Chronische Schmerzen – Psychotherapie als Alternative?

Nach heftigen Diskussionen über den Einsatz von süchtig machenden Medikamenten zur Schmerztherapie in den USA ist es an der Zeit, an alternative Behandlungsmethoden zu denken. Schon länger im Gespräch ist Cannabis. Immer öfter gibt es aber auch Hinweise, dass Psychotherapie bei Schmerzen helfen kann. 

Das Schmerzgedächtnis

Was passiert beim Griff auf die heiße Herdplatte? Der akute Schmerzreiz wirkt als Alarmsignal und löst eine reflexartige Reaktion aus. Die Hand wird sofort zurückgezogen, ohne, dass wir lange darüber nachdenken. Der Schmerz wird so gelindert.
Doch was, wenn die Schmerzen bleiben? Immer wiederkehrende, heftige Schmerzreize können im Rückenmark und im Gehirn ihre Spuren hinterlassen.  Der Körper „erinnert“ sich also an die Schmerzen, auch, wenn die Ursache gar nicht mehr vorhanden ist. Es entsteht ein sogenanntes Schmerzgedächtnis, das immer empfindlicher wird. Nachfolgende Schmerzen werden durch das Schmerzgedächtnis schneller verarbeitet und dadurch verstärkt wahrgenommen. Der Teufelskreis der chronischen Schmerzen beginnt. Betroffene konzentrieren sich auf ihre Schmerzen, dadurch können Angst und Ärger entstehen, die wiederum die Schmerzwahrnehmung verstärken.

Schmerzlinderung durch Gespräche?

Psychotherapie kann dabei unterstützen, die Wahrnehmung und Bewertung der Schmerzen zu verändern. Vor allem mit der kognitiven Verhaltenstherapie hat man bereits vielversprechende Erfolge erzielt: In Studien hat die Therapiemethode sowohl im Vergleich mit Kontrollgruppen, die keine Therapie erhalten haben, als auch mit alternativen Therapien, größere Verbesserungen bei Schmerzwahrnehmung und Schmerzäußerungen gezeigt. Durch Information über die wichtigsten Mechanismen von chronischen Schmerzen und ihre Auswirkungen soll Betroffenen die Angst genommen werden. Je mehr man über etwas weiß, desto besser kann man damit umgehen.

Außerdem können Bewältigungsstrategien hilfreich sein: Es werden verschiedene Maßnahmen zur Ablenkung erlernt, die dabei helfen, die Aufmerksamkeit von den Schmerzen wegzulenken. Je nach körperlicher Verfassung können körperliche Aktivität, Konzentrationsübungen, oder auch Telefonate mit Bekannten Erleichterung bringen. Auch die Bewertung des Schmerzes im Gehirn kann durch Psychotherapie beeinflusst werden: Betroffene, die sich oft vom Schmerz überwältigt und machtlos fühlen, lernen, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Dieses Gefühl der Kontrolle nennt man auch Selbstwirksamkeit. Eine im Juni 2018 veröffentlichte Analyse von 22 Studien hat gezeigt, dass Interventionen mit kognitiver Verhaltenstherapie kleine Effekte in der Schmerzlinderung hatten. Außerdem wurde die Selbstwirksamkeit von Betroffenen gesteigert.

Auch Depressionen und Angststörungen, die chronische Schmerzen oft begleiten, können durch Psychotherapie behandelt werden – obwohl die Effekte in den Studien hier ebenfalls eher klein ausfallen. Hier können vor allem Gruppentherapien sehr hilfreich für Betroffene sein. Der Austausch mit anderen und die Erkenntnis, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind, ist eine große Unterstützung bei der Schmerzbewältigung.

Grenzen

Natürlich kann die Psychotherapie die medikamentöse Behandlung bei chronischen Schmerzen nicht ersetzen. Auch die langfristigen Effekte sind noch zu wenig erforscht, um tatsächlich sagen zu können, wie nachhaltig die Verbesserungen sind. Allerdings kann sie dabei helfen, die Gedanken vom Schmerz wegzulenken, das soziale Umfeld und Aktivitäten der Betroffenen wieder aufzubauen, und sie kann bei der Bewältigung helfen. Die Psychotherapie ist somit eine sinnvolle Ergänzung zur Medikation.

Autorin: Dr. med. Iris Herscovici

Bildnachweis: f9photos | Bigstock

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