1. Medizinische Aspekte von Bewegung bei Kindern mit Epilepsie

Welche Möglichkeiten zur Förderung von Kindern durch Bewegung gibt es?

Kinder mit Epilepsie brauchen genau wie alle anderen Kinder Bewegung für ihre körperliche und geistige Gesundheit. Mit Bewegung ist es außerdem möglich, der Versteifung von Gelenken vorzubeugen. Kinder mit Epilepsie sind in ihren Bewegungsabläufen und der Koordination oft eingeschränkt. Deshalb ist es wichtig, genau zu prüfen, welche Art von Bewegung Ihr Kind mit Epilepsie braucht und einen passenden Therapieplan zu erstellen.

Eine Möglichkeit der Förderung der Bewegung, die Sie als Familie umsetzen können, ist es, nach draußen zu gehen und Dinge mit Ihren Kindern zu unternehmen. Wenn Ihr Kind nicht selbst gehen kann, können Sie auch die Gelenke Ihres Kindes passiv durchbewegen. Besprechen Sie das bei der Erstellung des Therapieplans mit Ihrer Physiotherapeutin/Ihrem Physiotherapeuten.

Warum ist eine Kontrakturprophylaxe wichtig und was bedeutet das überhaupt?

Eine Kontraktur ist eine dauerhafte Versteifung von Gelenken. Die Kontrakturenprophylaxe ist die Vorbeugung dieser Versteifung, indem man das betreffende Gelenk, bevor es in seiner fixen Position ist, bewegt. Es ist besonders wichtig, dass Sie bei Ihrem Kind mit Epilepsie schon vorbeugend die Beweglichkeit und den Bewegungsumfang der Gelenke durch Bewegungsübungen erhalten.

Was kann bei der Versteifung von Gelenken bei Epilepsie helfen?

  • Tägliche aktive Bewegung (Ihr Kind führt die Bewegung selbst aus)
  • Tägliche passive Bewegung (das Gelenk Ihres Kindes wird von Ihnen bewegt)
  • Spritzen mit Botulinumtoxin (wenn die Versteifung bereits fortgeschritten ist)

Planen Sie die Bewegungseinheiten für Ihr Kind mit Epilepsie gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam.

Ab welchem Alter macht bei Epilepsie eine gezielte Förderung durch Bewegung Sinn?

Bewegung macht immer Sinn – schon im ersten Lebensjahr Ihres Kindes sollten Sie gezielt darauf achten, was Ihr Kind schon kann. Eine zügige Entwicklung der Bewegung gesunder Kinder sieht in etwa so aus:

  • 3 Monate – Kopf halten
  • 3-4 Monate – Umdrehen
  • 5-6 Monate – Sitzen
  • 9-10 Monate – Hochziehen
  • 12 Monate – erste Schritte

Bei Kindern mit Epilepsie kann dieser Ablauf verzögert sein. Mit Hilfe von Bewegungstherapien kann ihr Kind in seiner Bewegung allerdings von klein auf gut gefördert werden. Manchmal besteht der Therapiebedarf bereits ab Geburt, andere Therapien fangen ab dem 2. oder 3. Monat im Krankenhaus oder zu Hause an. Ob Bedarf besteht, kann Ihnen Ihre Kinderneurologin/Ihr Kinderneurologe sagen.

Reha und Rehabilitationsantrag

Wenn Kinder eine neurologische Beeinträchtigung haben, können sie ab dem 1. Lebensjahr eine Reha bekommen. Eine Reha ist wie eine Kur für die Kinder, um Bewegungen zu erlernen und Therapien durchzuführen. Diese Kur steht Kindern mit dieser Beeinträchtigung für einen Monat im Jahr zu.

Ihre Ärztin/Ihr Arzt hilft Ihnen, einen Rehabilitationsantrag zu stellen. Wird der Antrag auf Rehabilitation von Ihrem Sozialversicherungsträger bewilligt, werden bis auf wenige Ausnahmen die Kosten für die Kinder und Begleitpersonen übernommen.

Wie kann sich Bewegungsförderung auf den Verlauf der Epilepsie auswirken?

Bewegung führt dazu, dass Ihr Kind schneller wieder fit wird – deshalb ist es bedeutsam, regelmäßige Bewegungseinheiten einzubauen. Wenn sich Ihr Kind körperlich und seelisch gut fühlt, kann sich das auch günstig auf das Anfallsleiden auswirken.

Bewegung selbst kann keine epileptischen Anfälle auslösen!

Direkt nach einem Anfall sollte intensive Bewegung vermieden werden. Wenn Ihr Kind viele Anfälle hat, kann es sein, dass Bewegung auch nur in einem gewissen Ausmaß möglich ist. Wenden Sie sich bei Fragen in diesem Fall am besten an Ihr Behandlungsteam. Ist ihr Kind gerade im Krankenhaus, können Sie seine Gelenke passiv durchbewegen.

Ist Ihr Kind sportlich noch nicht durch eine Einrichtung eingebunden oder benötigen Sie spezifische Bewegungseinheiten für Ihr Kind, kann Physiotherapie hilfreich sein.

Was muss man aus medizinischer Sicht dabei beachten?

Aus medizinischer Sicht sollte bei der Bewegungsförderung von Kindern mit Epilepsie vor allem beachtet werden, dass bestimmte Sportarten wegen der Anfallsgefahr nicht ausgeübt werden sollten.

Ein Merksatz lautet: Nicht zu hoch, nicht zu schnell, nicht ins Wasser.

Sportarten, die bei Epilepsie vermieden werden sollten:

  • Wassersport (Segeln, Rudern, Schwimmen ohne Begleitung, Surfen, Tauchen…)
  • Rennsport aller Art (Fahrradrennen, Motorsport, Skirennlauf)
  • Sport in größerer Höhe (Bergklettern, Stabhochsprung, Fallschirmspringen, Reitsport)

Erlaubt sind:

  • Teamsportarten (Fußball, Handball, Hockey, Basketball, Volleyball)
  • Breitensport (Fitness-Training, Wandern, Turnen, Minigolf, Kegeln, Tanzen, Tischtennis, Jogging, Inline-Skating etc.)
  • Schwimmen mit Schwimmweste und in Begleitung
  • Langlaufen

Beim Fahrradfahren sollte Ihr Kind den Radweg benutzen und nicht direkt im Straßenverkehr unterwegs sein.

Sollten Sie Fragen zu einer bestimmten Sportart haben, sprechen Sie Ihr Behandlungsteam gerne darauf an.

Möchten Sie mehr über Epilepsie erfahren? Besuchen Sie auch unsere Schulungen “Diagnose schwere Epilepsie” und „Erwachsenwerden mit schwerer Epilepsie“.

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Geprüft Assoz. Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Anastasia Male-Dressler und Katalin Moricz, MSc: Stand April 2024 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.
(Zirkardianer Rhythmus )
Biologisches Phänomen, das in einem Rhythmus von ungefähr 24-Stunden bestimmte körperliche Funktionen beeinflusst.  Ein Beispiel ist der Schlaf-Wach-Zyklus durch die Freisetzung des Schlafhormons.
Kontraktur
Als Kontraktur wird eine dauerhafte Bewegungs- und Funktionseinschränkung von Gelenken bezeichnet.
neurologische Beeinträchtigung
das Nervensystem betreffende Beeinträchtigung