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Jung, chronisch krank und Rente: Tipps zum Verfahren in Deutschland

Zeit um dankbar zu sein

Als junger Mensch schwer zu erkranken und in kurzer Zeit vieles zu verlieren, was einen ausmacht, ist schon belastend genug, gleichzeitig jedoch mit Sozialversicherungsträgern um essenzielle finanzielle Mittel, die man zum Überleben braucht, streiten zu müssen, ist eine zusätzliche Herausforderung. Eine der großen Stolpersteine auf dem Weg durch das Leben mit einer chronischen Krankheit ist der Antrag auf Erwerbsminderungsrente. Diese Hürde lässt sich einfacher überwinden, wenn man weiß, was auf einen zukommt.

Erwerbsminderungsrente in Deutschland

2018 wurden 1,7 Millionen neue Anträge auf Rente gestellt, wovon nur 342.294 wegen Erwerbsminderung oder -unfähigkeit anfielen. Insgesamt bekommen deutschlandweit rund 1,8 Millionen Menschen EM-Rente. Eine vergleichsweise kleine Gruppe, die jedoch oft die größten Hürden auf dem Weg zur Rente überwinden muss.

Typische Vorurteile zu EM-Rente

Über Menschen, die Erwerbsminderungsrente beziehen, bestehen viele Vorurteile. Betroffene erzählen, dass sie als faul bezeichnet werden oder dafür beneidet, dass sie sich auf Staatskosten ein schönes Leben machen. Fakt jedoch ist, selbst von der vollen Erwerbsunfähigkeitsrente kann sich keiner ein schönes Leben machen. 2018 lag der Durchschnittsbetrag bei 735€ pro Monat.

Kein einfacher Weg

Generell werden in Deutschland die Hälfte aller Erstanträge auf Erwerbsminderungsrente abgelehnt.  Falls der Antragsteller dann Widerspruch einlegt oder gar in der Folge klagt, dauert das durchschnittliche Verfahren viele Jahre. Betroffene berichten, dass sie in dieser Zeit ohne finanzielle Unterstützung und in den schlimmsten Fällen auch keine Krankenversicherung hatten.

Stress ist schädlich für chronisch Kranke

All diese Faktoren führen zu großem Stress für die Betroffenen, die als chronisch kranke Menschen ohnehin mit einem deutlich erhöhten Stresslevel leben. Chronische Schmerzen, zum Bespiel, können die Lebensqualität so stark einschränken, dass auch die Psyche irgendwann unter den körperlichen Beschwerden leidet. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit chronischen Schmerzen häufiger ebenfalls eine Depression oder Angststörung entwickeln. Zusätzlich zu diesen alltäglichen Beschwerden auch noch gegen Windmühlen wie die deutsche Rentenversicherung zu kämpfen, kann schnell die Energiereserven aufbrauchen.

Ein paar Tipps zum Verfahren können helfen, Stress zu reduzieren und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Dokumentation ist wichtig

Betroffene empfehlen, dass Gerichtsverfahren oder im Umgang mit Gutachtern jeglicher Austausch schriftlich protokolliert werden sollte. Notizen über Datum, Zeit, Name des Gesprächspartners und Stichpunkte zum Gespräch können helfen in Streitigkeiten Fakten und Details zu belegen. Generell sollte wenn möglich jeglicher Austausch schriftlich via E-Mail, Brief oder Fax erfolgen, um im Zweifelsfall Beweise vorlegen zu können.

Selbst zum Experten werden

Vor allem Menschen mit unbekannteren Erkrankungen müssen sich in der Regel selbst über ihre Krankheit informieren, um mögliche Fehler in Befunden und Gutachten erkennen zu können. Patienten berichten, dass es ebenso Sinn macht sich über den Gutachter schlau zu machen und herauszufinden, welche Qualifikationen diesen zu einem passenden oder unpassenden Gutachter für die jeweilige Erkrankung machen.

Rechte und Pflichten kennen

Kläger haben eine Mitwirkungspflicht, d. h. Gutachten müssen wahrgenommen werden, Fristen eingehalten, usw. Kläger haben ein Recht auf Akteneinsicht, d. h. Gutachten können eingefordert werden und Unterlagen auf Fehler überprüft werden. Diese können dem Gericht schriftlich mitgeteilt werden. Bei negativen Erfahrungen mit Gutachtern können Zeugen in der Regel mit zur Untersuchung gebracht werden (Rechtssprechung nicht eindeutig).

Auf Fachleute setzen

Von den rund 61.000 Klageverfahren vor deutschen Sozialgerichten im Jahr 2018 wurde bei rund 77 Prozent gegen den Kläger entschieden. Vor allem bei Verfahren, die von so großer Bedeutung sind, wie die Klage um die Erwerbsminderungsrente, ist es von Vorteil einen Rechtsbeistand zu beauftragen. Sozialverbände wie der VDK sind eine kostengünstige Lösung zu Anwälten.

Du bist nicht allein

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass peer support chronisch kranken Menschen helfen kann, besser mit den alltäglichen Herausforderungen der Krankheit umzugehen. Solche Unterstützung kann in Form von Selbsthilfegruppen, Vereinen, oder Online-Foren stattfinden. Zusätzlich können Betroffene unterschiedliche Strategien nutzen, mit dem Stress solcher Verfahren umzugehen. Meditieren, lange Spaziergänge in der Natur, Sport, ein gutes Gespräch mit Freunden, ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf, guter Ernährung und Ruhepausen.

 

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Autorin: Dr. med. Iris Herscovici

Bildnachweis: Krakenimages.com

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