1. Was ist mentale Stärke?

Transkript

Welche Rolle spielt mentale Stärke bei der Diagnose Lungenkrebs? Was ist mentale Stärke überhaupt und wie kann ich mentale Stärke aufbauen? Dr.in Mag.a Birgit Hladschik-Kermer beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema:

Was bedeutet mentale Stärke?

Also mentale Stärke bedeutet, dass man der Überzeugung ist, dass man mit seinen Gedanken, Einstellungen und Gefühlen auch sein Verhalten beeinflussen kann.

Mental starke Menschen glauben, dass sie einen Einfluss darauf haben, wie ihr Leben verläuft.

  • Sie sind in der Regel optimistischer.
  • Sie gehen davon aus, dass das, was sie tun, auch einen Effekt hat.
  • Und sie strengen sich dadurch natürlich auch mehr an, ihre Ziele zu erreichen.

Die Voraussetzung ist, dass man eine Vorstellung davon hat, was man erreichen möchte.

Welche Vorteile haben Menschen mit mentaler Stärke?

Menschen mit mentaler Stärke haben den Vorteil, dass sie in belastenden Situationen, in schwierigen Situationen, in Krisen vielleicht weniger schnell ein Gefühl der Verzweiflung haben oder ein Gefühl der Hilflosigkeit. Sie vertrauen vielmehr darauf, dass sie auf ihre Ressourcen zurückgreifen können und dass sie selber auch quasi Herr oder Frau im eigenen Haus sind, dass es auch auf sie ankommt, was sie tun.

Das heißt aber natürlich nicht, dass Menschen, die mental stark sind, keine Ängste haben, dass sie keine Sorgen haben, dass sie nicht verzweifelt sind, dass sie vielleicht im Angesicht einer schweren Erkrankung natürlich auch negative Gefühle haben.

Aber in der Regel halten diese Gefühle dann vielleicht nicht so lange an. Und sie finden Wege, wie sie selber auch dazu beitragen können, dass es ihnen ein bisschen besser geht.

Wie kann die Psyche den Körper beeinflussen?

Körper und Psyche laufen immer parallel.

Also zum Beispiel, wenn Sie sich vorstellen, wenn Sie jetzt aufgeregt sind, dann kann es sein,

  • dass Sie ein bisschen schwitzen,
  • dass der Herzschlag sich beschleunigt

oder auch zum Beispiel, wenn wir Angst haben, wenn wir Stress haben,

  • dann spannen wir unsere Muskulatur an,
  • der Cortisol-Spiegel steigt.

Umgekehrt ist es aber so: Wenn wir versuchen, uns ganz bewusst zu entspannen, zum Beispiel mit verschiedenen Entspannungsübungen, dann können wir nicht gleichzeitig aufgeregt sein. Das geht nicht.

Also Psyche und Körper gehören beide zum Organismus. Und es gibt immer eine wechselseitige Beeinflussung.

Mentale Stärke verstehen

Mentale Stärke hilft, in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren und sich zu motivieren. Was genau verbirgt sich dahinter und warum sind manche Menschen mental stärker als andere?

Was ist mentale Stärke?

Mentale Stärke bedeutet, daran zu glauben, mit den eigenen Gedanken, Einstellungen und Gefühlen auch sein Verhalten, die Gesundheit und das Leben beeinflussen zu können. Mental starke Menschen sind meist optimistischer. Sie gehen davon aus, dass alles, was sie tun, sich in irgendeiner Weise auswirkt. Daher strengen sie sich mehr an, ihre Ziele zu erreichen, und haben dadurch oftmals auch mehr Erfolg als andere.

Welche Vorteile haben Menschen, die mental stark sind?

Mental starke Menschen entwickeln in belastenden Situationen nicht so schnell ein Gefühl der Verzweiflung und Hilflosigkeit. Sie gehen davon aus, die Lage unter Kontrolle zu haben, und vertrauen darauf, auf ihre Ressourcen zurückgreifen zu können.

Körper und Psyche

Körper und Psyche sind miteinander untrennbar verbunden. Körperliche Beschwerden wirken sich auf das psychische Wohlbefinden aus und umgekehrt, z. B.:

  • Aufgeregtsein → Schwitzen, beschleunigter Herzschlag
  • Angst und Stress → angespannte Muskulatur, hoher Spiegel der Stresshormone
  • bewusstes Entspannen → Herzschlag verlangsamt sich
Transkript

Warum ist mentale Stärke wichtig bei Lungenkrebs?

Eine Lungenkrebs-Erkrankung bedeutet für Patientinnen, dass sie mit einer Vielzahl von Belastungen und Herausforderungen konfrontiert sind.

Das ist eine Situation, auf die man sich im Leben ja nicht wirklich vorbereiten kann. Das ist ganz normal, dass man im Zuge einer so schwerwiegenden Erkrankung auch negative Gefühle hat, dass man verunsichert ist, dass man verängstigt ist.

Menschen, die über eine gewisse mentale Stärke verfügen, haben aber da vielleicht den Vorteil, dass sie schon die Erfahrung gemacht haben: „Ich kann auch was dazu beitragen, dass es mir besser geht.“ Sie wissen vielleicht, was ihnen gut tut. Sie haben Menschen, auf die sie sich verlassen können. Wir wissen z.B., dass gerade soziale Beziehungen eine ganz starke protektive Wirkung haben, also sehr schützend wirken. Und mental starke Menschen tun sich dann auch leichter vielleicht, Hilfe zu suchen, Hilfe anzunehmen und kommen dann auch weniger vielleicht in dieses Gefühl: „Ich bin total abhängig von dem, was andere tun. Ich kann nichts beeinflussen. Hier passiert jetzt etwas mit mir, und ich kann nichts tun. Ich muss alles nur über mich ergehen lassen. Ich habe keinen Einfluss darauf, das was ich tun kann, dass es mir besser geht.“

Und darum ist es ja auch so wichtig, dass man Patienten auch immer sagt

  • einerseits: „Was habe ich?“
  • Aber auch: „Was bedeutet das für mich?“
  • Und dann: „Was kann ich jetzt tun, um diesen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen? Was kann ich jetzt tun, damit meine Lebensqualität trotzdem besser ist?“

In welchen Phasen spielt mentale Stärke bei Lungenkrebs eine wichtige Rolle?

Ich würde sagen: Mentale Stärke spielt immer eine Rolle natürlich, aber ganz besonders in Phasen, von denen wir jetzt wissen, dass sie besonders belastend sind.

  • Also das ist z.B. unmittelbar um die Zeit der Diagnosestellung herum:

Oft ist es ja so: Man geht zu einer Untersuchung, man hat vielleicht gar keine Beschwerden, und dann wird etwas festgestellt, und dann steht im Raum: „Da könnte etwas sein…“ Und das ist eine Phase von ganz großer Ungewissheit, von Sorge. Und Menschen, die mental stark sind, haben vielleicht die Erfahrung gemacht, dass sie sagen: „Okay, auch wenn es jetzt etwas Schlimmes sein sollte, auch wenn es vielleicht jetzt Lungenkrebs sein sollte – es wird Möglichkeiten geben, damit umzugehen. Es wird Menschen geben. Es wird das medizinische System geben, das mir helfen kann. Es wird mein Umfeld geben, das mich unterstützen kann. Und ich selber kann auch etwas dazu beitragen.“

  • Dann natürlich immer dann, wenn zusätzliche Belastungen auftreten:

Gerade bei Krebserkrankungen ist es ja so, dass einerseits glücklicherweise Tumorerkrankungen ja immer früh entdeckt werden in einer Zeit, wo man selber noch keine Beschwerden hat. Und als Patient hat man dann oft das Gefühl, dass man eigentlich durch die Therapie subjektiv krank gemacht wird. Dann, wenn man eine Operation hat, weil man Strahlentherapie hat, wenn man unter Chemotherapie ist, dann hat man plötzlich Beschwerden aufgrund der Nebenwirkungen der Chemotherapie oder der ganzen Behandlungen. Und es ist irrsinnig schwer nachzuvollziehen, dass das, was mir jetzt subjektiv eigentlich kränker macht, dass das mir gut tun soll. Und das ist auch eine recht sehr schwierige Zeit natürlich. Und hier kann auch das medizinische Personal ganz viel dazu beitragen, um die mentale Stärke der Patientinnen auch zu fördern, indem hier auch wirklich informiert wird, indem auf Bedürfnisse, Sorgen von Patienten eingegangen wird, indem aber auch ganz konkret darüber gesprochen wird, was man jetzt auch selber tun kann, um besser durch diese Zeit zu kommen.

Wenn wir nachvollziehen können, warum wir etwas tun und wofür es gut ist, dann können wir es auch viel besser ertragen.

  • Und dann natürlich auch immer wieder ist mentale Stärke wichtig:

Denn eine Tumorerkrankung bringt es leider mit sich, dass das Leben ungewiss wird, dass es brüchig wird, dass das, was wir uns bis jetzt vorgenommen haben, das, was wir geplant haben, dass das nicht mehr so gewiss ist, dass wir nicht wissen: „Wie geht’s uns morgen? Wie wird es weitergehen?“ Das erfordert ständige extreme Anpassungsleistungen.

Wir haben es jetzt alle, vielleicht kann man sich das vorstellen, jetzt durch diese Corona-Pandemie, das ist jetzt etwas, was uns jetzt alle betrifft. Wir haben alle geplant, was wir machen. Wir haben Urlaub geplant, wir haben Ferien geplant. Wir haben Weihnachten geplant. Und jetzt plötzlich wissen wir nicht: „Wird das alles gehen? Wie wird das sein?“

Und etwa so geht es natürlich Krebspatienten. Weil sie nicht wissen: „Wie werde ich mich dann fühlen? Wie wird das funktionieren?“ Und da sind natürlich schon Situationen, wo man ganz leicht und wo es auch ganz nachvollziehbar ist, dass man einfach auch mal die Hoffnung verliert, dass einem die Kraft ausgeht, dass man sich fragt: „Zahlt sich das überhaupt aus? Wie wird das weitergehen? Kann ich das überhaupt schaffen?“ Und hier ist natürlich, wenn ich den Eindruck habe, dass, wenn ich von mir quasi die tiefe Überzeugung in mir habe: „Auch wenn es ganz schlimm kommt, es wird irgendeinen Weg geben“, dann tue ich mir natürlich ein bisschen leichter.

Wie kann mentale Stärke mich im Krankheitsverlauf unterstützen?

Mentale Stärke kann mich im ganzen Krankheitsverlauf natürlich unterstützen.

Also wenn man sich jetzt vorstellt: Der Krankheitsverlauf bedeutet, dass ich immer wieder unterschiedliche Belastungen habe, dass ich Dinge tun muss, die ich nicht so gerne mache, dass ich zum Beispiel lange im Krankenhaus bin, dass ich vielleicht Schmerzen habe, dass ich meinen Verpflichtungen, meiner Rolle in der Familie, aber auch im Beruf für eine Zeit nicht nachkommen kann. Das sind alles ganz große Herausforderungen. Und eine Tumorbehandlung dauert ja oft auch relativ lange, dauert ja Wochen, Monate. Und wie gesagt, da kann es ganz leicht passieren, dass man einfach einmal den Glauben verliert oder dass man unsicher ist: „Kann ich das überhaupt durchstehen?“

Und mentale Stärke, also wenn ich denke, dass ich, dass es auf mich auch ankommt, dass ich fähig bin, das durchzustehen, wenn ich z.B. die Erfahrung gemacht habe in meinem Leben — oder lassen Sie mich es anders sagen: Wir alle haben natürlich in unserem Leben, und natürlich auch Sie alle, haben in Ihrem Leben schon viele Herausforderungen bewältigt. Nicht nur diese Erkrankung. Wir haben uns durch die Schule gekämpft. Wir haben vielleicht Beziehungsprobleme gehabt. Wir hatten Probleme im Job oder mit den Kindern oder was auch immer. Und das haben wir bewältigt. Und da haben wir uns gewisse Ressourcen erarbeitet. Wir haben gemerkt: „Okay, das kann ich. Ich kann damit umgehen. Ich kann umgehen, wenn Schwierigkeiten kommen. Ich kann mich informieren. Es gibt Menschen, die können mir helfen.“ Aber auch: „Ich kann das auch eine Zeitlang durchstehen.“ Und das sind die Ressourcen, auf die ich dann auch zurückgreifen kann. Ich habe dann so quasi die Erfahrung gemacht in meinem Leben immer wieder mal: „Es kommt drauf an auf das, was ich tue. Und das, was ich tue, beeinflusst dann auch den Output.“

Und somit kann mir das natürlich während der ganzen Erkrankung helfen.

Grundsätzlich spricht man im Zusammenhang mit Umgang mit Krankheit von Krankheitsbewältigung. So ist dieser Begriff. Und da sind grundsätzlich eigentlich zwei Gruppen wichtig:

  • Das eine sind die sogenannten Bewältigungsstrategien,
  • und das andere ist die Abwehr.

Ich beginne mit der Abwehr. Abwehrstrategien haben oft einen negativen Touch, dass man sagt: „Ach, der verleugnet das ja“, oder „Die verdrängt das“, oder „Der kann die Diagnose noch nicht annehmen“. Abwehrmechanismen sind extrem wichtig. Die ganze Menschheit hätte ohne Abwehrmechanismen nicht überlebt, und wir würden auch heute nicht überleben.

Stellen Sie sich vor, es wäre Ihnen ständig bewusst, das ständig Ihr Haus eigentlich einstürzen könnte, oder dass Sie auf der Straße überfahren werden könnten oder einem Ihrer Lieben etwas passiert, wenn Sie unterwegs sind. Wenn wir das die ganze Zeit im Kopf hätten, wären wir handlungsunfähig. Wir könnten das Bett nicht mehr verlassen. Also solche Mechanismen sind ganz wichtig, und die sind auch im Zuge einer Krebserkrankung total wichtig. Das heißt: Das ist absolut in Ordnung, diese Sache auch einmal zu verdrängen, sich ganz konkret abzulenken, Zukunftspläne zu machen, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Das ist ganz, ganz wichtig.

Und das andere sind die Bewältigungsstrategien.

  • Und die gibt’s eben einerseits kognitiv, das sind wir jetzt quasi bei der mentalen Stärke wieder, dass ich versuche, mir ein Bild zu machen, das ich mir Informationen beschaffe, dass ich mir überlege: „Was kann ich jetzt tun? Wer kann mir jetzt helfen?“
  • Die sind aber natürlich auch emotional, dass ich z.B. mich emotional auch entlaste, dass ich meine Gefühle zulasse, dass ich nicht immer so tue, als ob nichts wäre, und nach außen hin immer mich stark darstelle. Nein, das ist überhaupt kein Fehler. Man darf natürlich weinen und man darf die negativen Gefühle auch haben und sie auch ausleben.
  • Und dann geht es natürlich auch ums Verhalten. Dass ich sage: „Welches ist jetzt der beste Arzt, die beste Ärztin für mich? Welches ist die beste Therapie? Was kann ich zusätzlich tun? Vielleicht Bewegung machen, Sport machen, in Richtung Ernährung mir was überlegen, soziale Kontakte stärken?“ Das wäre dann wieder dieser Bereich.

Wie kann meine Einstellung den Behandlungsverlauf beeinflussen?

Wie wir zu einer Sache stehen, hat Einfluss darauf, wie wir das erleben und wie das verläuft.

Und so ähnlich ist es auch im Zusammenhang mit meiner oder Ihrer Einstellung zur Behandlung und dem Behandlungsverlauf, wie z.B.: „Diese Chemotherapie, diese Behandlung, das ist etwas, das wird mir helfen.“

Was mir aber in dem Zusammenhang ganz wichtig ist zu betonen: Es gibt überhaupt keinen Beweis, keine wissenschaftliche Evidenz dazu, dass, wenn man jetzt eine negative Einstellung hat oder wenn man es einmal nicht schafft, das positiv zu sehen, dass das einen negativen Einfluss hat auf den Krankheitsverlauf. Also z.B. es wird ja immer wieder gesagt: Man soll nur positiv denken, und dann wird das schon alles gut werden. Das stimmt nicht. Das stimmt überhaupt nicht. Das ist ganz normal und völlig richtig und gut, wenn man auch im Krankheitsverlauf einmal traurig ist natürlich, wenn man einmal verzweifelt ist, wenn man einmal auch zweifelt an dem, was hier passiert und sich schwer tut damit. Wenn das so ist, dann würde ich Ihnen einfach empfehlen: Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Versuchen Sie nicht, das einfach wegzudrücken oder schon gar nicht, sich Gedanken aufkommen zu lassen: „Oh je, jetzt habe ich nicht positiv gedacht. Jetzt wird es sicher schlecht werden.“ Ganz im Gegenteil. Es ist natürlich, dass auch negative Emotionen kommen, und die sind überhaupt nicht schädlich. Versuchen Sie hier nur, es auch mit anderen zu teilen und darüber zu sprechen.

Mentale Stärke und Lungenkrebs

Menschen mit Lungenkrebs sind häufig mit einer Vielzahl von Belastungen konfrontiert. Die Förderung Ihrer mentalen Stärke kann Ihnen helfen, diese Herausforderungen zu meistern und besser mit der Erkrankung zurechtzukommen.

Wann spielt mentale Stärke bei Lungenkrebs eine besondere Rolle?

Wichtig ist mentale Stärke vor allem:

  • in der Zeit der Diagnosestellung,
  • beim Auftreten zusätzlicher Belastungen, z. B. körperliche Beschwerden aufgrund bestimmter Therapiemaßnahmen (Chemotherapie, Strahlentherapie, Operationen),
  • bei immer wieder auftauchenden Zweifeln und Zukunftsängsten.

Wie kann mentale Stärke meinen Krankheitsverlauf unterstützen?

LungenkrebspatientInnen können während des gesamten Krankheitsverlaufs unterschiedlichste Belastungen erleben. Dazu gehören:

  • lange Krankenhausaufenthalte
  • Schmerzen
  • Einschränkungen in Familie und Beruf

Zudem dauert eine Tumorbehandlung Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. Da können schon einmal Zweifel aufkommen, ob man das überhaupt durchstehen kann.

Menschen, die ihre inneren Ressourcen bei Bedarf aktivieren können, überwinden solche Perioden schneller und begegnen den mit der Krankheit verbundenen Herausforderungen zuversichtlicher und gelassener.

Wie kann meine Einstellung den Behandlungsverlauf beeinflussen?

Wie Sie zu einer Sache stehen, hat Einfluss darauf, wie sich diese entwickelt. Das gilt auch für die Krebsbehandlung und den Behandlungsverlauf. Dabei geht es jedoch nicht darum, Traurigkeit zu verdrängen. Eine vertrauensvolle und optimistische Einstellung zur Behandlung kann Ihnen helfen, die damit verbundenen Widrigkeiten besser durchzustehen.

Transkript

Wie kann ich lernen, mit belastenden Situationen umzugehen?

Sie alle haben im Laufe Ihres Lebens schon viele belastende Situationen bewältigt.

Vielleicht ist Ihnen das gar nicht so aufgefallen. Manche Dinge sind weniger belastend gewesen, aber wie gesagt: Sie haben die Schule gemeistert. Sie sind groß geworden. Sie haben die Pubertät überstanden. Sie haben einen Job gefunden. Sie haben eine Beziehung aufgebaut. Sie haben Kinder bekommen. Das sind alles Herausforderungen im Leben, die ganz natürlich vorgegeben werden und die wir auch gemeistert haben.

Und ähnlich ist das jetzt auch.

Und je mehr solche Belastungen, Herausforderungen im Leben wir gemeistert haben, desto mehr Ressourcen erwerben wir uns. Darum ist es z.B. auch so, dass Menschen, die schon ein bisschen älter sind, meistens ein bisschen krisenfester sind als ganz junge. Das liegt daran, dass sie einfach mal so quasi in ihrem virtuellen Köfferchen schon einfach viel mehr Werkzeuge drinnen haben und mehrere Methoden zur Verfügung haben, wie sie mit belastenden Situationen umgehen können.

Wenn Sie vielleicht sich einen Moment Zeit nehmen und einmal zurückblicken auf Ihr Leben, was es da so gegeben hat, was es da für Herausforderungen gegeben hat, die Sie gemeistert haben. Und wenn Sie dann vielleicht noch ein bisschen weiterdenken und sich überlegen: „Wie habe ich das denn eigentlich gemacht?“ Und dann kann es vielleicht sein, dass Sie draufkommen:

„Ich bin jemand, der sucht einmal zuerst Information. Dann macht er einen Plan. Dann versuche ich das umzusetzen.“ Oder Sie sind jemand, der ruft vielleicht als erstes die beste Freundin, den besten Freund an und bespricht das Thema mit dieser Person. Oder Sie sind jemand, der sagt: „Na, immer wenn es Stress im Büro gab, dann bin ich joggen gegangen. Oder dann habe ich ein gutes Buch gelesen. Oder dann habe ich etwas besonders Gutes gekocht, weil da konnte ich mich entspannen. Oder ich habe Yoga gelernt.“ Oder, oder, oder…

Es ist Ihnen vielleicht gar nicht bewusst, aber Sie alle haben ganz viele Methoden im Laufe Ihres Lebens erworben und erprobt, die Sie anwenden, wenn es schwierig wird. Und genau diese Methoden, die können Sie auch jetzt anwenden im Zuge der Erkrankung.

Es ist allerdings so: Manches geht nicht immer. Also wenn z.B. eine Strategie von mir war: „Wenn ich gestresst bin, dann gehe ich laufen“ – das ist vielleicht ein bisschen schwierig, wenn ich jetzt aktuell im Krankenhaus bin und nicht laufen gehen kann, vielleicht auch gar nicht spazieren gehen kann. Dann funktioniert diese Methode nicht.

Und dann ist es wichtig zu schauen: „Habe ich vielleicht andere Methoden noch?“ Oder: „Gibt es etwas, das ich gerade jetzt tun könnte, das mir hilft? Vielleicht eine Entspannungsübung machen? Oder mit jemandem darüber sprechen? Oder vielleicht ein Buch lesen? Oder mich ablenken, indem ich einen Film anschaue?“

Und es gibt Studien, die sagen: Je mehr solche Werkzeuge man in seinem virtuellen Köfferchen hat und je flexibler man diese anwenden kann, desto besser gelingt es, mit belastenden Situationen umzugehen.

Worauf sollte ich in der Zeit der Behandlung besonders achten?

In der Zeit der Behandlung ist es wichtig, dass Sie darauf achten, was jetzt im Moment für Sie wichtig ist. Dass Sie schauen: „Welche Bedürfnisse, welche Möglichkeiten, welche Wünsche, welche Vorstellungen habe ich jetzt?“

Schauen Sie bitte darauf: „Was passt zu mir? Welche Methoden, welche Unterstützungsmethoden, auch welcher Arzt, welche Ärztin, welche Freunde, wer tut mir jetzt gut? Wo fühle ich mich eher belastet?“ Menschen, wo Sie das Gefühl haben: „Die tun mir im Moment einfach nicht gut, weil sie vielleicht selber nicht damit zurechtkommen“, versuchen Sie davon eher Abstand zu nehmen. Also bitte nehmen Sie als oberste Maxime für Ihr Handeln, für Ihr „Was tut mir gut?“, stellen Sie sich in den Mittelpunkt Ihres Lebens und schauen Sie: „Was brauche ich jetzt? Was tut mir jetzt gut?“ Und versuchen Sie von dem, was Ihnen gut tut, möglichst viel zu bekommen, und von dem, was Ihnen nicht gut tut, möglichst Abstand zu nehmen.

Also in dem Sinne eine ordentliche Portion gesunder Egoismus ist absolut angebracht.

Wie kann ich feststellen, worin meine persönlichen Kraftquellen bestehen?

So, wie Sie gelernt haben, im Laufe Ihres Lebens mit verschiedenen Belastungen umzugehen, viele Herausforderungen bewältigt haben, so haben Sie im Laufe Ihres Lebens sicher auch für sich herausgefunden, was Ihnen guttut, was Sie entspannt, wo Sie auch wieder Energie bekommen.

Wir leben in einer extremen Leistungsgesellschaft. Es wird erwartet, dass wir immer funktionieren, dass wir immer leistungsbereit sind. Aber es ist natürlich auch extrem wichtig, dass wir diesen Organismus, unseren Körper, unsere Psyche auch wieder aufladen.

Übung 1: Gedankenreise zu persönlichen Kraftquellen

Und ich möchte Sie einladen, sich vielleicht einen Moment Zeit zu nehmen und mal Ihren Blick zurück auf Ihr Leben schweifen zu lassen.

Und vielleicht schauen Sie einfach mal, wie der Atem in Ihren Körper strömt und wieder hinaus strömt und Sie sich bei jedem Ausatmen ein Stückchen mehr entspannen.

Und dann begeben Sie sich auf eine Reise in Ihre Vergangenheit. Und zwar zu diesen Orten in Ihrem Leben, die besonders schön waren, wo Sie glücklich waren. Es kann sein, dass Sie da mit anderen Menschen waren. Oder alleine. Und lassen Sie diese Bilder vor Ihrem geistigen Auge entstehen.

Vielleicht schauen Sie auch noch, wie Sie sich körperlich gefühlt haben in diesen Situationen, wo Sie diese Stärke, diese Energie, die Sie aus diesen Situationen mitgenommen haben, gespürt haben in Ihrem Körper.

Vielleicht gibt’s auch Umgebungsgeräusche, Gerüche.

Nehmen Sie das einfach auf.

Und bleiben Sie ein bisschen in diesem angenehm gestärkten Gefühl.

Und so können Sie von einem Ereignis an einem Ort, an dem Sie Kraft und Energie gespürt haben, jederzeit in Ihren Gedanken reisen und das mit all Ihren Sinnen aufnehmen und in Ihren jetzigen Alltag mitnehmen.

Und wenn Sie mögen, nehmen Sie einen tiefen Atemzug.

Atmen Sie seufzend aus,

und kommen Sie erfrischt und gestärkt zurück.

Mentale Stärke entwickeln

Mentale Stärke entwickelt sich und schöpft aus Erfahrungen, die im Laufe des Lebens erworben wurden. Diese bereits erlernten Ressourcen können Sie nutzen, um besser mit Ihrer Erkrankung zurechtzukommen.

Mit belastenden Situationen umgehen

Versuchen Sie sich an Strategien zu erinnern, die Ihnen schon zuvor bei Spannungssituationen geholfen haben. Das können beispielsweise sein:

  • Entspannungsübungen
  • mit jemandem reden
  • ein Buch lesen oder einen Film anschauen
  • Spazierengehen

Stellen Sie sich in den Mittelpunkt

Achten Sie vor allem darauf, was Ihnen in diesem Moment wichtig ist.

  • Welche Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen haben Sie genau jetzt?
  • Welche Familienmitglieder, FreundInnen oder ÄrztInnen tun Ihnen jetzt gut?
  • Was oder welche Personen würden Sie momentan eher als belastend empfinden?

Versuchen Sie, von den positiven Dingen möglichst viel zu bekommen, und nehmen Sie Abstand von dem, was Ihnen nicht guttut.

Übung: Mentale Stärke aufbauen

Eine Gedankenreise zu Ihren persönlichen Kraftquellen kann Ihnen helfen, neue Energie und Kraft zu schöpfen.

Gedankenreise zu persönlichen Kraftquellen

  1. Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie Ihren Blick auf Ihr Leben zurückschweifen.
  2. Beobachten Sie, wie Ihr Atem in Ihren Körper und wieder hinausströmt, und entspannen Sie sich bei jedem Ausatmen ein Stückchen mehr.
  3. Gehen Sie in Ihrem Leben zu den Orten zurück, an denen Sie glücklich waren, und lassen Sie diese Bilder vor Ihrem geistigen Auge entstehen.
  4. Erinnern Sie sich an Umgebungsgeräusche, Gerüche.
  5. Rufen Sie sich ins Gedächtnis, wie Sie sich damals körperlich gefühlt haben und wo Sie die Energie gespürt haben, die Sie aus diesen Situationen mitgenommen haben.
  6. Nehmen Sie das Ganze auf und verweilen Sie ein bisschen in diesem angenehmen Gefühl.

Downloads

Diesen Kurs bewerten

Ihr Feedback hilft anderen Nutzern die für sie passenden Kurse zu finden.
4.9/5 (10)

Geprüft Dr.in Mag.a Birgit Hladschik-Kermer: 24.03.2021 | AT-4735

Die Kurse sind kein Ersatz für das persönliche Gespräch mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt, sondern ein Beitrag dazu, PatientInnen und Angehörige zu stärken und die Arzt-Patienten-Kommunikation zu erleichtern.

selpers Gesundes Lernen

Immer informiert

Ja, ich möchte den Newsletter von selpers abonnieren und regelmäßig über Blogbeiträge, Online-Kurse und Veranstaltungen informiert werden.