2. Mit der Diagnose umgehen

Transkript

Wie kann ich lernen die Diagnose Lungenkrebs zu akzeptieren? Wie gehe ich mit Schuldgefühlen, Hilflosigkeit und Zukunftsplänen um? Kann mir mentale Stärke und positives Denken helfen? Dr.in Mag.a Birgit Hladschik-Kermer geht auf die wichtigsten Fragen ein:

Wie lerne ich mit der Diagnose Lungenkrebs umzugehen, und wie lange dauert das?

Wenn Sie kürzlich mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert worden sind, dann hat sich Ihr Leben möglicherweise von einem Tag auf den anderen grundlegend verändert.

Und das ist eine Nachricht, die sehr tiefgreifend sich auf das Leben auswirkt, möglicherweise ja natürlich nicht nur auf Ihr eigenes Leben, sondern auch auf das Leben von Ihren Angehörigen, von Ihren Freunden, von Ihrer Familie. Und viele Patientinnen haben unmittelbar nach der Diagnose so einen Schockzustand. Man hat das Gefühl: „Das ist alles gar nicht wahr. Das kann doch gar nicht stimmen.“ Man kann das gar nicht wahrhaben. Man kann das gar nicht aufnehmen.

Und anschließend ist es so, dass unterschiedliche Gefühle kommen können.

  • Das kann Angst sein,
  • das kann Wut sein,
  • das kann auch Verzweiflung sein,
  • das kann aber natürlich auch Optimismus sein.

Und es ist ganz unterschiedlich, wie lange diese emotionalen Reaktionen dauern. Das ist einerseits unterschiedlich von Mensch zu Mensch, und es ist natürlich auch abhängig davon, wie schwer quasi einen persönlich diese Nachricht auch trifft.

Es gibt hier also quasi kein Rezept, dass man sagen kann: „Diese Nachricht hat man jetzt in zwei, vier oder zehn Wochen verarbeitet.“ Die Verarbeitung dieser Diagnose, diese emotionale Verarbeitung der Diagnose, verläuft schrittweise. Und sie verläuft ganz wesentlich in der Interaktion mit anderen wichtigen Menschen. Und wir wissen, es ist ganz entscheidend, welche Rolle Ihre behandelnde Ärztin, Ihr behandelnder Arzt und das medizinische Personal in diesem Zusammenhang einnimmt. Die Diagnosemitteilung, das ist ja nicht etwas, was man einmal sagt, sondern das Gespräch mit dem Arzt und dem Patienten sollte den ganzen Krankheitsverlauf begleiten.

Sie haben eine Nachricht bekommen. Aber viele Fragen tauchen erst viel später auf. Es gibt wieder neue Fragen. Und je besser Sie diese Fragen stellen können, je besser diese Fragen auch beantwortet werden, je besser auch auf Ihre Bedürfnisse, Ihre Wünsche, aber natürlich auch auf Ihre Sorgen und Bedenken eingegangen wird, desto besser können Sie diese Nachricht verarbeiten.

Ganz wichtig ist auch, dass Sie versuchen, mit der Zeit die Situation irgendwie anzunehmen. Das ist sehr schwer. Das gelingt auch nicht von heute auf morgen.

Und ich meine mit Annehmen nicht: Sich in das Schicksal fügen und sagen: „Ich kann jetzt nichts tun. Das ist jetzt einfach so.“ Aber ich meine in dem Sinn annehmen, dass man sagt vielleicht: „Okay. Das ist jetzt passiert. Ich habe das. Ich habe diese Krankheit. Und jetzt überlege ich, was kann ich tun? Wer kann mir helfen, damit ich das so gut wie möglich überstehen kann?“

Also hier kommen wir dann natürlich auch wieder ein bisschen zur mentalen Stärke, wo ich dann sagen kann: „Okay, was kann ich jetzt auch machen? Wo finde ich die beste Behandlung? Wo finde ich den besten Arzt? Wo werde ich unterstützt? Was kann mir helfen? Wo sind meine Kraftquellen? Was kann ich, auch wenn vieles jetzt nicht möglich ist, aber gerade jetzt vielleicht machen?“ Aber das ist nicht etwas, was Sie alleine bewältigen müssen und sollen. Sondern das ist etwas, wo Sie das medizinische Personal und natürlich auch Freunde und Familie unterstützen sollen und begleiten sollen.

Wie schaffe ich es, meine neue Lebenssituation nicht nur negativ zu sehen?

Unmittelbar nach der Mitteilung, dass man an einer Tumorerkrankung erkrankt ist, ist es häufig so, dass man von negativen Gefühlen überwältigt wird, von Angst, von Wut, von Hoffnungslosigkeit vielleicht, von Sorge. Und man hat vielleicht den Eindruck am Anfang: „Alles ist negativ. Die ganze Welt ist schwarz. Es hat sowieso alles keinen Sinn. Ob ich mich jetzt gesund ernährt habe, ob ich alles gemacht habe vorher, trotzdem ist mir das jetzt passiert.“

Diese Gefühle sind vor allem zu Beginn der Erkrankung oder wenn es zur Verschlechterung kommt, ganz normal.

Und das Wichtige ist, dass Sie sich erlauben, diese Gefühle auch zuzulassen, dass Sie die nicht wegdrängen müssen. Emotionen sind wichtig für uns. Und negative Gefühle im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung sind ganz natürlich und ganz normal. Das heißt: Es ist wichtig zunächst, dass man versucht, diese Gefühle auch zuzulassen, ihnen Raum zu geben, aber auch, dass man sich Unterstützung organisiert, dass man schaut: „Wer kann mir jetzt helfen? Mit wem kann ich vielleicht drüber sprechen?“ Wenn ich das Gefühl habe: „Ich komme von diesen negativen Gefühlen gar nicht mehr los“, dann bitte zögern Sie nicht, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dafür sind eben Psychotherapeuten, Psychologen, aber auch das medizinische Personal da, um Ihnen genau in dieser Situation zu helfen und Sie zu unterstützen.

Auch in den schwierigsten Situationen ist es aber so, dass es auch Dinge gibt, die positiv sind. Oft berichten Patienten auch z.B., dass sie Unterstützung bekommen von Menschen, wo sie gar nicht damit gerechnet haben, dass man plötzlich intensive Beziehungen hat zu Menschen, wo das vorher gar nicht so eng war. Oder dass man im Spital merkt: „Die sind hier alle bemüht. Die versuchen das Beste für mich. Die sind kompetent. Die sind nett.“ Dass man vielleicht auch dann positive Aspekte im Geschehen sehen kann, dass man eben eine gute Behandlung bekommt, dass man sich zuhause wieder erholen kann, dass man unterstützt wird bei Übelkeit, bei Schmerzen. Also dass man dann eben auch trotz dieser belastenden Situation auch Aspekte wahrnehmen kann, die durchaus positiv sind.

Oft berichten mir auch Patienten, dass sich die Werte verschieben im Zuge einer Erkrankung, dass man zum Beispiel sich selber plötzlich viel mehr in den Mittelpunkt stellt, dass Zeit wichtig wird, dass man manche Dinge einfach nicht mehr so genau nimmt. Ob es jetzt aufgeräumt ist, ob man jetzt alles perfekt erledigt hat. Sondern dass man sich lieber Zeit nimmt, um vielleicht mit den Enkeln ein Buch zu lesen oder selber ein Buch zu lesen oder Zeit sich für sich zu nehmen.

Also es gibt auch in ganz schwierigen Situationen ganz häufig positive Aspekte, die trotzdem möglich sind.

Aber mir geht es ganz wichtig zu betonen, dass Sie diese negativen Gefühle nicht übergehen, sondern dass Sie denen auch Raum geben, dass Sie sie zulassen. Und wenn Sie sie zulassen, dann können sie auch wieder vergehen. Und dann ist Platz, um sich aktiv darum zu kümmern, zu schauen: „Okay. Und was ist heute schön gewesen?“

Übung 2: Den Blickwinkel ändern: Wofür bin ich heute dankbar?

So eine kleine Übung vielleicht auch, dass man sich am Abend oder in der Früh oder wann immer, wenn man einem danach ist, wenn man Zeit hat, z.B. sich überlegt: „Wofür bin ich heute dankbar? Was ist mir heute Positives widerfahren?“ Das können Kleinigkeiten sein, die man vielleicht im Alltag übersieht. Das kann ein Lächeln sein. Das kann ein gutes Essen sein. Das kann sein, dass man keine Schmerzen hatte. Das kann eine positive Nachricht sein. Ein Besuch. Kann auch sein, dass die Sonne scheint. Das Wichtige ist, dass wir unserem Gehirn die Möglichkeit geben, dass es das mitkriegt. Und wenn Sie sich am Abend zum Beispiel die Zeit nehmen und überlegen: „Wofür bin ich heute dankbar?“, oder eine andere Frage: „Was hat mich heute gefreut?“ Oder: „Was hat heute gut funktioniert?“ Dass wir so quasi im Kopf so eine innere Liste machen, damit wir das auch im Bewusstsein haben und somit auch diese positiven Gefühle dazu wieder abrufen können.

Wie gehe ich mit eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten um?

Es kann sein, dass Sie im Zuge der Erkrankung die Erfahrung gemacht haben oder gerade jetzt machen, dass Sie körperlich nicht mehr so leistungsfähig sind, wie Sie das vorher waren oder vielleicht gewisse Dinge nicht mehr tun können. Und Sie fragen sich vielleicht auch: „Wie gehe ich jetzt damit um? Was soll ich damit tun?“

Das Wichtige, glaube ich, ist: Jeder Verlust erfordert das Gefühl der Trauer. Und im Zuge einer Erkrankung ist es leider so, dass Sie einige Verluste zu bewältigen haben. Das wird aber manchmal übersehen. Man verliert als erstes die völlige Gesundheit oder auch die totale körperliche Unversehrtheit. Und das ist etwas, worüber man auch traurig sein darf. Das heißt: Man soll und darf das auch betrauern. Das ist ganz wichtig.

Und dann, wenn wir diese Trauer auch zugelassen haben, wenn wir die auch Zeit gegeben haben, wenn wir uns das auch eingestehen und sagen: „Ja, natürlich, vieles funktioniert. Vieles kann ich noch. Aber trotzdem schmerzt mich das, dass ich jetzt das oder jenes nicht mehr so gut kann. Oder vielleicht vorübergehend auch nicht so gut kann.“ Dass ich das versuche zu betrauern und auch anzunehmen. Und dann zu schauen: „Aber was ist noch möglich? Was kann ich stattdessen tun?“ Vielleicht können Sie nicht mehr so schnell laufen, oder vielleicht fühlen Sie sich öfter müde, müssen sich mehr erholen. Aber vielleicht entstehen dadurch gerade neue Möglichkeiten, dass Sie dafür Zeit haben für Dinge, die Sie früher im Alltag nicht machen konnten, weil Sie zu beschäftigt waren. Und hier kann auch eine Chance entstehen, für Dinge Zeit zu haben, für Beschäftigungen Zeit zu haben, für Kontakte Zeit zu haben oder etwas zu erleben, was vorher nicht möglich war.

Die Erkrankung akzeptieren

Viele Patientinnen befinden sich nach der Diagnose Lungenkrebs in einer Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens. Anschließend können Gefühle wie Angst, Wut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aufkommen.

Wie lange dauert es bis zur Akzeptanz der Diagnose?

Negative Gefühle sind gerade zu Beginn der Erkrankung oder bei einer Verschlechterung völlig normal. Wenn Sie Emotionen zulassen, können diese auch wieder vorübergehen. Das dauert unterschiedlich lange und erfolgt meist schrittweise, oft auch in Interaktion mit anderen Menschen. Deshalb kann es wichtig sein, dass Sie sich Unterstützung holen.

Versuchen Sie, die Situation anzunehmen, und fragen Sie sich:

  • Was kann ich jetzt tun?
  • Wo finde ich die beste Behandlung?
  • Wo finde ich die beste Ärztin/den besten Arzt?
  • Wer unterstützt mich?
  • Was kann mir helfen?
  • Wo sind meine Kraftquellen?

Übung: Den Blickwinkel ändern

Versuchen Sie sich bewusst zu machen, dass es auch in schwierigen Situationen positive Aspekte gibt. Fragen Sie sich:

Wofür bin ich heute dankbar?

  • Was ist heute schön gewesen?
  • Wofür bin ich heute dankbar?
  • Was hat mich heute gefreut?
  • Was hat heute gut funktioniert?

Ersatz für aktuell nicht mögliche Aktivitäten finden

Körperliche Fähigkeiten zu verlieren, kann sehr beunruhigend sein. Bei diesem Kummer kann es hilfreich sein zu schauen, was noch möglich ist und was Sie stattdessen tun können.

Vieles von dem, was Ihnen vor der Krebserkrankung Freude gemacht hat, können Sie eventuell auch weiterhin tun, beispielsweise Freunde treffen, einen Spaziergang unternehmen oder ins Kino gehen. Haben Sie vorher Sport getrieben, finden Sie vielleicht einen weniger anstrengenden Sport, bei dem Sie dennoch Ihren Spaß haben.

Möglicherweise entdecken Sie auch ganz neue Interessen, an die Sie vorher nie gedacht haben. Dies kann zum Beispiel ein Malkurs an der Volkshochschule sein, wandern gehen oder meditieren. Neue Perspektiven eröffnen kann auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe, die Sie in fast jeder größeren Stadt finden.

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Wie gehe ich mit Schuldgefühlen um?

Vielleicht haben Sie sich im Zusammenhang mit der Erkrankung auch schon die Frage gestellt, ob Sie vielleicht selber schuld dran sind, dass Sie die Erkrankung bekommen haben. Ob Sie vielleicht etwas gemacht haben in Ihrem Leben, das dazu beigetragen hat, dass diese Erkrankung aufgetreten ist.

Dazu möchte ich Folgendes sagen: Wir sind alle Menschen, und keinem Menschen gelingt es, ohne Schuld durchs Leben zu kommen. Wir wissen alle: Wir sollen nicht rauchen. Wir sollen uns bewegen. Wir sollen uns gesund ernähren. Wir sollen keinen Stress haben. Aber manchmal geht das nicht. Und wenn Sie vielleicht in Ihrem Leben früher geraucht haben, oder wenn Sie vielleicht eben sich nicht an die Empfehlungen immer halten konnten, dann hatten Sie dazu sicher gute Gründe. Und Sie haben Ihr Bestes getan. Aber es war Ihnen nicht anders möglich.

Andererseits ist es so, dass es auch keinen Beweis dafür gibt, dass die Erkrankung nicht aufgetreten wäre, wenn Sie vermeintlich alles richtig gemacht hätten.

Sollten Sie das Gefühl haben oder jetzt mit sich hadern und denken: „Mein Gott, hätte ich nur…“, versuchen Sie sich selber zu vergeben. Versuchen Sie, das in einen Zusammenhang zu stellen. Schauen Sie sich Ihre Lebenssituation an. Schauen Sie auf das, was Sie alles richtig gemacht haben, was Sie alles gut gemacht haben und lassen Sie hier mit sich selber Milde walten.

Kein Mensch ist perfekt, und kein Mensch macht alles richtig.

Und die Natur verlangt auch keine Perfektion von uns. Das ist absolut nicht vorgesehen.

Versuchen Sie, so gut es geht, das hinter sich zu lassen und fokussieren Sie sich jetzt auf die aktuelle Situation. Fokussieren Sie sich jetzt darauf, was jetzt getan werden kann, was Sie jetzt tun können, um bestmöglich durch die Therapie zu kommen und den bestmöglichen Erfolg und die bestmögliche Lebensqualität für Sie selber jetzt zu bekommen.

Wie verhalte ich mich bei Vorwürfen, dass ich selbst schuld an der Erkrankung sei?

Wenn Menschen auf Sie zukommen und Ihnen Vorwürfe machen, Sie werden ja selber schuld an der Erkrankung, Lungenkrebs, da wird es häufig um Rauchen gehen — machen Sie sich bewusst, dass diese Menschen vor allem von sich selber sprechen und nicht von Ihnen.

Krebserkrankungen sind Erkrankungen, die machen allen Menschen Angst. Und sie entstehen einfach. Natürlich gibt es Risikofaktoren. Und wir wissen: Gewisse Dinge sind mehr gesund und gewisse Dinge sind weniger gesund. Aber es gibt in keine Richtung eine Garantie. Das heißt: Jeder von uns kann auch an Lungenkrebs erkranken. Und indem Menschen sagen quasi: „Du hast etwas falsch gemacht und deswegen bist du jetzt betroffen“, glauben sie, wenn sie selber das nicht tun, sind sie in Sicherheit. Sie versuchen damit Ihre eigenen Ängste zu kontrollieren.

Versuchen Sie es, als das zu nehmen.

Menschen, die Ihnen sagen, Sie sind schuld daran, versuchen, damit ihre eigenen Ängste zu kontrollieren. Aber das hat nichts mit Ihnen zu tun.

Was kann ich gegen Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit nach der Diagnose tun?

Wenn Sie unmittelbar nach der Diagnosemitteilung das Gefühl haben: „Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt tun soll“, oder wenn Sie das Gefühl haben: „Da hilft ja sowieso nichts mehr“, dann sind das Gefühle, die am Anfang unmittelbar nach der Diagnose oder vielleicht später auch immer wieder mal auftreten können.

Das ist ein Zeichen dafür, dass Sie einfach im Moment mit der Situation überfordert sind. Und das ist auch absolut nachvollziehbar und absolut verständlich.

Wir alle sind auf die Diagnose einer Krebserkrankung nicht vorbereitet. Und das macht allen Menschen Angst.

Versuchen Sie, diese Gefühle nicht alleine mit sich herumzutragen. Versuchen Sie wirklich, Hilfe anzunehmen.

  • Sprechen Sie mit dem medizinischen Personal darüber.
  • Sprechen Sie mit Freunden darüber.
  • Wenn Sie wollen, versuchen Sie sich zu informieren.

Wenn man das Gefühl hat, hilflos zu sein, hilft es oft, wenn man besser versteht, worum es geht. Wenn man nachvollziehen kann, was jetzt passiert ist, und wenn man auch nachvollziehen kann, was jetzt in weiterer Zukunft passiert, wenn man nachvollziehen kann: Wie wirkt die Behandlung? Was kann ich selber dazu tun? Wie verläuft das? Was passiert, wenn es mir nicht gut geht? Es kann ja sein, dass Sie sich auch Sorgen machen: „Werde ich Schmerzen haben oder werde ich vielleicht nicht gut Luft bekommen? Was passiert dann?“

Bitte behalten Sie diese Sorgen und Ängste nicht für sich, sondern richten Sie diese Fragen direkt auch an Ihre Behandlerinnen. Sie können Ihnen nämlich dann ganz gezielt helfen.

Negative Gefühle verstehen

Nach der Diagnose Lungenkrebs fragen sich viele Betroffene: Was habe ich falsch gemacht? Hinzu kommen manchmal auch Vorwürfe von außen. Wie geht man mit Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen um?

Was tun bei Schuldgefühlen

Versuchen Sie, sich selbst zu vergeben. Machen Sie sich bewusst, was Sie alles gut und richtig gemacht haben und lassen Sie bezüglich der Dinge, die vielleicht nicht so gut gelaufen sind, Milde walten. Fokussieren Sie sich darauf, was Sie jetzt tun können, um so gut wie möglich durch die Therapie zu kommen und die bestmögliche Lebensqualität in der momentanen Situation zu erzielen.

Vorwürfe nicht persönlich nehmen

Lungenkrebs macht jedem/jeder Angst. Er entsteht einfach und jeder kann daran erkranken. Menschen, die Ihnen die Schuld für Ihre Krankheit anlasten, suchen im Grunde nur nach einer Möglichkeit, die eigenen Ängste zu kontrollieren. Dadurch, dass sie die Schuld für die Erkrankung Ihrem Verhalten zuordnen, haben Sie selbst das Gefühl, eine Erkrankung durch das eigene Verhalten verhindern zu können.

Über Sorgen und Ängste sprechen

Suchen Sie sich jemanden, mit dem Sie über Ihre Sorgen und Ängste reden können. Hilfreich kann es sein, sich eingehender über die Erkrankung, die Behandlung und die damit verbundenen Umstände zu informieren.

Sprechen Sie auch mit Ihren BehandlerInnen. Diese können Ihnen dann ganz gezielt helfen.

Weitere Informationen zu Lungenkrebs finden Sie in unserer Kursreihe für Lungenkrebs-PatientInnen.

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Was hilft mir, mit einer schlechten Prognose umzugehen?

Manchmal ist die Erkrankung bei der Diagnosestellung schon so weit fortgeschritten, dass die Prognose nicht günstig ist. Dass es nicht mehr gewiss, dass Sie wieder gesund werden können. Oder es passiert auch, dass die Erkrankung manchmal trotz aller Therapien fortschreitet und die Lebenszeit begrenzt erscheint oder ist. Man spricht dann von einer ungünstigen Prognose.

Die Sache ist die, dass natürlich kein Mensch weiß, wie es genau weitergehen wird, was jetzt eine schlechte Prognose konkret für Sie bedeutet.

Aber angesichts dessen, dass Sie vielleicht in der Situation sind, dass Sie nicht mehr darauf hoffen können, völlig gesund zu werden, glaube ich, ist es wichtig, sich zu überlegen: „Was möchte ich mit der Zeit tun, die mir bleibt? Wie möchte ich die Zeit verbringen? Was ist für mich wichtig? Gibt es Dinge, die ich noch unbedingt erledigen möchte? Möchte ich möglichst viel Zeit zu Hause verbringen? Oder möchte ich jede Behandlungsmethode, -möglichkeit ausschöpfen und vielleicht dafür mehr Zeit im Spital verbringen, aber dadurch meine Prognose-Chancen vielleicht verbessern?“

Eine ungünstige Prognose heißt aber nicht, dass man keine Zukunftspläne mehr machen kann. Das heißt nicht, dass man sich auch Ziele setzen kann. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass es Dinge gibt, Ereignisse gibt, auf die man sich auch freuen kann. Wir alle brauchen etwas, wozu wir das machen, wozu die ganzen Behandlungen machen, wozu die Nebenwirkungen aushalten. Also auch, sich zu überlegen: „Was hält mich im Leben? Was ich wichtig für mich im Leben? Was ist mein Grund, wofür ich kämpfe? Was ist der Grund, warum ich mich anstrenge? Ist das ist meine Familie? Sind das Freunde? Ist das etwas, was ich einfach erleben möchte? Ist das eine Reise, die ich machen möchte? Ist es ein Buch, das ich lesen will? Eine Sprache, die ich lernen will?“ Das ist ganz individuell. Ich glaube, es ist wichtig, es für sich klarzumachen oder zu schauen: „Was ist es, was mich in meinem Leben hält?“

Wie soll ich mit Zukunftswünschen und Plänen umgehen?

Also auch angesichts einer fortgeschrittenen Erkrankung oder wenn man Ihnen gesagt hat, dass Ihre Prognose ungünstig ist, das heißt natürlich nicht, dass Sie nicht auch Pläne machen können, die vielleicht weiter in der Zukunft liegen als die Prognose, die man Ihnen gestellt hat. Weil das sind immer statistische Kennzahlen, und das heißt nicht, dass das genau auf Sie zutrifft. Und wir brauchen das alle in unserem Leben. Wir sind immer auf etwas gerichtet und wir sind immer auf etwas gerichtet, was natürlich auch in der Zukunft liegt.

Ich glaube, es ist wichtig, generell im Leben, unabhängig davon, ob man jetzt mit einer Tumorerkrankung konfrontiert ist oder nicht, dass man sich einerseits auch kleine Ziele setzt, also sogenannte Baby-Steps macht, weil sie einfach auch erreichbar sind und weil wir einfach da auch schneller ein positives Gefühl erreichen können und das einfach auch für uns sehr wichtig.

Andererseits ist es aber auch wichtig, dass wir Ziele haben, die weiter weg sind. Da denke ich z.B. das nächste Ziel Weihnachten. Oder dann vielleicht den Sommer. Natürlich, das ist ganz wichtig für uns, das sind positive Vorstellungen. Und natürlich können und sollen Sie auch Pläne und Ziele machen und nicht von vornherein daran denken, dass das nicht sein wird.

Die Zukunft gestalten

Die Diagnose Lungenkrebs zu bekommen, ist schon schwer zu verarbeiten. Doch wie geht man damit um, wenn die ÄrztInnen zudem eine ungünstige Prognose stellen?

Eine Prognose ist kein Blick in die Zukunft

Letztendlich handelt es sich bei Prognosen nur um statistische Durchschnittswerte, die nicht zwingend auf Sie zutreffen müssen. Angesichts einer vielleicht begrenzten Lebenserwartung ist es aber dennoch wichtig, sich mit den folgenden Fragen zu beschäftigen:

  • Was möchte ich mit der verbleibenden Zeit anfangen?
  • Gibt es Dinge, die ich unbedingt noch erledigen will?
  • Möchte ich möglichst viel Zeit zu Hause verbringen oder schöpfe ich lieber jede Behandlungsmethode aus, auch wenn das mehr Zeit im Spital bedeutet?

Zukunftswünsche und Pläne

Eine ungünstige Prognose heißt nicht, dass Sie keine Zukunftspläne mehr machen können. Setzen Sie sich kleine, rasch erreichbare Ziele, die Ihnen schneller ein positives Gefühl geben, planen Sie aber ruhig auch weiter in die Zukunft hinein.

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Geprüft Dr.in Mag.a Birgit Hladschik-Kermer: 24.03.2021 | AT-4735

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

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