser zur Stressreduktion eingesetzt wird, kann es dadurch zu einer Suchtentwicklung kommen. Das stellt dann medizinisch eine Doppel-Diagnose aus Schizophrenie und Alkohol und man weiß nicht recht, wo man anfangen soll. Im Krankenhaus wird meist die floride Schizophreniesymptomatik in den Vordergrund gestellt – da kommt man dann nicht wirklich dazu, sich zusätzlich um das Alkoholproblem zu kümmern. Besser wäre es somit, in den Anfängen eines Suchtproblems aufklärend tätig zu sein und gemeinsam versuchen, das einzudämmen. Für Schizophrenie-Patienten am allergefährlichsten sind Drogen; hier ist vor allem das Cannabis zu nennen. Das liegt vor allem daran, dass es Psychosen auslösen kann und oft sogar schuld an der ersten Psychose sein kann. Weiters ist es, trotz seiner Illegalität, sehr gut verfügbar und für Menschen mit Schizophrenie eine brandgefährliche Substanz. In unserer Gesellschaft gibt es zu Cannabis unterschiedliche Einstellungen; es gibt Menschen, die damit entspannende Erfahrungen gemacht haben. Für Schizophreniepatienten ist es jedoch wirklich gefährlich – das trifft auch auf alle anderen Drogen zu. Besonders problematisch sind außerdem synthetische Substanzen bei denen man gar nicht weiß, was sie mit dem Körper bzw. mit dem Gehirn machen. Es passieren leider sehr viele floride Psychosen, die durch Drogen induziert werden; das ist sicher eine sehr ungünstige Entwicklung.

Wie erkenne ich Substanzmissbrauch?

Bei Nikotin und Alkohol ist es meistens sehr ersichtlich; beispielsweise, wenn jemand angetrunken ist oder jemand eine Fahne hat, ist der Alkoholkonsum natürlich erkennbar. Das muss nicht gleich Alkoholmissbrauch sein – wenn sich das häuft, kann es jedoch dazu kommen. Bei den anderen Drogen ist das viel schwieriger zu erkennen; hier möchte ich noch einmal über das Cannabis sprechen, da es wahrscheinlich die relevanteste Droge ist. Bei Cannabis ist manchmal schon eine gewisse Lethargie zu merken; Schizophrenie-Patienten konsumieren Cannabis oft gerne, da sie wissen, dass Stress schlecht für Schizophrenie ist und Symptome auslösen kann. Die Betroffenen meinen, sich damit etwas Gutes zu tun, da Cannabis entspannend wirken und den Stress herunter regulieren kann. Auf die Dauer kann es jedoch zu Psychosen kommen, aus diesem Grund ist Cannabis für Schizophrenie-Erkrankte gefährlich. Ein weiteres Merkmal für einen erhöhten Cannabiskonsum kann sein, dass die Betroffenen oft apathisch und träge sind – aber das können natürlich auch Negativsymptome sein. Somit gibt es keine sicheren Indizien; was vielleicht auffallend sein könnte, sind finanzielle Probleme – Drogen kosten ja deutlich mehr als Alkohol. Wenn Schizophrenie-Erkrankte vielleicht auch finanziell von ihren Angehörigen abhängig sind, könnte auch hier etwas auffallen.

Was kann ich tun, wenn ich Substanzmissbrauch meiner/meines erkrankten Angehörigen vermute?

Es hängt immer davon ab, in welchem Verhältnis stehe ich zu dem Angehörigen. Wenn das Vertrauensverhältnis ein gutes ist, ist wahrscheinlich die beste Lösung, das Problem anzusprechen. Wenn die betroffene Person das abstreitet, weiß man natürlich nicht, ob das zu Recht geschieht; wenn jedoch von den Ärzten darauf aufmerksam gemacht wurde und es einen positiven Drogenbefund gibt, würde ich den Betroffenen in einer ruhigen Situation darauf ansprechen und informieren, dass der Konsum zu weiteren Psychosen und Krankenhausaufenthalten führen kann. Außerdem würde ich anmerken, dass es auch zu Eskalationen kommen kann, vielleicht auch mit der Polizei und darauf hinweisen, dass man sich das ja ersparen könnte. Betroffene von Schizophrenie sind genauso lernfähig wie andere Menschen auch; wir machen oft die Erfahrung, dass diese Hinweise beim ersten Mal zwar oft auf die leichte Schulter genommen werden, aber nach Auslösen von mehreren Episoden die Patienten durchaus einsichtig werden, dass das zu einem Problem werden kann.

Hier geht es zum Video-Interview: „Verhaltensänderungen bei Schizophrenie”

Leben mit Schizophrenie

Welche Veränderungen im Alltag können mit der Erkrankung auftreten?

Die Veränderungen im Alltag können sehr vielfältig sein und können oft gut bewältigt werden. Es gibt unterschiedliche Schweregrade von Schizophrenie – es gibt auch Betroffene, die phasenweise einen normalen Alltag mit allem, was dazugehört (Arbeit, Familie etc.), führen können. Dann gibt es Menschen, die sehr schwer erkrankt sind und für die die Bewältigung des Alltags eine große Herausforderung darstellt. Das lässt sich somit nicht allgemein beantworten, aber es entstehen oft Schwierigkeiten damit, sich selbst zu organisieren. Die Tagesstruktur kann zusätzlich ein Problem sein, wenn Betroffene in der Nacht nicht schlafen und dadurch dann untertags schlafen. Hier können Angehörige mit dem nötigen Fingerspitzengefühl unterstützend eingreifen; das trifft auch beispielsweise beim Organisieren und Wahrnehmen von Terminen zu. Auch hier kann man unter Umständen helfen – bevormunden sollte man den Angehörigen jedoch nicht.

Wie können Betroffene durch Angehörige im Alltag unterstützt werden?

Die regelmäßige Einnahme der Medikation, welche die Symptome gut unter Kontrolle hält, kann im Idealfall schon die halbe Miete oder mehr sein – hier kann man unterstützen und dadurch wird der Alltag schon um Vieles leichter. Toleranz ist ein weiterer wichtiger Faktor; diese steht auch psychisch erkrankten Menschen zu. Auch bei körperlich kranken Menschen nimmt man Rücksicht – man sollte sich an den Stärken des Betroffenen orientieren. Vielleicht betreibt die betroffene Person nicht so gern Sport und geht nicht gerne hinaus, ist aber ein exzellenter Schachspieler. Hier könnte man z.B. zusehen, das Spiel selbst zu erlernen oder einen Schachpartner zu organisieren. Wir alle wollen Freude erleben und Dinge machen, die Freude bringen – auch wenn der Schizophrenie-Erkrankte an Geselligkeit nicht so aktiv teilnimmt, was manchmal auch der Fall sein kann, genießt er trotzdem das Zusammensein mit anderen Menschen. Schizophreniekranke haben oft sehr feine Antennen für Missstimmungen, die ihnen nicht guttun – dann sollte man die Rückzugsbedürfnisse akzeptieren. Schizophreniekranke lernen, auch in psychoedukativen Gesprächen, den Stresspegel gering zu halten. Was Ihnen vielleicht ganz normal vorkommt, kann eine Stresssituation für den Betroffenen sein – also nehmen Sie Rücksicht, so wie es Erkrankten zusteht. Das ist in der Gestaltung des Alltags sehr wichtig, vor allem, wenn sie mit einem Menschen mit Schizophrenie zusammenleben oder ein nahes Verhältnis haben; sei es innerhalb einer Partnerschaft oder auf einer Eltern-Kind-Ebene. Versuchen Sie, möglichst viel normalen Alltag zu leben – Schizophrenie bestimmt in den meisten Fällen nicht das ganze Leben. Fördern Sie das, was normal und gut funktioniert und Freude macht und leben Sie möglichst viel Gemeinsamkeit.

Wieso ist es wichtig, das selbstständige Handeln der/des Erkrankten zu fördern und wie finden wir ein richtiges Maß?

Das richtige Maß ist im Leben immer schwer zu finden und hängt wahrscheinlich vom individuellen Fall ab. Natürlich ist es wichtig, das selbstständige Leben zu fördern – das ist unser Grundbedürfnis; Patienten wollen genauso frei, unabhängig und ungestört leben können wie wir alle. Je mehr Freiheiten wir ermöglichen, je weniger wir uns in den Alltag der Schizophreniepatienten einmischen und je mehr wir sie ermutigen können, selbst um Hilfe zu bitten, desto besser ist es natürlich für den individuellen Fall.

Welche therapeutischen Maßnahmen können den Alltag erleichtern?

Die therapeutischen Maßnahmen und die Bedeutung der ärztlichen Behandlung bzw. die Medikation haben wir jetzt schon öfter erwähnt; außerdem kann eine psychologische Unterstützung wichtig sein. In bestimmten Fällen ist auch eine Psychotherapie sinnvoll, die in aller Regel auf die Bedürfnisse von Schizophreniekranken abgestimmt ist. Diese sollte durch wirklich erfahrene Psychotherapeuten, die im medizinisch-psychiatrischen Bereich kompetent sind, durchgeführt werden. Außerdem kann alles, was Tagesstruktur gibt, hilfreich sein; Ergo- oder Physiotherapien, um ein gutes Körpergefühl zu entwickeln, können auf jeden Fall unterstützend dazukommen. Es stellt sich immer die Frage, wie man das alles von zuhause aus organisieren kann – es gibt hier Anbieter sozialpsychiatrischer Einrichtungen, die therapeutische Möglichkeiten haben. Im Krankenhaus verzeichnen wir gerade bei Schizophreniepatienten sehr gute mit Musik- und Kunsttherapien, die von Menschen, die das gerne mögen und einen Draht dazu haben, sehr gut angenommen werden. Das liegt auch daran, dass beispielsweise bei der Musiktherapie die Kommunikation mit Instrumenten und über Musik oft besser funktionieren kann als die verbale Kommunikation.

Wann kann betreutes Wohnen erforderlich sein und wie kann es gestaltet werden?

Das Wohn- und Lebenssetting kann sehr unterschiedlich aussehen. Manchmal kann es gut sein, in der Familie zu leben; manchmal kann es aber auch so sein, dass man sich im Alltag gegenseitig aufreibt – dann ist vielleicht eine andere Wohnform besser. So wie alle anderen auch wollen Schizophrenieerkrankte irgendwann selbstständig leben – das ist für diese natürlich auch möglich. Da gibt es die unterschiedlichsten Abstufungen, welche von psychosozialer Betreuung, über verschiedene Einrichtungen bzw. anderweitige Angebote bis hin zur völligen Selbständigkeit reichen. Weiteres stehen alternative Wohnformen in Wohngemeinschaften, die speziell auf die Bedürfnisse der Erkrankten eingestellt sind, zur Verfügung. Da hängt es immer davon ab, wie es zuhause läuft, was der Betroffene möchte und was für ihn gut passt.

Wie können Kinder bei Schizophrenie in der Familie unterstützt werden?

Einen schizophreniekrankten Elternteil zu haben und überhaupt einen psychisch kranken Elternteil zu haben kann für ein Kind sehr belastend sein. Das Kind merkt, dass der Vater die Mutter einfach anders ist, als es sich erwarten würde und dass sich der Elternteil zurückzieht und phasenweise die Nähe nicht herstellbar ist. Da sollten Angehörige wie Großeltern, Tanten oder Onkel bzw. gute Freunde durchaus unterstützend wirken und versuchen, die Bedürfnisse dieses Kindes ein Stückchen abzufedern. Es gibt auch Beratungs- und Unterstützungsangebote, die allerdings in den verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedlich sind. Es gibt Anbieter wie pro mente, die Caritas oder zuständige Vereine; der wichtigste Anbieter für die Unterstützung von Angehörigen ist generell die HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter), da dieser österreichweit aktiv und sehr erfahren im Umgang mit diesen Problemen ist. Die Kontaktadressen dafür sind ganz leicht im Internet zu finden; hier gibt es Beratungstermine für Onlineberatungen oder auch Gruppentermine – dort läuft hochkompetentes Wissen zusammen. Hier können Sie auch erfahren, wo in Ihrer jeweiligen Region betroffene Kinder Unterstützung bekommen können. Wenn die Erkrankung sehr ausgeprägt ist und es immer wieder Phasen gibt, in denen das Kind belastet ist, macht es wahrscheinlich zusätzlich Sinn, zum Kindergarten oder zur Schule Kontakt aufzunehmen und dort einfach Bescheid zu geben, unter welchem Stress das Kind manchmal steht. Dann kann hier auch Verständnis hergestellt werden und eventuell durch den schulpsychologischen Dienst unterstützt werden. In Einzelfällen kann auch das Jugendamt eine Familienintensivbetreuung hilfreich sein; es hängt immer davon ab, wie ausgeprägt die Belastung ist und wo die Probleme liegen.

Was kann die Erkrankung für das Berufsleben bedeuten?

Es gibt ganz unterschiedliche Formen und Ausprägungen der Schizophrenie. Es gibt Schizophrenie-Erkrankte, was zugegebenermaßen eine relativ kleine Gruppe ist, die in einem ganz normalen Arbeitsprozess stehen. Bei denen haben dann die jeweiligen Arbeitgeber oft Verständnis, dass sie sich in Stresssituation eher zurückziehen und sich vielleicht manchmal lieber vorsorglich krankmelden, bis wieder zur Ruhe kommen. Es gibt aber auch für Patienten, die nur eingeschränkt oder gar nicht arbeitsfähig sind, unterschiedliche Angebote; diese reichen von der Arbeitsassistenz, über spezielle Ausbildungs- bzw. Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zu speziellen Anbietern von Arbeitsplätzen, die auf die Bedürfnisse psychisch Erkrankter zugeschnitten sind.

Welche Anpassungen des Arbeitsalltags bei Schizophrenie-Erkrankten werden empfohlen?

Das Wichtigste ist die Stressreduktion. Schizophreniekranken schadet Stress noch viel mehr als gesunden Menschen, sei es Stress durch zwischenmenschlich Beziehungen, Stress durch Arbeitsbelastung oder Stress durch Zeitdruck – das ist nicht gut für Schizophreniepatienten. Wenn man es schafft, das an einem Arbeitsplatz zu reduzieren und darauf Rücksicht zu nehmen, kann man viel Positives dazu beitragen. Pausen oder auch eine entsprechende Teilzeit-Regelung sollten gefördert werden; manchmal ist es auch gut zu akzeptieren, dass die betreffende Person öfter im Krankenstand ist. Ein wichtiger Faktor ist auch, wie die Arbeitskollegen damit umgehen, dass sich jemand vielleicht ein bisschen anders verhält als andere – Rücksichtnahme tut da den Betroffenen natürlich gut. Zusätzlich werden viele jedoch nicht gleich am Arbeitsplatz sagen, dass sie Schizophrenie haben, da sie Angst vor der Stigmatisierung haben; was ja auch nachvollziehbar ist, wenn manche sagen, dass diese Personen nicht normal bzw. verrückt seien und man mit dem Betroffenen nicht zusammenarbeiten möchte. Das stimmt in dieser radikalen Form sowieso nicht; ich verstehe jedoch, wenn sich Betroffene und Angehörige diesem Druck nicht aussetzen wollen.

Welche Möglichkeiten gibt es bei Arbeitsunfähigkeit oder eingeschränkter Belastbarkeit?

Wenn die Arbeitsfähigkeit temporär oder plötzlich aufgrund der Erkrankung nicht gegeben ist, macht es sicher Sinn, sich krankschreiben zu lassen. Sonst würde ich empfehlen, mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, wie lange die Auszeit sein soll, wie belastbar jemand ist oder welche Möglichkeiten es gibt, Schritt für Schritt in den Arbeitsalltag einzusteigen. Weiters kann geklärt werden, ob es Sinn macht, Angebote diverser Institutionen, die sich um psychisch Kranke kümmern, anzunehmen. Eventuell könnte zusätzlich das AMS hilfreich sein, außerdem sollte besprochen werden, inwieweit Schulungen bzw. Umschulungen ein Thema sind. Da ist ein offenes Gespräch mit den Behandlern, welche die Belastbarkeit wahrscheinlich am ehesten einschätzen können, sicher zielführend.

Hier geht es zum Video-Interview: „Leben mit Schizophrenie”

Umgangsstrategien bei Psychosen

Wie äußert sich eine Psychose?

Psychosen sind sogenannte Positivsymptome. Diese Symptome sind natürlich nicht positiv im Sinne von schön, sondern positiv im Sinne von zu viel Energie. Im Gegensatz zu einer Negativsymptomatik, die mit Rückzug einhergeht, kann es bei den Positivsymptomen zu Wahnbildungen kommen. Wahnbildungen sind Vorstellungen, die nicht der Realität entsprechen und zu einer falschen Interpretation dessen führen, was man erlebt. Zum Beispiel hat eine Patientin einmal erzählt, dass die Art und Weise, wie im gegenüberliegenden Haus die Jalousien geöffnet oder geschlossen werden, Botschaften von der Nachbarin an sie sind. Typisch sind auch Halluzinationen; am häufigsten kommen akustische Halluzinationen vor, bei denen Stimmen gehört werden. Das können Stimmen sein, die das eigene Leben kommentieren oder sich einmischen bzw. einen sogar beschimpfen. Das ist natürlich sehr irritierend und belastend für die Betroffenen, auch wenn einzelne Patienten durchaus den irrealen Charakter dieser Stimmen erkennen können. Psychotische Symptome belasten den Betroffenen mal mehr und mal weniger; manchmal besteht einfach eine falsche Weltsicht und die erkrankte Person glaubt, dass das alles, was sie sieht und erlebt, real ist – daraufhin reagiert sie dann auch adäquat. Das stellt für das Umfeld natürlich keine adäquate Reaktion dar – Psychosen sind somit für das Umfeld aufgrund des unrealistischen Verhaltens oder unrealistischer Gesprächsinhalte oft eine große Herausforderung.

Was passiert mit meiner/meinem Angehörigen während einer Psychose?

Es kann sein, dass sich die gesamte Realität anders färbt bzw. anders tönt, wenn es sich zum Beispiel um eine sogenannte paranoide Psychose handelt. Das kann sich so äußern, dass die betroffene Person glaubt, dass irgendwelche Mächte hinter ihr her sind, dass sie verfolgt wird oder auch das Auto, das vor dem Haus parkt, nicht zufällig dort parkt, sondern dass die betroffene Person beobachtet wird; das ist natürlich für die Betroffenen sehr belastend. Manchmal kann es aber auch vorkommen, dass die Betroffenen glauben, etwas zu durchschauen und die Welt verbessern zu können. Oft haben diese dann Vorstellungen, was alles anders sein sollte und melden sich dann zu Wort bzw. engagieren sich in einer Art und Weise, die aber das realistisch getönte Umfeld so nicht mehr nachvollziehen kann. Die betreffenden Personen sind dann natürlich auch für ihre Umwelt auffällig.

Wie lange dauert eine Psychose an?

Das kann ganz unterschiedlich sein; wenn sie behandelt ist, dauert sie deutlich kürzer – sie kann aber auch chronisch werden und so zu einer chronischen veränderten Weltsicht führen. In diesem Fall ist es natürlich sehr schwer, darauf noch Einfluss zu nehmen. Je früher man eine Psychose behandelt, desto besser ist in aller Regel auch die Chance, diese korrigieren zu können. Wenn ein Mensch jedoch davon überzeugt ist, dass es eine bestimme Verschwörung gibt, hat das mit der Psychose selbst nichts zu tun; es gibt ja auch nicht-psychotische Menschen, die an Verschwörungen glauben (wie es momentan besonders der Fall ist). Falls ein Mensch aufgrund einer Psychose eine Verschwörung glaubt, dann wird er in seiner Umwelt und in seiner Weltsicht überall Beweise dafür finden; denken Sie an das zuvor genannte Beispiel mit der Jalousie. Es ist schwer, eine solche Weltsicht zu korrigieren, da sich diese sozusagen im Gehirn einbrennt und man davon überzeugt ist, dass gewisse Botschaften da sind und diese einen verändern bzw. traurig oder glücklich machen. Hier spricht man auch von der Unkorrigierbarkeit des Wahns. Diese Überzeugungen werden manchmal, aber nicht immer mit der Umwelt geteilt und können sehr unterschiedlich bizarr sein; wenn diese sehr bizarr sind, fallen sie natürlich auch auf. Ich kann mich an einen Patienten erinnern, der davon überzeugt war, dass es eine Verschwörung von dunklen Mächten gibt, die von Superreichen ausgeht. Laut ihm erkannte er das daran, wie die betroffenen Menschen die Zeitung halten – das kann man nicht widerlegen, der Patient ordnet das einem bestimmten Merkmal zu, erkennt dahinter etwas Bestimmtes und das wird dann irgendwann zu einer Überzeugung. Das macht es auch sehr schwierig, über diese Dinge mit den Betroffenen zu diskutieren, da man natürlich schwer über eine Wirklichkeit oder Wahrheit, von der jemand überzeugt ist, mit dieser Person diskutieren kann.

Wie kann ich auf Halluzinationen und Wahnvorstellungen meiner/meines Angehörigen reagieren?

Sie haben auf keinen Fall irgendeine Chance, der betreffenden Person das auszureden. Wenn ich davon überzeugt bin, dass beispielsweise meine Uhr goldfarben ist, aber alle anderen sagen, dass sie rot ist, werde ich sie trotzdem als goldfarben sehen. Vielleicht werde um des lieben Friedens willen einmal nachgeben; aber ich weiß, was ich sehe und ich weiß, was ich spüre. Somit kann man keinem eine Überzeugung ausreden und es macht deswegen gar keinen Sinn, über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit von Wahninhalten zu diskutieren. Was Sinn macht ist, über die Diskrepanz oder über die Problematik der Diskrepanz zu diskutieren. Man kann fragen, wie es dem Betroffenen damit geht und klarstellen, dass man das akzeptiert, auch wenn es für einen selbst und für den Großteil der anderen Menschen anders ist. Außerdem kann man seine Hilfe anbieten; das ist für Betroffene natürlich schwierig, mit dieser Weltsicht zurecht zu kommen – fragen Sie einfach, wie man helfen kann, damit die erkrankte Person besser mit dem Stress umgehen kann.  Das macht mehr Sinn als über Wahrheit und die Wirklichkeit zu diskutieren; das kann man einem Menschen nicht ausreden. Besser ist es, über die Auswirkungen der veränderten Weltsicht wie Probleme mit dem Schlafen oder andere Sorgen zu reden und Hilfe anzubieten, anstatt der Person zu sagen, dass sie halt etwas anderes denken soll – das können wir nämlich alle nicht sehr gut.  Es bietet sich auch an, gemeinsam etwas zu unternehmen, zu kochen oder zu essen, um für Ablenkung zu sorgen. Darüber hinaus kann man mit den behandelnden Ärzten sprechen, ob es in Hinblick auf die Medikation noch weitere Möglichkeiten gibt – nicht, um die Wirklichkeit der Betroffenen verändern zu können, sondern den Stress mildern zu können, der dabei entsteht.

Was kann ich tun, wenn meine Angehörige/mein Angehöriger sich weigert, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Steter Tropfen höhlt den Stein; manchmal ist es aber auch so, dass man sich in frustranen Endlosschleifen wiederfindet. Versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten ist gut, aber man soll es dann auch mal gut sein lassen, wenn der Betroffene wirklich nicht will. Wenn Sie der Ansicht sind, dass der Betroffene sich gefährdet oder wirklich große Probleme bekommt und es ihm gar nicht gut geht, gibt es in den unterschiedlichen Regionen auch aufsuchende Krisendienste. An diese kann man sich wenden – wenn es gar nicht geht, muss man das auch akzeptieren. Hier sind vor allem wieder Institutionen wie die HPE zu erwähnen, bei denen man sich von anderen Angehörigen von Betroffenen Rat holen kann und sich austauschen kann, wie die mit diesen Situationen umgehen. Ganz wichtig an dem Punkt zu erwähnen: wenn Sie dem Angehörigen helfen wollen, es versuchen und scheitern, schauen Sie spätestens dann, aber auch schon vorher auf sich selbst. Es ist nicht einfach, mit einem chronisch Kranken und schon gar nicht mit einem schizophrenieerkrankten Menschen inklusive aller möglichen auffälligen Verhaltensweisen zusammenzuleben; opfern Sie sich nicht auf. Niemand hat etwas davon, wenn Sie erschöpft sind oder zusammenklappen. Nehmen Sie sich Auszeiten, fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie mal was für sich machen wollen. Fahren Sie vielleicht mal weg und lassen Sie das Ganze einmal gut sein. Das ist ganz wichtig; der Angehörige braucht Sie oder wird Sie vielleicht mal wieder brauchen. Schauen Sie, dass Sie selbst bei Kräften bleiben und achten Sie auch darauf, eine gute Lebensqualität zu haben.

Was kann ich tun, wenn ich Angst habe, dass meine Angehörige/mein Angehöriger sich selbst oder andere ich Gefahr bringt?

Wenn jemand aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung wie der Schizophrenie sich oder andere gefährdet, dann gibt es das sogenannte Unterbringungsgesetz. Hier kann auch jemand gegen seinen Willen in eine psychiatrische Abteilung gebracht werden; dort wird dann fachlich beurteilt und von einem Facharzt entschieden, ob eine Gefährdung gegeben ist. Falls diese gegeben ist, kann die betreffende Person auch gegen ihren Willen dortbehalten werden. In Österreich steht das glücklicherweise unter sehr strenger Kontrolle; da muss man das auch ans Gericht melden und es wird von der Patientenanwaltschaft geprüft, damit die Menschenrechte auf jeden Fall gewährleistet werden.

Wenn Sie befürchten, dass Gefahr für andere besteht – das muss keine Lebensgefahr sein, das kann auch eine Art der Gesundheitsgefahr sein – dann zögern Sie nicht, auch gegen den Willen des Betroffenen Hilfe zu organisieren. Natürlich ist das manchmal ein Grenzgang, bei dem man nicht genau weiß, ob die aktuelle Situation schon als gefährlich gilt; im Zweifelsfall ist es besser, einmal zu vorsichtig zu sein als fahrlässig zu handeln und sich Vorwürfe zu machen, wenn doch irgendwas passiert.

Was passiert bei einem Aufenthalt in der Psychiatrie?

Bei einem Aufenthalt in der Psychiatrie passiert das Gleiche wie für Herzkranke auf einer Kardiologie; es geht um die Diagnostik und die Behandlung einer bestimmten Erkrankung. Wenn die Diagnose der Schizophrenie schon bekannt ist und der Patient vielleicht auch schon in der Psychiatrie bekannt ist, wird es anders ablaufen als bei einem Erstaufenthalt. Bei diesem muss noch Vieles abgeklärt werden; es müssen eventuell auch noch körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden und Untersuchungen wie die Computertomographie oder Blutuntersuchungen durchgeführt werden – das fällt alles unter den Bereich der Diagnostik. Die Diagnose der Schizophrenie ist eine, die sich erst aus einem längeren zeitlichen Ablauf stellen lässt. Bei der Erstmanifestation einer Psychose wird versucht festzustellen, woher diese gekommen ist; das kann zum Bespiel nach Cannabiskonsum eine drogenindizierte Psychose sein. Hier wird auch erst klargestellt, ob es sich wirklich um eine schizophrene Erkrankung handelt; das heißt, es ist eine verlaufsorientierte Diagnose. Ansonsten wartet man natürlich nicht ab, bis die Diagnose steht; der Patient wird vom ersten Tag an symptomatisch behandelt. Man achtet dabei darauf, die Symptome mit den entsprechenden Medikamenten zu mildern, die den Patienten am meisten quälen – das können Angst oder eben Wahnvorstellungen bzw. Halluzinationen sein. Diese werden gleich behandelt, damit der Patient zur Ruhe kommt; hier spielen Medikamente eine große Rolle. Aber auch andere Therapien wie ablenkende Therapien werden eingesetzt, da man gerade einen psychotischen Patienten am Anfang natürlich keinesfalls überfordern soll und vielleicht keine ganze Therapieeinheit abgehalten werden soll. Bei uns im Haus ist es zum Beispiel so, dass dann die Therapeuten zu den Patienten kommen, diese kurz behandeln und dann auch wieder in Ruhe lassen, bis es zu einer Besserung kommt. Dann wird mittelfristig ein Behandlungsplan gemacht und der Patient erhält die entsprechende Kombination aus medikamentöser, psychologischer, ergotherapeutischer, sozialarbeiterischer oder physiotherapeutischer Therapie. Dazu kommt die Behandlung – das kann schon mal ein paar Wochen dauern. Manchmal geht es auch schneller; dann wird ein ambulantes Behandlungskonzept erarbeitet. Ob das jetzt an der Ambulanz des jeweiligen Hauses oder in Zusammenarbeit mit niedergelassenen oder sozial-psychiatrischen Institutionen passiert, ist dann im Einzelfall unterschiedlich; der Patient sollte jedoch bei der Entlassung über einen guten Behandlungsplanung und über genügend Informationen verfügen, wie es weitergeht. Der weit überwiegende Teil dieser Behandlungen ist auch bei der Diagnose Schizophrenie eine freiwillige Behandlung. Die Patienten sind vielleicht am Anfang ein bisschen skeptisch, wenn Sie noch nie in der Psychiatrie waren, merken aber dann meistens durchaus, dass es ihnen guttut. Es tut auch oft gut, aus dem belasteten Umfeld, in dem im Vorfeld so viel diskutiert mal rauszukommen, in Ruhe gelassen zu werden und diesen fachlichen Zugang zu haben. Die meisten Patienten sind freiwillig da und bleiben auch freiwillig. Es kann schon vorkommen, dass einmal jemand vorzeitig wieder gehen möchte – hier legen wir den Patienten nahe, wiederzukommen, wenn es ihnen wieder schlechter geht. Einen nur kleinen Teil machen die Patienten, die wir vorhin angesprochen haben, aus, bei denen eine akute Gefährdung besteht und welche nicht bereit sind, freiwillig zu bleiben. In diesem Fall muss man diese unter Umständen auch gegen ihren Willen eine Zeit lang dabehalten, aber meistens kann das dann auch früher oder später in einen freiwilligen Aufenthalt umgewandelt werden.

Wie verhalten sich Menschen mit Schizophrenie in der Zeit nach der Psychose?

Eine akute Psychose ist für den Körper, für das Gehirn und für den Gesamtorganismus ein unglaublich anstrengender Zustand. Patienten, die eine Psychose durchgemacht haben, sind sehr ruhebedürftig – ebenso wie andere Menschen, die körperlich eine schwere Erkrankung durchgemacht haben. Es kann länger dauern, bis die Arbeitsfähigkeit wiederhergestellt ist oder auch die Sozialkontakte nicht mehr belastend und anstrengend sind. In der ersten Zeit nach der Psychose sollte man den Patienten sehr viel Ruhe gönnen, diese auch ermöglichen und ihre Rückzugsbedürfnisse wirklich akzeptieren. Danach kann man Schritt für Schritt wieder ins normale Leben zurückkehren, das die Patienten davor gelebt haben; es kann aber schon ein paar Monate dauern, in denen diese Ruhebedürftigkeit extrem stark gegeben ist – das sollte man auch unterstützen.

Wie kann ich meine Angehörige/meinen Angehörigen in dieser Phase unterstützen?

Das ist ein gleitender Prozess, jedoch wird man sich wahrscheinlich unmittelbar nach der Psychose um viele Dinge kümmern müssen, wie man auch sonst einen Angehörigen pflegt, der gerade schwer krank war. Wichtig ist es, für die Tagesstruktur zu sorgen, ohne den Patienten jetzt zu ermutigen, gleich viel selbst zu übernehmen – Schritt für Schritt kann ich mich dann wahrscheinlich zurücknehmen. Wenn es zu lange dauert, kann ich vielleicht mit Vorschlägen kommen – da wäre ich aber sehr vorsichtig und würde wirklich für den Angehörigen da sein, wenn er noch was braucht. Sehr hilfreich ist es dabei zu helfen, die Tagesstruktur aufrechtzuerhalten, Arzttermine zu organisieren oder dabei helfen, den Patienten zum Arzt bringen. Außerdem kann man dafür sorgen, dass der Patient etwas Vernünftiges zu essen bekommt – da kann man schon Einiges machen.

Hier geht es zum Video-Interview: „Umgangsstrategien bei Psychosen”

Einen guten Umgang finden

Was kann ich für mein eigenes psychisches Wohlergehen tun?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt und das kann man nicht oft genug sagen – schauen Sie gut auf sich selbst. Das Leben mit einem kranken Angehörigen ist schwer, auch wenn es um andere Krankheiten wie Schizophrenie geht und das verlangt viel von einem ab. Schizophreniekranke können in ihrem Verhalten manchmal herausfordernd sein und das kann Diskussionen auslösen, ob man will oder nicht. Auch sind manche bizarren Verhaltensweisen fordernd; dann muss man sich ab und zu auch mal abgrenzen und vor allem schauen, dass man das vom Leben bekommt, was man sich vom Leben erwarten darf. Man kann und soll schon für den Angehörigen da sein – das ist natürlich davon abhängig, in welchem Verhältnis man zu ihm steht und was man ihm anbieten kann. Trotzdem muss man auch sein eigenes Leben führen können und darauf schauen, dass die eigene Lebensqualität stimmt. Auch hier verweise ich wieder auf die HPE, die doch viele Angebote hat und Angehörige in ihrer Autonomie von den erkrankten Personen unterstützen kann.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich auf die Dauer nicht mehr weiterweiß?

Man kann sich bei Bedarf auch mit den Behandlern des Patienten einen Termin ausmachen und ein Problem besprechen, das man vielleicht im Beisein des Angehörigen nicht besprechen möchte und es um einen selbst geht. Außerdem kann man sich psychologische Unterstützung suchen; wenn Schlafstörungen auftreten, kann man sich auch durch Medikation helfen lassen. Weiters kann man sich natürlich auch an das persönliche Umfeld bzw. an Freunde wenden, um sich einmal das Herz ausschütten zu können. Schämen Sie sich nicht dafür, psychische Erkrankungen in der Familie zu haben, das ist keine Schande – reden Sie offen darüber. Natürlich sollte das in Abstimmung mit dem Patienten passieren; man sollte jetzt nicht mit Freunden über die betroffene Person aus der Familie „klatschen“ wenn man weiß, dass das die betroffene Person überhaupt nicht will, dass darüber geredet wird. Das muss man dann auch respektieren; aber grundsätzlich soll es nicht von einem selbst aus schambesetzt sein. Es kann niemand kann etwas dafür, dass jemand in der Familie krank ist, niemand macht etwas falsch, ist dumm, verrückt oder irre – auch ist die Erziehung nicht schuld. Man darf darüber reden – ob man jetzt eher in einem vertrauten Freundes- oder Familiensetting darüber redet oder ob man sich professionelle Hilfe sucht, hat mit der Ausprägung der Schwierigkeiten, die man hat, zu tun. Außerdem ist es wie gesagt davon abhängig, inwieweit man die Intimsphäre des Betroffenen respektieren und seine diesbezüglichen Wünsche in Betracht ziehen muss.

Was kann gegen die Angst vor erneuten Schüben helfen?

Man sollte keine Angst vor erneuten Schüben haben, aber Respekt. Es macht jetzt auch keinen Sinn, ständig in Angst zu leben; zu Tode gefürchtet ist auch gestorben – das ist ja so eine Redensart. Ständig zu beobachten, was vielleicht jetzt auffällig ist und was nicht, ist nicht sehr sinnvoll. Wenn ein Schub kommt, werden Sie es bemerken. Eine regelmäßige Lebensführung des Betroffenen – wenn das herstellbar ist – und eine regelmäßige Medikamenteneinnahme sind wichtige Faktoren, die dabei helfen, ein Rezidiv zu vermeiden; eine Garantie gibt es natürlich trotzdem keine. Genießen Sie die guten Zeiten mit Ihrem Angehörigen und stellen Sie sich den Problemen dann, wenn sie da sind.

Was kann ich tun, wenn meine Angehörige/mein Angehöriger sich herausfordernd oder unangenehm benimmt?

Auch wenn manche dieser herausfordernden Verhaltensweisen vielleicht krankheitsbedingt entstehen, halte ich sehr viel davon, das nicht einfach hinzunehmen. Auch in unserer Einrichtung gibt es in gewisser Weise eine Zero-Tolerance-Politik was Gewalt, Übergriffe oder Beschimpfungen betrifft. Das ist nicht in Ordnung – auch wenn es krankheitsbedingt entsteht, Krankheit ist keine Ausrede für schlechtes Benehmen für Rücksichtslosigkeit. Wenn es der Betroffene vielleicht krankheitsbedingt selbst nicht merken sollte, dann muss man ihn darauf aufmerksam machen. Man muss klar kommunizieren, dass man so nicht behandelt werden möchte und sich das nicht gefallen lassen möchte. Man wird nicht eine eskalierende Situation in einer Psychose jetzt weiter zum Eskalieren bringen, das meine ich damit nicht. Die Frage zielt aber, glaube ich, auf das tägliche Zusammenleben ab und da kann ich auch von einem erkrankten Angehörigen durchaus Respekt einfordern.

Kann es nötig werden, den Kontakt zur/zum Angehörigen abzubrechen?

Es gibt solche Fälle, in denen man sich gegenseitig irgendwann nur mehr belastet. Dann wird man auch nicht wirklich hilfreich sein können, wenn es nur Streit gibt. Man kommt auf keinen grünen Zweig, wenn der Betroffene einen ablehnt und gar keine Hilfe mehr annehmen kann; dann muss man sich vielleicht einmal zurücknehmen. Es nützt nichts, wenn man sich nur gegenseitig aufreibt und man den Betroffenen vielleicht unnötigerweise aufregt – da bin ich in dem Moment vielleicht nicht die richtige Person, um helfen zu können. Vielleicht kann das jemand anderer aus dem Umfeld oder ein professioneller Dienst; hier gibt es aufsuchende Dienste, die dann bei den Betroffenen vorbeikommen. Im Falle muss der Betroffene auch mal eine Zeit lang mit sich selbst zurechtkommen, wenn man nicht helfen kann, weil man im Moment sozusagen gar nicht zusammenkommt. Wenn die Beziehung überhaupt nicht funktioniert, dann kann und sollte man auch nichts erzwingen und sich auch zurücknehmen.

Wie gehe ich mit Schuldgefühlen um?

Die logische Folge dieses Zurücknehmens sind manchmal Schuldgefühle. Es handelt sich ja um den Mann, die Frau, einen Elternteil oder ein Kind – da fühlt man sich natürlich verantwortlich. Aber man hat es versucht und sich nicht aus Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zurückgezogen, sondern einfach, weil es nicht mehr geht und weil man sich und vielleicht auch dem Betroffenen damit schadet. In diesem Fall sollte man sich auch nicht schuldig fühlen und einfach die entstandenen Grenzen akzeptieren. Man kann beispielsweise auch bei einer lebensbedrohlichen neurologischen oder onkologischen Erkrankung nicht gegen die Krankheit ankämpfen; manchmal muss man den Dingen manchmal einfach ihren Lauf lassen. Man ist somit nicht schuld und schon gar nicht allein verantwortlich für die Situation; man kann auch nicht die Verantwortung für Gesundheit oder Krankheit tragen. Man kann nur gesundheitsförderndes Verhalten unterstützen – das muss jedoch der Betroffene auch annehmen. Wenn das nicht möglich ist, dann sollte man sich auch nicht schuldig fühlen – auch wenn man sich immer sehr betroffen fühlt. Es ist in Ordnung, dass man im Moment keinen Beitrag leisten kann; vielleicht gibt es ja auch mal wieder eine Zeit, wo das möglich wird.

Kann es von Vorteil sein, das Umfeld über die Erkrankung aufzuklären?

Ja, auf jeden Fall. Wenn bestimmte Verhaltensweisen oder bestimmte Besonderheiten des Lebens der Betroffenen der Umwelt stark auffallen oder den Betroffenen dort Schwierigkeiten machen macht es Sinn, diese aufzuklären. Das sollte jedoch mit Fingerspitzengefühl und immer mit Respekt vor den Betroffenen passieren. Wenn diese das absolut nicht wollen, kann man das natürlich nicht machen. Ich würde das auf jeden Fall mit den Betroffenen absprechen und darauf aufmerksam machen, dass bestimmte Dinge für das Umfeld auffällig sind. Das kann die besondere Art der Kleidung sein, die Art und Weise, wie die Person ihre Haare trägt oder wie sie Dinge wiederholt und emotional thematisiert und andere nicht folgen können.  Man kann auch sagen, dass das krankheitsbedingt sein kann und fragen, wie die betreffende Person das selbst sieht – dann kann man in Absprache andere darüber aufklären. Ansonsten muss man hier sehr subtil vorgehen und dem Umfeld mitteilen, dass es dem Betroffenen nicht gut geht und man ihn auch in Ruhe lassen sollte; der Weg dieser Botschaften sollte gegangen werden.

Wie kann ich Vorurteilen entgegenwirken und wer kann mir dabei helfen?

Es gibt jede Menge Vorurteile gegenüber psychisch Kranken – dass sie dumm sind, selbst schuld sind, im Leben was falsch gemacht haben oder in der Erziehung etwas falsch gelaufen ist; das hat alles nichts mit psychischer Krankheit zu tun. Psychische Erkrankung entsteht immer aus einer bestimmten biologischen Disposition im Zusammenwirken mit Umweltfaktoren, für die niemand etwas kann. Gegen diese Schuldzuweisungen, dass psychisch Kranke weniger wert, weniger lebenstüchtig oder weniger klug sind, würde ich als Angehörige klar auftreten. Das verlangt nach einem gewissen Maß an Selbstbewusstsein – es ist jedoch wichtig klarzustellen, dass diese Vorurteile nicht stimmen und sich die Personen informieren sollen. Es gibt auch gute Broschüren, mit denen man sich selbst informieren kann, um diese Argumente entkräften zu können. Menschen, die festgefahrene Meinungen haben, wird man trotzdem nicht bekehren können. Weitere Vorurteile gegenüber psychisch Kranken können auch gegenüber der Behandlung und im speziellen gegenüber der Medikation sein; dass diese nur ruhigstellen sollen oder man davon nur abhängig wird. Man kann diese Vorurteile wohlmeinend aufklären, aber wenn sich jemand gar nicht belehren lässt, sollte man es wahrscheinlich auch bleiben lassen.

Ist es okay, wenn ich als Angehörige/r mit anderen über die Situation spreche?

Es ist grundsätzlich okay und manchmal muss das auch sein; es stellt sich nur die Frage, mit wem ich darüber spreche. Wenn ich mit Menschen darüber spreche, die dem Umfeld des Betroffenen angehören, darf ich diesen natürlich nicht bloßstellen oder Dinge über sein Leben oder seine Erkrankung erzählen, von denen er nicht möchte, dass sie besprochen werden. Dazu ist man als Angehöriger auch gar nicht berechtigt. Dann bleibt mir der Weg zu professionellen Beratungsstellen, zu einer Angehörigen-Selbsthilfeorganisation oder zu den Behandlern – dort kann ich dann meine Probleme besprechen. Hier herrscht auch Verschwiegenheit und ich kann mich öffnen, ohne den Betroffenen vor dritten Personen bloßzustellen, was dieser nachvollziehbarerweise oft nicht möchte.

Hier geht es zum Video-Interview: „Einen guten Umgang finden”

Geprüft Prim.a Dr.in Christa Radoš: Stand Juli 2022

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.