9. Gute Entscheidungen treffen bei Brustkrebs – alle Fragen

Brustkrebs ist eine weitverbreitete Krebserkrankung, die vor allem Frauen betrifft. Im Laufe der Erkrankung werden viele Fragen rund um die Diagnose, Behandlung und die Zukunft aufgeworfen und verschiedene Entscheidungen stehen an.

Entscheidungen bei Brustkrebs

Wie finde ich ein passendes Betreuungsteam? 

Ein passendes Betreuungsteam zu finden, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt bei Menschen, die mit einer Brustkrebsdiagnose konfrontiert sind. Brustkrebs ist eine Erkrankung, die klarerweise Menschen aus ihrem Alltag reißt und zuerst mit einem ganz großen Schock verbunden ist. Es ist klar, dass schon die Diagnosestellung, also von Mammographie über eventuelle Gewebsprobe bis hin zu den Befund Besprechungen mit sehr, sehr großem Stress assoziiert ist. Und da ist es wichtig, dass die Diagnosestellung und die Therapieeinleitung bereits an einem Ort stattfinden, wo entsprechende Expertise vorhanden ist. Am besten ist das für Sie als Patientin einschätzbar, wenn Sie darauf achten, dass es ein Zentrum ist, das eben auch ein zertifiziertes Brustgesundheitszentrum ist. Das garantiert Ihnen, dass die Behandlerinnen und Behandler vor Ort Erfahrung haben, entsprechende Fallzahlen auch aufweisen, also nachweisen können, dass sie eine ausreichende Expertise in der Betreuung von Patientinnen mit Brustkrebs aufweisen.  

Welche medizinischen Entscheidungen können nach der Diagnose Brustkrebs anstehen? 

Es ist wichtig, bei der Diagnose Brustkrebs einige Dinge zu bedenken. Der erste Aspekt, der ist sicherlich: Handelt es sich um eine Erkrankung im Frühstadium? Glücklicherweise werden in der westlichen Welt heute bei über 95 % aller betroffenen Frauen Brustkrebserkrankungen im Frühstadium diagnostiziert, das heißt zu einem Zeitpunkt, wo die Erkrankung auf die post- und gegebenenfalls die regionalen Lymphknoten , also etwa die Lymphknoten der Achsel, beschränkt ist. Und in dieser Situation ist das Ziel ganz klar die Heilung.  

Bei weniger als 5 % aller betroffenen Patientinnen liegen aber schon Metastasen in anderen Organen vor, heißt der Leber, Lunge oder Knochen. Da ist das Ziel die Chronifizierung der Erkrankung. Das heißt zu verhindern, dass ein lebensbedrohlicher Zustand eintritt und zu versuchen, mit entsprechender Therapie eine Situation zu erreichen, wo eine Verlängerung des Lebens, eine Chronifizierung der Erkrankung möglich ist, mit möglichst wenig behandlungsassoziierten Nebenwirkungen. Wenn man von diesem Aspekt ausgeht und wir uns einmal auf Brustkrebs im Frühstadium konzentrieren, dann ist eine ganz entscheidende Frage: Um welche Art von Brustkrebs handelt es sich? Es gibt für uns in der klinischen Routine, grob gesagt, drei Formen. Da gibt es die hormonabhängigen Brustkrebs Formen, wo also Hormonrezeptoren in Zellen vorhanden sind. Hier steht neben der Lokaltherapie, also Operation und gegebenenfalls Strahlentherapie, die Antihormontherapie im Vordergrund. Und dann gibt es die HER2-positive Brustkrebserkrankung, wo das Zellwachstum von einem Wachstumsfaktor Rezeptor der HER2 heißt und an der Zelloberfläche sitzt, abhängig ist. Das ist eine vergleichsweise aggressive Brustkrebserkrankung. Und dann gibt es auch die sogenannte Triple negative Erkrankung, wo beide Hormonrezeptoren und diese HER2-Rezeptor fehlt, ebenfalls eine aggressive Form von Brustkrebs. Und bei diesen vergleichsweise aggressiven Formen, also HER2-positiv und Triple negativ, kann es auch Sinn machen, mit einer systemischen Therapie, also etwa Chemotherapie und Immuntherapie , zu beginnen und erst im Anschluss die Operation durchzuführen. Das heißt, hier ist es ganz entscheidend zu überlegen: Mit welcher Form von Brustkrebs bin ich konfrontiert? Was sind die Empfehlungen? Was sind die Standards meines Behandlungsteams? Und wie kann ich etwa auch mit dem Konzept umgehen, dass nicht sofort eine Operation stattfindet, sondern dass eine präoperative systemische Therapie empfohlen wird?  

Welche Entscheidungen in Bezug auf meine Lebensplanung können nach der Diagnose anstehen? 

Die Diagnose Brustkrebs ist klarerweise ein ganz, ganz einschneidendes Erlebnis. Ein wesentlicher Aspekt dabei aber scheint, in welchem Alter die Diagnose gestellt wird. Ich denke, es ist in jedem Fall ein ganz großes Problem im Alltag. Vielleicht sind aber manchmal jüngere Frauen in größerem Ausmaß betroffen. Da geht es einerseits um den Arbeitsalltag: Jüngere Frauen stehen im Berufsleben, Chemotherapie etwa kann Müdigkeit verursachen und damit den beruflichen Alltag in großem Ausmaß beeinträchtigen. Wie sieht es aus mit dem familiären Umfeld? Wie sieht es aus mit Kinderbetreuung? Auch Information der Kinder klarerweise, die hineinspielt. Ein Aspekt ist auch Kinderwunsch. Das erste Kind wird heute typischerweise in einem späteren Lebensabschnitt geboren. Das heißt, bei manchen Frauen wird die Diagnose Brustkrebs vor der ersten Geburt gestellt. Hier gilt es zu bedenken, Chemotherapie kann die Eierstockfunktion schädigen. Hier müssen Überlegungen angestellt werden im Hinblick auf Schutz der Eierstöcke, etwa mit sogenannten GnRH-Analogen. Das sind Medikamente, die einen künstlichen Wechsel auslösen. Hier geht es auch um Fragen, ob Eierstockgewebe entnommen werden soll und eingefroren werden soll, um Eierstockgewebe in Reserve zu haben für einen späteren Kinderwunsch. Und natürlich auch die Antihormontherapie, die über einen längeren Zeitraum eingenommen werden soll, spielt hier eine Rolle. Hier gibt es die Möglichkeit, nach einigen Jahren der Antihormontherapie diese auch zu pausieren, den Kinderwunsch zu erfüllen und dann die Antihormontherapie fortzusetzen. 

Hier geht es zum Video-Interview: “Entscheidungen bei Brustkrebs”

Gemeinsame Entscheidungen finden bei Brustkrebs

Was bedeutet Shared Decision Making bei Brustkrebs? 

„Shared Decision Making“ ist ein Schlagwort, das aber mit Leben erfüllt werden muss. Shared decision making, also die Fähigkeit, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, setzt in Gespräch auf Augenhöhe voraus. Und da sind Sie als Betroffene ganz besonders gefragt in dem Sinn, dass Sie sich einbringen müssen, dass Sie aber auch über das Wissen verfügen müssen, um sich einbringen zu können. Da helfen solche Kurse wie der, an dem Sie hier teilnehmen. Da helfen auch andere Informationen. Und es wird ja sehr viel Information angeboten, unterschiedliche Online Ausbildungskurse bis hin zur Krebshilfe. Ich denke, ganz wesentlich ist das offene Gespräch, Nachfragen, die Aspekte, die Ihnen unklar sind, direkt anzusprechen, um die Möglichkeit zu haben, dann noch eine informierte Entscheidung für sich selbst zu treffen.  

Welche meiner persönlichen Prioritäten sollten in die Entscheidungen einfließen und welchen Einfluss hat meine Lebenssituation auf die Entscheidung? 

Es ist wichtig, dass Sie als betroffene Patientin mit Ihrem Team an Behandlerinnen und Behandlern Ihre eigenen Prioritäten besprechen und auch Ihre Lebenssituation darstellen und bedenken. Da gibt es eben wesentliche Aspekte. Das reicht eben vom Kinderwunsch bis hin zur Entscheidung: Was ist denn für mich tatsächlich relevant? Es gibt Menschen, da ist es ganz wichtig, die maximal mögliche Sicherheit zu erreichen. Das heißt auch bei vergleichsweise geringem zusätzlichem Vorteil, bei einer Hormonrezeptor positiven, HER2-negativen Erkrankung über eine Chemotherapie nachzudenken. Auch wenn der Effekt der Chemotherapie möglicherweise auf die Reduktion des Rückfallrisikos in dieser Situation gering sein mag. Für andere Menschen steht die Lebensqualität im Vordergrund und ein geringer zusätzlicher Vorteil, der es möglicherweise gar nicht so wichtig. Und dann wird man sich entscheiden, in dieser Situation rein eine antihormonelle Behandlung vorzuziehen, eventuell eine antihormonelle Behandlung in Kombination mit einem Medikament aus der Gruppe der CT vier sechs Hemmer. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Gemeinsame Entscheidungen finden bei Brustkrebs”

Arztgespräch bei Brustkrebs

Welche Fragen sollte ich meiner Ärztin/ meinem Arzt stellen, damit ich eine gute Entscheidung treffen kann?  

Die ersten Arztgespräche sind letztlich die ganz entscheidenden. Sie haben das Recht, mit Ihrer Ärztin, mit Ihrem Arzt alle Aspekte anzusprechen, die Ihnen in dieser Situation wichtig sind. Das betrifft Ängste, das betrifft Sorge, das betrifft die Erwartung an die Therapie, das betrifft die Langzeitprognose. Das heißt, was ist denn das, was ich mit der Behandlung erreichen kann? Und das betrifft das Abwägen der Wirkung bzw. der Nebenwirkungen möglicher unterschiedlicher Therapiemodalitäten. Und da ist es eben wichtig, dass sie einerseits adäquat informiert werden und andererseits ist es aber auch entscheidend, dass Sie eine Vorstellung haben von diesen Behandlungsaspekten. Das ist dann wieder eben dieser Aspekt des Shared Decision Making, also das Tool, das Sie auch in der Hand haben, um eine informierte Entscheidung für sich selbst treffen zu können.  

Was kann ich während des Gesprächs tun, um zu einer guten Entscheidung beizutragen? 

Die ersten Gespräche sollten in einer möglichst entspannten, ruhigen Atmosphäre ohne großem Stress stattfinden, nämlich zusätzlichem Stress zum Gespräch selbst, das ja klarerweise eine Belastung darstellt. Es macht Sinn, Partnerinnen und Partner zu diesem Gespräch auch mitzunehmen. Es macht Sinn, mitzuschreiben, um sich auch später daran erinnern zu können, was besprochen wurde. Eventuelle Fragen im Anschluss bei einem weiterem Gespräch nochmals stellen zu können bzw. auch aktiv nachzulesen im Anschluss, wenn Dinge weiterhin unklar waren. Ich denke, dass es wichtig ist, dass Sie Ihre speziellen Prioritäten in der Behandlung, Ihre Lebensumstände, auch beschreiben, sodass dann im Endeffekt der Therapievorschlag auch individuell nicht nur auf Ihre Erkrankung, sondern auf Ihre gesamte Situation abgestimmt werden kann und dass Sie die Möglichkeit haben, dann eben eine Entscheidung zu treffen in Hinblick auf die optimale, für Sie wesentlichste Behandlung. 

Wie kann ich mit meiner Ärztin/ meinem Arzt über meine Sorgen und Ängste sprechen?

Sorgen und Ängste gehören offen besprochen. Nur dann kann sie Ihre Ärztin oder der Arzt auch entsprechend beraten, individuell darauf eingehen und Aufklärung für die jeweiligen Aspekte schaffen. Wesentlich erscheint hier auch psychoonkologische Begleitung. Das wird in den Behandlungszentren üblicherweise angeboten, auch Begleitung durch Cancer Nurses oder spezialisierte Breast Care Nurses sind wichtig, um eben weitere Aspekte der Lebensplanung besprechen zu können.  

Was sollte ich beachten, wenn ich eine Zweitmeinung einhole? 

Zweitmeinungen sind sicherlich ein wesentlicher Aspekt der Erstgespräche. Sie ist hier sicher wichtig, Vertrauen zu suchen, Vertrauen insofern zu suchen, dass die Beratung am Zentrum, wo ich mich in Behandlung begeben habe, auch adäquat ist. Ich denke, auch hier ist es wichtig, dass die Zweitmeinung von Menschen gegeben wird, die eine entsprechende Expertise im Bereich des Mammakarzinoms aufweisen, die also ebenfalls viel Erfahrung in der Behandlung von Patientinnen mit Brustkrebs haben. Und, auch wenn das vielleicht überraschend für Sie klingen mag, es ist wichtig, zuerst über die Erstmeinung informiert zu werden, bevor ich eine Zweitmeinung einholt. Es gibt das tatsächlich auch umgekehrt, und das kann dann zusätzliche Verwirrung stiften. Anders formuliert: Es macht Sinn, zuerst mit der Hauptbehandlerin/ mit dem Hauptbehandler ein ausführliches Gespräch zu suchen und dann ganz offen anzusprechen: Ja, danke für diese Information. Ich werde jetzt eine Zweitmeinung einholen, damit ich das alles nochmals entsprechend durchdenken kann. Generell Zweitmeinungen sind nichts, was Ihre Ärztin, Ihren Arzt verärgern wird. Das ist etwas, das ich heute als selbstverständlich ansehen würde. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Arztgespräch bei Brustkrebs”

Unterstützung bei der Entscheidungsfindung

Wie kann ich entscheiden, wen ich über meine Erkrankung informiere? 

Die Entscheidung, wen ich informieren möchte, ist eine, die natürlich auch individuell getroffen werden muss. Das betrifft klarerweise die Familie, das betrifft die Partnerin/ den Partner, das betrifft Kinder, wo das möglicherweise besonders belastend sein kann. Gleichzeitig muss man hier anmerken, dass Kinder natürlich spüren, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist und die Unsicherheit möglicherweise mehr Angst auslöst als das Wissen ob der Situation, und dass an einer Lösung gearbeitet wird. Es macht hier Sinn, psychoonkologische Begleitung anzustreben. Es macht hier Sinn, auch Kolleginnen und Kollegen der Krebshilfe mit an Bord zu holen, um eine entsprechende Beratung, Vorinformation des familiären Umfeldes, zu bedenken. Interessant natürlich immer auch die Frage Wie sieht das aus mit Arbeitgebern? Denn man will nicht in jedem Fall Arbeitgeber über die Diagnose informieren. Natürlich werden Nachfragen auftreten, wie das im Hinblick auf Krankenstand und Ähnliches aussieht. Das sind alles Dinge, die im Vorfeld besprochen werden können und wo die Krebshilfe ihnen helfen kann, eine individuelle Lösung zu finden.  

Wer kann mich bei schwierigen Entscheidungen unterstützen? 

Viele Entscheidungen bei der Diagnose Brustkrebs sind schwierig, und das hängt ein bisschen davon ab, in welche Richtung diese Entscheidungen tatsächlich gehen. Gibt es medizinische Entscheidungen, wo Behandlerinnen und Behandler im Vordergrund stehen? Cancer Nurses, Breast Care Nurses, also das Behandlungsteam als Ganzes. Psychoonkologische Begleitung, eventuell bei Entscheidung im Hinblick auf Information im familiären Umfeld. Rechtliche Beratung im Hinblick auf Information von Arbeitgebern, etwa über die Krebshilfe. Hier gibt es so viele unterschiedliche Tools und nicht zuletzt auch Onlinekurse, so wie dieser hier, die Ihnen möglicherweise helfen können, individuell den besten Weg für sich selbst zu finden. Ein Aspekt, der auch Erwähnung finden soll, sind Sozialdienste. Hier können Sie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter am jeweiligen Behandlungszentrum beraten. Hier geht es um finanzielle Aspekte, hier geht es um Unterstützung von Angehörigen, eventuell Kinder. Also das ist ein weiterer Aspekt, wo ihnen geholfen werden kann, den Alltag mit der Diagnose Brustkrebs besser meistern zu können. Angehörige spielen klarerweise auch eine wesentliche Rolle in der Hilfe, eine Entscheidung zu finden. Da ist natürlich die Voraussetzung, dass im familiären Umfeld eine entsprechende offene Diskussion stattfinden kann. Andere betroffene Patientinnen der Selbsthilfegruppen sind auch ein wesentlicher Aspekt. Hier besteht tatsächlich sehr viel Expertise. Hier gibt es eine sehr offene Diskussion in der Community über Behandlungsmöglichkeiten, über Nebenwirkungen, über Therapiemodalitäten, generell über einzelne Zentren. Hier macht es durchaus Sinn, sich selbst zu informieren, mit anderen Betroffenen zu diskutieren. Das kann tatsächlich viel Sicherheit geben und ihnen eben auch helfen, individuell den besten Weg für sich selbst zu finden.  

Inwieweit sollte ich persönliche Erfahrungen anderer Brustkrebspatientinnen bei meinen eigenen Entscheidungen berücksichtigen? 

Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein. Hier geht es einerseits um informellen Austausch, hier geht es aber auch um Selbsthilfegruppen, um formelle Netzwerke, um Gruppen im Internet, wo diskutiert wird, wo unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten besprochen werden, wo Nebenwirkungen besprochen werden, oft auch Tipps geäußert werden, wie Nebenwirkungen behandelt werden können. Das alles kann sehr helfen, einerseits Vertrauen zu finden und andererseits den besten Behandlungsweg zu finden. Generell ist es wesentlicher, auf professionelle Selbsthilfegruppen hier zurückzugreifen, bzw. Netzwerke, die etabliert sind, wo eben auch Moderatoren vorhanden sind, die über eine entsprechende Erfahrung in diesem Gebiet verfügen. Immer ein bisschen schwieriger ist der informelle Austausch, da hier natürlich auch Verunsicherung entstehen kann. Typisches Beispiel wäre, im Wartebereich, wenn Therapien verglichen werden, möglicherweise aber ganz unterschiedliche Brustkrebsformen dem zugrunde liegen. Das heißt, ich glaube, es ist wichtig, hier auch in diesem Bereich des Austausches mit anderen Betroffenen, dass eine entsprechende Expertise vorhanden ist. Und sie können natürlich auch das, was sie in den entsprechenden Gruppen gehört haben, mit Ihrer Behandlerin und Ihrem Behandler besprechen. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Unterstützung bei der Entscheidungsfindung”

Therapieentscheidungen bei Brustkrebs

Wie wählt meine Ärztin oder mein Arzt die passende Therapie aus? 

Die Therapieauswahl, die Erstellung eines Therapievorschlages, das ist etwas, das in einem Team erfolgt. Üblicherweise ist dieses Team in Tumorboard . Das sind Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Medizin bzw der medizinischen Berufe vertreten. Das reicht von Röntgendiagnostik, über Pathologie. Da geht es um Aspekte wie Hormon-Rezeptor-Status, HER2-Status, Zellteilungsrate. Da geht es um die lokale Therapie, also die chirurgische Therapie durch chirurgische Onkologinnen und Onkologen, gynäkologische Onkologinnen und Onkologen und die Systemtherapie, meist medizinische Onkologinnen und Onkologen, aber genauso, an manchen Zentren ebenfalls gynäkologische Onkologinnen und Onkologen. Strahlentherapie ist natürlich auch ein Thema, und an vielen Zentren sind es auch Breast Care Nurses, Cancer Nurses bzw. Psychoonkologinnen und Psychoonkologen. Und hier sollte ein entsprechender Therapievorschlag erstellt werden, der individuell einerseits auf ihre spezifische Erkrankungssituation, aber auch auf ihren Allgemeinzustand und ihre Lebenssituation angepasst sein sollte. Das beruht auf der Expertise aller Beteiligten. Das heißt, ein Tumorboard selbst macht seinen Therapievorschlag noch nicht besser. Es ist wichtig, dass auch eine entsprechende Expertise der Beteiligten vorhanden ist. Und das beruht andererseits auf den Guidelines, das heißt Therapieempfehlungen, wie sie international ausgearbeitet sind. Und bei Brustkrebs gibt es üblicherweise sehr gute Empfehlungen für individuelle Erkrankungssituationen, was der beste Weg ist, um das beste Behandlungsergebnis bei möglichst geringen Nebenwirkungen erzielen zu können.  

Wie wird entschieden, ob brusterhaltend operiert wird oder eine Mastektomie durchgeführt wird? 

Die Empfehlung zu Brusterhaltung oder Mastektomie ist eine, die sehr ausführlich besprochen werden muss. Unser heutiger Standard ist die Brusthaltung. Brusterhaltende Operation plus anschließende Strahlentherapie, die dann üblicherweise erfolgt, weist von onkologischer Seite eine völlig vergleichbare Sicherheit wie die Entfernung des gesamten Brustdrüsengewebes auf. Es gibt Ausnahmen, wo das möglicherweise nicht der Fall ist. Eine typische Ausnahme ist eine familiäre Brustkrebserkrankung, üblicherweise auf der Basis einer sogenannten BRCA eins oder BRCA2 Mutation. Das sind Mutationen in Genen, die für genetische Reparaturmechanismen codieren und mit einem sehr hohen Risiko für eine weitere Brustkrebserkrankung verbunden sind. Andere Situationen, etwa wo eine Brusthaltung nicht sinnvoll möglich ist, ist, wenn ein Missverhältnis zwischen Tumorgröße und Brustgröße besteht. Unter Umständen kann man dann durch eine präoperative Therapie den Tumor verkleinern und dadurch eine sogenannte sekundäre Posterhaltung möglich machen. Andere Aspekte sind, wenn der Tumor nicht auf einen Bereich der Brust beschränkt ist, sondern sehr vielen Bereichen vorliegt, so dass dann die Sicherheit, dass alles entfernt wurde, nicht gegeben ist oder das kosmetische Ergebnis, das wir erwarten würden, nicht gut ist.  

Und eine Sonderform des Brustkrebses ist der sogenannte inflammatorische Brustkrebs, wo sich Tumorzellen in den Lymphspalten der Haut ausdehnen. Das ist mit einer Rötung der gesamten Brust verbunden. Hier bietet das Bild durch eine Entzündung, deshalb inflammatorische Brustkrebs. Und das ist auch eine Brustkrebsform, wenn auch sehr selten, die eine präoperative Therapie mit anschließender Entfernung der ganzen Brust notwendig macht. Klarerweise spielt hier auch ihr individueller Wunsch eine Rolle. Es ist tatsächlich so, dass für viele Patientinnen die Idee besteht, dass die Entfernung der Brust mit einer größeren onkologischen Sicherheit verbunden ist. Generell gilt das nicht als richtig, aber natürlich ist Ihr Wunsch hier ebenfalls zu berücksichtigen. Abschließend muss man sagen die kosmetischen Ergebnisse der Brusterhaltung, die heute möglich sind, die onkologische Sicherheit, das ist alles so gut geworden, dass ich denke, dass die Brusterhaltung heute auch berechtigterweise den optimalen Standard darstellt.  

Was spricht dafür oder dagegen, nach der Operation noch eine adjuvante Behandlung durchzuführen? 

Zur adjuvanten Therapie muss man prinzipiell sagen, dass bei 95 % aller betroffenen Frauen die Brustkrebserkrankung im Frühstadium diagnostiziert wird, das heißt die Heilung steht im Vordergrund und da ist die Operation ganz zentral. Und zusätzlich zur Operation kann jetzt eine sogenannte adjuvante Therapie stattfinden, die das lokale wie auch das systemische Rückfallrisiko senken soll. Lokale adjuvante Therapie, das wäre etwa nach Brust erhaltende Operation, die Strahlentherapie. Systemische adjuvante Therapie, das sind alle medikamentösen Therapieformen, die eben das Rückfallrisiko in anderen Organen minimieren soll. Natürlich hat das auch einen Einfluss auf das lokale Rückfallrisiko. Da muss man prinzipiell erklären, dass es bei Brustkrebs möglich ist, dass schon in einem sehr frühen Stadium einzelne Zellen sich aus dem Zellverband lösen und über Lymph- und Blutbahn an andere Stellen des Körpers gelangen können, wo sie dann nach Jahren oder sogar Jahrzehnten. Metastasen, also Tochtergeschwülste, auslösen können. Das ist glücklicherweise sehr selten, aber trotzdem kann dieses Risiko weiter durch eine sogenannte adjuvante Therapie reduziert werden. Und je nach Risiko und je nach Form von Brustkrebs gibt es da unterschiedliche Möglichkeiten. Und natürlich spielt auch Ihr eigener Wunsch hier eine wesentliche Rolle. Das reicht von antihormonelle Behandlung, über Chemotherapie, unterschiedlichen Formen der Immuntherapie bis hin zu biologisch zielgerichteten Therapieformen. Und allen diesen Behandlungsmöglichkeiten ist eines gemein: Sie können das Rückfallrisiko senken, sie senken die Sterblichkeit an Brustkrebs, aber sie sind klarerweise auch mit Nebenwirkungen verbunden. Da ist es wichtig, dass sie eine entsprechende Information erhalten, um tatsächlich Nutzen und Risiken dieser Behandlungsmöglichkeiten abzuwägen, um für sich selber den optimalen Weg zu finden.  

Was spricht für und was gegen eine Brustrekonstruktion nach einer Mastektomie? 

Eine Mastektomie, das ist klarerweise ein ganz einschneidendes Erlebnis. Hier geht es um Aspekte des Körperbildes, Aspekte der Weiblichkeit. Und das ist eine Situation, mit der man klarerweise jeden Tag vor dem Spiegel konfrontiert ist. Vor diesem Hintergrund ist die Rekonstruktion ein ganz wesentlicher Punkt. Eine Rekonstruktion kann zeitgleich mit der Brustkrebsoperation stattfinden oder auch zu einem späteren Zeitpunkt in Abhängigkeit von Erkrankungen, in Abhängigkeit von Zeitpunkt einer möglichen Chemotherapie vom Zeitpunkt einer möglichen Strahlentherapie. Das sind so viele Aspekte, die hier einfließen, die individuell besprochen werden müssen. Und es ist da ganz wichtig, dass Sie auch eine entsprechende Information von plastischen Chirurgen und Chirurgen erhalten, um überlegen zu können, was ist für mich selbst die beste Möglichkeit der Rekonstruktion? Was ist mit dem besten kosmetischen Ergebnissen verbunden, weist aber auch die niedrigste Komplikationsrate auf? 

Hier geht es zum Video-Interview: „Therapieentscheidungen bei Brustkrebs”

Unterstützung im Umgang mit der Diagnose

Woher weiß ich, dass eine Entscheidung richtig ist? 

Da geht es um Gefühl. Ich denke nicht, dass global gesagt werden kann, wann eine Entscheidung richtig ist, sondern da geht es darum, dass Sie für sich selber, für Ihre spezifische Lebenssituation, für Ihre Erkrankungssituation, den für sich selbst besten Weg finden können. Behandlerinnen und Behandler, das gesamte Behandlungsteam, kann Sie dabei nur beraten, kann Ihnen Für und Wider unterschiedlicher Therapiemodalitäten erklären, kann Ihnen den möglichen Vorteil einer intensiveren zusätzlichen Therapie darlegen, aber muss sie auch gleichzeitig informieren über Nebenwirkungen, die damit verbunden sind. Und im Endeffekt ist es wichtig, dass Sie auf der Basis der Information, die Sie haben, vom Behandlerinnen und Behandlern, genauso wie aus Selbsthilfegruppen, für sich selbst den optimalen Weg finden, das heißt die unterschiedlichen Möglichkeiten gegeneinander abwägen und eine Entscheidung treffen, die für Sie richtig ist.  

Wann kann die Unterstützung durch eine Psychoonkologin hilfreich sein? 

Psychoonkologie ist ein wesentlicher Aspekt, bei Erstdiagnose, aber genauso wichtig in der Begleitung, sozusagen im Umgehen mit der Erkrankung Situation, weil sich ja Lebensumstände auch während der Erkrankung verändern können. Ich denke, die meisten Menschen sind zu Beginn mit dem großen Schock konfrontiert, wenn die erste Angst im Verlauf der Diagnosestellung überwunden ist. Und da macht es natürlich Sinn, nicht nur mit Ärztinnen und Ärzten zu sprechen, sondern auch mit anderen Menschen aus dem medizinischen Umfeld, die Einblick haben und die ihnen Tools in die Hand geben können. Mit der Situation umgehen zu lernen und genauso den Alltag weiter meistern zu können. Da gehören Breast Care Nurses und Cancer Nurses genauso dazu wie Psychoonkologin und Psychoonkologen, und wo es sinnvoll ist, natürlich auch die Sozialarbeit, um Ihnen Tipps zu geben zum Umgang mit eventuellen finanziellen und ähnlichen Problemen.  

Wie finde ich passende Unterstützung im psychosozialen Bereich? 

Passende Unterstützung können Sie prinzipiell auf zwei Wegen finden. Das eine ist das aktive Nachfragen an Ihrem Zentrum, wo Sie in Therapie sind. Hier sollten Ihnen ja auch Tipps angeboten werden zu einer zusätzlichen Unterstützung, also etwa Psychoonkologin und Psychoonkologen oder Sozialarbeiter. Genauso können hier aber auch Selbsthilfegruppen hilfreich sein, die oft sehr viel Einblick haben in die besten Möglichkeiten, an zusätzliche Informationen, zusätzliche Unterstützung zu gelangen und Ihnen hier den Weg weisen können. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Unterstützung im Umgang mit der Diagnose”

Alltag mit Brustkrebs meistern

Wie kann ich entscheiden, inwieweit ich meine Berufstätigkeit pausiere oder reduziere? 

Brustkrebs und Berufstätigkeit, das ist natürlich eine ganz wesentliche Frage, die ebenfalls in erster Linie jüngere Patientinnen mit dieser Diagnose betrifft. Und da geht es um viele Aspekte, die bedacht werden müssen. Klarerweise hat auch eine Antihormontherapie Nebenwirkungen, aber eine Antihormontherapie wird nie den beruflichen Alltag im gleichen Ausmaß beeinträchtigen, wie das etwa eine Chemotherapie tun würde, mit entsprechender Müdigkeit und anderen akuten Problemen. Das heißt, hier geht es wesentlich darum zu überlegen, wie sieht meine körperliche, meine geistige Leistungsfähigkeit unter einer laufenden Therapie aus? Wie ist meine berufliche Belastung? Ist mein Beruf für mich eine zusätzliche Belastung oder ist mein Beruf für mich der Anker in der Normalität? Besteht die Möglichkeit, dass ich meine berufliche Tätigkeit reduziere? Das sind alles Aspekte, die hier bedacht werden müssen und wo man versuchen muss, ganz individuelle Lösungen zu finden.  

Wann sind bei Brustkrebs welche Methoden zum Fruchtbarkeitserhalt sinnvoll? 

Fruchtbarkeitserhalt ist ein ganz wesentlicher Aspekt dieses Themas. Denn das Alter der Erstgeburt bei erster Schwangerschaft, das ist heute deutlich höher als früher. Das heißt, es sind immer mehr Patientinnen, die mit einer Diagnose Brustkrebs vor der ersten Geburt konfrontiert sind bzw. wo noch ein Kinderwunsch nach Diagnosestellung besteht. Chemotherapie kann zu einer Schädigung der Eierstockfunktion führen. Was wir üblicherweise vorschlagen, ist dann eine sogenannte ovarielle Protektion. Das heißt, dass durch Medikamente, die die Eierstockfunktion stilllegen, ein künstlicher Wechsel geschaffen wird und dadurch der Schaden an den Eierstöcken durch die Chemotherapie reduziert wird. Das kann aber unter Umständen auch nicht ausreichend sein. Und da kann es Sinn machen zu überlegen, Eierstockgewebe zuerst durch einen Eingriff in Knopfloch-Technik zu entfernen und im Weiteren dann wegzufrieren, das Eierstockgewebe für die Erfüllung eines späteren Kinderwunsches vorhanden ist. Ein anderer Aspekt ist die Antihormontherapie, die ja üblicherweise über viele Jahre eingenommen wird. Und da ist es wichtig zu sagen, dass nach einigen Jahren diese Antihormontherapie auch pausiert werden kann, der Kinderwunsch erfüllt werden kann. Wichtig ist nur, dass dann im Anschluss auch die Antihormontherapie fortgesetzt wird. Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang aber ganz, ganz wichtig erscheint: Eine Schwangerschaft nach Brustkrebsdiagnose steigert nicht das Rückfallrisiko. 

Hier geht es zum Video-Interview: „Alltag mit Brustkrebs meistern”

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Geprüft Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Rupert Bartsch: Stand Oktober 2023 | Quellen und Bildnachweis

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.
(Zirkardianer Rhythmus )
Biologisches Phänomen, das in einem Rhythmus von ungefähr 24-Stunden bestimmte körperliche Funktionen beeinflusst.  Ein Beispiel ist der Schlaf-Wach-Zyklus durch die Freisetzung des Schlafhormons.
BRCA
(Abkürzung des englischen "BReast CAncer")
Mutationen der Gene BRCA1 und BRCA2 führen zu einem höheren Risiko an Brustkrebs, Eierstockkrebs oder Prostatakrebs zu erkranken.
Chemotherapie
Behandlung mit Medikamenten (Zytostatika), die das Wachstum von Krebszellen hemmen sollen.
CT
(Computertomografie)
Bildgebendes Verfahren. Dabei werden Röntgenstrahlen aus verschiedenen Richtungen durch den Körper geführt. Ein Computer verarbeitet die so erzeugten Bilder zu einer Schnittbildreihe. Dadurch ist eine genaue Beurteilung des untersuchten Körperteiles möglich. So können beispielsweise Lage und Größe von Organen und Tumoren dargestellt werden. Die Untersuchung ist schmerzlos.
Immuntherapie
Therapie, die das Immunsystem beeinflusst und bei verschiedenen Erkrankungen, wie z.B. Krebs, eingesetzt wird. Je nach Krankheitsursache kann das Immunsystem gehemmt, stimuliert oder durch die Gabe von Antikörpern verändert werden.
Lokale Therapie
Therapie, die auf einen bestimmten Bereich des Körpers begrenzt ist und dort wirkt. Eine Lokaltherapie hat wenig bis keine Auswirkungen auf den restlichen Körper.
Lymphknoten
Bestandteil des Immunsystems, reinigt und filtert die Lymphe aus den Lymphbahnen. Befinden sich an verschiedenen Regionen im Körper, zum Beispiel am Hals und in der Achselregion.
Systemische Therapie
Therapie, die sich im gesamten Körper verteilt und nicht nur an einer Stelle wirkt. Eine systemische Therapie wird beispielsweise als Tablette, Kapsel, Infusion oder Spritze verabreicht.
Tumor
(„Geschwulst“)
Lokalisierte Vermehrung von Körpergewebe durch unkontrolliertes Wachstum von gutartigen oder bösartigen Zellen. Bösartige Tumore können in umliegendes Gewebe einwachsen und in entfernte Organe streuen. Der Begriff Tumor wird auch verwendet für eine Schwellung von Gewebe z.B. durch Einlagerung von Flüssigkeit im Rahmen von Entzündungsprozessen oder Blutungen.
Tumorboard
Ein Team aus medizinischen Expert:innen und Therapeut:innen verschiedenster Fachrichtungen. Sie treffen sich regelmäßig, um sich über Patient:innen mit einer Krebserkrankung zu auszutauschen und die für die jeweiligen Patient:innen bestmögliche Therapie zu empfehlen.