Optimismus beeinflusst Krebsverlauf positiv

Psychotherapeut Marc Sattler im Interview, wie man eine Krebsdiagnose bewältigen kann.

optimismus-beinflusst-krebsverlaufDie Diagnose „Krebs“ ist immer ein Schock und stellt die ganze Lebensplanung in Frage. Psychotherapeut Marc Sattler im Interview, wie man eine Krebsdiagnose bewältigen und die Krankheit als Chance für eine Neuorientierung begreifen kann.

selpers: Herr Sattler, als Psychotherapeut begleiten Sie auch Menschen, die schwere Krankheiten bewältigen müssen. Wie wirkt sich eine Krebserkrankung auf die Psyche aus?

Sattler: Die Diagnose „Krebs” zu bekommen löst häufig eine Krise aus. Sie gefährdet die weitere Lebensplanung und stellt Vieles in Frage. Werde ich je wieder gesund? Welche Eingriffe und Behandlungen kommen auf mich zu? Werde ich sterben? All diese Gedanken tauchen auf, die innere Balance ist aus dem Gleichgewicht gebracht.

selpers: Wie reagiert die Psyche in weiterer Folge?

Sattler: Verschiedene Schutzmechanismen unserer Psyche versuchen in einer Art Erste-Hilfe-Programm für momentane Stabilisierung zu sorgen. In der Psychologie sprechen wir von Abwehrmechanismen, die einsetzen. Sie dienen dazu, von den begleiteten Gefühlen nicht gänzlich überflutet zu werden und so in Etappen die Krise zu bewältigen.

selpers: Wie gehen Menschen individuell mit einer Krebsdiagnose um?

Sattler: Die Diagnose „Krebs“ ist im ersten Moment immer ein Schock. Die ersten Reaktionen reichen von Weinen und Schreien über Nicht-wahrhaben-Wollen bis zur Erstarrung. Alle diese Reaktionen sind normal. Sie stehen am Beginn des einsetzenden Bewältigungsprozesses.

selpers: Wie läuft dieser ab?

Sattler: Dieser läuft in der Regel in verschiedenen Stadien ab, welche nicht immer so klar voneinander zu unterscheiden sind:

  • Nichtakzeptieren der Diagnose
  • Aktive Abwehr: gegen die Diagnose ankämpfen
  • Allmähliches Zulassen der veränderten Situation
  • Vollständige Bewusstwerdung der Diagnose. Häufig verbunden mit einem Durchschreiten einer emotionalen Talsohle („Tal der Tränen“). Wichtige Phase, da hiermit die Integration in den Lebensfluss beginnt
  • Annahme der Situation führt zu einem neuen „Ja“ zum Leben. Möglichkeiten der Bewältigung tauchen auf.
  • Die Krankheit wird in das Leben integriert, es werden eventuell Sinnzusammenhänge gefunden und das Leben innerlich und äußerlich wieder gestaltet.

selpers: Welche weiteren Auswirkungen hat die Diagnose?

Sattler: Die Krebsdiagnose trifft nicht nur den erkrankten Menschen, sondern auch sein familiäres Umfeld. Der Alltag der Familie verändert sich, bekannte Strukturen müssen durch neue ersetzt werden, Flexibilität und Neuorientierung sind gefragt. Aus Angst und Sorge, den anderen zu belasten, wird häufig geschwiegen und es entsteht ein distanziertes Miteinander, das meiner Erfahrung nach eher belastend als hilfreich ist.

selpers: Was wäre hilfreich für Angehörige?

Sattler: Das Aussprechen der Gefühle kann entlastend sein. Wichtig ist zu wissen, dass es normal ist, unterschiedliche Gefühle zu empfinden. Die Offenheit auf der emotionalen Ebene führt zu einer gestärkten Verbindung in der Beziehung. Dies ist nachweislich eine der wichtigsten Ressourcen für die Betroffenen.

selpers: Kann man positives Denken „lernen“?

Sattler: Positives Denken und Optimismus beeinflussen den Krankheitsverlauf günstig. Dennoch ist Vorsicht geboten: Positives Denken um jeden Preis führt zu Stress, Schuldgefühlen und weg von sich selbst. Wie wir gesehen haben, gibt es verschiedene Phasen der Krankheitsverarbeitung. Falsch verstandenes positives Denken kann verhindern, dass wir uns wichtigen Realitäten der Krankheit stellen. Alles hat seine Zeit, die Verzweiflung und die anschließende Trauer über den Verlust, genauso wie der optimistische Blick in die Zukunft. Und das können wir lernen: Innehalten, Annehmen, Verstehen, Handeln.

selpers: Das bedeutet, dass alle Gefühle Platz haben sollen.

Sattler: Sie merken, ich halte nicht viel von dem intentionalen Streben nach positivem Denken. Es geht vielmehr um den Respekt vor dem individuellen (Krankheits-)Weg eines jeden Menschen.

So begleitet fühlt sich der Betroffene angenommen. Dies ist die Grundlage, um positiv und zuversichtlich leben zu können.

selpers: Wie kann man die Krise in eine Chance bzw. einen Neuanfang verwandeln?

Sattler: Die Herausforderung besteht darin, sich selbst als Person in der veränderten Wirklichkeit und dem veränderten Selbstverständnis, welches durch die Krankheit entstanden ist, wieder zu fassen zu bekommen. Dafür ist es notwendig, sich der neuen Situation zu stellen.

Ich nenne das „Abklopfen“ der Wirklichkeit. Dazu gehört, sich zu informieren und Gespräche zu suchen. Diese Auseinandersetzung wird mich als Mensch herausfordern, eine eigene Haltung, die mir als Mensch entspricht, zu entwickeln. Gelingt diese personale Stellungnahme, ist meist ein Wendepunkt erreicht, von dem aus ein neuer Anfang möglich ist.

selpers: Wann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Sattler: Beratungsangebote gehören zu jeder Behandlung dazu. Es treten viele Fragen auf, die nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch sozialrechtliche und berufliche Belange betreffen. Diese Angebote sollte man auf alle Fälle nutzen.

selpers: Was unterscheidet Beratung von Psychotherapie?

Sattler: Eine Psychotherapie geht über eine solche Beratung hinaus und ist angezeigt, wenn die seelische Belastung sehr ausgeprägt ist oder lange andauert. Manche Patienten waren bereits vor der Erkrankung psychisch belastet. Hierbei kann Psychotherapie zur Entlastung beitragen. In einer Therapie kann beispielsweise der Umgang mit anhaltenden Ängsten, Niedergeschlagenheit und anderen Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens Thema sein. Ziel ist es, ganz allgemein gesagt, dass der Prozess der Verarbeitung in Gang kommt, damit die Neuorientierung stattfinden kann.

selpers: Mit welchen Methoden arbeiten Sie selbst?

Sattler: Die Methoden der Existenzanalyse bilden meine Grundlage. Darüber hinaus kommen Entspannungsmethoden, imaginative Verfahren und bei Bedarf auch traumatherapeutische Elemente zum Einsatz.

selpers: Wie ist ihr Zugang bzw. ihr Ansatz bei der Hilfe zur Krankheitsbewältigung?

Sattler: Ich sehe mich in erster Linie als Wegbegleiter in schwierigem Gelände. Jeder Mensch muss natürlich seinen eigenen Weg selbst gehen, jedoch ist es gut, jemanden zu haben, der sich im unwegsamen Gelände auskennt und einem Mut macht, dranzubleiben und weiterzugehen.

Marc Sattler

Psychotherapeut
1140 Wien, Einwangg. 23/12
7000 Eisenstadt
Neusiedlerstraße 35-37/15
marc.sattler@existenzanalyse.org

Autorenfoto: Copyright Paul Ripke

Interview wurde geführt von: Dr. Silvia Nold

Bildnachweis: Grisha Bruev | Bigstock

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