1. Akromegalie verstehen

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Akromegalie – Was bedeutet das? Wieso kommt es zu einem Überschuss des Wachtumshormons? Was ist ein Hypophysenadenom oder Hypophysentumor? Was passiert im Körper bei übermäßigem Wachstum? Univ.-Prof. Dr. Anton Luger beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema:

Welche Funktion hat die Hirnanhangsdrüse und wo liegt sie?

Die Hirnanhangsdrüse liegt an der Basis vom Schädel, das heißt ganz unten beim Schädelknochen und in dem sogenannten Türkensattel, ist knöchern umgeben, ist eben eine ganz andere Struktur als das Nervengewebe im Gehirn, ist ein Drüsengewebe. Und als Drüse ist sie eine zentrale Drüse, die viele andere lebenswichtige Drüsen steuert, Drüsen, die eben, wie die Nebenniere für das Überleben wichtig sind, die Schilddrüse, die fürs Überleben wichtig ist, aber eben auch andere Funktionen wie die Fortpflanzung und eben auch das Körperwachstum, die Körperzusammensetzung.

Was ist das Wachstumshormon und wieso wird es produziert?

Wachstumshormon ist ein sogenanntes Proteo-Hormon, das heißt, es besteht aus Aminosäuren, im Fall vom Wachstumshormon also etwas weniger als 200 Aminosäuren, also ein großes Molekül.

Und produziert wird es, weil es das, wie der Name nahelegt, dass Längenwachstum fördert, solange die Epiphysenfugen, also die Wachstumsfugen nicht geschlossen sind.

Nicht richtig ist allerdings, dass es bei Erwachsenen nicht mehr vonnöten ist, weil es eben viele Stoffwechselprozesse, aber auch die Körperzusammensetzung beeinflusst.

Wird das Wachstumshormon auch im Erwachsenenalter produziert?

Wachstumshormon ist auch ein ganz wesentliches Hormon im Erwachsenenalter, weil es eben nicht nur das Längenwachstum regelt, sondern auch viele Stoffwechselprozesse und damit auch die Körperzusammensetzung, also die Muskelmasse, die Fettmasse, aber eben auch mit vielen anderen Hormonen in enger Kommunikation steht.

Wachstum verstehen

Konfuzius sagte „Wahre Größe kommt von innen“. Obwohl er vermutlich dabei nicht vom Körperwachstum gesprochen hat, hatte er im biologischen Sinne Recht. Wir wachsen mithilfe des Wachstumshormons, das von der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet wird.

Diese Drüse wird auch Hypophyse genannt. Sie befindet sich an der Unterseite des Gehirns, auf Höhe der Augen.  Die von der Hypophyse ausgeschütteten Botenstoffe (Hormone) beeinflussen lebenswichtige Drüsen des Körpers, wie zum Beispiel die Schilddrüse, die Nebenniere und die Fortpflanzungsorgane. Auch das Körperwachstum wird über einen dieser Botenstoffe, das Wachstumshormon, gesteuert.

Wofür brauchen wir das Wachstumshormon?

Der Name „Wachstumshormon“ weist auf eine Funktion des Hormons hin – es reguliert das Längenwachstum des Körpers. Neben dem Körperwachstum beeinflusst es auch weitere Prozesse im Körper.

Wie wachsen Kinder?

Ein Knochen wächst, indem sich Knorpelzellen in Knochenzellen umwandeln. Der Teil des Knochens, an dem sich die Knorpelzellen befinden, wird als Wachstumsfuge bezeichnet. Sind alle Knorpelzellen der Wachstumsfuge in Knochenzellen umgewandelt, ist diese verschlossen und das Längenwachstum abgeschlossen. Das Wachstumshormon fördert diese Prozesse.

Warum ist das Wachstumshormon auch für Erwachsene wichtig? 

Das Wachstumshormon aktiviert weitere Hormone des Körpers, unter anderem IGF-I (Insulin-Like Growth Factor I). IGF-I ist das „Hilfshormon“ des Wachstumshormons. Beide Hormone beeinflussen im Zusammenspiel Stoffwechselprozesse von Kindern und Erwachsenen.

  • Zuckerstoffwechsel: Das Wachstumshormon erhöht den Blutzuckerspiegel.
  • Fettgewebe: Das Wachstumshormon erhöht den Fettabbau und stellt dem Körper so Energie zur Verfügung.
  • Muskulatur: Das Wachstumshormon führt zum Muskelaufbau.
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Wie häufig tritt die Erkrankung Akromegalie in der Bevölkerung auf und welche Bevölkerungsgruppen sind betroffen?

Akromegalie bedeutet überschießende Produktion von Wachstumshormon.

Es sind Männer und Frauen gleich häufig betroffen. Der Häufigkeitsgipfel ist zwischen dem 3. und dem 50. Lebensjahr. Und Akromegalie zählt zu den seltenen Erkrankungen mit einer Prävalenz, also einer Häufigkeit von etwa 7 Betroffenen pro 100.000 Einwohner.

Welche Ursachen kann die Erkrankung Akromegalie haben?

Für eine Akromegalie ist nahezu immer ein gutartiger Tumor im Bereich der Hirnanhangsdrüse, ein sogenanntes Hypophysen-Adenom verantwortlich. Extrem selten können das auch Tumore in anderen Organen bewirken.

Was löst der gutartige Tumor im Körper aus?

Eine überschießende Produktion von Wachstumshormon ist mit zahlreichen Symptomen verbunden.

Dazu zählen einmal jene, die den Namen gegeben haben, nämlich Akromegalie, d. h. ein überschießendes Wachstum von Akren. Akren, das heißt eben

  • von der Nase,
  • aber auch von den Händen,
  • von den Füßen.
  • Aber auch die Stirn kann betroffen sein,
  • das Kinn
  • und letztlich jedes Organ.

Das sind nur einige, die besonders augenfällig sind.

Es sind aber eine ganze Reihe von Stoffwechselprozessen darüber hinaus auch betroffen und führen auf diese Weise gelegentlich zur Diagnose einer Akromegalie.

Ursachen von Akromegalie

Bei der Erkrankung Akromegalie produziert der Körper zu viel Wachstumshormon. Hier erfahren Sie welche Ursachen zugrunde liegen können.

Mögliche Ursachen

Die möglichen Ursachen können in zwei verschiedene Kategorien unterteilt werden.

Innerhalb der Hirnanhangsdrüse

Nahezu immer führt ein gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse zur überschießenden Produktion von Wachstumshormon. Der Tumor heißt Hypophysenadenom und entsteht aus dem Gewebe der Hirnanhangsdrüse.

Außerhalb der Hirnanhangsdrüse

Äußerst selten können auch Tumore an anderen Stellen des Körpers, zum Beispiel an der Bauchspeicheldrüse, zu gesteigerter Produktion eines Hormons (Wachstumshormon-Releasing-Hormon), das die Ausschüttung von Wachstumshormon stimuliert, führen.

Folgen

Durch die überschießende Produktion von Wachstumshormon kommt es zu sichtbaren und nicht sichtbaren Veränderungen des Körpers. Wenn Kinder vor Verschluss der Wachstumsfugen erkranken, wachsen sie verstärkt und können über zwei Meter groß werden. Bei Erwachsenen vergrößern sich zum Beispiel Hände, Füße und manchmal auch innere Organe. Auch der Stoffwechsel gerät außer Balance.

Näheres über Symptome und Folgen von Wachstumshormonüberschuss erfahren Sie in Lektion zwei “Symptome erkennen“.

Tumor ist nicht gleich Tumor

Das Wort „Tumor“ heißt übersetzt „Schwellung“. Auch wenn das Wort „Tumor“ im Alltagsgebrauch häufig mit einer Krebserkrankung assoziiert ist, bedeutet ein Tumor nicht immer Krebs. So handelt es sich beim Hypophysenadenom, der häufigsten Ursache der Akromegalie, um eine gutartige Vergrößerung der Hirnanhangsdrüse.

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Welche häufigen Folgen kann ein Überschuss an Wachstumshormonen haben?

Eine überschießende Produktion von Wachstumshormon im Erwachsenenalter hat eine Reihe von Beeinträchtigungen von Stoffwechselprozessen zur Folge.

Zum einen, und das ist eine ganz wesentliche, weil Wachstumshormon ein sogenanntes Insulin-antagonistisches Hormon ist, also ein Hormon, das gegen die Wirkung des körpereigenen Insulins wirkt und damit eine Beeinträchtigung von dem Kohlenhydrat-, also vom Zuckerstoffwechsel bewirkt und dadurch es eben zu einer gestörten Glukosetoleranz oder auch zu Diabetes mellitus kommen kann.

Darüber hinaus kommt es auch zu Veränderungen im Herz-Kreislauf-System, sehr häufig eben Bluthochdruck, eine Vergrößerung des Herzens, eine Herzinsuffizienz, aber eben auch Veränderungen im Skelettsystem, im Muskelsystem.

Etwas, was beim Missbrauch von Wachstumshormon, wie das eben insbesondere von Bodybuildern der Fall ist, kommt es zu einem Überwiegen, zu einem Wachstum der Muskelmasse, zu einer Abnahme der Fettmasse.

Es kommt darüber hinaus eben auch zu Veränderungen im Bereich der Atemwege und damit zu einer erschwerten Atmung. Das kann sich zum Beispiel durch das sogenannte Schlafapnoe-Syndrom äußern. Das sind durch die Veränderungen im Kehlkopf Atempausen während der Nacht und damit eben tagsüber Müdigkeit und auch durch den gestörten Schlaf.

Darüber hinaus kann es auch zu Veränderungen der Nerven kommen, dem sogenannten Karpaltunnelsyndrom, weil die eingeengt werden, wo es eben unter Sehnen durchgeht und es damit zu Taubheitsgefühl im Bereich der Finger kommen kann.

Und es sind noch zahlreiche andere wie Gesichtsfeldeinschränkungen durch das Wachstum im Bereich der Hirnanhangsdrüse und Beeinträchtigung des darüber gelegenen Sehnervs. Kopfschmerzen sind ebenfalls sehr häufig, um nur einige zu nennen.

Was passiert mit diesem Überschuss am Wachstumshormon im Körper?

Nicht alle Wirkungen von Wachstumshormon werden durch Wachstumshormon selbst an den Zielorganen bewirkt, sondern ein ganz wesentlicher Teil wird durch das vorhin erwähnte IGF-I, also Insulin-like Growth Factor I vermittelt. Das ist ebenfalls ein Protein, das in der Leber unter der Einwirkung von Wachstumshormon produziert wird und dann ebenfalls in die Blutbahn freigesetzt wird und so die Zielorgane erreicht und dort die vorhin erwähnten Wirkungen induziert.

Heißt ein Überschuss an Wachstumshormon bei Erwachsenen, dass man noch wächst?

Ein Längenwachstum ist bei einem Erwachsenen, der eine normale Entwicklung durchgemacht hat, nicht mehr möglich.

Längenwachstum, also Körperlängenwachstum ist nur möglich, solange die Wachstumsfugen, insbesondere in den langen Röhrenknochen, noch offen sind. Wenn die unter dem Einfluss von Geschlechtshormonen geschlossen sind, ist ein Längenwachstum nicht mehr möglich, und es kann nur im Bereich der sogenannten Akren noch zu Wachstum kommen, also zu Größerwerden der Füße, der Hände, von Kinn, Stirn und Veränderungen eben auch im Unterkiefer.

Überschuss an Wachstumshormonen

Erwachsene können nach Verschluss der Wachstumsfugen der Knochen nicht mehr in die Länge wachsen. Ein Überschuss an Wachstumshormon führt stattdessen zu Veränderungen des Aussehens und beeinflusst den Stoffwechsel der Betroffenen. Was bedeutet das konkret für Erkrankte?

Die Körperenden wachsen

Sowohl Hände als auch Füße, sowie Stirn, Nase, Unterkiefer und Kinn wachsen. Die Gesichtszüge von Betroffenen erscheinen dadurch gröber.

Innere Organe können sich vergrößern

Es kann passieren, dass sich das Herz vergrößert und dass sich eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) entwickelt. Wenn Kehlkopf und Zunge wachsen, kann es nachts zur Atemstörung kommen, der sogenannten Schlafapnoe. Die Stimme wird durch die Vergrößerung des Kehlkopfs tiefer.

Stoffwechselveränderungen

Durch den Einfluss von Wachstumshormon wird vermehrt IGF-I (insulin-like growth factor-I) ausgeschüttet. Dadurch kommt es häufig zu Stoffwechselveränderungen:

  • Der Zuckerhaushalt ist gestört, es kann sich Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) entwickeln.
  • Auch Bluthochdruck ist eine häufige Folge von Wachstumshormonüberschuss.
  • Die Muskelmasse nimmt zu und das Fettgewebe wird reduziert.

Die Größe des Tumors selbst kann Folgen haben

Der Tumor kann den Sehnerv einengen, der direkt über der Hirnanhangsdrüse liegt. Dadurch kommt es zur Gesichtsfeldeinschränkung, das heißt Betroffene können einige Bereiche, die normalerweise in ihrem Sichtfeld liegen, nicht mehr sehen. Ist der Tumor groß, kommt es auch zu Kopfschmerzen.

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Geprüft von Univ.-Prof. Dr. Anton Luger: Februar 2021 | Quellen und Bildnachweis

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