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Gesundheitskompetenz

selpers GesundheitskompetenzDr. Sigrid Pilz, Leiterin der Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft , im Gespräch mit selpers über Gesundheitskompetenz, die Aufgaben der Patientinnen- und Patientenanwaltschaft und Online Angebote im Gesundheitsbereich. 

selpers: Gesundheitskompetenz ist in Fachkreisen bereits in aller Munde. Was steckt hinter diesem Schlagwort?

Dr. Pilz: Mittlerweile ist unbestritten, dass der Patient bzw. die Patientin der wichtigste Akteur rund um die eigene Gesundheit ist. Insbesondere wenn es um chronische Erkrankungen, Gesundheitsförderung oder Prävention geht. Man darf nicht erwarten, dass der Arzt alles wieder gut macht, vielmehr muss man selbst handlungskompetent werden. Gesundheitskompetenz bedeutet, Informationen nicht nur zu bekommen, sondern auch diese zu bewerten und anzuwenden.

selpers: Was braucht es für Menschen, um Gesundheitskompetenz zu entwickeln?

Dr. Pilz: Zugang zur Bildung auf der einen Seite ist wichtig und die Kompetenz, Informationen auch beurteilen zu können. Das ist allerdings nicht nur eine Holschuld, sondern auch eine Bringschuld. Gesundheitseinrichtungen sind meiner Meinung nach angehalten, Gesundheitskompetenz zu leben und den PatientInnen die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Gesundheitskompetenz aufzubauen. Man darf nicht nach dem Motto agieren: wenn sie’s nicht verstehen, sind die PatientInnen selbst schuld. Es muss Teil des eigenen Handelns sein, Wissen und Kompetenz sicherzustellen und aktiv anzusprechen. Das gilt auch für das Arztgespräch.

selpers: An welche Gesundheitseinrichtungen denken Sie konkret?

Dr. Pilz: An alle. Vom Schularzt angefangen bis zur Notfallabteilung im Krankenhaus.

selpers: Welche Unterstützung bietet die Patientinnen- und Patientenanwaltschaft?

Dr. Pilz: Wir haben eine unabhängige Patienteninformationsstelle eingerichtet, die UPI heißt. Bei dieser Telefonhotline erreichen uns verschiedenste Fragen. Die Bandbreite reicht von Anrufern, die ihre Diagnose nicht verstehen, die wissen wollen, wo der nächst gelegene Orthopäde mit Kassenvertrag ist oder welche Einrichtungen mit dem Rollstuhl gut erreichbar sind. Manche Leute möchten wiederum, dass man ihnen mediale Inhalte erklärt z.B. Fragen zur Brustkrebsfrüherkennungsuntersuchung oder wie riskant ein Zeckenbiss ist. Wir bieten jedoch keine Diagnose- oder Therapieempfehlungen. Für eine Hotline haben wir uns deshalb entschieden, weil wir gerade nicht-internetaffine Menschen erreichen wollen.

selpers: Sind Online-Kurse hilfreich?

Dr. Pilz: Ich persönlich habe gar nichts dagegen, das Internet zu nutzen. Mache das eine und lass das andere nicht, ist meine Meinung. Denn selbst wenn eine ältere Frau keine Ahnung hat, wie man das Internet bedient, kann sie mit Hilfe ihres Enkels vielleicht auch Zugang gewinnen. Es gibt mittlerweile sehr nützliche Online-Portale, gerade in Deutschland. Und auch in Spitälern gibt es bereits sehr gute virtuelle Angebote, gerade auch für Menschen, die der Sprache nicht mächtig sind. Mit einfacher Zeichenerklärung erfährt der Patient zum Beispiel wie eine Behandlung erfolgt.

selpers: Wie beurteilen Sie konkret das Online-Portal selpers?

Dr. Pilz: Das Portal mit den Kursen finde ich absolut hilfreich. Die Seite ist gut aufgebaut, die Sprache einfach und verständlich und sie behandelt Themen, bei denen man als Betroffener wahrscheinlich sagt: ja, genau, das wollte ich schon immer wissen.

selpers: Gibt es Ihrer Meinung nach spezielle PatientInnengruppen, die besonders von virtuellen Angeboten profitieren könnten?

Dr. Pilz: Von virtuellen Angeboten profitieren besonders Menschen, die sich mit komplexer Sprache schwer tun oder fremdsprachig sind.

selpers: Wie beurteilen Sie die Gesundheitskompetenz der ÖsterreicherInnen? Gehört auf diesem Gebiet noch mehr getan?

Dr. Pilz: Ja, viel mehr. Österreich ist in Europa ganz schlecht aufgestellt, was die Gesundheitskompetenz betrifft. Wir sind nach Bulgarien das zweitschlechteste Land. Wir sehen hier einen sehr großen Handlungsbedarf. Und zwar besonders bei folgenden Zielgruppen: Kinder und Jugendliche, weil sich Kinder und Jugendliche für unverletzbar halten und auch chronisch Kranke und ältere Menschen. Erschütternd ist, wie aus einer Studie von Univ.-Prof. Dr. Jürgen Pelikan hervorgeht, dass chronisch Kranke besonders gesundheitsinkompetent sind, obwohl sie dies eigentlich am dringendsten brauchen würden.

Wir danken für das Gespräch.

Dr. Sigrid Pilz

Dr. Sigrid Pilz ist seit 2012 mit der Leitung der Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft betraut.

Interview wurde geführt von:  Mag. Dina Elmani-Zanka.

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