selpers - Mit der Erkrankung am Leben teilnehmen. Was ich für mich tun kann.

Pink Paddling – mit vereinter Kraft gegen Brustkrebs

„Wir sitzen gemeinsam in einem Boot.“ So kann man die Botschaft der Pink-Paddling-Bewegung verstehen. Gemeinsam paddeln Brustkrebsbetroffene in Drachenbooten gegen Vorurteile an und halten sich fit. Svenja Franke-Bruhn erzählt im Interview, wie das Pink Paddling nach Österreich kam, was es mit der Idee auf sich hat und wo die „Vienna Pink Dragons“ heute stehen.

selpers: Frau Franke-Bruhn, Sie leiten die Vienna Pink Dragons. Würden Sie uns zunächst erzählen, was es mit der Pink-Paddling-Bewegung auf sich hat?

Frau Franke-Bruhn: Als ich vor fast vier Jahren nach Österreich gezogen bin, war das Pink Paddling hier überhaupt noch nicht bekannt. Grundsätzlich ist dies ein hervorragender Rehabilitationssport für Brustkrebsbetroffene. Die Idee ist vor über 20 Jahren in Kanada entstanden, nach einer Pilotstudie von Dr. Don McKenzie. Er hat mit 24 freiwilligen Brustkrebsbetroffenen nachgewiesen, dass keine Gefahr eines Lymphödems besteht bei der Ausübung von starken repetitiven Bewegungen des Oberkörpers. Das war damals eine große Sorge. Kontraproduktiv sind hingegen statische Übungen, wie zum Beispiel über einen längeren Zeitraum schwere Sachen zu tragen. Diesen Unterschied zu verstehen ist sehr wichtig. Hier in Österreich hat der Paradigmenwechsel in der medizinischen Rehabilitation nach einer Krebsdiagnose vor etwa sieben Jahren stattgefunden. Vorher hat man Brustkrebsbetroffenen nur leichte, nicht anstrengende Bewegungen des Oberkörpers empfohlen. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass gerade diese Art der Bewegung den Lymphfluss fördert und die Beweglichkeit des Schultergürtels begünstigt. Insbesondere ist inzwischen auch anerkannt, dass man das Risiko eines Rezidivs mit regelmäßigem Sport und Muskelaufbau verringern kann.

selpers: Wie haben Sie das Pink Paddling kennengelernt?

Frau Franke-Bruhn: Ich habe das Pink Paddling in Neuseeland kennengelernt, wo ich damals gelebt habe. Als ich dann 2011 meine Brustkrebsdiagnose bekam und den ersten Schock überwunden hatte, dachte ich gleich: „Jetzt habe ich einen Platz im Boot“. In Neuseeland wie auch in Australien, wo ich dann hinzog, gab es schon viele Pink-Paddling Teams. In Sydney bin ich aktiv zwei Jahre mitgepaddelt, bevor ich dann nach Wien zog. Und dort gab es so etwas nicht. Das hat mich auf die Idee gebracht, selbst ein Pink-Paddling-Team zu gründen. Ich habe mich an den Drachenbootsport-Club Vienna Dragons gewandt, wo ich viel Unterstützung bekommen habe. 2015 konnte ich somit gemeinsam mit Dr. Nina Kerres, einem Vienna-Dragons-Mitglied, das Team gründen.

selpers: Warum hat Ihnen das Pink Paddling so gut getan?

Frau Franke-Bruhn: Neben dem Sport selbst hat es natürlich auch einen psychosozialen Effekt. Man bewegt sich draußen auf dem Wasser, in der Natur, das ist einfach schön. Hinzu kommt, dass es sehr beruhigend ist, mit anderen Betroffenen zusammen einen Teamsport auszuüben. Im Boot sprechen wir kaum über Brustkrebs, da konzentrieren wir uns auf das Paddeln. Ich kann meine Krankheit dort vergessen, sie spielt beim Paddeln keine Rolle. Aber wenn man mal einen schlechten Tag hat, ist man mit Menschen zusammen, die einen verstehen und Rat geben können. Neben dem Sport und den sozialen Faktoren ist das Pink Paddling auch unsere Plattform, das Bewusstsein über Brustkrebs zu stärken. Wir wollen die Krankheit aus ihrem Tabu holen und zeigen, dass wir trotz der Erkrankung ein aktives und bewegtes Leben führen können. Das Besondere für mich ist, dass die Pink-Paddling-Bewegung so etwas wie eine große Familie darstellt. Wenn ich irgendwo im Ausland bin, informiere ich mich oft, ob es dort ein Team gibt, und frage an, ob ich mitpaddeln kann. Man wird überall herzlich aufgenommen und unterstützt, das ist sehr schön.

selpers: Für wen ist das Pink Paddling geeignet?

Frau Franke-Bruhn: Der Vorteil beim Drachenbootsport ist, dass man langsam einsteigen kann. Deshalb ist es für jedes Alter und jeden Fitnessgrad geeignet und es ist auch egal, wie lang oder kurz die Operation zurückliegt. In einem großen Drachenboot sitzen 20 Paddler, immer zwei in einer Reihe.  Hinzu kommen ein Steuermann/eine Steuerfrau und ein Trommler/eine Trommlerin. Wenn Brustkrebsbetroffene zum Schnuppern dabei sind, führen wir sie in die Technik ein, erklären ihnen alles, wärmen uns auf und paddeln dann direkt los. Dann können sie immer wieder eine oder zwei Minuten mitpaddeln und das sehr langsam steigern. Auch die Intensität lässt sich variieren. Der einzelne Paddelschlag muss nicht mit 80 Prozent durchgeführt werden, man kann ihn auch erst mal mit weniger Kraft durchführen. Es ist wohltuend, etwas gemeinsam im Team zu erreichen und trotzdem jederzeit das Paddel einholen und eine Pause machen zu können.

selpers: Treten Sie gegen andere Teams in Wettbewerben an?

Frau Franke-Bruhn: Ja! Es gibt bei vielen Drachenbootfestivals eigene Brustkrebskategorien,  bei denen wir gegen andere pinke Teams antreten und dann auch Medaillen gewinnen können. Das ist natürlich großartig! Im Juli findet in Florenz ein großes Festival des IBCPC statt, der International Breast Cancer Paddlers’ Commission. Dieses Festival findet alle vier Jahre statt und bietet den weltweit über 220 Pink-Paddling-Teams die Möglichkeit, sich zu treffen, miteinander zu paddeln und auszutauschen. Die jungen europäischen Teams werden in diesem Jahr besonders angesprochen, da das Festival zum ersten Mal in Europa stattfindet. Und wir sind als erstes österreichisches Team natürlich dabei, auch wenn wir noch ein junges Team sind mit elf festen Mitgliedern. Pink Paddler aus anderen Ländern unterstützen uns und wir haben uns als „Vienna Pink Dragons International“ angemeldet.

Im letzten Jahr haben wir in Wien ein Pink Festival organisiert im Rahmen des Wiener Drachenboot Cups Ost. Dort konnten wir eine Brustkrebskategorie einführen und wurden dabei von den Italienerinnen sehr unterstützt. Diese kamen mit über 120 brustkrebsbetroffenen Paddlerinnen angereist, sodass wir sechs große Teams bilden und gegeneinander Rennen fahren konnten. Zum ersten Mal fand in Österreich auch die Blumenzeremonie statt, ein wichtiges Ritual bei allen Festivals mit Brustkrebsstaffeln. Am Ende der Rennen treffen sich alle Boote auf dem Wasser und schließen sich zusammen. Wir teilen vorher Blumen aus und halten eine Rede, in der wir über unser Anliegen informieren. Dann wird Musik gespielt, auf den Booten gibt es nach einer Gedenkminute einen Trommelwirbel und danach werden die Blumen ins Wasser geworfen. So gedenken wir den an Brustkrebs Verstorbenen, setzen aber gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung für alle, die gerade diese Erkrankung durchmachen. „Celebrating life“, wie man im Englischen so schön sagt.

selpers: Wie können Interessierte Sie erreichen?

Frau Franke-Bruhn: Am einfachsten über Facebook oder per Email unter info@pinkpaddling.at  Wir finden dann gemeinsam einen Termin, der sich gut zum Schnuppern eignet, und freuen uns natürlich immer über neue Unterstützer und Paddlerinnen. Wir veranstalten in Zusammenarbeit mit Europa Donna Austria in jedem Jahr einen Schnuppertag, der auch immer gern genutzt wird. Als Termin angedacht ist der 21.7.18. Bestätigung und Einzelheiten werden rechtzeitig vorher bekannt gegeben.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für Florenz!

Svenja-Franke-Bruhn-PortraitSvenja Franke-Bruhn
Mitbegründerin der Vienna Pink Dragons

Interview wurde geführt von:  Birgit Oppermann.

Bildnachweis: beigestellte Fotos

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