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Zwischen Dialyse, Alltag und Social Media

Dialyse ist mehr als eine medizinische Behandlung – sie verändert den gesamten Lebensrhythmus.

Stephan Ehritt spricht im Interview offen über seine Erfahrungen und warum Sichtbarkeit für Betroffene so wichtig ist.

selpers: Wie haben Sie den Moment erlebt, als klar war: Dialyse wird notwendig?

Stephan Ehritt: Der Moment kam für mich früher als erwartet. Auch wenn man weiß, dass die Nieren schlechter werden, hofft man immer, dass einem noch Zeit bleibt, bis man an die Maschine muss.

Als dann das Wort „Dialyse“ fiel, war da erstmal Angst. Angst vor dem, was kommt, vor Einschränkungen, vor dem Gedanken: Ab jetzt ist nichts mehr wie vorher. Gleichzeitig kam aber auch Erleichterung – weil klar war, dass es jetzt eine Behandlung gibt, die das Leben sichert.

selpers: Was hat sich durch die Dialyse in Ihrem Leben am stärksten verändert?

Stephan Ehritt: Körperlich sind es vor allem die Erschöpfung, die Schwankungen im Wohlbefinden und die Abhängigkeit von festen Terminen. Man plant nicht mehr frei – die Dialyse plant mit.
Emotional war der größte Einschnitt das Gefühl, Kontrolle zu verlieren. Aber auch die Erkenntnis, wie stark man eigentlich ist. Dialyse macht verletzlich – aber auch unglaublich resilient.

selpers: Wie sieht ein typischer Dialyse-Tag für Sie aus?

Stephan Ehritt: Zu früh aufstehen, vorbereiten, selbstständig zur Dialyse fahren. Dann mehrere Stunden an der Maschine – Zeit, die stillsteht und doch so viel Raum für Gedanken lässt. Danach bin ich oft müde, manchmal komplett platt. Der Tag fühlt sich dann schon „verbraucht“ an. Es braucht dann viel Kraft, der Arbeit nachzugehen. Dialyse ist nicht nur Behandlung – sie ist ein ganzer Lebensrhythmus.

selpers: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit deinem Dialyse-Team?

Stephan Ehritt: Ohne das Team geht gar nichts – fachlich und menschlich. Klar gibt es stressige Tage, aber insgesamt sind Pflegekräfte und Ärzt:innen echte Anker im Alltag. Sie sehen nicht nur Blutwerte, sondern auch den Menschen dahinter. Vertrauen ist hier extrem wichtig – und wächst mit jeder Behandlung.

Wenn Sie von einer chronischen Nierenerkrankung betroffen sind und sich auf eine Dialyse vorbereiten oder diese bereits erhalten, stehen Sie vor einer großen Umstellung in Ihrem Leben. Sie erfahren, wie Dialyse funktioniert, welche unterschiedlichen Formen es gibt und wie Sie selbstbestimmt und sicher mit der Behandlung umgehen können.

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selpers: Wie hat Ihr Umfeld auf die Dialyse reagiert?

Stephan Ehritt: Meine Familie war vorbereitet. Mein Vater war auch Dialyse-Patient und so war das Thema schon „gelernt“. Arbeitgeber und Freunde wussten nicht wirklich, was Dialyse wirklich bedeutet. Manche hatten Angst, etwas Falsches zu sagen. Mit der Zeit kam mehr Verständnis – aber auch die Erkenntnis: Man ist oft derjenige, der aufklären muss. Genau deshalb gibt es Dialysegram bei Instagram und Dialysebook bei Facebook.

selpers: Hat sich Ihr Blick auf Arbeit, Zukunft oder Lebensplanung verändert?

Stephan Ehritt: Definitiv. Ich lebe den Plan B. Früher dachte ich in Jahren, in Projekten und in Zielen, die ich erreichen wollte. Heute oft in Etappen.

Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Prioritäten verschieben sich: Zeit, Energie und Lebensqualität werden wichtiger als Karriere oder Tempo. Man lernt, im Jetzt zu leben – und kleine Dinge viel mehr zu schätzen. Und dennoch: Manchmal habe ich mehr Ideen, als ich umsetzen kann. Das frustriert mich dann schon etwas und ich frage mich, wo ich heute ohne die 8 Jahre Dialyse stünde.

selpers: Warum haben Sie sich entschlossen, Ihre Dialyse auf Social Media zu dokumentieren? Welche Erfahrungen haben Sie damit schon gemacht?

Stephan Ehritt: Ich habe lange versucht, die Dialyse aus meinem Kopf zu verbannen.
Nicht, weil sie nicht da war – sondern weil ich Angst hatte, ihr Raum zu geben.
Ich wollte nicht, dass diese Maschine mein Leben bestimmt. Also habe ich so getan, als könnte ich einfach weitermachen wie vorher.

Doch irgendwann sagte mein Freund Jörg, der im Marketing eines großen Stadtwerks in Köln arbeitet, zu mir: „Stephan, wenn einer Organspende verkaufen kann, dann du.“

In diesem Moment wurde mir klar: Meine Geschichte ist nicht nur meine.
Mein beruflicher Weg in Presse und Marketing – und mein eigenes Erleben an der Dialyse – gehören zusammen. Und ehrlich gesagt: Vieles von dem, was vom Staat offiziell zum Thema Organspende kommuniziert wird, fühlte sich für mich nicht ausreichend an. Wie Pflichtübungen. Ohne echte Emotion. Ohne die Realität der Betroffenen.

Ich wollte es anders machen. Echt. Ungeschönt. Mit all den Höhen und Tiefen.
Mit Wut, Hoffnung, Angst – und ja, auch mit Humor.

dialysegram und dialysebook leben vom Mitmachen.
Wer Beiträge teilt, kommentiert oder weiterempfiehlt, hilft dabei, das Thema Dialyse aus der Unsichtbarkeit zu holen und mehr Menschen zu erreichen.

Stephan Ehritt: Was als Versuch begann, gesunde Menschen für Organspende zu sensibilisieren, ist heute viel mehr geworden:

Ein Ort für Menschen, die kämpfen.
Ein Raum für Geschichten, die sonst keiner hört.
Eine Community, die zeigt: Wir sind nicht allein.

Herzlichen Dank für das Interview.

Juckreiz ist eines der häufigsten, aber oft übersehenen Symptome bei einer chronischen Nierenerkrankung und während der Dialyse.

In diesem Kurs erfahren Sie, warum und wie der Juckreiz bei Nierenkrankheiten und Dialyse entsteht, wie er sich im Alltag äußert, welche Symptome damit einhergehen können und vor allem, wie Sie aktiv etwas dagegen tun und gezielt Hilfe holen können.

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Stephan Ehritt (53) ist Kommunikations- und Marketingexperte aus Köln.

Seit fast neun Jahren lebt er selbst mit Dialyse. Mit seinen Plattformen „dialysegram“ und „dialysebook“ gibt er Betroffenen eine Stimme, klärt offen über das Leben mit der Krankheit auf und sensibilisiert für das Thema Organspende.

 

 

 

 

Instagram Seite: „dialysegram“ 

Facebook Seite: „dialysebook“ 

Linktree zu Stephan Ehritt:  hier

Interview wurde geführt von:  selpers Red.

Bildnachweis: Stephan Ehritt / Canva @tokunana