Pflegende Angehörige – Erfahrungen & Ratschläge von IG Pflege Präsidentin [Interview]

Pflegende Angehörige - Interview

Die Herausforderung, einen nahestehenden Menschen zu pflegen, kommt oft sehr plötzlich. Pflegende Angehörige müssen schnell reagieren, ihren Alltag anpassen und von einem Tag auf den anderen eine Mehrbelastung tragen. In Österreich sind es ca. eine Millionen Menschen, die Pflegeaufgaben übernehmen. Die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger (IG Pflege) setzt sich für die Verbesserung der Lebenssituation dieser und einer öffentlichen Bewusstseinsbildung der Belastungen und Herausforderungen pflegender Angehöriger ein. Wir haben mit Birgit Meinhard-Schiebel, der ehrenamtlichen Präsidentin der IG Pflege, über die Situation pflegender Angehöriger gesprochen. Dabei erzählt sie nicht nur von ihren persönlichen Erfahrungen, sondern gibt auch viele hilfreiche Ratschläge für Betroffene.

Worum geht es in der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger (IG Pflege)?

selpers: Liebe Frau Meinhard-Schiebel, Sie sind ehrenamtliche Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger. Was sind die wichtigsten Aufgaben der IG Pflege? Wofür setzen Sie sich ein?

Meinhard-Schiebel: Wir haben seit 2010 die Aufgabe übernommen, auf die Situation von pflegenden Angehörigen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Uns ist ganz wichtig, immer wieder nach den Bedürfnissen der Betroffenen zu fragen und sie auch an politisch Verantwortliche in Form unserer Forderungen weiterzutragen. Wir setzen uns also für Rechtsansprüche ein, die mit der Pflegestation zu tun haben, für die Unterstützung der Betroffenen.

selpers: Sie unterstützen pflegende Angehörige, wer zählt zu dieser Gruppe? Und wie viele davon gibt es in Österreich?

Meinhard-Schiebel: Seit dem Erscheinen der Studie zur Situation pflegender Angehöriger des Sozialministeriums im Jahr 2018 ist klar, dass 947.000 Erwachsene und 42.700 Kinder und Jugendliche Pflegeaufgaben übernehmen. Sie sind der größte Pflegedienst Österreichs. Und das betrifft alle Formen von Erkrankung, von Behinderung, für die pflegende Angehörige tätig werden.

Pflegende Angehörige: Persönliche Erfahrungen

selpers: Gibt es ein Erlebnis seit ihrer Tätigkeit bei der IG Pflege, das Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Meinhard-Schiebel: Es sind so viele Gespräche, so viele Situationen, aber am meisten berührt es mich, wenn gerade in Gesprächen über das Thema – auch mit Expertinnen oder Menschen, die über ganz andere Dinge mit mir sprechen, plötzlich der Satz auftaucht: ich bin ja auch eine/ein pflegender Angehöriger – das ist so, als ob eine Türe aufginge, die bis dahin verschlossen war. Und dann entstehen wichtige Gespräche…

selpers: Welche Erfahrungen haben Sie mit Angehörigen von KrebspatientInnen gemacht? Welche Herausforderungen treten hier in den Vordergrund?

Meinhard-Schiebel: Krebserkrankungen machen nach wie vor besonders Angst. Weil sie so deutlich machen, dass unser Leben bedroht sein kann. Das betrifft auch die pflegenden Angehörigen, die ebenfalls diese Ängste miterleben. Dazu kommen noch alle Fragen die sich bei der Behandlung der Krebserkrankungen stellen. Sie sind komplex und zugleich so unterschiedlich, dass man nicht einfach eine für alle geltende Antwort geben kann.

Ratschläge und Unterstützung für pflegende Angehörige

selpers: Wo können sich pflegende Angehörige Informationen darüber holen, wie pflegerische Tätigkeiten richtig durchgeführt werden?

Meinhard-Schiebel: Grundsätzlich sollte das Entlassungsmanagement gemeinsam mit der professionellen Pflege gute Unterstützung und Anleitung geben. Das funktioniert oft sehr gut, manchmal aber auch nicht. Man kann aber auch einen Hausbesuch anfordern, um dadurch die Anleitung zu bekommen, um nicht das Gefühl zu haben, etwas falsch zu machen. Eine wichtige Hilfe sind die Informationen des Pflegetelefons (Service für Bürgerinnen und Bürger des Sozialministeriums, Tel: +43 1 711 00-862286), die professionelle Unterstützung geben, um bundesweit die richtige Stelle zu finden.

selpers: Für viele pflegende Angehörige spielt auch die Frage der finanziellen Unterstützung eine wichtige Rolle. Welche Ratschläge können Sie dahingehend geben?

Meinhard-Schiebel: Finanzielle Unterstützung bietet das Pflegegeld, die Pflegekarenz, die Förderung der 24-Stunden-Betreuung. Genaue Auskunft dazu bekommt man ebenfalls bei der oben angeführten Telefonnummer bzw. auch bei der Interessengemeinschaft pflegende Angehörige unter office@ig-pflege.at . Die finanziellen Unterstützungen haben verschiedene Voraussetzungen, die man im Vorfeld abklären muss.

selpers: Welches sind andere häufige Fragen, die Angehörige haben, oder Herausforderungen, vor denen sie stehen? Welchen Rat haben Sie für die Betroffenen?

Meinhard-Schiebel: Viele pflegende Angehörige leiden unter der psychischen Belastung und es ist öfter nur in einem längeren Gespräch möglich, darüber zu reden, dass die größten Probleme durch den psychischen Druck entstehen, der durch die Erkrankung ihrer Angehörigen oder Zugehörigen entsteht. Die praktischen Probleme lassen sich zumeist leichter lösen. Deshalb bietet das Sozialministerium das psychologische Unterstützungsgespräch an. Eine Beratungsperson kommt dazu ins Haus und nimmt sich Zeit für ein ausführliches Gespräch, um nach Entlastungsmöglichkeiten zu suchen. Anfordern kann man dieses kostenlose Gespräch bei der Telefonnummer +43 1 797 06 – 2705 oder unter der Emailadresse: angehoerigengespraech@svb.at

selpers: Was können Angehörige für sich selbst und ihr eigenes Wohlergehen tun? Worauf sollten diese achten?

Meinhard-Schiebel: Es ist immer eine Herausforderung, einen nahestehenden Menschen zu pflegen. Sich einzugestehen, dass man auch selbst dabei Unterstützung braucht und es kein Zeichen von Schwäche oder Egoismus ist, wenn man auch auf die eigenen Grenzen achtet und sie auch ausspricht, ist eine Chance, die Situation für sich selbst und für den pflegebedürftigen Menschen gestaltbar zu machen. Liebe, Zuneigung oder Verantwortungsgefühl sind wunderbare Voraussetzungen, aber sie brauchen auch Hilfe von außen. Für viele Menschen ist es schon eine Erleichterung zu wissen, dass sie mit FreundInnen, mit Pflegekräften, mit anderen Menschen reden können, dass sie sich auch Zeit nehmen, ihr soziales Leben weiterführen zu können. Auch Selbsthilfegruppen sind oft wichtige Unterstützungen

Bewusstsein für die Situation von pflegenden Angehörigen

selpers: Hat sich Ihrer Meinung nach die öffentliche Wahrnehmung von pflegenden Angehörigen in den vergangenen Jahren verändert? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Meinhard-Schiebel: In den letzten Jahren ist es doch mit viel Mühe gelungen, die “im Verborgenen pflegenden Angehörigen” mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu bringen. Veranstaltungen, Beiträge in den Medien, Selbsthilfegruppen, sie alle helfen, darüber zu reden, dass jeder und jede von uns jederzeit davon betroffen sein kann. Und dass es weder eine Schande noch ein Zeichen von Schwäche ist, wenn man Unterstützung braucht.

Ich wünsche mir sehr, dass in der öffentlichen Wahrnehmung noch viel mehr an Sensibilisierung möglich wird, dass Menschen, die Pflegeaufgaben übernehmen, nicht aus dem öffentlichen Raum verschwinden sollen, sondern unser aller Unterstützung brauchen. Wir halten deshalb am 13. 9. 2019 den 1. Nationalen Aktionstag pflegender Angehöriger in Österreich ab, an diesem Tag werden in der Öffentlichkeit Karten verteilt, um auf sie aufmerksam zu machen. Am Abend des 13. 9. 2019 werden wir um 18 Uhr in der URANIA Wien eine Podiumsdiskussion dazu machen.

selpers: Welche Worte möchten Sie Angehörigen noch mit auf den Weg geben?

Meinhard-Schiebel: Weil wir alle jederzeit in die Lage kommen können, mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert zu werden, wäre es eine große Hilfe, auch wenn es nicht der Fall ist, im eigenen Familien- und Freundeskreis einmal ein Gespräch zu führen, was wäre wenn… wie können wir die Aufgaben verteilen, wo können wir uns Hilfe organisieren, was, wenn die Pflege daheim nicht mehr möglich ist, wie schaffen wir gemeinsam einen guten Umgang mit dieser Situation. Wir planen so viel in unserem Leben, Liebesbeziehungen, Familie, ein Haus bauen – die Planung der Frage, was wenn… ist die Chance, gemeinsam für die bestmögliche Bewältigung zu sorgen.

selpers: Vielen Dank für das Interview.

 

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Birgit-Meinhard-Schiebl-Interview-IG-PflegeBirgit Meinhard-Schiebel
Schauspielerin, Erwachsenenbildnerin, Sozialmanagerin und Politikerin. Seit 2010 ist sie Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger (IG Pflege).

Interview wurde geführt von:  selpers Red.

Bildnachweis: Johannes Zinner |

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