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Depression und Studium

Zeit um dankbar zu sein

Mit 14 Jahren ist Cinzia psychisch erkrankt. Heute ist sie 24 und kann mit ihrer psychischen Erkrankung gut leben. Sie ist Studentin und engagiert sich für andere Betroffene mit psychische Erkrankungen. Auf Instagram möchte sie Betroffenen Mut machen, gibt Tipps zum Umgang mit Gedanken und Gefühlen und versucht, Stigmata psychischer Erkrankungen abzubauen. Im Gastbeitrag mit selpers erzählt sie, welche Symptome auf eine Depression hindeuten und gibt Dir 10 Tipps mit auf den Weg, wie auch Du es schaffen kannst, trotz Depression erfolgreich zu studieren.

„Traurig ist doch jeder mal…“

Hinter dem Begriff und der Diagnose „Depression“ verbirgt sich weitaus mehr als „nur ein bisschen Traurigkeit.“ Zwar bedeutet depressiv sein auch, traurig zu sein, aber noch vieles mehr, wie beispielsweise Schmerz, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Ungewissheit, Angst, Panik, Schlafstörungen, Einsamkeit, Müdigkeit, Überforderung, innere Leere, Selbstzweifel, Gedankenkreisen, Schuldgefühle … das alles ist Depression!

Während das Gefühl von Traurigkeit kommt und (in der Regel) innerhalb weniger Tage wieder geht, bleibt die Depression Dir treu. Ob Du willst oder nicht, sie begleitet Dich 24/7. Sie ist das Erste, das Du nach dem Aufwachen wahrnimmst und das Letzte, das Du vor dem Einschlafen spürst. Sie begleitet Dich auf dem Weg zur Arbeit, in die Schule oder ins Studium, beim Spazieren gehen, im Beisein anderer Menschen– Sie ist sogar da, wenn Du dir die Zähne putzt. Du kannst sie einfach nicht abschütteln. Im Gegenteil, desto mehr Du versuchst, sie loszuwerden, desto fester schlingt sie ihre Arme um Dich. Bis Du irgendwann keine Luft mehr bekommst, Dich nicht mehr bewegen kannst und liegst… liegst, liegst, liegst… weil jede kleinste Tätigkeit, eine Tätigkeit zu viel ist.

Eine Depression (oder/und auch andere psychische Erkrankung) zu haben, ist vor allem eines: anstrengend. Es kostet enorm viel Energie, täglich mit den eigenen Problemen konfrontiert zu werden, sich neu zu motivieren, gegenüber anderen zu erklären oder, im Gegenteil, gar nicht zu erklären und ein Doppelleben als „Geheim-Depressive:r“ zu führen.

Egal ob Du offen mit Deiner Erkrankung umgehst oder versuchst, sie vor anderen zu verstecken – die Depression allein ist bereits ein Vollzeit-Job. Kann es dennoch funktionieren, zu studieren, aufmerksam den Seminarinhalten zu folgen, zu lernen und gar Klausuren zu schreiben? Ja! Wenn Du ein paar Dinge beachtest.

Depression und Studium10 Tipps für Dich

1. Nutze gute Phasen: Eine Depression ist zwar i. d. R. immer da, aber in manchen Zeiten stärker ausgeprägt als in anderen. Nutze diese besseren Phasen, um vorzuarbeiten! Das spart Dir zum Ende des Semester einiges an Stress und sorgt dafür, dass Du nicht sofort in Panik verfällst, wenn sich die Depression verstärkt und Du nicht so gut vorankommst, wie geplant.

2. Mache regelmäßig Pausen und schaffe dir einen Ausgleich: Um zu vermeiden, dass sich die Depression durch Stress verstärkt, sorge dafür, dass Du Dich regelmäßig mit Themen außerhalb Deines Studiums beschäftigst, die Dir Freude machen und Dich auf andere Gedanken bringen. Falls Dich hierbei das schlechte Gewissen plagt, denk daran: Mache lieber öfters kleinere Pausen als eine riesengroße, zu der Dich eine starke Depression zwingt!

3. Schaffe Dir ein soziale Umfeld aus aufrichtigen und verlässlichen Kontakten: Wenn Du etwas NICHT gebrauchen kannst, dann sind es Leute um Dich herum, die Dir das Gefühl vermitteln, nicht gut genug zu sein, mithalten zu müssen oder die deine Sorgen auf andere Art und Weise verstärken. Umgib Dich mit Menschen, die es gut mit Dir meinen, Dich so akzeptieren und wertschätzen wie Du bist und bei denen du voll und ganz Du selbst sein kannst – ob mit oder ohne psychische Erkrankung!

4. Schlafe genügend, ernähre dich ausgewogen und bewege dich: Falls Dir bei diesem Satz ein großes „Blabla“ in den Kopf schießt, frage Dich einmal, weshalb. Sehr wahrscheinlich, weil Du ihn schon etliche Male gehört hast?! Zu Recht! Denn genügend Schlaf ist essenziell für Deine Gesundheit – auch Deine Psychische! im Schlaf tanken wir nicht nur neue Kraft, sondern bauen auch Stresshormone ab und regenerieren. Körperliche Aktivität stärkt zudem das Immunsystem und beugt Symptomen von Stress, Depression und Ängstlichkeit vor bzw. mindert diese. In Kombination mit einer ausgewogenen Ernährung, ist die Basis für Dein (mentales) Wohlbefinden gelegt!

5. Informiere dich über die Angebote deiner Hochschule/Universität: Viele, wenn nicht sogar alle Hochschulen/Unis bieten Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, sei es in Form von psychologischer Beratung, Beratung bei familiären Krisen, Umgang mit Prüfungsangst, Leistungsdruck usw. Informiere dich am besten direkt an Deiner Hochschule/Uni über die Angebote! Vielleicht ist ja etwas Passendes dabei.

6. Ein nicht ganz so überraschender Tipps für die Klausurenphase: Fang früh genug an! Auch wenn Du das wahrscheinlich nicht das erste Mal hörst, aber nicht erst auf den letzten Drücker mit dem Lernen anzufangen, wirkt Wunder! Wie schon unter Tipp 1.)  erwähnt, kannst Du somit Stress und schlechteren Phasen vorbeugen und Dir ein wenig der Druck nehmen, auf Knopfdruck zu „performen“.

7. Bitte um eine Verlängerung oder Anpassung der Prüfungsleistung: Die meisten Professor:innen reagieren meiner Erfahrung nach äußerst tolerant auf besondere Umstände oder chronische Erkrankungen. Wenn Du ihnen deine Situation ehrlich und aufrichtig schilderst, lässt sich vielleicht eine Möglichkeit finden, dass Du etwas länger Zeit für die Bearbeitung einer (beispielsweise) Hausarbeit erhältst oder die Art der Prüfungsleistung angepasst wird. Hab den Mut, dich zu öffnen!

8. Rückschläge sind kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken: Eine Prüfung oder ein Semester zu verhauen, kann selbst den Klügsten und Fleißigsten passieren! Manchmal hat man einfach keinen guten Tag, während der Prüfung ein Blackout oder die depressive Phase ist trotz etwaiger Vorsorge besonders stark und hartnäckig… dies ist zwar schade, aber die Welt geht davon nicht unter. Nicht umsonst gibt es Zweit- oder Drittversuche oder die Möglichkeit, Semester zu wiederholen. Lass dich von Rückschlägen nicht entmutigen!

9. Falls du das Gefühl hast, du brauchst mehr Zeit …: Mach Dich nicht verrückt und nimm sie Dir. Es wird später niemanden interessieren, ob Du ein oder zwei Semester länger als in Regelstudienzeit studiert hast. Und sollte dies später doch einmal ausschlaggebend für die Absage auf eine Bewerbung sein – sei froh, dass dies nicht Dein neuer Arbeitsgeber geworden ist!

10. Sei nicht so streng mit Dir: Ich bin mir sicher, Du gibst dein Bestes, um die Anforderungen Deines Studiums zu bewältigen. Dennoch solltest Du nicht vergessen, dass Du aufgrund deiner psychischen Erkrankung eine Mehrbelastung hast! Dies ist keine Ausrede, sondern Tatsache. Heilung bedeutet sehr viel Arbeit und ist nichts, das von heute auf morgen geschieht oder geradlinig verläuft. Sei stolz auf das, was Du erreichst und nicht so streng, sollte es mal nicht funktionieren. Deine (mentale) Gesundheit ist das Allerwichtigste!

Ich hoffe, dieser Beitrag konnte dir etwas weiterhelfen und Mut machen. Für deinen Weg wünsche ich Dir alles Gute! Lasse dich aufgrund deiner (psychischen) Erkrankung nicht von deinen Träumen und Zielen abhalten – es ist alles möglich; auch ein Leben, in dem die Depression nicht mehr deinen Alltag bestimmt.

Deine Cinzia

 

Cinzia

Cinzia ist 24 Jahre alt und Studentin der Sozialen Arbeit. Neben dem Studium geht Cinzia verschiedenen Jobs in der Sozialpsychiatrie nach. Auf Instagram klärt sie über mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen auf und teilt ihr Erfahrungswissen.

Hier finden Sie Cinzias Instagram

Autorin: Cinzia

Bildnachweis: Cinzia

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