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Diagnose Brustkrebs – ciao mein altes Leben?! (Erfahrungsbericht von Nora)

Zeit um dankbar zu sein

Nora ist BrustkrebspatientIn und berichtet auf Instagram als Nora.mit.und.ohne.h über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Für den selpers Blog hat sie einen Gastbeitrag verfasst: 

Diagnose Brustkrebs – ciao mein altes Leben?!

Mit 28 Jahren die Diagnose Brustkrebs zu erhalten war ein Schock. Chemotherapie, Haarausfall, Mastektomie – volles Programm. Doch wie schaffte ich es, die schlimmsten Monate meines Lebens zu überstehen?

April 2019. Ich sitze im Behandlungsraum im Brustzentrum, die Ärztin spricht von einem bösartigen Tumor, Chemotherapie, Operation. Redet sie da gerade über mich? Ich verliere meine Haare? Ich werde die nächsten fünf Monate freitags hier Chemo bekommen? Ich? Unvorstellbar, da ich doch vor ein paar Wochen meinen geliebten, unspektakulären Alltag noch hatte. Und das soll mir von heute
auf morgen genommen werden? Die Ärztin behielt recht. Chemotherapie. Nach der Zweiten verlor ich bei jeder Bewegung Haare, doch ich wollte und konnte mich noch nicht trennen. Ich nahm mir eine Woche Zeit für den Abschied, für die Trauer. Dann kam der Rasierer und für mich ein neues Aussehen. Durch das Cortison schwemmte auch mein Gesicht auf. Ganz zu schweigen von meiner starken Übelkeit (und ich bin wirklich keine Mimose was Schmerz und Krankheit betrifft).

Blick nach vorne

Die Diagnose ist nun über ein Jahr her. Das Jahr verging glücklicherweise wie im Flug, die Tage jedoch waren zäh. Doch ich machte das Beste draus. Das mag womöglich flapsig klingen, jedoch war es schlicht und ergreifend so. Was bringt mir tagelanges Grübeln und Zweifeln? „Warum ich?“- Keiner kann mir eine adäquate Antwort darauf geben. Deshalb beschloss ich, meine Erkrankung unter „Pech“ zu verbuchen und weiter nach vorne zu schauen. Klar gab es auch Momente, in denen ich weinte und mich am Leben zweifeln ließen. Diesen Zustand akzeptierte ich aber nicht. Ich wollte mir die Zeit, in der ich mich voll und ganz auf mein Leben und meine Gesundheit konzentrieren konnte und musste, nutzen, auf meine innere Stimme zu hören und das zu machen, auf was ich Lust hatte, was mir Freude bereitete.

Neben den Treffen mit Familie und Freunden hatte ich noch viele, viele Stunden am Tag für mich. An Sport war nicht zu denken, ich war froh, wenn ich überhaupt eine halbe Stunde aus dem Haus kam.

Glücklicherweise hatte ich Monate vor der Diagnose mit meiner Schwester Luca an einem Handlettering-Workshop teilgenommen. Dies wurde in meinem Krankenstand zu meiner Passion. Ich malte und letterte stundenlang, es entstanden immer mehr Karten. Im Spaß sagte ich oft, dass ich gar nicht so viele Freunde habe, wie ich Karten gestalte. Dann hatten Luca und ich die Idee, einen Instagram-Account zu erstellen, um unsere Karten zu präsentieren. So entstand „nolu.handlettering“, das sich so gut entwickelte, dass wir in der Post in einem Dorf nahe Pforzheim unsere Karten verkaufen. Und ehrlich gesagt, war das meine Rettung. Ich letterte nicht Karten für die Schublade, sondern konnte Menschen eine Freude machen.

Tagebuch als Therapie

Auch das Tagebuch schreiben half mir zwischen den Chemos, mit meinem neuen, anderen Leben klar zu kommen. Mein Leben lang habe ich Tagebuch geschrieben, doch in dieser Zeit war es essentiell. Ich schrieb nicht nur Fakten wie viele Chemos noch kommen, nein, vor allem meine Gedanken und Ängste fanden darin Platz. Mein Umfeld wollte ich nicht damit belasten. Ich schrieb und schrieb und schrieb, seitenlange Tagebucheinträge. Und mein Kopf entspannte sich. Um meine Dankbarkeit an meine Familie auszudrücken, schrieb ich meiner Mama, meinem Papa und Luca (meinen kleinen, damals 14-jähriger Bruder, ließ ich außen vor), sogenannte Gedankengläser. Ich schrieb auf kleine Zettel meine Gedanken oder Situationen, z.B. „Heute hast du mich das erste Mal ohne Haare gesehen und hast gesagt, dass es sich ja ganz weich anfühlt. Darüber habe ich mich gefreut.“ oder einfach, dass ich sie liebe und dankbar bin, dass sie immer für mich da sind. Nachdem ich hinter alle Chemos und der Mastektomie einen dicken Haken machen konnte, schenkte ich ihnen die voll gefüllten Gedankengläser.

Und jetzt noch etwas Spirituelles: Ich bin davon überzeugt, dass es eine höhere Macht gibt. Ob sich diese Gott oder Universum nennt, ist mir einerlei. Ich glaube daran, dass wir mit unseren Gedanken auch ein Stück weit unser Leben steuern können á la Einstellungssache. Ich stelle es mir so vor, dass wir unsere Gedanken ans Universum schicken, diese dort gespiegelt werden und wieder zu uns zurück kommen. Deshalb habe ich auch eine Art Mantra für mich gefunden: „Ich bin gesund und bleibe gesund.“ Daran glaube ich und lässt mich wieder Vertrauen in meinen Körper finden. Bei meinem ersten Liebeskummer hatte mir meine Mama einen rosafarbenen Post-It mit den Worten „Alles wird gut“ geschrieben. In der damaligen Situation vor 15 Jahren habe ich nicht daran glauben können, doch im Nachhinein weiß ich, dass es die Wahrheit ist. Und ich glaube felsenfest daran.

Die letzte Chemo hatte ich Ende September. Seit diesem Zeitpunkt geht es nur noch bergauf. Mein Körper erholt sich von Tag zu Tag. Ich arbeite seit Februar wieder Vollzeit und habe ich wieder ein Stück weit meinen Alltag zurück. Ob es auch mein altes Leben ist? Nein- und das ist auch gut so. Das Jahr 2019 buche ich unter „never again“ ab und blicke nur noch in die Zukunft und genieße mein Leben so wie es ist.

Wenn ihr mehr über mich, meine Diagnose und mein Leben erfahren möchtet, besucht mich gerne auf meinem Instagram Account „Nora.mit.und.ohne.h“. Gerne beantworte ich dir auch jede Frage, die dir auf dem Herzen liegt.

Alles wird gut!

Eure Nora

Nora mit und ohne h

Brustkrebspatientin & Bloggerin

Autorin: Nora

Bildnachweis: Nora mit und ohne h

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