4. Immuntherapie

Transkript

Was versteht man unter einer Immuntherapie?

Unter einer Immuntherapie verstehen wir eine Behandlung mit Medikamenten, die nicht gegen den Tumor selbst wirken, sondern die Medikamente, die wir verabreichen, haben das Ziel, das Immunsystem des Patienten, also das körpereigene Immunsystem, so zu aktivieren, dass dieses Immunsystem in die Lage versetzt wird, die Tumorzellen zu attackieren, anzugreifen und im Idealfall zum Absterben zu bringen.

Wie wirkt eine Immuntherapie?

Tumorzellen sind in der Lage, sich dem Angriff des Immunsystems zu entziehen. Tumorzellen können sich in gewisser Weise tarnen und damit für das Immunsystem nicht mehr erkennbar werden. Das führt dazu, dass das Immunsystem die Kontrolle über eine Tumorerkrankung verliert.

Die Immuntherapie-Medikamente, die wir heute einsetzen, setzen genau an diesem Mechanismus an. Ziel ist es dabei, den Tumor quasi wieder zu enttarnen, die Tumorzellen für das Immunsystem wieder erkennbar zu machen und damit das Immunsystem in die Lage zu versetzen, gegen diese Tumorzellen aktiv zu werden.

Wann kommt eine Immuntherapie zum Einsatz?

Die modernen Immuntherapie-Medikamente werden derzeit bei Patienten mit weiter fortgeschrittener Lungenkrebserkrankung eingesetzt, also bei Patienten, die bereits Metastasen im Körper aufweisen. Das Ziel der Therapie ist es dabei, diese Erkrankung möglichst weit zurückzudrängen und letztendlich auch über einen möglichst langen Zeitraum im Körper in Schach zu halten.

Was diese beiden Therapieziele betrifft, haben die Immuntherapie-Medikamente dramatische Fortschritte in der Behandlung für diese Patienten gebracht.

Die Zielsetzung für die Zukunft wird es aber auch sein, die Immuntherapie in früheren Krankheitsstadien einzusetzen, wo wir nicht nur das Ziel haben, eine Krankheit zu verzögern oder über möglichst lange Zeiträume unter Kontrolle zu halten, sondern wo es unser Ziel ist, einen möglichst großen Prozentsatz der Patienten auch dauerhaft von dieser Erkrankung zu heilen.

Die Studien zum Einsatz der Immuntherapie in diesen früheren Krankheitsstadien sind derzeit am Laufen. Die Ergebnisse werden in den nächsten Jahren erwartet, sind zum Teil schon da. Und auch hier, denke ich, ist die Immuntherapie als Therapiekonzept äußerst vielversprechend und wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer weiten, weiteren großen Verbesserung der Prognose für unsere Patienten führen.

Was sind die Vorteile einer Immuntherapie?

Im Vergleich zur traditionellen medikamentösen Behandlung von Tumorerkrankungen, also im Vergleich zur Chemotherapie hat die Immuntherapie zwei ganz entscheidende Vorteile:

  • Einerseits weist sie im großen Durchschnitt eine wesentlich bessere Verträglichkeit auf, das heißt, es treten unter einer Immuntherapie weniger Nebenwirkungen auf als unter einer Chemotherapie.
  • Der zweite wesentliche Unterschied ist, dass die Wirkdauer einer Immuntherapie im Durchschnitt wesentlich länger ist als unter einer Chemotherapie. Tumoren lernen, sich gegen Therapien zu wehren. Sie werden, wie wir das nennen, resistent gegen eine Behandlung. Und diese Resistenz tritt im Durchschnitt bei Behandlung mit einer Chemotherapie wesentlich rascher auf als mit einer Immuntherapie. Es gibt einen Teil der Patienten, der durch eine Immuntherapie wirklich über viele Jahre sehr gut krankheitskontrolliert bleiben kann. Und das ist etwas, was mit der Chemotherapie in früheren Zeiten in dieser Form nicht möglich war.

Einsatz der Immuntherapie bei Lungenkrebs

Die Immuntherapie ist eine sehr junge Behandlungsmöglichkeit. Sie hat beim nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom in fortgeschrittenen Krankheitsstadien bereits gute Wirksamkeit und Verträglichkeit gezeigt. Aber auch beim kleinzelligen Bronchialkarzinom bringt die Immuntherapie Vorteile.

Weltweit werden derzeit viele Studien mit Immuntherapie bei verschiedenen Formen und Stadien von Lungenkrebs durchgeführt. Die Einsatzmöglichkeiten können dadurch erweitert und festgelegt werden.

Bisher wird diese Behandlung üblicherweise eingesetzt, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Es liegt ein fortgeschrittenes Tumorstadium vor.
  • Die Tumorzellen weisen eine bestimmte Oberflächeneigenschaft auf.
  • Der Tumor ist nicht operabel.

Gründe, die besondere medizinische Beobachtung erfordern:

  • Wenn eine Autoimmunerkrankung vorliegt.
  • Wenn eine Organtransplantation stattgefunden hat.
  • Während Schwangerschaft und Stillzeit.

Wie funktioniert die Immuntherapie?

Der Ansatz der Immuntherapie besteht darin, das körpereigene Immunsystem der PatientInnen im Kampf gegen die Krankheit zu unterstützen. Dies geschieht, indem der Wirkstoff Tumorzellen enttarnt und so für die Immunzellen wieder sichtbar macht.

Mithilfe von Oberflächeneiweißen können sich Krebszellen als ungefährliche Zellen maskieren und für das Immunsystem unerkannt bleiben.

Diese Eiweiße werden Immun-Checkpoint-Proteine genannt. Eines von ihnen ist „PD-L1“. Wenn ein PD-L1-Eiweiß („Schlüssel“) an ein PD-1-Eiweiß („Schloss“) auf der Immunzelle andockt, wird die Tumorzelle nicht als krank erkannt und nicht angegriffen.

PD-1 und PD-L1 können durch spezifische Medikamente blockiert werden, so dass die Immunzellen die Tumorzelle wieder als krank erkennen und bekämpfen. Darüber hinaus aktivieren sie das Immunsystem, gegen Krebszellen vorzugehen.

Diese Wirkstoffe nennt man Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Ihre Namen enden mit der Silbe „-mab“, z. B. Durvalumab, Pembrolizumab oder Atezolizumab („mab“ steht für „monoklonale Antibody“ = Antikörper).

Transkript

Welche Untersuchungen und Behandlungen werden vor der Immuntherapie durchgeführt?

Es sind eigentlich keine speziellen Untersuchungen oder Behandlungen vor einer Immuntherapie erforderlich. Wichtig ist es ausschließlich festzustellen, ob die Patienten unter Umständen in ihrer Vorgeschichte immunologische Erkrankungen aufweisen. Wir sprechen von sogenannten Autoimmun-Erkrankungen, Erkrankungen, wo also eine bestimmte Überreaktion des Immunsystems im Körper bereits vorlag, die zu krankhaften Veränderungen geführt hat. In diesen Fällen ist es möglich, dass eine zusätzliche Stimulation des Immunsystems, wie sie durch eine Immuntherapie entstehen kann, zu einer Verschlechterung von vorbestehenden Autoimmunerkrankungen führt. Und solche Situationen sollte man natürlich, soweit es geht, vermeiden.

Wie läuft die Immuntherapie ab, und wie lange dauert sie?

Die Immuntherapie in der Form, in der wir sie heute verwenden, ist eine intravenöse Therapie. Das heißt, die Medikamente werden als Infusion in die Vene verabreicht.

Auch hier ist es so, dass es nicht einmalige Infusionen sind, die wir verabreichen, sondern diese Infusionen wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Das ist unterschiedlich von Medikament zu Medikament, von Behandlungssituation zu Behandlungssituation und bewegt sich derzeit in einem Rahmen zwischen zwei und sechs Wochen.

In den meisten Fällen behandeln wir die Patienten derzeit für einen unbestimmten Zeitraum, das heißt, die Behandlung wird solange weitergeführt, solange die Krankheit durch die Behandlung unter Kontrolle ist und solange der Patient die Therapie gut toleriert.

Eine Frage, die uns sehr stark beschäftigt, ist, ob es so etwas wie eine maximale Behandlungsdauer gibt. Oder anders formuliert: ob es möglich ist, bei guten Therapieerfolg nach einer gewissen Zeit die Behandlung auch zu beenden. Hier ist letztlich die Studienlage noch nicht eindeutig. Derzeit gilt eine Behandlungsdauer von zwei Jahren bei gutem Therapieansprechen und bei guter Therapieverträglichkeit als Standarddauer. Aber ob eine Therapie darüber hinaus nicht doch auch vorteilhaft sein könnte, ist nicht geklärt.

Ablauf einer Immuntherapie bei Lungenkrebs

Eine Immuntherapie wird ambulant in Form von Infusionen verabreicht. Vor der Infusionsgabe erfolgt ein ärztliches Gespräch und, falls erforderlich, eine körperliche Untersuchung. Die Infusion wird über einen Venenzugang oder, falls vorhanden, einen Port-Katheter gegeben und nimmt etwa 30 bis 60 Minuten in Anspruch. Der Abstand zwischen zwei Infusionen kann zwei bis sechs Wochen betragen.

Wie lange dauert eine Immuntherapie?

Die Dauer einer Immuntherapie ist abhängig von ihrer Wirksamkeit und ihrer Verträglichkeit. In jedem Fall ist sie jedoch langfristig angelegt. Ob eine Therapie bei gutem Ansprechen über 2 Jahre hinaus ausgedehnt werden soll, ist derzeit Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen.

Transkript

Welche Nebenwirkungen sind möglich und wie werden sie behandelt?

Insgesamt sind Nebenwirkungen unter einer Immuntherapie relativ selten. Allerdings kann es durch die Stimulation des Immunsystems auch zu unerwünschten entzündlichen Reaktionen an verschiedenen Organen des Körpers kommen. Einige dieser Reaktionen sind vergleichsweise häufiger, zum Beispiel

  • entzündliche Reaktionen am Darm mit Durchfällen als Symptom,
  • Entzündungen im Bereich der Haut mit Hautausschlägen oder Juckreiz,
  • entzündliche Veränderungen am Lungengewebe, die sich als Husten oder als Atemnot äußern können.

Unter Umständen aber auch Veränderungen in den Laboruntersuchungen, in den Blutuntersuchungen, wo es zu Entzündungen im Bereich von Leber, Niere, aber auch Schilddrüse und daraus resultierenden Schilddrüsenüber- oder -unterfunktionen kommen kann.

Generell gilt die Regel, dass eine Immuntherapie jegliche Art von Entzündungen im Körper verursachen kann. Da gibt es auch ganz seltene Formen wie zum Beispiel Herzmuskelentzündungen oder Nervenentzündungen. Das kann dann in Ausnahmefällen auch mal zu schwerwiegenden Krankheitsbildern führen.

Die wichtige Botschaft dabei ist, dass es in aller Regel sehr, sehr gut möglich ist, solche Nebenwirkungen zu behandeln. Was dann zum Einsatz kommt, sind entzündungshemmende Medikamente, in aller Regel zuallererst aus der Gruppe der Cortison-Präparate, die bei den meisten Fällen sehr, sehr rasch und sehr, sehr effektiv in der Lage sind, diese unerwünschten Nebenwirkungen, diese unerwünschten Entzündungen im Körper wieder zu unterdrücken und unter Kontrolle zu bringen.

Generell sind schwerwiegende Nebenwirkungen selten und liegen in einer Häufigkeit von etwa 10 bis 15 Prozent.

Was muss ich als PatientIn vor und während einer Immuntherapie beachten?

Während einer Immuntherapie gelten grundsätzlich dieselben Regeln wie während jeglicher medikamentösen Tumorbehandlung:

Es ist wichtig, dass sich die Patienten selbst beobachten und dass Sie Veränderungen, die Ihnen auffallen, Veränderungen im Befinden, neu aufgetretene Symptome möglichst rasch mit Ihrem behandelnden Ärzteteam besprechen. Je enger die Zusammenarbeit, je enger hier die Interaktion, umso besser ist es möglich, einen Patienten auch durch eine solche Therapie zu begleiten und von ärztlicher Seite durch eine solche Therapie zu führen.

Die vorhin genannten Nebenwirkungen sind hier insbesondere zu beachten. Das heißt für den Patienten im Wesentlichen auf eventuell auftretende

  • Durchfälle,
  • Hautausschläge oder Entzündungen,
  • Husten oder Atemnotbeschwerden

zu achten und im Falle eines Auftretens dieser Symptome unmittelbar in Kontakt mit dem behandelnden Ärzteteam zu treten.

Mögliche Nebenwirkungen der Immuntherapie bei Lungenkrebs

Eine Immuntherapie ist grundsätzlich gut verträglich. Nebenwirkungen sind dennoch nicht auszuschließen.

Welche Nebenwirkungen können im Rahmen der Infusion auftreten?

  • Während der Infusion kann es zu grippeähnlichen Symptomen wie Schwitzen, Schüttelfrost oder Fieber kommen.
  • Auch Schwindelgefühl, Juckreiz oder Kurzatmigkeit sind möglich.
  • Solche direkten Infusionsreaktionen treten etwa 30 Minuten bis 2 Stunden nach Infusionsbeginn auf und klingen spätestens nach 24 Stunden wieder ab.

Welche Nebenwirkungen können später auftreten?

  • Hautsymptome wie Ausschlag und Juckreiz sind die häufigsten immunvermittelten Nebenwirkungen. Zur Schonung der Haut sollten Sie intensive Sonneneinstrahlung meiden.
  • Auch immunvermittelte Entzündungen innerer Organe kommen vor, z. B. von Lunge (Husten, Kurzatmigkeit) oder Leber, seltener von Hormondrüsen.
  • Entzündliche Nebenwirkungen an Schleimhäuten können zu Bauchschmerzen oder Durchfall führen.
  • Mögliche allgemeine Nebenwirkungen einer Immuntherapie sind Appetitlosigkeit, Müdigkeit oder Kopfschmerzen.
  • Grundsätzlich kann eine Immuntherapie jegliche Art von Entzündung im Körper der Patientin/des Patienten verursachen. In äußerst seltenen Fällen können daraus auch bedrohliche Krankheitsbilder (Herzmuskelentzündung, Nervenentzündungen) resultieren.

Wussten Sie schon

Wenden Sie sich bei Auftreten von Nebenwirkungen umgehend an Ihr Behandlungsteam. Je früher etwas gegen immunbedingte Nebenwirkungen unternommen wird, desto besser sind diese behandelbar. In aller Regel werden sie durch eine Unterbrechung der Therapie und Einleitung einer Kortisonbehandlung therapiert.

Downloads

  • Fragen an die Ärztin/den Arzt bei Lungenkrebs Im hektischen Klinikalltag bleibt häufig kaum Zeit für ausführliche Unterhaltungen. Um sicherzugehen, dass Sie nichts vergessen, können Sie sich mit dieser Fragenliste schon zu Hause auf das Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt vorbereiten und die wichtigsten Fragen schriftlich festhalten.

Diesen Kurs bewerten

Ihr Feedback hilft anderen Nutzern die für sie passenden Kurse zu finden.
4.6/5 (19)

Geprüft OA Dr. Georg Pall: Stand 07.09.2020 | AT-3781 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

Virtuelle Patiententage – die neuesten Erkenntnisse zu Corona

ExpertInnen informieren Sie im Rahmen unserer virtuellen Patiententage am 21. und 22. November 2020 über die neuesten Erkenntnisse zu Corona und beantworten Ihre Fragen.

Holen Sie sich den aktuellen Wissensstand zu Coronavirus & Herz-Kreislauf-Erkrankung, Coronavirus & COPD, Coronavirus & Krebs, Möglichkeiten der Telemedizin, Behandlung einer Corona-Infektion, Corona-PatientInnen auf der Intensivstation und vielen weiteren Themen.

Die Teilnahme ist kostenlos und ohne Anmeldung möglich.

ZUM PROGRAMM