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Selbstbewusstsein und chronische Krankheit

Zeit um dankbar zu sein

Viele Menschen, die unter einer chronischen Krankheit leiden, erfahren regelmäßig Zweifel, Skepsis und Unverständnis, sei es aus dem eigenen Umfeld oder auch von ÄrztInnen. Diese Dinge können dazu führen, dass man Verunsicherung und Selbstzweifel entwickelt. Im Gastbeitrag für selpers erzählt die Bloggerin Rea über ihre eigenen Erfahrungen und gibt Betroffenen Tipps für mehr Selbstbewusstsein.

Wie können wir diese Unsicherheiten überwinden und wieder mehr Selbstbewusstsein entwickeln?

Selbstbewusstsein, Selbstliebe, Selbstvertrauen… All dies sind Dinge, die man nicht über Nacht entwickeln kann, und die jederzeit schwanken können, und das ist ok. Selbstliebe ist kein Knopf, den man drücken kann, sondern erfordert viel Arbeit und Verständnis für sich selbst. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass das Selbstbewusstsein manchmal kommt und geht, aber dass es Dinge gibt, die einem dabei helfen können, in unsicheren Situationen mehr Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.

Warum kann Selbstbewusstsein so schwierig sein, wenn man chronisch krank ist?

Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen sind häufig mit Vorurteilen umgeben und sie werden oft auf eine sehr bestimmte Art und Weise dargestellt. Oft hat man von Menschen, die eine chronische Krankheit haben, ein bestimmtes Bild im Kopf. Wenn man plötzlich selbst krank wird und merkt, dass dieses Bild in der Realität nicht stimmt, führt das oft dazu, dass man sich selbst hinterfragt. Dazu kommen häufig ganz neue Formen der Diskriminierung, die man zuvor vielleicht noch nicht erlebt hat: Ableismus. (Ableismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten). Das alles kann einen großen Druck erzeugen, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen, um ernst genommen zu werden.

Sich selbst neu erfinden

Krank werden bedeutet in vielen Fällen, dass sich das Leben komplett auf den Kopf stellt. Viele Dinge, die früher selbstverständlich zum Leben dazugehört haben, fehlen nun möglicherweise. Dazu gehören zum Beispiel die Fähigkeit, einen Beruf oder ein bestimmtes Hobby auszuüben. Wenn man die Fähigkeit verliert, seinen Beruf auszuüben, ist das, als ob ein großer Teil der eigenen Identität wegbrechen würde. Vor allem, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Leistung so hoch bewertet wird, kann es sehr erschütternd sein, wenn man plötzlich nur mehr wenig oder keine Leistung mehr erbringen kann. Oft muss man seinen Selbstwert ganz neu aufbauen. Man ist an einem Punkt, wo man sich selbst auf einmal ganz neu erfinden muss.

Hinzu kommt oft das Unverständnis im eigenen Umfeld. Besonders wenn man eine Krankheit hat, die man einem nicht ansieht, kommen oft Zweifel auf. Besonders schockierend ist es, wenn einem ÄrztInnen nicht glauben, und man plötzlich für jede Kleinigkeit kämpfen muss. Man hat auf einmal das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, wie krank man wirklich ist, und das kann sehr zermürbend sein. Und wenn man einen guten Tag hat, hat man das Gefühl, man muss sich dafür rechtfertigen, oder sollte am besten niemandem davon erzählen. Wenn man so oft angezweifelt wird, beginnt man irgendwann, an sich selbst zu zweifeln.

Wie kann man an diesen Selbstzweifeln arbeiten und wieder neues Selbstbewusstsein aufbauen?

Um diese Unsicherheiten zu überwinden, muss man zunächst die verinnerlichten Vorurteile, den eigenen „Ableismus“, auflösen. Das klingt vielleicht einfach gesagt, in der Realität ist dies aber ein langer Prozess, der stetige Arbeit erfordert.

Hier sind ein paar Dinge, die wir uns in Erinnerung rufen können, um diesen Prozess zu erleichtern:

1. Du hast das Recht, dich gut zu fühlen

Chronisch krank zu sein ist in den meisten Fällen eine große Belastung. Schmerzen und andere Symptome gehören oft zum Alltag. In so einer Situation hat man es verdient, sich so viel Freude und Positivität zu bereiten, wie es nur geht. Man darf sich durchaus Zeit nehmen, um Dinge zu finden, die einem guttun, die zur Entspannung beitragen und vielleicht sogar den Schmerz und die Symptome lindern. Was auch immer dafür sorgt, dass du dich etwas besser fühlst: tu es! Du hast es verdient, dich gut zu fühlen und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen.

Und außerdem: Warum sollten wir plötzlich keine Hobbies mehr haben, sobald wir krank werden? Warum sollten wir nur mehr griesgrämig und traurig sein, um ernst genommen zu werden?  Du wirst nicht gesünder, wenn du dir nicht mehr erlaubst, schöne Momente zu erleben, nur, weil es vielleicht nach außen hin komisch ausschaut, im Gegenteil! Glückliche Momente wirken sich sehr positiv auf den Heilungsprozess aus! Der Grundgedanke der Inklusion ist, dass jeder Mensch einen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat, und dieses Recht hast du!

Dein Wohlbefinden ist wichtiger, als das, was andere Menschen denken.

2. Du hast das Recht auf Individualität

Krankheit sieht man nicht. Entgegen dem, was in den Medien oft dargestellt wird, hat Krankheit keinen bestimmten „Look“ und kein bestimmtes Verhalten. Menschen mit chronischen Krankheiten sind keine homogene Gruppe! Theoretisch kann jeder Mensch von einer chronischen Krankheit betroffen sein, egal ob jung oder alt, männlich oder weiblich, arm oder reich. Jeder, der von einer Krankheit betroffen ist, ist also in seiner Art ganz individuell. Dazu gehört die Persönlichkeit, aber auch die Art und Weise, wie man sich ausdrücken und präsentieren möchte. Zu erwarten, dass all diese Menschen einem bestimmten Bild entsprechen müssen, um ernst genommen zu werden, erscheint fast absurd.

Du schuldest es niemandem, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Du hast das Recht auf Authentizität und darfst dich so zu präsentieren, wie es sich für dich passend anfühlt.

3. Du hast das Recht, Liebe zu empfinden

Du bist keine Last, auch wenn es sich vielleicht manchmal so anfühlt. Du hast es verdient, geliebt zu werden. Deine Krankheit macht dich nicht zu einem/einer schlechten Partner/in!

Es scheint oft, als würde man chronisch kranken Menschen Liebe und Sexualität absprechen oder gar nicht auf den Gedanken kommen, dass kranke Menschen auch ein Bedürfnis an Liebe und Intimität haben. Das kann dazu führen, dass man sich als kranker Mensch so fühlt, als hätte man auf solche Dinge kein Recht. Doch jeder Mensch hat ein Recht darauf, geliebt zu werden und sich begehrt zu fühlen, egal ob man krank oder gesund ist. Liebe und Intimität kann sogar dazu führen, sich im eigenen Körper wohler zu fühlen und Glücksgefühle zu empfinden, also gönne dir diese Momente ohne schlechtes Gewissen!

Du schuldest niemandem etwas- außer dir selbst!

Es bringt niemandem etwas, wenn du dich schlecht in deinem Körper fühlst. Es gibt keinen Grund, sich schlecht oder gar schuldig zu fühlen, wenn man sich selbst etwas Gutes tut. Im Gegenteil, Glücksmomente sind sogar sehr positiv für den eigenen Heilungsverlauf! Was auch immer es für Dinge gibt, die dazu führen, dass du dich besser fühlst- gönn sie dir! Niemand hat das Recht, dir vorzuschreiben, wie du dein Leben leben sollst. Erinnere dich immer daran: es ist dein Leben, und nur du entscheidest darüber, was für dich richtig ist.

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Rea Strawhill

Rea ist 27 Jahre alt und leidet an ME/CFS. Auf ihrem Blog und Instagram schreibt sie über ihre Erfahrungen, um für mehr Aufklärung und Verständnis zu sorgen.

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Autorin: Rea Strawhill

Bildnachweis: Rea Strawhill

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