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Brustwarzenrekonstruktion und Narbenkorrektur- Interview mit Tätowierer Andy Engel

Länger und gesünder lebenAndy Engels fotorealistische Tattoos sind weltbekannt. Inspiriert von einer Stammkundin, die sich nach ihrer Brustkrebs-Diagnose und OP ein Brustwarzen-Tattoo gewünscht hat, tätowiert er jetzt mit seiner Firma Andy Engel BWK GmbH Menschen mit Amputationen 3dimensionale-Brustwarzen und retuschiert Narben. Die Betroffenen fühlen sich dadurch wieder wohl und vor allem wieder ganz” in ihrem Körper. Im Interview mit selpers erzählt Andy Engel von seiner Arbeit und erklärt den Ablauf einer Behandlung.

selpers: Wie entstand die Idee zu Ihrer aktuellen Arbeit?

Andy Engel: Ich tätowiere seit 1994 und schon 2008 war ich für meine fotorealistischen Arbeiten weltbekannt. Eine meiner Kundinnen wollte sich nach ihrer OP die Brustwarze fotorealistisch tätowieren lassen. Wir hatten mehrere Gespräche, ich war mir der Verantwortung bewusst und habe ihr das dann gemacht. Ich wusste nicht, dass sie so begeistert von dem Ergebnis war, dass sie nach dem Abheilen des Tattoos ein Radiointerview darüber geben würde. Davon hat auch eine Klinik erfahren, die das zwar schon angeboten haben, aber das von jemandem machen lassen wollten, der das regelmäßig macht und dauerhaft gute Ergebnisse bei Farben erzielt. Und so kam das ganze dann ins Rollen.

selpers: Gerade bei Narben sind Betroffene oft besonders (schmerz-) empfindlich. Wie können sich potentielle PatientInnen eine Behandlung vorstellen? 

Andy Engel: Zum einen ist es ein sehr sanftes und vorsichtiges tätowieren mit einer speziellen Technik. Dementsprechend ist es nicht sehr schmerzhaft. Dazu kommt, dass Narben entweder sehr empfindlich oder auch komplett taub sein können. Ich hatte noch keine Frau dabei, die es nicht erträglich fand. Es kommt immer auf die Narben an und was gemacht werden muss. Wenn beispielsweise ein Teil der Brustwarze noch vorhanden ist, kann es schmerzhafter sein ist aber trotzdem leicht erträglich.

selpers: Gibt es Risiken, mit denen PatientInnen rechnen müssen?

Andy Engel: Keine speziellen, im Prinzip zählen jene Risiken, die beim normalen Tätowieren auch sind. Auch was Allergien betrifft habe ich noch nie negative Erfahrung gemacht. Ich arbeite schon seit 25 Jahren mit demselben Hersteller. Prinzipiell kann aber alles, was auf die Haut kommt, Allergien erzeugen. Davor sind wir auch nicht gefeit. Die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering. Zum einen werden die Farben eigens dafür hergestellt. Zum anderen ist die Menge an Pigmenten bei einer Brustkonstruktion sehr gering. Auch bei MRT-Nachuntersuchungen gab es nie Probleme damit.

selpers: Wie sieht es mit den Kosten aus, wenn die Tätowierung nicht von der Krankenkasse übernommen wird? Gibt es auch Möglichkeiten für einkommensschwache Personen?

Andy Engel: Es ist Herrn Thomas Bihler zu verdanken, dass es aktuell für einige einkommensschwache Patientinnen eine Aktion vom Münchener Flughafen gibt bei der die Kosten übernommen werden. Sonst bin ich das ganze Jahr über immer wieder ehrenamtlich tätig und halte Vorträge zum Thema auf Kongressen. Wir kämpfen dafür, dass es eine Kassenleistung wird, weil ich finde, dass jede Frau nach einer solchen Erfahrung das Recht haben sollte, sich auch wieder wohl in ihrer Haut zu fühlen. Wir arbeiten seit 12 Jahren mit ÄrztInnen zusammen und haben ein hochwertiges Qualitäts- und Hygienemanagement dazu aufgebaut. Ein einmaliger Fixpreis, der uns vor 12 Jahren von einem Klinikum so übermittelt wurde, beinhaltet ein gratis Behandlungspaket bei jeder Behandlung/Nachbehandlung und eine drei- jährige Garantie auf unsere Arbeit bzw. auf unsere Farben und Produkte. Nach eineinhalb Jahren sieht man normalerweise, ob das Ergebnis hält und die Tätowierung gut aussieht. Wir legen nochmal eineinhalb dazu, falls die Patientin doch nochmal etwas nachgearbeitet haben möchten.

selpers: Wie läuft eine Rekonstruktion bei Ihnen ab?

Andy Engel: Im Prinzip wie ein normaler Tattoo-Termin. Dazu kommt aber eine längere Beratung und ein Aufklärungsgespräch. Der Prozess selber dauert 3-4 Stunden, wobei das Tätowieren selber nur eine Stunde in Anspruch nimmt. Zuerst muss ich aber die Brust rekonstruieren, die Zeichnung erstellen und in Zusammenarbeit mit den KundInnen die Stelle festlegen. Dann wird erst tätowiert. Im Anschluss bekommen die KundInnen alle Produkte zur Nachsorge mit. Nach drei Monaten kontrollieren wir, ob das Ergebnis passt. Der Prozess wird so lange wiederholt, bis die Patientin zufrieden aus dem Laden marschiert.

selpers: Sie agieren mit Ihrem Team in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Nach welchen Kriterien werden TätowiererInnen aus Ihrem Team ausgewählt?

Andy Engel: Ich nehme nur einen geringen Teil der BewerberInnen und schaue ob sie das Handwerk beherrschen und vom Verständnis und Charakter her geeignet sind. Wir haben eine hohe Verantwortung den Frauen gegenüber. Die Frauen müssen zur Tätowiererin/zum Tätowierer auch Vertrauen aufbauen können. In einem Seminar werden sie von mir in der speziellen Tätowiertechnik geschult und von den ÄrztInnen zum Thema Krebsbehandlung und Brust-Wiederherstellung sowie Nippelrekonstruktion geschult. Dann wird auch bei einem Silikonteil geübt und die Farben ausgetestet sowie das mischen der Farben untereinander. Dass wir hier speziell auf das rekonstruieren einer Brustwarze im fotorealistischen und dreidimensionalen Stil eingehen und schulen, versteht sich von selbst. Auch nach der Ausbildung sind wir in ständigem Kontakt und bilden uns fort.

selpers: Sie sind eine weltbekannte Größe in der Tätowierer*innenszene. Wie lange muss ein Patient/eine Patientin auf ihren Termin warten?

Andy Engel: Momentan kriegt man bei mir keinen normalen Tattootermin. Die Warteliste ist weit über acht Jahre. Die BWK-Termine gehen aber natürlich vor und wir schauen, dass wir das in einem Zyklus von 2-5 Monaten schaffen. Momentan sind es 4-5 Monate, weil sich durch Corona die Termine gestaut haben. Nach der OP sollte man aber ohnehin mindestens ein halbes Jahr warten. Außerdem habe wir ja mittlerweile 20 speziell von uns ausgebildete BWK TätowiererInnen und alleine in meinem Studio sind außer mir noch 3 Tätowiererinnen in diesem Bereich tätig.

selpers: Viele Menschen mit Wunsch zur Brustwarzenrekonstruktion kommen durch Sie zum ersten Mal in Berührung mit Tattoos. Wie gehen Sie mit solchen Personen um?

Andy Engel: Wir fragen uns immer, wie wir unsere KundInnen abholen können. Unsere Studios sind sauber und modern eingerichtet und uns ist eine familiäre Atmosphäre sehr wichtig, die eine bestimmte Seriosität ausstrahlt. Man muss sich für die Betroffenen Zeit nehmen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Geschichte zu erzählen. Viele Frauen schreiben danach, dass sie die Atmosphäre sehr schön und entspannt fanden.

selpers: Sie machen auch andere Narbenkorrekturen. Welche können tätowiert werden und wer wird zur Beurteilung herangezogen?

Andy Engel: Beurteilt wird das immer vom Tätowierer/ der Tätowiererin, schwierigere Narben immer in Absprache mit mir. Mit der richtigen Technik und den richtigen Farben kann man schon die meisten Narben retuschieren. Dabei ist Hautfarbe retuschieren schwieriger als die Überdeckung mit normalen Tattoos.

selpers: Haben Sie auch manchmal schwierige Situationen erlebt?

Andy Engel: Natürlich hat man manchmal Situationen, wo man an seine Grenzen stößt. Jede Haut ist anders, jede Narbe ist anders, deshalb muss man auch immer wieder individuell reagieren. Man kann bei Narben nicht immer nach dem gleichen Schema vorgehen. Mit normalem Tätowieren hat das gar nichts zu tun. Dafür braucht man notwendiges Know-How, die richtigen Maschinen und Produkte und man muss es natürlich regelmäßig ausüben.

selpers: Sie halten auch Vorträge für behandelnde ÄrztInnen und ChirurgInnen: was thematisieren Sie in Ihren Vorträgen und wie fällt das Feedback seitens der ÄrztInnen aus. Wo braucht es noch mehr Aufklärung?

Andy Engel: Wir klären dabei auf, welche Möglichkeiten wir anbieten und welche Hygiene- und Qualitätsmaßnahmen wir einhalten. Die Resonanz ist dahingehend bisher durchgehend positiv gewesen und die ÄrztInnen waren begeistert vom Konzept. Sogar von DermatologInnen, die normalerweise Tattoos skeptisch gegenüberstehen, haben wir großes Lob geerntet. Ich versuche den ÄrztInnen mitzugeben, sich auch nochmal Zeit zu nehmen und die PatientInnen nach der Diagnose auch wieder aus dem Loch rauszuholen in dass sie fallen, wenn sie die Diagnose bekommen. Mit Hilfe von Experten, kann man doch vieles wieder in Ordnung bringen und den PatientenInnen wieder ihr natürliches Aussehen zurückgeben. Das erzählen mir auch immer wieder  viele PatientInnen, die sich in ihren Behandlungen mehr Information und Begleitung wünschen würden.

Herzlichen Dank für das Interview.

Andy Engel
Tätowierer und spezialisiert auf Brustwarzenrekontruktionen und Narbenkorrekturen.

Hier finden Sie Andy Engels Website

 

Interview wurde geführt von: selpers Red.

Bildnachweis: Javier Sanchez Mingorance

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