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Kurs Rheumatoide Arthritis und Psyche: Lektion 4 von 8

Verändertes Selbstbild bei rheumatoider Arthritis

Bei vielen RheumapatientInnen führt die Erkrankung zu körperlichen Veränderungen. Gerade Frauen finden sich häufig weniger attraktiv, weil sie Verformungen der Finger oder ein ständig geschwollenes Knie als „Makel“ sehen. Wie sich die rheumatoide Arthritis noch auf den Körper auswirken kann und wie Sie am besten damit umgehen können, erläutern wir Ihnen in dieser Lektion.

Video Transkript

Wie wirkt sich eine rheumatische Erkrankung auf das Selbstbild aus?

Eine rheumatische Erkrankung kann natürlich massive Auswirkungen auf das Selbsterleben oder das Selbstbild haben, beispielsweise auch dadurch, dass sich Ihr Körpererscheinungsbild verändert, wenn Sie geschwollene Gelenke haben oder auch Veränderungen im Bereich der Stellung der Finger oder anderer Gliedmaßen. Auch Schmerz kann das Selbstbild und das Selbstverständnis verändern. Dass Sie das Gefühl haben: „Ich bin nicht mehr wertvoll. Ich bin letztlich nicht einsatzfähig. Früher konnte ich das und das, jetzt kann ich das alles nicht mehr. Ich bin nichts mehr wert. Ich bin nicht mehr liebenswert. Ich bin nicht mehr attraktiv, auch für andere Menschen möglicherweise auch nicht mehr begehrenswert. Ich bin nicht mehr leistungsfähig, zum Beispiel im Sportbereich, im Arbeitsbereich.“ Das heißt: Sie erleben eigentlich die Defizite.

Hier könnte vielleicht auch eine kleine Gedankenübung hilfreich sein: Stellen Sie sich das vor wie ein halb leeres oder halb volles Glas. Das heißt: Das Fokussieren auf das halb leere Glas, auf die Defizite kann natürlich auch sich ungünstig auswirken. Das Fokussieren auf das halb volle Glas kann bewirken, dass Sie wiederum auch eine bestimmte positive Grundhaltung entwickeln.

Was kann ich tun, um mich in meinem Körper wieder wohler zu fühlen?

Praktisch jede Schmerzpatientin, jeder Schmerzpatient kennt dieses Gefühl, dass der Körper abgelehnt wird, wenn starke Schmerzen ein Thema sind, dass Sie enttäuscht sind, dass Sie sich ärgern, wütend werden, dass Sie hilflos werden und dass der Körper letztlich sehr negativ besetzt wird.

Eine kleine Übung, die dazu helfen könnte, ist, dass ich mir überlege: „Welche Stellen meines Körpers tun besonders weh im Unterschied zu anderen Stellen des Körpers, die weniger schmerzhaft sind oder vielleicht schmerzfrei?“

Manchmal könnte es auch hilfreich sein, eine kleine Skizze sich anzufertigen und zum Beispiel die Stellen auch tatsächlich einzutragen, auch vielleicht in einer anderen Farbe, wo Sie schmerzfrei sind.

Oder Sie überlegen sich: „Gibt es bestimmte Funktionen meines Körpers, die nicht mit den Schmerzen zusammenhängen, zum Beispiel Essen, Trinken, sich Ausruhen und sich Niederlegen, Schlafen, etwas Genießen, vielleicht auch Sexualität.

Mir fällt es schwer, andere um Hilfe zu bitten. Wie lerne ich Hilfe anzunehmen?

Ein wichtiger Schutzfaktor in der Bewältigung von chronischen Schmerzen ist, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Menschen, die eine gute Schmerzbewältigung haben, lösen ihre Probleme nicht alleine, sondern haben gelernt, andere auch um Hilfe zu bitten oder bei anderen auch Verständnis zu erwirken. Eine Möglichkeit, wie Sie das machen könnten, wäre, dass Sie mal lernen oder überprüfen: „Welche Wünsche und Bedürfnisse habe ich denn? Was wünsche ich mir zum Beispiel in den wichtigsten Beziehungen meines Lebens?“, und sich diese Sätze auch mal aufschreiben, so wie wenn Sie jetzt einen Aufsatz schreiben, beispielsweise zu Ihrer Partnerin, zu Ihrem Partner oder Arbeitskollegen: „Was ich dir schon immer sagen wollte…“. Und dann versuchen Sie diese Frage, was ich dir schon immer sagen wollte, in Form von Wünschen zu formulieren.

Wie lerne ich meine Einschränkungen zu akzeptieren?

Chronische Schmerzen, speziell im Rahmen der Rheumatoiden Arthritis, können auch zu Einschränkungen führen. Dazu gehören natürlich auch die entzündlichen Prozesse dieser Erkrankung dazu.

Eine Möglichkeit, letztlich damit umgehen zu können, wäre das Bild mit dem halb leeren oder halb vollen Glas. Stellen Sie sich vor, Sie schauen immer nur auf das halb leere Glas, auf die Defizite, was Sie alles nicht können. Und dann versuchen Sie das gleiche Bild als halb volles Glas darzustellen. Das heißt: Sie schauen auf Ihre Stärken, auf Ihre Begabungen, auf ihre Fähigkeiten. Vielleicht ist es hilfreich, sich auch mal so ein Blatt Papier herzunehmen und sich zu überlegen: „Was gibt mir Kraft? Was tröstet mich? Was stützt mich auch in Zeiten, wo es mir ganz schlecht geht?“ Um damit letztlich auch die Einschränkungen und Defizite auch wieder besser annehmen zu können.

Wie kann ich meine Bedürfnisse besser vermitteln?

Sehr häufig stoßen schmerzkranke Menschen auf Schwierigkeiten. Etwas, was Sie wahrscheinlich auch kennen, ist, dass man Schmerz nicht gut kommunizieren kann: Wie fühlt sich Ihr Schmerz genau an? Wir haben kein Bild vom Schmerz. Letztlich sind Sie diejenige, derjenige, die alleine ausdrücken kann, wie Sie sich fühlen und wie Ihr Schmerz ist.

Und möglicherweise ist es für Außenstehende einfach nicht nachvollziehbar, sodass daraus auch Konflikte resultieren können.

Eine Möglichkeit, besser damit umgehen zu können, wäre, dass Sie versuchen, ein Schmerzbild, eine Schmerzgestalt zu definieren. Ich mache dazu ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, ich beschreibe den Schmerz so: „Das wäre so, wie wenn jemand mit einem scharfen Küchenmesser zwischen meinen Schulterblättern dahinein bohrt und ganz tief hin und her wühlt. So fühlt sich mein Schmerz an.“ Dabei entsteht ein Bild. Das heißt: Man kann diese Bilder besser transportieren als den eigentlichen Schmerz.

Möglicherweise ist es hilfreich, wenn Sie auch Ihre Umgebung nach eigenen schmerzhaften Erfahrungen fragen. Jeder Mensch hat ja gelegentlich Schmerz. Es gibt praktisch niemanden, der nie Schmerzen hat. Das heißt: Auch in dem Erkennen, dass das ein Thema ist, das uns alle beschäftigt, kann man sich damit auch ein Stück weit wieder Außenstehenden annähern, die offensichtlich wenig bis gar keine Schmerzen an diesem Tag haben.

Wie soll ich damit umgehen, wenn mein Umfeld meine Probleme nicht ernst nimmt?

Vielleicht kennen Sie auch dieses Gefühl, nicht ernst genommen zu werden oder sich abgestempelt zu fühlen, so nach dem Motto: „Die redet ja nur über ihre Schmerzen.“ oder „Der jammert ja nur den ganzen Tag.“ Oft steht die Hilflosigkeit Außenstehender damit im Vordergrund, weil man nicht genau weiß: Was brauchen Sie denn jetzt eigentlich? Was würde Ihnen guttun? Was ist hilfreich?

Eine Möglichkeit wäre letztlich, da sich Zeiten zu definieren, also beispielsweise wenn Sie in einer Familie leben, eine Familienkonferenz einzuberufen und die Karten auf den Tisch zu legen und Bedürfnisse äußern zu lernen.

Wenn Sie möglicherweise auch in Ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht haben, dass auch damals schon Menschen nicht angemessen Ihre Bedürfnisse nach Wärme, Geborgenheit, Nähe oder auch nach Autonomie, nach Eigenständigkeit, nach Individualität und weitere Bedürfnisse bewältigt haben und begegnet haben, möglicherweise könnte es dann hilfreich sein, auch eine Psychotherapie oder klinisch-psychologische Behandlung in Anspruch zu nehmen, damit Sie lernen, das, was vielleicht auch schon von früher her als Defizit da ist, besser zu formulieren, damit Sie in aktuellen Beziehungen noch besser zurecht kommen.

Wie kann ich trotz starker Schmerzen sozial aktiv bleiben?

Eine Erfahrung, die ich mit chronisch Schmerzkranken gemacht habe, ist, dass die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Akzeptanz und Wertschätzung natürlich ein ganz zentrales Thema ist. Wenn Sie aufgrund Ihrer Schmerzen sich beeinträchtigt fühlen, möglicherweise nicht so mobil sind, gibt es hier auch verschiedenste Möglichkeiten, auch über soziale Medien und andere Informationsträger Kontakt zu anderen zu finden.

Etwas, was ich Ihnen empfehle ist, dass Sie ganz bewusst auch Kontakt zu anderen Schmerzpatienten aufnehmen, zum Beispiel über Foren oder über Selbsthilfegruppen. Sie haben damit die Möglichkeit, relativ schnell auch ein Gefühl von Wertschätzung, Anerkennung und Akzeptanz zu bekommen, weil es dem Gegenüber gleich geht wie einem selbst, weil man ähnliche Schwierigkeiten kennenlernt. Und Sie können sich auch eine Reihe von Tipps holen, was hilft, wenn zum Beispiel ein Tag ganz schwer zu bewältigen ist.

 

Auf den Punkt gebracht

Verändertes Selbstbild bei Rheumatoider Arthritis

  • Aufgrund der physischen Veränderungen am Körper kann es bei RheumapatientInnen auch zu einem veränderten Selbstbild kommen.
  • Es kann helfen, sich anstatt auf Defizite des Körpers auf Funktionen, die wichtig sind und gut funktionieren, zu fokussieren.

Körperliche Veränderungen durch rheumatoide Arthritis

Zu den ersten sichtbaren Anzeichen der rheumatoiden Arthritis zählen Schwellungen an einzelnen Gelenken. Betroffen sind insbesondere die Fingermittel- und Grundgelenke, aber auch die Füße, die Ellbogen und die Knie. Im fortgeschrittenen Stadium kann darunter die Gangart leiden. Früher waren PatientInnen zumindest zeitweise auf einen Stock als Gehhilfe angewiesen – dank moderner Therapien ist dies heutzutage nur mehr selten der Fall.

Hinzu kommen unsichtbare Veränderungen wie die verminderte Fähigkeit, bestimmte Alltagstätigkeiten zu erledigen oder Hobbies nachzugehen. Selbst Aufgaben wie Kochen, Putzen oder Waschen können eine immer größere Herausforderung darstellen.

Nicht zu vergessen sind funktionelle Veränderungen. Schmerzen werden für viele RheumapatientInnen zum täglichen Begleiter. Oft tritt auch chronische Erschöpfung (Fatigue) auf, ein Gefühl anhaltender Müdigkeit, das sich auch durch Schlaf und Erholungspausen nicht vertreiben lässt.

Auswirkungen einer rheumatischen Erkrankung auf das Selbstbild

Steife, deformierte Gelenke, ständige Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit bewirken, dass viele RheumapatientInnen sich selbst und den eigenen Körper nicht mögen. Sie können sich nicht vorstellen, dass die/der PartnerIn sie weiterhin begehrenswert findet. Darunter kann die Beziehung leiden. Einigen fällt es schwer, Schwäche zu zeigen und Unterstützung anzunehmen. Viele versuchen, die Erkrankung auszublenden, weil sie nicht in das bisherige Selbstbild passt. Dieses Verhalten führt manchmal auch zu Frust, Aggression und depressiven Gedanken.

Solche Gedanken und Gefühle sollten jedoch nicht das Leben bestimmen. Einer Vielzahl von PatientInnen gelingt es aus eigener Kraft, Ihre persönlichen Ziele an die veränderten Bedingungen anzupassen oder neue Ziele in Angriff zu nehmen, die auch mit der rheumatoiden Arthritis erreichbar sind. Menschen, die das nicht schaffen, kann eine psychologische Behandlung helfen, eine bessere Körperwahrnehmung und soziale Wahrnehmung und damit auch ein positiveres Selbstbild zu erlangen.

Wie gelingt es mir, eine positive Körperwahrnehmung zu entwickeln?

Versuchen Sie, Ihre Aufmerksamkeit auf die Teile und Funktionen Ihres Körpers zu lenken, die völlig gesund beziehungsweise nicht beeinträchtigt sind, anstatt sich mit Dingen zu verausgaben, die Sie nicht ändern können.

Beginnen Sie bei den klassischen fünf Sinnen Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken und denken Sie darüber nach, was Sie in Verbindung mit diesen Sinnen trotz ihrer Erkrankung alles machen können:

Positive Körperwahrnehmung bei Rheumatoider Arthritis: SehenSEHEN: Einen interessanten Film schauen, ein Buch lesen, die Natur beobachten…

Positive Körperwahrnehmung bei Rheumatoider Arthritis: HörenHÖREN: Ihre Lieblings-CD anhören, dem Gesang der Vögel lauschen, mit Familie und Freunden telefonieren…

Positive Körperwahrnehmung bei Rheumatoider Arthritis: SchmeckenSCHMECKEN: Ein leckeres Essen genießen, Eis essen gehen, mit Freunden ein Glas Wein trinken…

Positive Körperwahrnehmung bei Rheumatoider Arthritis: TastenTASTEN: Einen geliebten Menschen umarmen, Tiere streicheln, beim Duschen oder Baden das warme Wasser auf der Haut spüren…

Positive Körperwahrnehmung bei Rheumatoider Arthritis: RiechenRIECHEN: Sich am Duft von Blumen erfreuen, ein neues Parfüm ausprobieren, sich eine Aromatherapie gönnen…

Sehen

Einen interessanten Film schauen, ein Buch lesen, die Natur beobachten…

Hören

Ihre Lieblings-CD anhören, dem Gesang der Vögel lauschen, mit Familie und Freunden telefonieren…

Riechen

Sich am Duft von Blumen erfreuen, ein neues Parfüm ausprobieren, sich eine Aromatherapie gönnen…

Tasten

Einen geliebten Menschen umarmen, Tiere streicheln, beim Duschen oder Baden das warme Wasser auf der Haut spüren…

Schmecken

Ein leckeres Essen genießen, Eis essen gehen, mit Freunden ein Glas Wein trinken…

Download: Positives Wahrnehmen

Es kann Ihnen auch helfen, Ihre Körperwahrnehmung zu visualisieren. Hier finden Sie eine Übung dazu als Download.

Positives Wahrnehmen Download

Das Ausmalen der eigenen Körperregionen am Papier mit Farben je nach Schmerz und Wohlbefinden steigert die körperliche Wahrnehmung und richtet Sie auf die positiv empfunden Regionen. Denn oftmals fokussieren wir uns auf Körperzonen, die schmerzen, anstatt zu erkennen, wie viele Funktionen möglich und Bereiche schmerzfrei sind.

Wie bringt mich eine bessere soziale Wahrnehmung weiter?

Niemand kann Ihnen helfen, wenn Sie nicht zu erkennen geben, dass Sie ein Problem haben und Unterstützung brauchen. Sie müssen sich mitteilen, damit andere auf Ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen können. Das setzt voraus, dass Sie die Menschen in Ihrem Umfeld an sich heranlassen und Hilfsangebote und Aufmunterungen nicht aus falscher Rücksichtnahme abblocken.

Fällt es Ihnen schwer, sich anderen zu öffnen, können Sie es mit folgendem Gedankenexperiment versuchen:

Fragen Sie sich selbst, welche Ansprüche und Bedürfnisse Sie haben und notieren Sie diese, als würden Sie einen Brief mit dem Thema „Was ich dir schon immer mal sagen wollte“ an Ihre/n PartnerIn oder eine/n ArbeitskollegIn schreiben. Versuchen Sie dabei, Ihre Gedanken in Form von Wünschen zu formulieren. Denken Sie darüber nach, was Sie von dieser Person erwarten und wie Sie sich dabei fühlen.

Dadurch können Sie Ihre Bedürfnisse und Ansprüche an Personen besser identifizieren und gewinnen zugleich auch mehr Sicherheit darin, Ihre Wünsche sprachlich zu äußern.

Wussten Sie schon

Es ist keine Schwäche, andere um Hilfe zu bitten und Unterstützung anzunehmen. Im Gegenteil, es gehört eine große Portion Stärke dazu. Es braucht Mut, seine Grenzen offenzulegen und sich den mit der Erkrankung verbundenen Veränderungen und Herausforderungen zu stellen.

Geprüft Prim. Prof. Priv. Doz. Dr. Michael Bach : Stand Juli 2019 | PP-BA-AT-0302 Juli 2019

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Dieser Kurs ist Teil der Kursreihe „Leben mit Rheumatoider Arthritis“

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