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Leben mit CLL – Dirk erzählt seine Geschichte

Watch and Wait

Dirk M. spricht im Interview mit selpers über seine CLL-Diagnose und darüber, wie er den Moment der Diagnose der CLL Krankheit (CLL Leukämie), die Watch-and-Wait-Phase sowie den Alltag mit einer oft „unsichtbaren“ Erkrankung erlebt.

selpers: Wann wurde bei Ihnen CLL diagnostiziert? Wie haben Sie die Diagnose erlebt?

Dirk M.: Eigentlich zunächst gar nicht. Im Rahmen einer Blutkontrolle als Jahrescheck fiel mir im Vergleich zum Verlauf der ständige Anstieg der Leukozyten auf. Der Wert an sich war immer noch im Normbereich, jedoch erhöhten sich die Leukozyten immer näher zum Grenzwert bzw. lagen leicht darüber. Der Internist sah das zunächst als unbedenklich an. Auf eigenen Wunsch überwies er mich zu einem Hämatologen. Dort wurde ich dann mit der Diagnose konfrontiert. Die Diagnose erfolgte in 09/2021.

Das erste Arztgespräch dauerte keine 10 Minuten und war zunächst mal ein Schock. Mit dem Wort „Leukämie“ verbindet man als Laie erstmal nichts Gutes und denkt zunächst: „Wie lange habe ich noch?“ Die Ärztin hat zwar ein paar Grundlagen der Krankheit zur Einordnung erklärt, jedoch ist das für die Mitteilung einer Erstdiagnose kaum aufnehmbar und richtig einzuordnen. Ich wurde entlassen und ein Kontrolltermin für drei Monate später wurde vereinbart. „Watch & Wait“ war die Aussage. Was heißt das? Was für Fragen sollte man auch stellen? Die Frage ist eher: Wie gehe ich jetzt damit um, wie bringe ich die Diagnose meinen Angehörigen bei?

selpers: Was hat sich mit der Diagnose für Sie konkret verändert? Hat sich Ihr Verhältnis zu Arbeit, Karriere oder Produktivität verändert?

Dirk M.: Zunächst entstand innerlich eine große Anspannung und ein Schock. Beruflich musste ich da zunächst nichts verändern, da ich bereits aufgrund von Stellenabbau/Restrukturierung in meinem Beruf als Berater in der Bank mit Abfindung ausgeschieden war. Ich musste also schauen, wie und auf was ich jetzt mein Leben ausrichte. Welche Informationen brauche ich für mich, um das alles einzuordnen? Eine Leistungseinschränkung im Sinne von den Tätigkeiten, die ich nebenher angenommen habe, empfand ich nicht. Ich bewege mich viel, trieb aber keine aktive Sportart. Emotional trägt man die Krankheit in bestimmten Augenblicken als Rucksack jedoch mit und es fällt nicht immer leicht, den gedanklichen Hebel sofort umzulegen.

CLL Coach


Das Thema „Chronisch Lymphatische Leukämie“ (kurz CLL) wirft in jedem Krankheitsstadium Fragen auf. Als Betroffene:r oder Angehörige:r finden Sie hier individuelle Informationen zur Erkrankung, zu Therapien und zum Leben mit CLL, abgestimmt auf Ihre persönliche Situation.

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selpers: Woher beziehen Sie Ihre Informationen über die Krankheit und wie viel Unterstützung erhielten Sie dabei von Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt?  

Dirk M.: Zunächst suchte ich in Foren oder allgemein im Internet nach erklärenden Informationen. Das ist nach meiner Erkenntnis heute nicht schlecht, aber ohne zusätzliche Erklärung nicht optimal gewesen. Aufgrund meiner eher analytischen Tätigkeit in der Bank reichte mir das nicht. Nach und nach gewann ich Einblick und mögliche zusätzliche diagnostische Möglichkeiten, die Krankheit besser für meinen Körper einzuordnen (Risikofaktoren, Zytogenetik). Durch einen Wohnsitzwechsel war ich auch gezwungen, mir einen neuen Facharzt zu suchen. Die Untersuchungen dauern keine 15 Minuten: Blutcheck, Werte besprechen. Solange diese sich nicht signifikant etwa zu den Rahmenwerten (Binet) änderten, keine weiteren Informationen. Ich suchte über die aktuell immer noch bestehende Watch-and-wait-Phase nach Informationen, Fachspezialisten an Kliniken und nahm selbständig Kontakt zu ihnen auf. Das war sehr hilfreich und aufklärend. Ich gehe heute auch mit diesem Wissen in die Untersuchungen.

selpers: Wie geht Ihr Umfeld, Ihre Familie oder Freund:innen mit Ihrer Erkrankung um? Wie unterstützen diese Sie? 

Dirk M.: Ich empfinde meine Familie und Partnerin als normal sorgsam. Das klingt jetzt vielleicht komisch, erlebe ich aber so. Die Krankheit ist da, wird aber nicht täglich zum Hauptthema gemacht und bestimmt alles andere. Ansonsten kreist alles nur um die Krankheit und Leben findet nicht mehr statt. Wir können in unserem Leben nicht alles planen.

Meine Devise ist eher „watch & live“ als „watch & wait“.

selpers: Gibt es einen Satz, den Sie im Zusammenhang mit Ihrer Erkrankung nicht mehr hören können?  Gab es Momente, in denen Sie sich bewusst gegen „gut gemeinte“ Empfehlungen entschieden haben? 

Dirk M.: Ich höre mir „gut gemeinte“ Ratschläge gerne an. Mutmacher braucht jeder, auch ich. Ob ich diese annehme, entscheide ich situativ und danach, von wem sie kommen. Bewusst gegen etwas zu entscheiden, halte ich nicht für sinnvoll.

selpers: CLL ist oft „unsichtbar“. Wie reagieren Menschen, wenn Sie äußerlich gesund wirken?  Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Erkrankung rechtfertigen oder erklären mussten? 

Dirk M.: Ich ‚vermarkte‘ meine Krankheit nicht, weil ich ganz bewusst nicht über diese Krankheit definiert werden will und nicht ständig darauf angesprochen werden will. Menschen, die von meiner Krankheit Kenntnis haben, sind sorgsam ausgewählt, was ich jedem empfehle.

selpers: CLL bedeutet für viele lange Zeit „Abwarten“.  Wie haben Sie diese Phase erlebt oder erleben Sie diese aktuell?  

Dirk M.: Natürlich bin ich immer froh, wenn ich das Krankenhaus verlassen kann und es heißt: „Wir warten weiter.“ Klar ist auch, dass, wenn der nächste Termin ansteht, das Stresslevel ansteigt. Das empfinde ich aber eher als normal. Meine Devise ist eher „watch & live“ als „watch & wait“.

selpers: Was wünschen Sie sich im Austausch mit Ärzt:innen?

Dirk M.: Ich wünsche mir einen regelmäßigeren und breiteren Austausch mit Ärzt:innen, der alle Phasen der Behandlung einbezieht – vor, während und besonders auch nach einer Therapie. Es wäre hilfreich, mehr Einblicke in die Lebensrealität von Betroffenen zu bekommen: Was beschäftigt uns, was haben wir erlebt, was hilft uns selbst und unseren Angehörigen – und wie können Ärzt:innen darauf besser reagieren. Mir ist aber bewusst, dass solche Formate oft an Zeit und Ressourcen scheitern. Außerdem würde ich mir mehr Kommunikation über aktuelle Studien wünschen. In meinem Austausch mit dem Onkologen wird darüber bisher zu wenig gesprochen, obwohl klinische Forschung ein zentraler Teil der Fortschritte bei CLL ist. Betroffene könnten sich stärker einbringen, wenn es mehr Information, Offenheit und konkrete Möglichkeiten gäbe. Oft heißt es zwar „Sprechen Sie mit Ihrem Onkologen darüber“, aber in der Praxis findet dieser Austausch kaum statt.

Patientenschulung CLL und Bewegung

Schulung In dieser Schulung erfahren Sie, warum Bewegung bei chronisch lymphatischer Leukämie so wichtig ist, wie Sie Ihr Training sicher gestalten und worauf Sie im Alltag achten sollten. Darüber hinaus erhalten Sie praktische Anleitungen für Übungen, Tipps zur Eingliederung von Bewegung in Ihren Alltag sowie Hinweise zur Zusammenarbeit mit Ihrem medizinischen Team. Ziel ist es, Ihnen das nötige Wissen und die Motivation zu vermitteln, um Bewegung als festen Bestandteil in Ihr Leben einzufügen – angepasst an Ihre individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten.

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selpers: Was würden Sie anderen Betroffenen oder neu diagnostizierten Patient:innen gerne mit auf den Weg geben? 

Dirk M.: Die Krankheit annehmen, die Kontrolltermine einhalten und alles tun, was Freude und Lebenssinn ergibt. Generell würde mir viel mehr ‚Outcome‘ im Sinne von Runden und Gesprächen zwischen Betroffenen/Angehörigen und Ärzten wünschen. Oft ist den Ärzten das nicht bewusst oder fällt wegen Zeitmangel weg.

Herzlichen Dank für das Interview.

Dirk M.

Dirk ist 62 Jahre alt und stammt aus Heidelberg, Deutschland. Seit einigen Jahren lebt er am Bodensee. Er war viele Jahre als Banker tätig und befindet sich heute im Vorruhestand.

Vor einiger Zeit wurde bei ihm DCLL diagnostiziert. Aktuell befindet er sich im Behandlungsstadium „Watch and Wait“.

Interview wurde geführt von:  selpers Red.

Bildnachweis: Dirk M., Canva: pexels